Stimmbandlähmung (Rekurrensparese) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Rekurrensparese (Lähmung des Stimmlippennervs) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Akute laryngeale Atemwegsobstruktion (akute Verengung bzw. Verlegung der Atemwege im Kehlkopf) bis zur respiratorischen Insuffizienz (ungenügende Atmung) – insbesondere bei bilateraler Rekurrensparese (beidseitiger Lähmung des Stimmlippennervs) durch eine unzureichende Abduktion (Öffnungsbewegung) beider Stimmlippen (Stimmbänder); die hochgradige Einengung der Glottis (Stimmritze) kann eine notfallmäßige Atemwegssicherung erforderlich machen. In einer systematischen Übersichtsarbeit benötigten 36,2 % der Patienten mit bilateraler Stimmlippenparese (beidseitiger Stimmbandlähmung) unmittelbar eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) [4].
- Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Eindringen von Fremdmaterial in die Atemwege) – eine unzureichende glottische Schutzfunktion bei einseitiger Stimmlippenparese (einseitiger Stimmbandlähmung) kann die Aspiration (Eindringen von Nahrung, Flüssigkeit oder Fremdmaterial in die Atemwege) begünstigen; eine größere glottische Schlussinsuffizienz (unzureichender Verschluss der Stimmritze) war mit Aspiration assoziiert [6]. In einer populationsbasierten Kohortenstudie war die unilaterale Stimmlippenparese ein unabhängiger Risikofaktor für Pneumonien (Lungenentzündungen) [3]. Nach thoraxchirurgischen Eingriffen war eine Stimmlippenparese/-paralyse zudem mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Aspirationspneumonie assoziiert (Odds-Ratio 2,54; 95-%-Konfidenzintervall 1,74-3,70) [7].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Dysphagie (Schluckstörung) – insbesondere bei unzureichendem Glottisschluss (Verschluss der Stimmritze); neben subjektiven Schluckbeschwerden können laryngeale Penetration (Eindringen von Material in den Kehlkopfeingang oberhalb der Stimmlippen) und Aspiration auftreten. Die berichtete Häufigkeit ist aufgrund unterschiedlicher Definitionen und Untersuchungsmethoden heterogen, bestätigt jedoch die klinische Relevanz der Schluckstörung bei unilateraler Stimmlippenparese [1, 2, 6, LL1, LL2].
- Dysphonie (Stimmstörung) bis Aphonie (Stimmlosigkeit) – bei einseitiger Rekurrensparese typischerweise durch glottische Insuffizienz (unzureichenden Verschluss der Stimmritze) mit behauchter, leiser und wenig belastbarer Stimme; das Ausmaß hängt unter anderem von Stellung und Tonus der paretischen Stimmlippe sowie vom kompensatorischen Verhalten der Gegenseite ab [LL1, LL2].
- Dyspnoe (Atemnot) und inspiratorischer Stridor (pfeifendes Atemgeräusch beim Einatmen) – insbesondere bei bilateraler Rekurrensparese; bei unzureichender Abduktion beider Stimmlippen kann die für die Inspiration verfügbare Glottisöffnung kritisch reduziert sein und bis zur akuten Atemwegsobstruktion führen [4, LL1].
Prognosefaktoren
- Ausmaß der neuralen Schädigung (Nervenschädigung) – eine Neurapraxie (vorübergehende Leitungsstörung eines Nervs) besitzt eine wesentlich günstigere Aussicht auf spontane funktionelle Erholung als eine ausgeprägte axonale Schädigung (Schädigung der Nervenfasern) oder vollständige Unterbrechung des Nervus laryngeus recurrens (Stimmlippennervs); die laryngeale Elektromyographie kann zur prognostischen Einschätzung beitragen [LL2].
- Bilaterale Rekurrensparese – prognostisch ungünstiger hinsichtlich der respiratorischen Funktion als die unilaterale Parese; entscheidend ist die verbleibende Glottisweite. Bei ausgeprägter beidseitiger Abduktionsstörung (Störung der Öffnungsbewegung der Stimmlippen) besteht ein relevantes Risiko einer dauerhaften Atemwegseinschränkung und der Notwendigkeit invasiver Atemwegseingriffe [4].
- Elektrophysiologischer Befund – ausgeprägte Denervationsaktivität (Zeichen einer unterbrochenen Nervenversorgung) und deutlich verminderte bzw. fehlende Rekrutierung motorischer Einheiten in der laryngealen Elektromyographie sprechen für eine ungünstigere funktionelle Erholung. Die laryngeale Elektromyographie besitzt insbesondere einen klinischen Wert zur Identifikation einer ungünstigen neuralen Prognose [LL2].
- Läsionsort und Regenerationsdistanz – larynxnahe Verletzungen des Nervus laryngeus recurrens weisen im Allgemeinen kürzere Erholungszeiten auf als weiter proximal gelegene thorakale Verletzungen (Verletzungen im Brustkorb). Die deutsche S2k-Leitlinie beschreibt mit zunehmender Distanz zwischen Nervenläsion (Nervenschädigung) und Larynxmuskulatur (Kehlkopfmuskulatur) längere maximale Erholungszeiten; in den meisten Fällen ist innerhalb von etwa 3-8 Monaten mit dem neurologischen Ergebnis zu rechnen [LL1].
- Begleitende proximale Vagusläsion (Schädigung des Vagusnervs) – bei einer über den isolierten Nervus laryngeus recurrens hinausgehenden hohen Vagusläsion ist die Schluckfunktion ungünstiger. Patienten mit hoher vagaler unilateraler Stimmlippenparese zeigten häufiger Residuen (Schluckreste), Penetration und Aspiration als Patienten mit niedriger vagaler Läsion [5].
- Zeitlicher Verlauf – bei potenziell reversibler unilateraler Stimmlippenparese tritt die spontane Wiederkehr der Stimmlippenbeweglichkeit überwiegend innerhalb der ersten 6 Monate auf; eine Minderheit erholt sich zwischen 6 und 12 Monaten. Mit zunehmender Dauer einer persistierenden Immobilität (anhaltenden Bewegungslosigkeit) nimmt die Wahrscheinlichkeit einer weiteren spontanen Erholung ab [LL2].
Literatur
- Zhou D, Jafri M, Husain I: Identifying the Prevalence of Dysphagia among Patients Diagnosed with Unilateral Vocal Fold Immobility. Otolaryngol Head Neck Surg. 2019;160(6):955-964. doi: 10.1177/0194599818815885
- Schiedermayer B, Kendall KA, Stevens M et al.: Prevalence, Incidence, and Characteristics of Dysphagia in Those With Unilateral Vocal Fold Paralysis. Laryngoscope. 2020;130(10):2397-2404. doi: 10.1002/lary.28401
- Tsai MS, Yang YH, Liu CY et al.: Unilateral Vocal Fold Paralysis and Risk of Pneumonia: A Nationwide Population-Based Cohort Study. Otolaryngol Head Neck Surg. 2018;158(5):896-903. doi: 10.1177/0194599818756285
- Lechien JR, Hans S, Mau T: Management of Bilateral Vocal Fold Paralysis: A Systematic Review. Otolaryngol Head Neck Surg. 2024;170(3):724-735. doi: 10.1002/ohn.616
- Marker MM, Gallagher LW, Puri A et al.: Dysphagia Characteristics in High Versus Low Vagal Unilateral Vocal Fold Paralysis. Laryngoscope. 2026;136(4):1800-1807. doi: 10.1002/lary.70229
- Fang TJ, Li HY, Tsai FC et al.: The role of glottal gap in predicting aspiration in patients with unilateral vocal paralysis. Clin Otolaryngol Allied Sci. 2004;29(6):709-712. doi: 10.1111/j.1365-2273.2004.00876.x
- Crowson MG, Tong BC, Lee HJ et al.: Vocal Fold Paralysis/Paresis as a Marker for Poor Swallowing Outcomes After Thoracic Surgery Procedures. Dysphagia. 2019;34(6):904-915. doi: 10.1007/s00455-019-09987-8
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien). (AWMF-Registernummer 049-008) Dezember 2022 Langfassung. [LL1]
- Korean Society of Laryngology, Phoniatrics and Logopedics Guideline Task Force, Ryu CH, Kwon TK et al.: Guidelines for the Management of Unilateral Vocal Fold Paralysis From the Korean Society of Laryngology, Phoniatrics and Logopedics. Clin Exp Otorhinolaryngol. 2020;13(4):340-360. doi: 10.21053/ceo.2020.00409. [LL2]