Somatoforme Störungen – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
- Beurteilung von Allgemein- und Ernährungszustand; bei entsprechender Symptomatik zusätzlich Körpertemperatur, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung.
- Inspektion der Haut und der Schleimhäute – insbesondere hinsichtlich Blässe, Zyanose (bläulicher Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten), Ikterus (Gelbsucht), Hautveränderungen und Zeichen einer Dehydratation (Austrocknung).
- Auskultation des Herzens – Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus und Herzgeräuschen; bei entsprechenden Beschwerden ergänzende Untersuchung der peripheren Durchblutung (Blutversorgung insbesondere der Arme und Beine) und auf Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe).
- Auskultation der Lunge – Beurteilung der Atemgeräusche und möglicher Nebengeräusche; ergänzend Beobachtung von Atemmuster und Atemarbeit.
- Untersuchung des Abdomens (Bauchraums) – Auskultation, Palpation und bei Bedarf Perkussion; Beurteilung von Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürlicher Anspannung der Bauchmuskeln), tastbaren Resistenzen (Knoten oder Verhärtungen) und Organvergrößerungen. Untersuchung der Bruchpforten (Lücken der Bauchwand, durch die Gewebe hervortreten kann) und der Nierenlager (Körperbereiche über den Nieren) bei entsprechender Symptomatik.
- Symptomorientierte ergänzende körperliche Untersuchung
- Bei Beschwerden des Bewegungsapparates – Untersuchung von Haltung, Gangbild, Gelenkbeweglichkeit, Muskelkraft, Muskeltonus (Muskelspannung) und lokalen Druckschmerzen; Beachtung von Schonhaltungen, Kontrakturen (dauerhaften Bewegungseinschränkungen durch Verkürzung von Muskeln, Sehnen oder anderem Gewebe) und Muskelatrophien (Muskelschwund).
- Bei neurologischen (das Nervensystem betreffenden) Beschwerden – gezielte Untersuchung von Hirnnerven (Nerven, die überwiegend Kopf und Hals versorgen), Motorik (Bewegungsfähigkeit), Sensibilität (Empfindungsfähigkeit), Reflexen, Koordination und Gang. Funktionelle neurologische Symptome (Beschwerden durch eine Störung der Funktion des Nervensystems) erfordern eine fachgerechte Beurteilung anhand positiver klinischer Zeichen; ein unauffälliger Untersuchungsbefund allein begründet diese Diagnose nicht.
- Weitere organspezifische Untersuchungen ausschließlich bei entsprechender Beschwerdekonstellation oder auffälligen Befunden.
- Psychopathologischer Befund (Beurteilung des psychischen Zustands) und psychosomatische Untersuchung (Untersuchung des Zusammenspiels von Körper und Psyche) – parallel zur körperlichen Untersuchung:
- Beurteilung von Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit, Denken, Stimmung, Affekt (Gefühlslage und Gefühlsausdruck), Antrieb und Psychomotorik (durch seelische Vorgänge beeinflusstem Bewegungsverhalten).
- Erfassung der Krankheitsängste, der gedanklichen Beschäftigung mit den Beschwerden, des Kontroll- und Rückversicherungsverhaltens sowie der Beeinträchtigung im Alltag.
- Gezielte Prüfung auf begleitende oder differentialdiagnostisch relevante Depressionen (Erkrankungen mit anhaltender Niedergeschlagenheit oder Interessenverlust), Angststörungen sowie Alkohol- und andere Substanzgebrauchsstörungen (Erkrankungen durch schädlichen oder abhängigen Konsum von Alkohol oder anderen Suchtmitteln). Persönlichkeitsstörungen (anhaltende, ausgeprägte und beeinträchtigende Muster des Erlebens und Verhaltens) nur bei begründetem klinischem Verdacht weitergehend beurteilen.
- Beurteilung von Suizidalität (Gedanken, Absichten oder Handlungen, sich das Leben zu nehmen) und Selbstgefährdung; bei akuter Gefährdung unverzügliche psychiatrische Abklärung.
- Abgrenzung gegenüber ausgeprägter Krankheitsangst bei fehlenden oder gering ausgeprägten Körperbeschwerden. Eine artifizielle Störung (psychische Erkrankung mit absichtlichem Erzeugen oder Vortäuschen von Beschwerden) darf nur bei konkreten Hinweisen auf absichtliche Erzeugung oder Vortäuschung von Symptomen erwogen werden; wechselnde Beschwerden oder unauffällige Befunde reichen hierfür nicht aus.
- Klinische Verlaufskontrolle – erneute gezielte körperliche Untersuchung bei neuen, veränderten oder zunehmenden Beschwerden; Beachtung möglicher körperlicher Begleiterkrankungen und Folgen anhaltender Inaktivität. Umfang und Wiederholung weiterführender Untersuchungen richten sich nach der klinischen Indikation und den verfügbaren Vorbefunden.
Warnbefunde: Kreislaufinstabilität (unzureichend stabile Aufrechterhaltung des Blutkreislaufs), akute Atemnot, neue fokal-neurologische Ausfälle (umschriebene Störungen von Nervenfunktionen, beispielsweise eine einseitige Lähmung), Abwehrspannung, Fieber oder objektivierbarer ungewollter Gewichtsverlust erfordern eine zeitnahe, je nach Befund notfallmäßige somatische Abklärung (Untersuchung auf körperliche Erkrankungen).
Klinische Einordnung: Für somatoforme Störungen (Erkrankungen mit belastenden Körperbeschwerden, die sich durch körperliche Befunde nicht hinreichend erklären lassen) bestehen keine spezifischen körperlichen Untersuchungsbefunde. Ein unauffälliger körperlicher Befund allein sichert die Diagnose nicht. Körperliche Erkrankungen können gleichzeitig vorliegen. Die Beschwerden werden nicht absichtlich erzeugt und sind ernst zu nehmen.
Je nach der genauen Symptomatik sollte eine spezielle körperliche Untersuchung durchgeführt werden.