Hühnerauge (Clavus) – Medikamentöse Theapie
Therapieziele
- Rückbildung des Clavus (Hühnerauge) und Beseitigung der Druckschmerzen (Schmerzen durch Druck)
- Dauerhafte Reduktion der auslösenden Druck- und Scherkräfte
- Vermeidung von Rezidiven (Wiederauftreten), Hautdefekten (Hautschädigungen), Ulzerationen (Geschwürbildungen) und Infektionen (Entzündungen durch Krankheitserreger)
Therapieempfehlungen
- Grundlage jeder Behandlung: konsequente Druckentlastung durch ausreichend weites, druckfreies Schuhwerk, lokale Polsterung beziehungsweise Schutzringe und bei Bedarf individuell angepasste Einlagen oder Orthosen. Ohne Beseitigung der mechanischen Ursache sind Rezidive häufig.
- Unkomplizierter Clavus: Bei gesicherter Diagnose, intakter Haut und fehlenden Risikofaktoren kann eine lokale Keratolyse (Auflösung der Hornschicht) mit Salicylsäure als Pflaster oder Lösung, gegebenenfalls in Kombination mit Milchsäure, gemäß der jeweiligen Produktinformation erfolgen. Das Präparat muss exakt auf die Läsion (krankhaft veränderte Hautstelle) begrenzt werden; die gesunde Umgebungshaut ist beispielsweise mit Vaseline zu schützen.
- Nachbehandlung: Nach dem Aufweichen kann die gelöste Hornschicht nach einem warmen Fußbad vorsichtig entfernt werden. Eine scharfe Selbstabtragung (eigenständige Entfernung der Hornhaut) mit Messer, Rasierklinge oder Hornhauthobel ist wegen der Verletzungs- und Infektionsgefahr zu vermeiden.
- Professionelle Abtragung: Die fachgerechte podologische beziehungsweise ärztliche Enukleation (Herausschälen des Hühnerauges) oder Abtragung kann die Beschwerden rasch lindern, behandelt aber ohne gleichzeitige Druckentlastung nicht die Ursache.
- Evidenz: In einer randomisierten Studie mit 202 sorgfältig ausgewählten Erwachsenen waren unter podologischer Aufsicht angewendete Salicylsäurepflaster mit 40 % Salicylsäure nach 3 Monaten hinsichtlich vollständiger Abheilung und Größenreduktion wirksamer als die alleinige Skalpellabtragung (Entfernung mit einem Skalpell). Personen mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), peripherer Durchblutungsstörung (Durchblutungsstörung der Arme oder Beine), peripherer Neuropathie (Nervenschädigung an Armen oder Beinen), vorausgegangenem Fußulkus (Fußgeschwür), relevanter Dermatose (Hauterkrankung) sowie Schwangere und Stillende waren ausgeschlossen. Eine Folgeanalyse relativierte den Langzeitvorteil über 12 Monate [1, 2].
- Risikofuß: Bei Diabetes mellitus, peripherer Neuropathie, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Verengung oder Verschluss von Beinschlagadern), Fußdeformität (Fehlstellung des Fußes), vorausgegangenem Fußulkus oder eingeschränkter Selbstinspektion keine eigenständige Anwendung keratolytischer Säuren und keine Selbstabtragung. Erforderlich sind zeitnahe ärztliche beziehungsweise qualifiziert podologische Beurteilung, fachgerechte Hornhautbehandlung und konsequente Druckentlastung [LL1].
- Keine Routinetherapie: Antibiotika, Antimykotika oder topische Glucocorticoide sind beim nicht infizierten Clavus nicht indiziert. Sie kommen nur bei einer unabhängig gesicherten Begleit- oder Differenzialdiagnose infrage.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Salicylsäure als wirkstoffhaltiges Pflaster | Nur bei eindeutigem Clavus und auf intakter Haut anwenden; Pflasterkern exakt auf die Läsion ausrichten. Konzentration, Pflasterwechsel und maximale Anwendungsdauer sind präparatespezifisch. Die in der randomisierten Studie untersuchten Pflaster enthielten 40 % Salicylsäure und wurden unter podologischer Aufsicht wöchentlich erneuert, höchstens über 4 Wochen [1]. |
| Salicylsäure plus Milchsäure als Lösung | Gesunde Umgebungshaut mit Vaseline schützen; bei fehlender Besserung nach 5 Tagen, zunehmenden Beschwerden oder unklarer Diagnose ärztlich abklären. Angaben der konkreten Produktinformation haben Vorrang. |
- Wirkweise: Salicylsäure lockert den Zusammenhalt der Korneozyten und wirkt keratolytisch; Milchsäure vermindert als Alpha-Hydroxysäure zusätzlich den Zellzusammenhalt im Stratum corneum.
- Indikationen: Umschriebene Keratolyse bei eindeutig diagnostiziertem, unkompliziertem Clavus beziehungsweise umschriebener Hornschwiele auf intakter Haut.
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch insbesondere Überempfindlichkeit gegen Salicylate beziehungsweise weitere Bestandteile, Anwendung auf offenen Wunden sowie gereizter, entzündeter oder infizierter Haut, Säuglings- und Kleinkindalter und teilweise Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion). Bei Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder Neuropathie keine Selbstbehandlung; einzelne Präparate sind bei diesen Erkrankungen kontraindiziert. In Schwangerschaft und Stillzeit nur nach produktspezifischer Prüfung und ärztlicher Rücksprache; keine Anwendung an der Brust.
- Nebenwirkungen: Lokales Brennen, Erythem (Hautrötung), Mazeration (Aufweichen der Haut), Hauterosion (oberflächlicher Hautdefekt), Kontaktdermatitis (Hautentzündung durch Kontakt mit einem Auslöser) und allergische Reaktionen; bei Fehlanwendung Schädigung gesunder Haut bis zur Ulzeration. Bei großflächiger, lang dauernder oder okklusiver Anwendung ist eine systemische Salicylatbelastung möglich.
Beachte
- Diagnosesicherung: Vor einer keratolytischen Therapie müssen insbesondere Verruca plantaris (Dornwarze), Fremdkörperreaktion (Gewebereaktion auf einen Fremdkörper), Porokeratose (seltene Verhornungsstörung), epidermale Zyste (mit Hautzellen ausgekleideter Hohlraum) und selten eine neoplastische Läsion (tumorverdächtige Gewebeveränderung) ausgeschlossen werden. Punktförmige Blutungen nach Abtragung sprechen eher für eine Warze als für einen Clavus.
- Wechselwirkungen: Salicylsäure kann die Aufnahme anderer lokal angewendeter Arzneimittel steigern. Bei relevanter perkutaner Resorption sind Wechselwirkungen insbesondere mit Methotrexat und Sulfonylharnstoffen möglich; eine gleichzeitige Anwendung weiterer topischer Arzneimittel auf derselben Stelle ist zu vermeiden.
- Rezidivierender Clavus: Schuhwerk, Gangbild, knöcherne Prominenzen und Zehenfehlstellungen prüfen; gegebenenfalls orthopädische beziehungsweise fußchirurgische Mitbeurteilung. Eine wiederholte Keratolyse ohne Korrektur der Druckursache ist keine dauerhafte Lösung.
- Red Flags: Ulzeration, Blutung, Nässen, Eiter, zunehmende Rötung oder Überwärmung, rasch progrediente Schmerzen, Nekrose (Absterben von Gewebe), fehlende Fußpulse oder neu auftretende Sensibilitätsstörung (Störung des Berührungs- oder Schmerzempfindens) erfordern eine zeitnahe ärztliche Abklärung; bei Infektions- oder Ischämieverdacht (Verdacht auf Minderdurchblutung) dringlich.
Abkürzungsverzeichnis
- g: Gramm
- IWGDF: International Working Group on the Diabetic Foot
- LL: Leitlinie
- mg: Milligramm
Literatur
- Farndon LJ, Vernon W, Walters SJ et al.: The effectiveness of salicylic acid plasters compared with 'usual' scalpel debridement of corns: a randomised controlled trial. J Foot Ankle Res. 2013;6:40. doi: 10.1186/1757-1146-6-40
- Stephenson J, Farndon L, Concannon M: Analysis of a trial assessing the long-term effectiveness of salicylic acid plasters compared with scalpel debridement in facilitating corn resolution in patients with multiple corns. J Dermatol. 2016;43(6):662 bis 669. doi: 10.1111/1346-8138.13203
- Gijón-Noguerón G, García-Paya I, Morales-Asencio JM et al.: Short-term effect of scalpel debridement of plantar callosities versus treatment with salicylic acid patches: The EMEDESCA randomized controlled trial. J Dermatol. 2017;44(6):706 bis 709. doi: 10.1111/1346-8138.13720
Leitlinien
- International Working Group on the Diabetic Foot: Guidelines on the prevention of foot ulcers in persons with diabetes (IWGDF 2023 update). 2023. Langfassung [LL1]
Fachinformationen
- Gebrauchsinformation: W-Tropfen®, Lösung gegen Hühneraugen und Hornhaut, Salicylsäure 120 mg/g plus Milchsäure 49 mg/g. Stand März 2023. Gebrauchsinformation
- Gebrauchsinformation: Hühneraugenpflaster mit Salicylsäure, 24 mg pro wirkstoffhaltigem Pflaster. Stand November 2024. Gebrauchsinformation