Hühnerauge (Clavus) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Rückbildung des Clavus (Hühnerauge) und Beseitigung der Druckschmerzen (Schmerzen durch Druck)
  • Dauerhafte Reduktion der auslösenden Druck- und Scherkräfte
  • Vermeidung von Rezidiven (Wiederauftreten), Hautdefekten (Hautschäden), Ulzerationen (Geschwüren) und Infektionen (Krankheiten durch Krankheitserreger)

Therapieempfehlungen

  • Grundlage jeder Behandlung: konsequente Druckentlastung durch ausreichend weites, druckfreies Schuhwerk, lokale Polsterung beziehungsweise Schutzringe und bei Bedarf individuell angepasste Einlagen oder Orthosen. Ohne Beseitigung der mechanischen Ursache sind Rezidive häufig. Beim diabetischen Risikofuß (Fuß mit erhöhtem Risiko bei Diabetes) sind geeignete Schuhe, Einlagen und gegebenenfalls Zehenorthosen Bestandteil der Ulkusprävention (Vorbeugung von Fußgeschwüren) [LL1].
  • Unkomplizierter Clavus: Bei gesicherter Diagnose, intakter Haut und fehlenden Risikofaktoren kann eine lokale Keratolyse (Auflösung verhornter Haut) mit Salicylsäure als Pflaster oder Lösung, gegebenenfalls in Kombination mit Milchsäure, gemäß der jeweiligen Produktinformation erfolgen. Das Präparat muss exakt auf die Läsion (Hautveränderung) begrenzt werden; die gesunde Umgebungshaut ist beispielsweise mit Vaseline zu schützen [FI1, FI2].
  • Nachbehandlung: Nach dem Aufweichen kann die gelöste Hornschicht nach einem warmen Fußbad vorsichtig entfernt werden [FI1, FI2]. Eine scharfe Selbstabtragung mit Messer, Rasierklinge oder Hornhauthobel ist wegen der Verletzungs- und Infektionsgefahr zu vermeiden.
  • Professionelle Abtragung (Entfernung): Die fachgerechte podologische beziehungsweise ärztliche Enukleation (Ausschälung) oder Abtragung kann die Beschwerden rasch lindern, behandelt aber ohne gleichzeitige Druckentlastung nicht die Ursache. Die ergänzend zitierte EMEDESCA-Studie untersuchte plantare Hornschwielen (Hornhautverdickungen an der Fußsohle), nicht spezifisch Clavi; ihre kurzfristigen Vorteile der Skalpellabtragung (Abtragung mit einem Skalpell) hinsichtlich Schmerzen und Funktion dürfen deshalb nicht uneingeschränkt auf Clavi übertragen werden [1, 3].
  • Evidenz: In einer randomisierten Studie mit 202 sorgfältig ausgewählten Erwachsenen waren unter podologischer Aufsicht angewendete Pflaster mit 40 % Salicylsäure nach 3 Monaten hinsichtlich vollständiger Abheilung und Größenreduktion wirksamer als die alleinige Skalpellabtragung. Personen mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), rheumatoider Arthritis (entzündlichem Gelenkrheuma), peripherer Durchblutungsstörung (Durchblutungsstörung der Gliedmaßen), peripherer Neuropathie (Nervenschädigung), vorausgegangenem Fußulkus (Fußgeschwür), oraler Steroidtherapie, relevanter Dermatose (Hauterkrankung) oder infiziertem beziehungsweise neurovaskulärem Clavus sowie Schwangere und Stillende waren ausgeschlossen. Weitere Ausschlussgründe waren relevante Allergien und die fehlende Möglichkeit, die eigenen Füße zu erreichen [1]. Eine Folgeanalyse relativierte den Langzeitvorteil: Im verwendeten Überlebenszeitmodell war der Behandlungseffekt über den gesamten 12-monatigen Beobachtungszeitraum nicht statistisch signifikant; auch für Lebensqualität und fußbezogene Einschränkungen zeigte sich über den Gesamtzeitraum kein statistisch signifikanter Behandlungseffekt [2].
  • Risikofuß: Bei Diabetes mellitus, peripherer Neuropathie, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung durch verengte oder verschlossene Beinarterien), Fußdeformität (Fußfehlstellung), vorausgegangenem Fußulkus oder eingeschränkter Selbstinspektion (erschwerte Selbstkontrolle) keine eigenständige Anwendung keratolytischer Säuren und keine Selbstabtragung. Erforderlich sind zeitnahe ärztliche beziehungsweise qualifiziert podologische Beurteilung, fachgerechte Hornhautbehandlung und konsequente Druckentlastung. Die IWGDF-Leitlinie empfiehlt bei Menschen mit Diabetes und erhöhtem Ulkusrisiko die Behandlung überschüssiger Hornhaut durch entsprechend geschulte Fachpersonen sowie den Verzicht auf chemische Mittel und wirkstoffhaltige Pflaster zur selbstständigen Hornhautentfernung [LL1].
  • Keine Routinetherapie: Antibiotika, Antimykotika oder topische Glucocorticoide sind beim nicht infizierten Clavus nicht indiziert. Sie kommen nur bei einer unabhängig gesicherten Begleit- oder Differenzialdiagnose infrage.
  • Zulassung und Off-Label-Use: Die nachfolgenden Dosierungen sind Beispiele für die jeweils bezeichneten Arzneimittel und keine klassenweit übertragbaren Anwendungsschemata. Eine Anwendung außerhalb der jeweiligen Zulassung ist als Off-Label-Use gesondert zu beurteilen; das Studienschema mit 40 % Salicylsäure ersetzt nicht die konkrete Produktinformation [1, FI1, FI2].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Wirkstoff Besonderheiten
Salicylsäure als wirkstoffhaltiges Pflaster Nur bei eindeutigem Clavus und auf intakter Haut anwenden; Pflasterkern exakt auf die Läsion ausrichten. Konzentration, Pflasterwechsel und maximale Anwendungsdauer sind präparatespezifisch. Bei fehlender Besserung nach etwa 10 Tagen oder bei Verschlechterung ärztliche Abklärung [FI2]. Die in der randomisierten Studie untersuchten Pflaster enthielten 40 % Salicylsäure und wurden unter podologischer Aufsicht wöchentlich erneuert, höchstens über 4 Wochen [1].
Salicylsäure plus Milchsäure als Lösung Gesunde Umgebungshaut mit Vaseline schützen. Bei fehlender Besserung nach 5 Tagen, zunehmenden Beschwerden oder unklarer Diagnose ärztlich abklären. Nicht mit Augen oder Schleimhäuten in Kontakt bringen. Die Lösung ist leicht entzündlich; von offenen Flammen fernhalten. Angaben der konkreten Produktinformation haben Vorrang [FI1].
  • Wirkweise: Salicylsäure lockert den Zusammenhalt der Korneozyten und wirkt keratolytisch; Milchsäure vermindert als Alpha-Hydroxysäure zusätzlich den Zellzusammenhalt im Stratum corneum. Die verhornte Haut wird aufgeweicht und lässt sich leichter ablösen.
  • Indikationen: Umschriebene Keratolyse bei eindeutig diagnostiziertem, unkompliziertem Clavus beziehungsweise umschriebener Hornschwiele auf intakter Haut im Rahmen der jeweiligen Zulassung [FI1, FI2].
  • Kontraindikationen: Präparatespezifisch insbesondere Überempfindlichkeit (starke Unverträglichkeit) gegen Salicylsäure, Salicylate, Milchsäure beziehungsweise weitere Bestandteile sowie Anwendung auf offenen Wunden oder gereizter, entzündeter beziehungsweise infizierter Haut. Bei den genannten Beispielpräparaten ist eine eingeschränkte Nierenfunktion (Nierenschwäche) eine Gegenanzeige; die Anwendung ist für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren vorgesehen. Säuglings- und Kindesalter sind anhand der jeweiligen Produktinformation gesondert zu beachten. Bei Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder Neuropathie keine Selbstbehandlung; die präparatespezifischen Gegenanzeigen und Warnhinweise sind verbindlich. In Schwangerschaft und Stillzeit nur nach produktspezifischer Prüfung und ärztlicher Rücksprache; keine Anwendung an der Brust und keinen Kontakt des Säuglings mit behandelter Haut zulassen [FI1, FI2, LL1].
  • Nebenwirkungen: Lokales Brennen, Erythem (Hautrötung), Mazeration (Aufweichen der Haut), Hauterosion (oberflächliche Hautabschürfung), Kontaktdermatitis (Hautentzündung durch Kontakt) und allergische Reaktionen; bei Fehlanwendung Schädigung gesunder Haut bis zur Ulzeration. Bei großflächiger, lang dauernder oder okklusiver Anwendung ist eine systemische Salicylatbelastung möglich. Bei ausgeprägter Hautreizung die Behandlung abbrechen und das Präparat entfernen [1, FI1, FI2].

Beachte

  • Diagnosesicherung: Vor einer keratolytischen Therapie müssen insbesondere Verruca plantaris (Dornwarze), Fremdkörperreaktion (Reaktion auf einen Fremdkörper), Porokeratose (seltene Verhornungsstörung), epidermale Zyste (Zyste in der obersten Hautschicht) und bei atypischem Befund selten eine neoplastische Läsion (tumorartige Veränderung) ausgeschlossen werden. Punktförmige Blutungen nach fachgerechter Abtragung sprechen eher für eine Warze als für einen Clavus.
  • Wechselwirkungen: Salicylsäure kann die Aufnahme anderer lokal angewendeter Arzneimittel steigern. Bei relevanter perkutaner Resorption sind Wechselwirkungen insbesondere mit Methotrexat und Sulfonylharnstoffen möglich; die unerwünschten Wirkungen von Methotrexat beziehungsweise die blutzuckersenkende Wirkung der Sulfonylharnstoffe können verstärkt werden. Eine gleichzeitige Anwendung weiterer topischer Arzneimittel auf derselben Stelle ist zu vermeiden [FI1, FI2].
  • Rezidivierender Clavus: Schuhwerk, Gangbild (Art zu gehen), knöcherne Prominenzen (hervorstehende Knochenbereiche) und Zehenfehlstellungen prüfen; gegebenenfalls orthopädische beziehungsweise fußchirurgische Mitbeurteilung. Eine wiederholte Keratolyse ohne Korrektur der Druckursache ist keine dauerhafte Lösung.

Red Flags

  • Zeitnahe ärztliche Abklärung: Ulzeration, Blutung, Nässen, Eiter, zunehmende Rötung oder Überwärmung sowie neu auftretende Sensibilitätsstörungen (Störungen des Gefühls). Bei einem Risikofuß ist die Schwelle zur Abklärung besonders niedrig [LL1].
  • Dringliche ärztliche Abklärung: rasch progrediente Schmerzen, Nekrose (abgestorbenes Gewebe), fehlende Fußpulse oder sonstiger Infektions- beziehungsweise Ischämieverdacht (Verdacht auf Durchblutungsmangel). Bei solchen Befunden keine weitere Keratolyse oder Selbstabtragung.

Abkürzungen

  • EMEDESCA: Name der zitierten Studie zu Skalpellabtragung und Salicylsäurepflastern
  • FI: Fachinformation beziehungsweise Gebrauchsinformation
  • g: Gramm
  • IWGDF: International Working Group on the Diabetic Foot
  • J: Journal
  • LL: Leitlinie
  • mg: Milligramm

Literatur

  1. Farndon LJ, Vernon W, Walters SJ et al.: The effectiveness of salicylic acid plasters compared with 'usual' scalpel debridement of corns: a randomised controlled trial. J Foot Ankle Res. 2013;6(1):40. doi: 10.1186/1757-1146-6-40
  2. Stephenson J, Farndon L, Concannon M: Analysis of a trial assessing the long-term effectiveness of salicylic acid plasters compared with scalpel debridement in facilitating corn resolution in patients with multiple corns. J Dermatol. 2016;43(6):662 bis 669. doi: 10.1111/1346-8138.13203
  3. Gijón-Noguerón G, García-Paya I, Morales-Asencio JM et al.: Short-term effect of scalpel debridement of plantar callosities versus treatment with salicylic acid patches: The EMEDESCA randomized controlled trial. J Dermatol. 2017;44(6):706 bis 709. doi: 10.1111/1346-8138.13720

Leitlinien

  1. International Working Group on the Diabetic Foot: Guidelines on the prevention of foot ulcers in persons with diabetes (IWGDF 2023 update). 2023. Langfassung [LL1]

Fachinformationen

Die produktbezogenen Angaben beziehen sich auf die nachfolgend ausdrücklich als Gebrauchsinformationen bezeichneten Dokumente; diese sind keine eigenständigen Fachinformationen.

  1. Hofmann & Sommer GmbH und Co. KG: Gebrauchsinformation W-Tropfen®, Lösung gegen Hühneraugen und Hornhaut, Salicylsäure 120 mg/g plus Milchsäure 49 mg/g. Stand März 2023. Gebrauchsinformation im Downloadbereich des Herstellers, Eintrag W-Tropfen® [FI1]
  2. Eduard Gerlach GmbH; Zulassungsinhaber Lebewohl-Fabrik GmbH & Co. KG: Gebrauchsinformation Hühneraugenpflaster mit Salicylsäure, 24 mg pro wirkstoffhaltigem Pflaster. Stand November 2024. Gebrauchsinformation [FI2]