Somatoforme Störungen – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Verminderung von Leidensdruck, Symptomintensität und übermäßiger Fixierung auf körperliche Beschwerden.
  • Verbesserung von Alltagsfunktion, sozialer Teilhabe, Lebensqualität und Selbstwirksamkeit.
  • Vermeidung von Chronifizierung (dauerhaftem Fortbestehen der Beschwerden), unnötiger Diagnostik, Übertherapie und iatrogenen Schäden (Schäden durch medizinische Maßnahmen).
  • Erkennung und leitliniengerechte Behandlung behandlungsbedürftiger Begleiterkrankungen, insbesondere Depressionen, Angststörungen und eigenständiger Schmerzsyndrome (Schmerzerkrankungen).
  • Entwicklung eines tragfähigen biopsychosozialen Krankheitsverständnisses (Verständnisses der körperlichen, seelischen und sozialen Einflüsse auf die Erkrankung). Vollständige Symptomfreiheit ist kein zwingendes primäres Therapieziel [2, LL1].

Therapieempfehlungen

Die Behandlung somatoformer Störungen (Erkrankungen mit belastenden körperlichen Beschwerden und bedeutsamen seelischen oder verhaltensbezogenen Einflussfaktoren) beziehungsweise funktioneller Körperbeschwerden (Beschwerden durch veränderte Körperfunktionen) beruht auf einer koordinierten, möglichst hausarztzentrierten und nach Schweregrad gestuften Versorgung. Grundlage sind eine verlässliche therapeutische Beziehung, feste Verlaufstermine, eine verständliche Psychoedukation mit biopsychosozialem Erklärungsmodell, angemessene körperliche und soziale Aktivierung sowie bei entsprechender Indikation Psychotherapie. Beschwerden sind ernst zu nehmen; neue oder veränderte Symptome müssen weiterhin angemessen somatisch abgeklärt werden. Wiederholungsdiagnostik ohne neue klinische Anhaltspunkte sollte vermieden werden [2, LL1].

Medikamente sind keine primäre oder alleinige Behandlung der somatoformen Störung. Eine Pharmakotherapie kommt insbesondere bei einer eigenständig behandlungsbedürftigen komorbiden Depression oder Angststörung sowie bei einem hierfür geeigneten, definierten Schmerzsyndrom infrage. Bei schwerer persistierender Beschwerdelast kann im Einzelfall ein zurückhaltender medikamentöser Therapieversuch erwogen werden. Die begrenzte Evidenz, mögliche unerwünschte Wirkungen und gegebenenfalls eine Anwendung außerhalb der Zulassung müssen dabei ausdrücklich besprochen werden [1, 2, LL1].

  • Evidenz: Antidepressiva können in einzelnen Studien körperliche Beschwerden sowie depressive und Angstsymptome kurzfristig reduzieren; die Evidenzqualität ist niedrig bis sehr niedrig. Der Cochrane-Review von 2014 erlaubt keine gesicherte Aussage zur langfristigen Wirksamkeit einer Pharmakotherapie somatoformer Störungen. Einzelne kurzfristige positive Ergebnisse begründen keine generelle Empfehlung zur dauerhaften medikamentösen Behandlung [1].
  • Johanniskraut: Ältere Studien zu Johanniskrautextrakten begründen keine Standardtherapie somatoformer Störungen. Zu beachten sind relevante Wechselwirkungen, unter anderem durch Enzyminduktion, sowie Risiken bei Kombination mit serotonergen Arzneimitteln [1].
  • Zulassungsstatus: Die Zulassung ist für jeden Wirkstoff, jedes Präparat und die konkrete Indikation zu prüfen. Die Behandlung einer zugelassenen komorbiden Erkrankung ist von einer gezielten Behandlung somatoformer Beschwerden zu unterscheiden. Opipramol ist in Deutschland unter anderem für somatoforme Störungen zugelassen [FI4].
  • Therapieplanung: Vor Beginn sind ein konkretes Zielsymptom, messbare funktionelle Ziele, die erwartbare Zeit bis zur Wirkung, Verlaufskontrollen und Kriterien für Fortführung oder Beendigung zu vereinbaren. Eine fehlende Besserung darf nicht automatisch zu Dosissteigerungen oder einer Ausweitung der Medikation führen.
  • Verlaufskontrolle: Eine erste strukturierte Wirksamkeits- und Verträglichkeitskontrolle sollte nach 2-4 Wochen erfolgen. Wirkung, Alltagsfunktion, Verträglichkeit, Suizidalität (Gefährdung durch Selbsttötung), Wechselwirkungen und fortbestehende Indikation sind anschließend regelmäßig zu prüfen. Bei fehlendem klinischen Nutzen trotz angemessener Dosierung und Behandlungsdauer ist ein Ausschleichen statt einer unkritischen Fortführung angezeigt. Bei Antidepressiva richtet sich die Behandlungsdauer vorrangig nach der behandelten Begleiterkrankung. Auch Antidepressiva sollen schrittweise und individuell angepasst abgesetzt werden; Absetzsymptome sind nicht mit einer Suchterkrankung gleichzusetzen [LL2].
  • Keine routinemäßige Anwendung: Benzodiazepine, Z-Substanzen, Opioide und Antipsychotika sind keine Standardtherapie somatoformer Störungen. Antipsychotika kommen nur bei einer eigenständigen psychiatrischen Indikation infrage. Bei bestehender Einnahme sind Nutzen, Risiken und Indikation individuell zu überprüfen; eine notwendige Dosisreduktion erfolgt geplant und substanzspezifisch. Antipsychotika sind nicht pauschal als suchterzeugend einzuordnen [2, LL1, LL2].
  • Jede medikamentöse Behandlung ist in das Gesamtbehandlungskonzept mit Psychoedukation, Aktivierung, psychotherapeutischen Verfahren und Behandlung der Begleiterkrankungen einzubetten. Siehe auch unter „Weitere Therapie“.

Leitlinienhinweis: Die deutsche S3-Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“, AWMF-Registernummer 051-001, Version 2.0, Stand Juli 2018, war bis zum 17.07.2023 gültig. Sie ist abgelaufen und wird überarbeitet [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Angaben beziehen sich auf Erwachsene. Sie ersetzen nicht die präparatebezogene Fachinformation. Alter, Organfunktion, Begleitmedikation, Schwangerschaft und individuelle Risiken sind vor jeder Verordnung zu berücksichtigen.

Trizyklisches Anxiolytikum: Opipramol

Wirkstoff Besonderheiten
Opipramol In Deutschland für somatoforme Störungen und generalisierte Angststörung (anhaltende, übermäßige Sorgen und Ängste in verschiedenen Lebensbereichen) zugelassen. Die Zulassung ersetzt keine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung und begründet keine Vorrangstellung gegenüber nichtmedikamentösen Maßnahmen. Nicht abrupt absetzen.
  • Wirkweise: Trizyklische Substanz mit anxiolytischer und sedierender Wirkung; insbesondere über Sigma-Bindungsstellen und Histamin-H1-Rezeptoren. Im Unterschied zu klassischen trizyklischen Antidepressiva keine relevante Hemmung der Serotonin- oder Noradrenalin-Wiederaufnahme [FI4].
  • Indikation: Somatoforme Störungen und generalisierte Angststörung gemäß Fachinformation.
  • Kontraindikationen: Unter anderem Überempfindlichkeit, akute Intoxikation (Vergiftung) mit Alkohol oder zentral wirksamen Arzneimitteln, akuter Harnverhalt (plötzlich auftretende Unfähigkeit, die gefüllte Harnblase zu entleeren), akutes Delir (akuter Verwirrtheitszustand), unbehandeltes Engwinkelglaukom (bestimmte Form des grünen Stars), Prostatahyperplasie (gutartige Vergrößerung der Vorsteherdrüse) mit Restharn, paralytischer Ileus (Darmverschluss durch Lähmung der Darmmuskulatur), höhergradige AV-Blockierungen (Störungen der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) beziehungsweise relevante Reizleitungsstörungen und Kombination mit MAO-Hemmern. Weitere kardiale Risiken, Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) sowie Leber- oder Nierenerkrankungen erfordern besondere Beachtung.
  • Nebenwirkungen: Vor allem Müdigkeit, Benommenheit, Mundtrockenheit, Schwindel und orthostatische Beschwerden (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen); außerdem Gewichtszunahme, anticholinerge Beschwerden und Herzrhythmusstörungen. Selten sind schwere Blutbildveränderungen möglich. Bei längerfristiger Behandlung sind die vorgesehenen Kontrollen einschließlich gegebenenfalls Blutbild, Leberwerten und EKG zu beachten [FI4].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Die nachfolgend aufgeführten Wirkstoffe werden vorrangig zur Behandlung einer eigenständigen Begleiterkrankung eingesetzt. Ihre Auflistung ist keine generelle Empfehlung zur Behandlung somatoformer Beschwerden.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

Wirkstoff Besonderheiten
Sertralin Auswahl nach konkret vorliegender und zugelassener Begleiterkrankung; keine spezifische Zulassung für somatoforme Störungen.
Escitalopram Dosisabhängige QT-Verlängerung; kardiale Risiken und Wechselwirkungen beachten.
Citalopram Besonders auf dosisabhängige QT-Verlängerung und reduzierte Höchstdosen bei Risikopatienten achten.
Fluoxetin Lange Halbwertszeit; Wechselwirkungen und ausreichend lange Umstellungsintervalle beachten.
Paroxetin Relevante CYP2D6-Interaktionen; ausgeprägte Absetzsymptome möglich.
  • Wirkweise: Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme; antidepressive und bei geeigneter Indikation anxiolytische Wirkung.
  • Indikation: Komorbide depressive Erkrankung oder eine für den jeweiligen Wirkstoff zugelassene Angststörung. Die Zulassungen unterscheiden sich; nicht jeder SSRI ist für jede Angststörung zugelassen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und unzulässige Kombinationen mit MAO-Hemmern; vorgeschriebene Auswaschintervalle beachten. Bei Citalopram und Escitalopram sind insbesondere bekannte QT-Verlängerung und Kombinationen mit QT-verlängernden Arzneimitteln gemäß Fachinformation zu berücksichtigen. Weitere Gegenanzeigen sind präparatespezifisch zu prüfen.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhoe (Durchfall), Schlafstörungen, anfängliche Unruhe, sexuelle Funktionsstörungen, Hyponatriämie (zu niedrige Natriumkonzentration im Blut) beziehungsweise SIADH und erhöhte Blutungsneigung, insbesondere zusammen mit NSAR, Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulanzien. Serotoninsyndrom (potenziell gefährliche Überaktivierung des Serotoninsystems) bei problematischen Kombinationen möglich; auch Tramadol und Johanniskraut können hierzu beitragen. Zu Beginn und nach Dosisänderungen auf klinische Verschlechterung, Suizidalität und manische Symptome (krankhaft gesteigerte Stimmung und Aktivität) achten. Beim Absetzen sind unter anderem Schwindel, Sensibilitätsstörungen (veränderte Empfindungen wie Kribbeln oder Taubheit), Schlafstörungen und Angst möglich [FI2, LL2].

Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

Wirkstoff Besonderheiten
Duloxetin Zugelassene Indikationen umfassen Depression, generalisierte Angststörung und diabetische periphere neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen infolge einer Zuckerkrankheit) bei Erwachsenen. Eine Anwendung bei Fibromyalgie (Erkrankung mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen) erfolgt in Deutschland außerhalb der Zulassung.
Venlafaxin Blutdruckkontrollen erforderlich; relevante Absetzsymptome möglich. Keine spezifische Zulassung für somatoforme Störungen.
  • Wirkweise: Hemmung der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme; antidepressive und bei entsprechender Indikation anxiolytische Wirkung. Die analgetische Anwendung ist syndrom- und zulassungsspezifisch zu beurteilen.
  • Indikation: Komorbide Depression oder eine für den Wirkstoff zugelassene Angststörung; Duloxetin zusätzlich bei diabetischen peripheren neuropathischen Schmerzen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit sowie unzulässige MAO-Hemmer-Kombinationen. Duloxetin ist unter anderem bei Lebererkrankungen mit Leberfunktionseinschränkung, schwerer Nierenfunktionseinschränkung mit Kreatinin-Clearance unter 30 ml/min und zusammen mit starken CYP1A2-Hemmern wie Fluvoxamin oder Ciprofloxacin kontraindiziert. Bei unkontrollierter Hypertonie (nicht ausreichend eingestelltem Bluthochdruck) darf eine Duloxetinbehandlung nicht begonnen werden [FI3].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwitzen, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Blutdruck- und Pulsanstieg. Zusätzlich sind Hyponatriämie, Blutungen und Serotoninsyndrom möglich; bei Duloxetin sind Leberreaktionen zu beachten. Nach abruptem Absetzen können ausgeprägte Absetzsymptome auftreten.

Trizyklische Antidepressiva (TZA)

Wirkstoff Besonderheiten
Amitriptylin Bei geeigneter eigenständiger Schmerzindikation oder Depression erwägen. Anticholinerge Belastung und kardiale Risiken begrenzen die Anwendung.
Doxepin Sedierende Wirkung; keine routinemäßige Verordnung allein wegen somatoformer Beschwerden oder Schlafproblemen.
  • Wirkweise: Hemmung der monoaminergen Wiederaufnahme mit zusätzlichen, substanzabhängig ausgeprägten antihistaminergen, anticholinergen und antiadrenergen Wirkungen.
  • Indikation: Eigenständige depressive Erkrankung; bei Amitriptylin gegebenenfalls eine zugelassene Schmerzindikation. Die Indikationen sind präparatebezogen zu prüfen.
  • Kontraindikationen: Je nach Präparat unter anderem akute Intoxikationen, bestimmte schwere kardiale Erkrankungen beziehungsweise Reizleitungsstörungen und unzulässige MAO-Hemmer-Kombinationen. Engwinkelglaukom, Harnverhalt und Ileus (Darmverschluss) sind besonders zu berücksichtigen; die genaue Einordnung als Gegenanzeige oder Warnhinweis richtet sich nach der Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation (Verstopfung), Akkommodationsstörungen (Störungen der Scharfstellung der Augen), Harnverhalt, Sedierung (Dämpfung von Wachheit und Aufmerksamkeit), Gewichtszunahme, Orthostase (Kreislaufstörung beim Aufrichten) und Stürze; insbesondere bei älteren Menschen Verwirrtheit und Delir. Zusätzlich sind QT-Verlängerung, Herzrhythmusstörungen und Krampfanfälle möglich. Wegen der erheblichen Toxizität bei Überdosierung sind Suizidrisiko und abgegebene Arzneimittelmenge besonders zu beachten.

Weitere, insbesondere sedierende Antidepressiva

Wirkstoff Besonderheiten
Mirtazapin Kann bei Depression mit ausgeprägten Schlafstörungen oder Appetitverlust in Betracht kommen. Sedierung und Gewichtszunahme sind häufig behandlungsbegrenzend.
Trazodon Keine Standardtherapie somatoformer Beschwerden. Eine alleinige Anwendung als Schlafmittel ist hinsichtlich Zulassung und Nutzen-Risiko-Verhältnis gesondert zu beurteilen.
  • Wirkweise: Mirtazapin wirkt über noradrenerge und serotonerge Rezeptormechanismen sowie stark antihistaminerg. Trazodon wirkt serotonerg, unter anderem durch 5-HT2-Rezeptorantagonismus und Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme.
  • Indikation: Eigenständige depressive Erkrankung gemäß der jeweiligen Zulassung.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und unzulässige MAO-Hemmer-Kombinationen; weitere Gegenanzeigen sind substanz- und präparatespezifisch. Bei Trazodon sind insbesondere akute Intoxikationen und relevante kardiale Erkrankungen gemäß Fachinformation zu beachten.
  • Nebenwirkungen: Mirtazapin: insbesondere Sedierung, Appetitsteigerung und Gewichtszunahme; selten schwere Blutbildveränderungen. Trazodon: insbesondere Sedierung, Schwindel und Orthostase; außerdem QT-Verlängerung und selten Priapismus (anhaltende, häufig schmerzhafte Erektion). Unter beiden Substanzen können Hyponatriämie und bei entsprechenden Kombinationen ein Serotoninsyndrom auftreten. Alkohol und weitere sedierende Arzneimittel erhöhen die Beeinträchtigung.

Gabapentinoide: Pregabalin

Wirkstoff Besonderheiten
Pregabalin Gabapentinoid beziehungsweise Antikonvulsivum mit anxiolytischer Wirkung und Missbrauchs- sowie Abhängigkeitspotenzial, auch bei therapeutischer Dosierung. Keine spezifische Zulassung für somatoforme Störungen [3, FI1].
  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Kalziumkanäle; Verminderung der Freisetzung erregender Neurotransmitter. Keine direkte Wirkung als GABA-Rezeptoragonist [3].
  • Indikation: Im vorliegenden Zusammenhang nur bei eigenständig diagnostizierter generalisierter Angststörung oder peripheren beziehungsweise zentralen neuropathischen Schmerzen (Schmerzen durch Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems) bei Erwachsenen erwägen. Die zusätzliche Zulassung als Zusatztherapie bestimmter epileptischer Anfälle (Anfälle durch vorübergehend gestörte elektrische Aktivität im Gehirn) begründet keine Anwendung gegen somatoforme Beschwerden [FI1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Pregabalin oder Präparatebestandteile. Eine Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) ist keine generelle absolute Kontraindikation, erfordert jedoch eine angepasste Dosierung. Schwangerschaft nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung; Frauen im gebärfähigen Alter sind zu wirksamer Verhütung zu beraten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Benommenheit, Schläfrigkeit, Schwindel, Sehstörungen, Gewichtszunahme und Ödeme (Wassereinlagerungen im Gewebe). Möglich sind Stürze, Abhängigkeit, Entzugssymptome und schwere Atemdepression (gefährliche Abschwächung der Atmung). Seltene schwere Reaktionen umfassen Angioödem (plötzliche Schwellung tieferer Haut- oder Schleimhautschichten) und schwere Hautreaktionen [FI1].

Pregabalin: sichere Verordnung, Kontrolle und Beendigung

  • Vor Therapiebeginn: Suchtrisiko, Nierenfunktion, Atemfunktion und Begleitmedikation prüfen. Eine Suchtanamnese erhöht das Risiko; Abhängigkeit kann jedoch auch ohne frühere Suchterkrankung entstehen. Die Bezeichnung „Anxiolytikum ohne Abhängigkeitspotenzial“ ist für Pregabalin falsch [3, FI1].
  • Gemeinsame Ziele: Beispielsweise weniger angstbedingte Vermeidung oder eine messbar bessere Alltagsfunktion vereinbaren. Als praktische Verlaufskontrolle bietet sich eine frühe Überprüfung nach 2-4 Wochen und anschließend in individuell festgelegten regelmäßigen Abständen an. Die fortbestehende Indikation ist ausdrücklich zu überprüfen.
  • Warnzeichen für problematischen Gebrauch: Auf Toleranzentwicklung (nachlassende Wirkung bei unveränderter Dosis), eigenmächtige Dosissteigerungen, wirkstoffsuchendes Verhalten und nicht plausible zusätzliche Rezeptwünsche achten. Ohne belegbaren Nutzen keine unbegrenzte Fortführung oder automatische Dosiseskalation [3, FI1].
  • Interaktionen: Kombinationen mit Opioiden, Benzodiazepinen, anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln oder Alkohol können Sedierung und Atemdepression verstärken. Besonders gefährdet sind ältere Menschen sowie Patienten mit eingeschränkter Atem- oder Nierenfunktion [3].
  • Entzug: Nach kurzer wie nach längerer Anwendung können unter anderem Schlafstörungen, Angst, Übelkeit, Durchfall, Schwitzen, Kopf- und andere Schmerzen auftreten; auch Krampfanfälle, Depressionen und Suizidgedanken wurden beschrieben. Darüber ist bereits zu Beginn aufzuklären [FI1].
  • Ausschleichen: Pregabalin regelhaft nicht abrupt absetzen. Die Fachinformation empfiehlt eine schrittweise Dosisreduktion über mindestens eine Woche. Nach längerer Anwendung, hohen Dosierungen oder bei Entzugsbeschwerden kann ein deutlich langsameres Vorgehen über Wochen bis Monate erforderlich sein. Das Tempo ist individuell anzupassen; ein starres Schema ist ungeeignet [3, FI1, LL2].
  • Schriftlicher Ausschleichplan: Als praktische Sicherheitsmaßnahme gemeinsam einen verständlichen individuellen Plan mit Dosisschritten, Kontrollterminen, Kontaktmöglichkeiten und Vorgehen bei Entzugsbeschwerden erstellen und aushändigen. Bei belastenden Beschwerden sind beispielsweise längere Intervalle oder kleinere Reduktionsschritte ärztlich zu prüfen [LL2].
  • Ausnahme: Bei Verdacht auf Angioödem oder eine schwere Hautreaktion Pregabalin sofort absetzen und umgehend medizinisch behandeln lassen; hier hat die akute Gefahrenabwehr Vorrang vor dem Ausschleichen [FI1].

Nicht zur routinemäßigen Behandlung somatoformer Störungen empfohlene Arzneimittel

Wirkstoff Besonderheiten
Benzodiazepine Abhängigkeit, Toleranz, Sedierung, Stürze und Entzugskomplikationen; bestehende Einnahme individuell prüfen und gegebenenfalls langsam ausschleichen.
Z-Substanzen Keine sichere Dauerlösung für begleitende Schlafstörungen; Abhängigkeits-, Sturz- und Entzugsrisiken.
Opioide Keine unkritische Anwendung bei nicht ausreichend geklärten oder funktionellen Schmerzen. Eigenständige Schmerzindikation und Nutzen-Risiko-Verhältnis gesondert beurteilen.
Antipsychotika Keine routinemäßige Behandlung somatoformer Störungen und keine pauschale Einordnung als suchterzeugend. Bei bestehender Einnahme Indikation und substanzspezifische Risiken überprüfen.
  • Wirkweise: Benzodiazepine und Z-Substanzen modulieren GABA-A-Rezeptoren; Opioide wirken an Opioidrezeptoren. Antipsychotika besitzen unterschiedliche, insbesondere dopaminerge und serotonerge Wirkprofile.
  • Indikation: Keine Routineindikation allein aufgrund somatoformer Beschwerden. Eine gesonderte behandlungsbedürftige Erkrankung kann eine substanzspezifische Indikation begründen.
  • Kontraindikationen: Präparatespezifisch prüfen. Bei sedierenden Substanzen sind insbesondere Ateminsuffizienz (unzureichende Atemfunktion), Schlafapnoe (wiederholte Atemaussetzer im Schlaf), Intoxikationen und die Kombination mehrerer zentral dämpfender Mittel relevant.
  • Nebenwirkungen: Benzodiazepine und Z-Substanzen: Sedierung, kognitive Beeinträchtigung (Beeinträchtigung von Denken, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis), Stürze, Abhängigkeit und teils schwere Entzugskomplikationen. Opioide: Obstipation, Sedierung, Atemdepression, Abhängigkeit, endokrine Störungen (Störungen des Hormonhaushalts) und opioidinduzierte Hyperalgesie (durch Opioide verstärkte Schmerzempfindlichkeit). Antipsychotika: je nach Wirkstoff metabolische Störungen (Stoffwechselstörungen), extrapyramidale Symptome (medikamentenbedingte Bewegungsstörungen), Akathisie (quälende Bewegungsunruhe), QT-Verlängerung, Hyperprolaktinämie (krankhaft erhöhte Ausschüttung des Hormons Prolaktin) und Sedierung. Ein Absetzen ist substanzspezifisch zu planen [2, LL1, LL2].

Red Flags

Ausgeprägte Sedierung, erschwerte Weckbarkeit oder langsame beziehungsweise flache Atmung erfordern eine sofortige Notfallbeurteilung. Gleiches gilt für Schwellungen von Zunge, Gesicht oder Rachen, Atemnot, schwere Hautreaktionen mit Blasenbildung oder Schleimhautbeteiligung, Krampfanfälle und akute Suizidalität. Bei lebensbedrohlicher Symptomatik ist der Rettungsdienst zu verständigen. Solche Beschwerden dürfen nicht vorschnell der somatoformen Störung zugeschrieben werden.

Beachte

Bei der längerfristigen Pharmakotherapie sind neue somatische Erkrankungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Entzugssymptome als Ursachen veränderter Beschwerden zu berücksichtigen. Behandlungsentscheidungen sollen gemeinsam getroffen und nachvollziehbar dokumentiert werden.

Abkürzungsverzeichnis

  • 5-HT: 5-Hydroxytryptamin; Serotonin.
  • AV: atrioventrikulär; die Verbindung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern betreffend.
  • CYP1A2: Cytochrom-P450-1A2; Enzym, das am Abbau bestimmter Arzneimittel beteiligt ist.
  • CYP2D6: Cytochrom-P450-2D6; Enzym, das am Abbau bestimmter Arzneimittel beteiligt ist.
  • EKG: Elektrokardiogramm; Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität.
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure; hemmender Botenstoff des Nervensystems.
  • H1: Histaminrezeptor vom Typ 1.
  • MAO: Monoaminoxidase; Enzym zum Abbau bestimmter Botenstoffe.
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika; entzündungshemmende Schmerzmittel.
  • QT: Zeitabschnitt im EKG, der die elektrische Erregung und Rückbildung der Erregung der Herzkammern umfasst.
  • SIADH: Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion; Störung der hormonellen Wasserregulation mit möglichem Abfall der Natriumkonzentration im Blut.
  • SNRI: Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.
  • SSRI: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.
  • TZA: trizyklische Antidepressiva.

Literatur

  1. Kleinstäuber M, Witthöft M, Steffanowski A, van Marwijk H, Hiller W, Lambert MJ: Pharmacological interventions for somatoform disorders in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2014;(11):CD010628. doi:10.1002/14651858.CD010628.pub2.
  2. Henningsen P, Zipfel S, Sattel H, Creed F: Management of Functional Somatic Syndromes and Bodily Distress. Psychother Psychosom. 2018;87(1):12-31. doi:10.1159/000484413.
  3. Kleinau A, Köberle U, Bonnet U, Lütkehermölle W, Dicheva-Radev S: Gabapentin und Pregabalin: Missbrauch und Abhängigkeit. Arzneiverordnung in der Praxis. Ausgabe 4/2024.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Funktionelle Körperbeschwerden. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie und Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin. (AWMF-Registernummer: 051-001), Juli 2018, Version 2.0; gültig bis 17.07.2023, abgelaufen und in Überarbeitung. Informationen der AWMF [LL1].
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Medicines associated with dependence or withdrawal symptoms: safe prescribing and withdrawal management for adults. NICE guideline NG215, veröffentlicht am 20.04.2022. Empfehlungen [LL2].

Fachinformationen

  1. Viatris Healthcare GmbH: Lyrica Hartkapseln. Fachinformation, Stand Mai 2024 [FI1].
  2. Viatris Healthcare GmbH: Sertralin dura Filmtabletten. Fachinformation, Stand Juni 2026 [FI2].
  3. Viatris: Duloxetin Viatris magensaftresistente Hartkapseln. Fachinformation, Stand Dezember 2025 [FI3].
  4. neuraxpharm: Opipramol-neuraxpharm Filmtabletten. Fachinformation, Stand Juni 2024 [FI4].