Hyperventilation – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Normalisierung der bedarfsangepassten Ventilation und Rückbildung einer hyperventilationsbedingten Hypokapnie (zu wenig Kohlendioxid im Blut) beziehungsweise respiratorischen Alkalose (atmungsbedingten Abnahme des Säuregehalts im Blut). Eine normale Atemfrequenz allein genügt als Therapieziel nicht, da auch eine übermäßige Atemtiefe zur Hyperventilation (Atmung über den Bedarf des Körpers hinaus) führen kann [1].
- Linderung von Angst und Begleitsymptomen sowie Behandlung der auslösenden Erkrankung [1, LL1].
- Vermeidung wiederkehrender Episoden durch Behandlung einer gegebenenfalls zugrunde liegenden Angst- oder Panikstörung (Erkrankung mit übermäßigen Ängsten oder wiederkehrenden Panikattacken) [LL3].
Therapieempfehlungen
- Organische Ursachen ausschließen: Eine psychogene Hyperventilation ist eine Ausschlussdiagnose. Insbesondere Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie, meist durch ein Blutgerinnsel), akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens), Asthma bronchiale (chronisch entzündliche Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Atemnot), Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand), Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlgesteuerte Reaktion des Körpers auf eine Infektion), metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes) und Intoxikationen (Vergiftungen) berücksichtigen. Untersuchung und weiterführende Diagnostik richten sich nach Befund und Risikoprofil; bei unklarer oder ausgeprägter Symptomatik ist eine Blutgasanalyse zur Beurteilung des Säure-Basen-Status sinnvoll. Eine kompensatorische Hyperventilation bei metabolischer Azidose darf nicht als Angstreaktion behandelt und durch Sedierung (medikamentöse Beruhigung) unterdrückt werden [1, LL1].
- Nichtmedikamentöse Akutmaßnahmen: Bei plausibel angstbedingter Hyperventilation ruhig ansprechen, die Beschwerden erklären und zu langsamer, regelmäßiger Atmung mit angemessener Atemtiefe anleiten. Wiederholtes besonders tiefes Einatmen vermeiden. Den klinischen Verlauf beobachten [1, LL1].
- Keine Rückatmung in eine Tüte: Weder Papier- noch Plastiktüten verwenden. Die Rückatmung kann eine gefährliche Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) verursachen und bei einer verkannten kardialen oder pulmonalen Erkrankung besonders schädlich sein [2, LL1].
- Benzodiazepine nur in begründeten Ausnahmefällen: Bei schwerer, anhaltender Angst trotz beruhigender Maßnahmen kann nach Ausschluss einer relevanten organischen Ursache eine ärztlich überwachte orale Anxiolyse (Angstlösung) erwogen werden. Möglichst eine niedrige Einzeldosis verwenden; Bewusstsein, Atmung und Kreislauf kontrollieren. Eine routinemäßige intravenöse Benzodiazepingabe gehört nicht zur Behandlung eines unkomplizierten Hyperventilationsanfalls [LL2, FI1, FI2].
- Bei Tetanie (Muskelkrämpfen durch gesteigerte Erregbarkeit von Nerven und Muskeln): Die respiratorische Alkalose kann das ionisierte Calcium vermindern, obwohl das Gesamtcalcium normal ist. Bei ausgeprägten oder persistierenden Muskelkrämpfen Blutgasanalyse und ionisiertes Calcium bestimmen; weitere Elektrolyte und ein Elektrokardiogramm nach klinischem Befund ergänzen. Eine notwendige gezielte Behandlung einer Hypocalcämie (zu niedrigen Calciumkonzentration im Blut) richtet sich nach Beschwerden und Laborbefund; siehe auch „Tetanie/Pharmakotherapie“ [3].
- Bei wiederkehrenden Episoden: Eine Angst- oder Panikstörung gezielt abklären. Bei gesicherter Panikstörung gehören kognitive Verhaltenstherapie und gegebenenfalls eine längerfristige Pharmakotherapie, insbesondere mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), zu den Behandlungsoptionen. Antidepressiva dienen nicht der unmittelbaren Anfallsunterbrechung. Benzodiazepine sind keine geeignete Dauertherapie; siehe auch „Panikstörungen/Pharmakotherapie“ [LL3].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Benzodiazepine
Die folgenden Angaben gelten für Erwachsene bei ausnahmsweise erforderlicher Behandlung eines ausgeprägten Angstzustands. Die Auswahl und Dosierung richten sich nach Alter, Begleiterkrankungen, Begleitmedikation und klinischem Ansprechen [LL2, FI1, FI2].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Lorazepam | Bei älteren oder geschwächten Patienten initial etwa die halbe Dosis. Bei schwerer Leberfunktionsstörung (eingeschränkter Leberfunktion) besonders vorsichtig dosieren; bei Nierenfunktionsstörung (eingeschränkter Nierenfunktion) mögliche erhöhte Empfindlichkeit beachten. Expidet-Plättchen werden oral eingenommen, sind nicht teilbar und eignen sich nicht zur Herstellung einer 0,5-mg-Dosis; hierfür eine geeignete Tablettenstärke verwenden [FI1, FI3]. |
| Oxazepam | Langsame Resorption; maximale Plasmaspiegel meist nach 1 bis 3 Stunden. Deshalb für eine rasche Anfallsunterbrechung weniger geeignet. Bei eingeschränkter Nierenfunktion sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und gegebenenfalls Dosisreduktion. Keine vorschnelle Nachdosierung [FI2]. |
- Wirkweise: Verstärkung der hemmenden Wirkung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA) am GABA-A-Rezeptor durch Bindung an dessen Benzodiazepin-Bindungsstelle; anxiolytische, sedierende, hypnotische, muskelrelaxierende und antikonvulsive Effekte [FI1, FI2].
- Indikationen: Symptomatische Kurzzeitbehandlung ausgeprägter Angst-, Spannungs- und Erregungszustände. Bei Hyperventilation ist die behandlungsbedürftige Angst der mögliche Anlass für den Einsatz; eine erhöhte Atemfrequenz allein begründet keine Benzodiazepintherapie [LL2, FI1, FI2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Benzodiazepine beziehungsweise Bestandteile des Präparats sowie eine Abhängigkeitsanamnese (Abhängigkeitserkrankung in der Vorgeschichte). Für das aufgeführte Oxazepam-Präparat zusätzlich Myasthenia gravis (Erkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche), spinale oder zerebellare Ataxien (Störungen der Bewegungskoordination durch Erkrankungen des Rückenmarks oder Kleinhirns) sowie akute Intoxikationen mit Alkohol oder bestimmten zentral dämpfenden Arzneimitteln. Ateminsuffizienz (unzureichende Atemfunktion), Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) und schwere Lebererkrankungen erfordern eine besonders strenge Nutzen-Risiko-Abwägung; die produktbezogenen Gegenanzeigen und Warnhinweise beachten [FI1, FI2, FI3].
- Nebenwirkungen: Sedierung, Müdigkeit, Schwindel, Ataxie, Muskelschwäche, Stürze, anterograde Amnesie (Unfähigkeit, neue Erinnerungen zu speichern) und paradoxe Erregung (unerwartete Unruhe statt Beruhigung); außerdem Atemdepression (Dämpfung des Atemantriebs), insbesondere bei Risikopatienten oder Kombination mit anderen zentral dämpfenden Substanzen. Missbrauch, Abhängigkeit sowie Entzugs- und Rebound-Symptome (Beschwerden nach dem Absetzen und verstärktes Wiederauftreten der ursprünglichen Beschwerden) sind möglich [FI1, FI2, FI3].
Beachte
- Anwendungsdauer: Bei akuten Beschwerden auf Einzelgaben beziehungsweise wenige Tage begrenzen. Nach regelmäßiger längerer Einnahme nicht abrupt absetzen, sondern individuell ausschleichen [FI1, FI3].
- Wechselwirkungen: Alkohol vermeiden. Die Kombination mit Opioiden oder anderen sedierenden Arzneimitteln erhöht das Risiko für schwere Sedierung, Atemdepression und Koma (tiefe Bewusstlosigkeit) [FI1, FI2].
- Verkehrstüchtigkeit: Nach Einnahme keine aktive Teilnahme am Straßenverkehr und keine gefährlichen Maschinen bedienen, solange das Reaktionsvermögen beeinträchtigt ist [FI1, FI3].
Red Flags (Warnzeichen) bei Hyperventilation
- Thoraxschmerz (Schmerzen im Brustkorb), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten), Hypoxämie oder Kreislaufinstabilität (unzureichende Aufrechterhaltung von Blutdruck und Organdurchblutung): unverzügliche notfallmedizinische Abklärung [1, LL1].
- Bewusstseinsstörung (eingeschränkte Wachheit oder Wahrnehmung) oder klinische Verschlechterung: sofortige Notfallbeurteilung; keine weitere unkritische Sedierung [LL1, FI1].
- Persistierende Tetanie oder Herzrhythmusstörungen (unregelmäßiger, zu schneller oder zu langsamer Herzschlag): dringliche Kontrolle von Säure-Basen-Status und Elektrolyten einschließlich ionisiertem Calcium [3].
- Fehlende vollständige Erholung nach etwa 30 Minuten oder erneute Beschwerden: ärztliche Neubewertung der Ursache; bei Verschlechterung sofortige Eskalation [LL1].
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- GABA: Gamma-Aminobuttersäure
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence
- p.o.: per os
- SSRI: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Literatur
- Pfortmueller CA, Pauchard-Neuwerth SE, Leichtle AB et al.: Primary Hyperventilation in the Emergency Department: A First Overview. PLoS One. 2015;10(6):e0129562. doi: 10.1371/journal.pone.0129562
- Callaham M: Hypoxic hazards of traditional paper bag rebreathing in hyperventilating patients. Ann Emerg Med. 1989;18(6):622-628. doi: 10.1016/S0196-0644(89)80515-3
- McGillicuddy C, Molins C: The Effect of Hyperventilation Syndrome on Ionized and Serum Calcium: A Case Presentation in the Emergency Department. Cureus. 2023;15(7):e42310. doi: 10.7759/cureus.42310
Leitlinien
- Australian and New Zealand Committee on Resuscitation: Guideline 9.2.8 – First Aid Management of Rapid Breathing (including Panic Attack). Verabschiedet März 2023; abgerufen am 30.09.2026. Volltext [LL1]
- S3-Leitlinie: Behandlung von Angststörungen. (AWMF-Registernummer: 051-028). Version 2.0, April 2021. Formale Gültigkeit bis 05.04.2026; hier ergänzend als ältere Fassung berücksichtigt. Langfassung [LL2]
- National Institute for Health and Care Excellence: Generalised anxiety disorder and panic disorder in adults: management. Clinical guideline CG113. Aktualisiert am 15.06.2020; abgerufen am 30.09.2026. Empfehlungen [LL3]
Fachinformationen
- PFIZER PHARMA GmbH: Tavor 0,5 mg/1,0 mg/Tabs 2 mg/2,5 mg Tabletten. Stand März 2023. Fachinformation [FI1]
- ratiopharm GmbH: Oxazepam-ratiopharm 10 mg Tabletten. Stand September 2018, Version 2; Herstellerdokument abgerufen am 30.09.2026. Fachinformation [FI2]
- PFIZER PHARMA GmbH: Tavor 1,0 mg und 2,5 mg Expidet Plättchen. Stand Dezember 2023. Fachinformation [FI3]