Missempfindungen (Parästhesien) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
- Inspektion
- Haut und Schleimhäute, insbesondere Beurteilung auf trophische Veränderungen (ernährungsbedingte Gewebeveränderungen), Verletzungen bzw. Ulzera (Geschwüre), Narben und Effloreszenzen (sichtbare Hautveränderungen)
- Extremitäten im Seitenvergleich (Hautfarbe, Hauttemperatur, Schwellung)
- Gangbild und Körperhaltung
- Muskulatur (Seitenvergleich, ggf. Umfangmessungen; Beurteilung auf Atrophien (Muskelschwund) und Faszikulationen (sichtbare Muskelzuckungen))
- Hand- und Fußform bzw. Deformitäten (Fehlstellungen)
- Palpation
- Hauttemperatur und periphere Pulse (Pulse an Armen und Beinen)
- Ggf. Palpation bzw. Perkussion anatomischer Nervenengstellen (Engstellen im Verlauf eines Nervs)
- Inspektion
- Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) – stets im Seitenvergleich und mit topographischer Zuordnung (Zuordnung zum betroffenen Körpergebiet) der Beschwerden:
- Hirnnerven (Gehirnnerven), insbesondere sensible Prüfung des N. trigeminus (Drillingsnerv) bei fazialen Parästhesien (Missempfindungen im Gesicht)
- Sensibilitätsprüfung (Prüfung des Empfindungsvermögens):
- Berührungsempfinden [Hypästhesie (vermindertes Berührungsempfinden)/Anästhesie (fehlendes Berührungsempfinden) bzw. Hyperästhesie (gesteigertes Berührungsempfinden)]
- Schmerzempfinden [Hypalgesie (vermindertes Schmerzempfinden)/Analgesie (fehlendes Schmerzempfinden), Hyperalgesie (gesteigertes Schmerzempfinden) bzw. Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize)]
- Temperaturempfinden [Thermhypästhesie (vermindertes Temperaturempfinden)/Thermanästhesie (fehlendes Temperaturempfinden) bzw. thermische Allodynie (Schmerz durch normalerweise nicht schmerzhafte Temperaturreize)]
- Vibrationsempfinden mit der 128-Hz-Stimmgabel [Pallhypästhesie (vermindertes Vibrationsempfinden)/Pallanästhesie (fehlendes Vibrationsempfinden)]
- Lage- und Bewegungsempfinden [Störung der Propriozeption (Störung der Wahrnehmung von Körperlage und Bewegung)]
- Ggf. Zweipunktdiskrimination (Unterscheidung zweier gleichzeitig gesetzter Berührungsreize), Graphästhesie (Erkennen auf die Haut geschriebener Zeichen) und Stereognosie (Erkennen von Gegenständen durch Ertasten) bei Verdacht auf eine zentrale sensible Störung (Störung der Gefühlswahrnehmung durch Gehirn oder Rückenmark) [gestörte Zweipunktdiskrimination, Graphhypästhesie (vermindertes Erkennen auf die Haut geschriebener Zeichen)/Graphanästhesie (fehlendes Erkennen auf die Haut geschriebener Zeichen) bzw. Astereognosie (fehlendes Erkennen von Gegenständen durch Ertasten)]
- Beurteilung des Verteilungsmusters der Sensibilitätsstörung (Störung des Empfindungsvermögens) [nervenspezifische, dermatomale (einem Hautnervenwurzelgebiet entsprechende), distal symmetrische (körperfern und beidseits gleichartige), socken-/handschuhförmige, hemisensible (eine Körperhälfte betreffende) bzw. dissoziierte Sensibilitätsstörung (unterschiedlicher Ausfall einzelner Empfindungsqualitäten) oder sensibles Niveau (Höhengrenze einer Gefühlsstörung)]
- Motorik (Bewegungsfunktion) (Muskeltonus (Muskelspannung), Kraftprüfung, Prüfung auf Paresen (Lähmungserscheinungen), Atrophien und Faszikulationen)
- Muskeleigenreflexe (Muskelreflexe) und pathologische Reflexe (krankhafte Reflexe)
- Koordination sowie Stand- und Gangproben, insbesondere Romberg-Test (Stehversuch mit geschlossenen Augen) [sensible Ataxie (Gang- und Standunsicherheit infolge einer Gefühlsstörung) bzw. positiver Romberg-Test]
- Ggf. spezielle Provokationstests (Untersuchungen zur gezielten Auslösung von Beschwerden) in Abhängigkeit von der Lokalisation – z. B. Hoffmann-Tinel-, Phalen- bzw. Durkan-Test bei Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom (Einengung des Mittelnervs am Handgelenk), Spurling-Test bei Verdacht auf zervikale Radikulopathie (Nervenwurzelschädigung an der Halswirbelsäule) sowie Lasègue-Test bei Verdacht auf lumbosakrale Radikulopathie (Nervenwurzelschädigung im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins)
- Ggf. orthopädisch-neurologische Untersuchung der Wirbelsäule und der betroffenen Extremität bei segmentaler (einem Nervenwurzelabschnitt entsprechender) bzw. bewegungsabhängiger Symptomatik
- Ggf. orthostatische Kreislaufprüfung (Kreislaufprüfung beim Lagewechsel) bei klinischen Hinweisen auf eine autonome Neuropathie (Schädigung der unwillkürlich arbeitenden Nerven)
- Ggf. psychiatrische Untersuchung bei klinischem Verdacht auf eine funktionelle neurologische Symptomatik (neurologische Beschwerden ohne nachweisbare strukturelle Nervenschädigung)
- Gesundheitscheck
Beachte: Ein unauffälliger klinisch-neurologischer Untersuchungsbefund schließt Parästhesien nicht aus; dies gilt insbesondere bei einer Small-Fiber-Neuropathie (Erkrankung der kleinen Nervenfasern).
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.