Zwangsstörungen – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Zwangsstörungen (Erkrankungen mit belastenden Zwangsgedanken und Zwangshandlungen) mitbedingt sein können:
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Adipositas (Fettleibigkeit) – populationsbasierte Langzeitdaten zeigen bei Patienten mit Zwangsstörungen ein erhöhtes Risiko; die Assoziation blieb auch im Vergleich mit nicht betroffenen Geschwistern bestehen. Eine direkte Kausalität durch die Zwangsstörung ist jedoch nicht gesichert [2]
- Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2) – bei Zwangsstörungen epidemiologisch erhöhtes Risiko; gemeinsame biologische und verhaltensbezogene Faktoren können zur Assoziation beitragen. Eine direkte kausale Folgebeziehung ist nicht belegt [2]
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Irritative Kontaktdermatitis (entzündliche Hautreizung durch Kontaktstoffe) – insbesondere als Handdermatitis (Hautentzündung an den Händen) bzw. Handekzem (entzündliche Hauterkrankung der Hände) bei ausgeprägtem Wasch- und Reinigungszwang durch repetitive Exposition gegenüber Wasser, Seifen, Detergenzien oder Desinfektionsmitteln; mögliche Folgen sind Xerosis (trockene Haut), Erytheme (Hautrötungen), Schuppung, Rhagaden (Hautrisse) und schmerzhafte Hautläsionen [1]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) – populationsbasierte und geschwisterkontrollierte Langzeitdaten zeigen bei Zwangsstörungen ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen des Kreislaufsystems. Die Assoziation ist epidemiologisch gut gestützt, eine unmittelbare kausale Wirkung der Zwangsstörung jedoch nicht nachgewiesen [2]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Depressive Störungen (Depressionen) – können sich im Verlauf einer Zwangsstörung entwickeln; longitudinale Daten zeigen, dass die Ausprägung der Zwangssymptomatik nachfolgende depressive Symptome zeitweise vorhersagen kann. Da dieser gerichtete Zusammenhang bei längerem Follow-up nicht durchgehend nachweisbar war und gemeinsame Vulnerabilitätsfaktoren bestehen, ist eine Depression nicht generell als direkte Folge der Zwangsstörung anzusehen [3, LL1]
- Insomnie (Schlaflosigkeit) – bei Zwangsstörungen gehäuft; beschrieben sind insbesondere Ein- und Durchschlafstörungen sowie eine verminderte Schlafqualität. Zwangsgedanken, erhöhte kognitive Aktivierung und zeitaufwendige Zwangshandlungen können den Schlaf beeinträchtigen; die Beziehung zwischen Schlafstörung und Zwangssymptomatik ist wahrscheinlich bidirektional [4]
- Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen (Störungen des Tag-Nacht-Schlafrhythmus) – insbesondere verzögerte Schlafphase (verspäteter Schlaf-Wach-Rhythmus) bzw. ausgeprägter Abendchronotyp sind bei Zwangsstörungen häufiger beschrieben; eine ausschließlich durch die Zwangsstörung verursachte Folgebeziehung ist nicht gesichert [4]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Suizidgedanken (Gedanken an Selbsttötung) – klinisch bedeutsame Komplikation; eine Metaanalyse ergab eine gepoolte Prävalenz aktueller Suizidgedanken von 27,3 % und eine Lebenszeitprävalenz von 47,3 %. Das individuelle Risiko wird wesentlich durch Begleiterkrankungen, insbesondere depressive Störungen, Erkrankungsschwere und weitere Risikofaktoren beeinflusst [5]
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Suizidversuch (Selbsttötungsversuch) bzw. Suizid (Selbsttötung) – potenziell lebensbedrohliche Komplikation; die gepoolte Lebenszeitprävalenz von Suizidversuchen lag in einer Metaanalyse bei 13,5 % [5]. Eine große populationsbasierte Kohortenstudie zeigte bei Zwangsstörungen zudem eine erhöhte Mortalität durch unnatürliche Todesursachen, wobei Suizid die wichtigste spezifische unnatürliche Todesursache darstellte [6]
Weiteres
- Beeinträchtigung von Ausbildung, Beruf und Arbeitsfähigkeit – durch zeitaufwendige Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, Vermeidungsverhalten sowie Einschränkungen der Handlungsfähigkeit und Alltagsorganisation möglich [LL1]
- Beeinträchtigung des familiären und sozialen Lebens – insbesondere durch sozialen Rückzug, Vermeidungsverhalten, zeitintensive Zwangshandlungen und die Einbeziehung von Angehörigen in Zwangsrituale [LL1]
- Einschränkung der Lebensqualität – Zwangsstörungen sind mit erheblichen Einschränkungen insbesondere der emotionalen, sozialen, familiären sowie arbeitsbezogenen Lebensqualität verbunden [7, LL1]
- Einschränkung von Aktivitäten und Teilhabe – möglich sind Beeinträchtigungen der Selbstversorgung, Haushaltsführung, Freizeitgestaltung, Mobilität und sozialen Teilhabe [LL1]
Prognosefaktoren
Ungünstige Prognosefaktoren
- Hohe Ausgangsschwere der Zwangssymptomatik – in einer Metaanalyse mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit langfristiger Remission und in einer neueren sechsjährigen longitudinalen Kohortenstudie mit einem chronischen Verlauf assoziiert [8, 9]
- Früher Erkrankungsbeginn – mit einem ungünstigeren bzw. chronischen Langzeitverlauf assoziiert; der Zusammenhang wird sowohl durch die S3-Leitlinie als auch durch neuere longitudinale Daten gestützt [9, LL1]
- Lange Erkrankungsdauer – in der Metaanalyse mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit langfristiger Remission assoziiert [8]
- Bereits früh chronischer Verlauf – prognostisch ungünstiger als ein früher intermittierender Verlauf [LL1]
Günstige Prognosefaktoren
- Geringere Ausgangsschwere der Zwangssymptomatik – mit einer höheren Wahrscheinlichkeit langfristiger Remission assoziiert [8, 9]
- Kürzere Erkrankungsdauer – in der Metaanalyse mit einer höheren Remissionswahrscheinlichkeit assoziiert [8]
- Früher intermittierender Verlauf – möglicherweise mit einer günstigeren Langzeitprognose verbunden als ein von Beginn an chronischer Verlauf [LL1]
Die Angaben zur langfristigen Remission hängen erheblich von der verwendeten Remissionsdefinition und der Zahl der Erhebungszeitpunkte ab. Eine Metaanalyse von 17 Studien mit 1.265 Erwachsenen und einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 4,91 Jahren ergab eine gepoolte Remissionsrate von 53 % [8]. In einer neueren sechsjährigen naturalistischen Kohortenstudie lag die vollständige Remission bei Betrachtung aller drei Follow-up-Zeitpunkte zusammen dagegen bei 14 %, während sie zu den einzelnen Erhebungszeitpunkten jeweils bei etwa 30 % lag [9]. Die neueren Daten sprechen damit gegen die Annahme, dass eine zu einem einzelnen Zeitpunkt festgestellte Remission regelhaft einer stabilen dauerhaften Remission entspricht.
Literatur
- Mavrogiorgou P, Bader A, Stockfleth E et al.: Obsessive-compulsive disorder in dermatology. J Dtsch Dermatol Ges. 2015;13(10):991-999. doi: 10.1111/ddg.12781.
- Isomura K, Brander G, Chang Z et al.: Metabolic and Cardiovascular Complications in Obsessive-Compulsive Disorder: A Total Population, Sibling Comparison Study With Long-Term Follow-up. Biol Psychiatry. 2018;84(5):324-331. doi: 10.1016/j.biopsych.2017.12.003.
- Tibi L, van Oppen P, van Balkom AJLM et al.: The long-term association of OCD and depression and its moderators: A four-year follow up study in a large clinical sample. Eur Psychiatry. 2017;44:76-82. doi: 10.1016/j.eurpsy.2017.03.009.
- Grenno G, Alfì G, Miniati M et al.: A Systematic Review on Insomnia and Circadian Rhythms Desynchronization in Obsessive-Compulsive Disorder: From Childhood to Adulthood. J Sleep Res. 2026;35(4):e70322. doi: 10.1111/jsr.70322.
- Pellegrini L, Maietti E, Rucci P et al.: Suicide attempts and suicidal ideation in patients with Obsessive-Compulsive Disorder: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2020;276:1001-1021. doi: 10.1016/j.jad.2020.07.115.
- Fernández de la Cruz L, Isomura K, Lichtenstein P et al.: All cause and cause specific mortality in obsessive-compulsive disorder: nationwide matched cohort and sibling cohort study. BMJ. 2024;384:e077564. doi: 10.1136/bmj-2023-077564.
- Coluccia A, Fagiolini A, Ferretti F et al.: Adult obsessive-compulsive disorder and quality of life outcomes: A systematic review and meta-analysis. Asian J Psychiatr. 2016;22:41-52. doi: 10.1016/j.ajp.2016.02.001.
- Sharma E, Thennarasu K, Reddy YCJ: Long-term outcome of obsessive-compulsive disorder in adults: a meta-analysis. J Clin Psychiatry. 2014;75(9):1019-1027. doi: 10.4088/JCP.13r08849.
- Geiger Y, van Oppen P, Visser H et al.: Long-term remission rates and trajectory predictors in obsessive-compulsive disorder: Findings from a six-year naturalistic longitudinal cohort study. J Affect Disord. 2024;350:877-886. doi: 10.1016/j.jad.2024.01.155.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Zwangsstörungen. (AWMF-Registernummer 038-017) Juni 2022. Langfassung. [LL1]