Hyperventilation – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte. Dabei ist zu beachten, dass Hyperventilation (übermäßig schnelle und/oder tiefe Atmung) zunächst ein klinisches bzw. pathophysiologisches Phänomen und keine ätiologische Diagnose darstellt. Insbesondere eine primäre bzw. funktionelle Hyperventilation ist eine Ausschlussdiagnose; relevante kardiopulmonale, metabolische, neurologische und infektiöse Ursachen müssen entsprechend der klinischen Situation berücksichtigt werden.

  • Allgemeinzustand und Vitalparameter (grundlegende Körperfunktionen) Beurteilung von Bewusstseinslage, Blutdruck, Pulsfrequenz und -rhythmus, Atemfrequenz, Atemtiefe und Atemmuster sowie Körpertemperatur
    • Tachypnoe (beschleunigte Atmung) und/oder auffällig vertiefte Atmung können vorliegen; eine erhöhte Atemfrequenz allein beweist jedoch keine pathophysiologische Hyperventilation.
    • Unruhe, Agitiertheit, Tremor (Zittern) oder vermehrtes Schwitzen können eine Hyperventilation begleiten, sind jedoch unspezifisch und dürfen nicht vorschnell als Hinweis auf eine psychogene Genese gewertet werden.
    • Fieber, Hypotonie (niedriger Blutdruck), Bewusstseinsstörung oder ein deutlich reduzierter Allgemeinzustand sprechen für die gezielte Suche nach einer organischen Ursache.
  • Inspektion (Betrachtung) von Haut und Schleimhäuten insbesondere Beurteilung auf Zyanose (Blauverfärbung von Haut oder Schleimhäuten), Blässe und Schweißneigung
    • Eine Zyanose ist mit einer isolierten primären Hyperventilation nicht vereinbar und erfordert die umgehende Abklärung einer kardialen oder pulmonalen Ursache.
  • Untersuchung des Respirationstrakts (Atemwege) Inspektion, Perkussion (Abklopfen) und Auskultation (Abhören) von Thorax (Brustkorb) und Lunge
    • Inspektion des Atemmusters auf Tachypnoe, Hyperpnoe (vertiefte Atmung), thorakoabdominelle Atembewegungen, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Einziehungen und Seitendifferenzen der Thoraxexkursion (Brustkorbbewegung beim Atmen)
    • Auskultation auf Giemen bzw. Brummen als Hinweis auf eine obstruktive Atemwegserkrankung (Atemwegserkrankung mit Verengung), insbesondere Asthma bronchiale (anfallsweise Atemwegsverengung) oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung (dauerhafte Lungenerkrankung mit verengten Atemwegen)
    • Auskultation auf Rasselgeräusche als möglicher Hinweis auf Pneumonie (Lungenentzündung) oder pulmonale Stauung (Flüssigkeitsstauung in der Lunge)
    • Prüfung auf Stridor (pfeifendes Atemgeräusch) als Hinweis auf eine Obstruktion der oberen Atemwege
    • Seitendifferent stark abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch und auffälliger Perkussionsbefund als Hinweis unter anderem auf Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand)
    • Tiefe, regelmäßige, angestrengte Atmung im Sinne einer Kussmaul-Atmung (tiefe, regelmäßige Atmung bei schwerer Übersäuerung) kann auf eine schwere metabolische Azidose (Übersäuerung des Körpers durch Stoffwechselstörung) hinweisen und ist von einer primären Hyperventilation abzugrenzen.
  • Untersuchung des Herz-Kreislauf-Systems Palpation (Abtasten) des Pulses sowie Auskultation des Herzens
    • Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus; eine Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) kann die Hyperventilation begleiten, ist jedoch unspezifisch.
    • Arrhythmischer Puls (unregelmäßiger Puls), ausgeprägte Tachykardie oder Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), pathologische Herzgeräusche, Hypotonie oder klinische Zeichen einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) erfordern eine weiterführende kardiale Abklärung.
  • Untersuchung der unteren Extremitäten bei klinischem Verdacht auf venöse Thromboembolie (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel) insbesondere Inspektion und Palpation auf einseitige Beinschwellung, Umfangsdifferenz und Druckschmerz im Verlauf der tiefen Venen
  • Orientierende neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) Beurteilung von Bewusstseinslage, Orientierung, Sprache, Pupillen, Motorik und fokal-neurologischen Defiziten (umschriebenen Ausfällen des Nervensystems)
    • Bewusstseinsstörungen, fokal-neurologische Defizite oder Krampfanfälle sprechen gegen die Annahme einer unkomplizierten primären Hyperventilation und erfordern die gezielte neurologische bzw. internistische Abklärung.
  • Neuromuskuläre Untersuchung (Untersuchung von Nerven und Muskeln) bei Verdacht auf Tetanie (Muskelkrämpfe durch gesteigerte Erregbarkeit) Eine ausgeprägte Hyperventilation kann über Hypokapnie (verminderten Kohlendioxidgehalt im Blut) und respiratorische Alkalose (durch verstärkte Atmung verursachte Verschiebung des Blut-pH-Werts ins Alkalische) zu einer Abnahme des ionisierten Calciums und dadurch zu gesteigerter neuromuskulärer Erregbarkeit bis hin zur Tetanie führen.
    • Carpopedale Spasmen (Krämpfe an Händen und Füßen) typische Pfötchenstellung der Hände mit Beugung im Handgelenk und in den Metakarpophalangealgelenken sowie Streckung der Interphalangealgelenke
    • Chvostek-Zeichen (Gesichtsmuskelzucken nach Beklopfen eines Gesichtsnervs) ipsilaterale Kontraktion der Gesichtsmuskulatur nach Beklopfen des Nervus facialis vor dem Ohr; das Zeichen ist nicht spezifisch für eine hyperventilationsbedingte Tetanie.
    • Trousseau-Zeichen (Krampfstellung der Hand nach Blutdruckmanschetten-Kompression) Auslösung eines carpopedalen Spasmus durch Aufpumpen einer Blutdruckmanschette oberhalb des systolischen Blutdrucks für etwa 2-3 Minuten; ein positives Zeichen weist auf eine erhöhte neuromuskuläre Erregbarkeit hin.

Die früher beschriebenen Erb-, Fibularis- und Schulze-Zeichen besitzen für die routinemäßige klinische Abklärung einer Hyperventilation keinen relevanten zusätzlichen diagnostischen Stellenwert und gehören nicht zur regelhaften körperlichen Untersuchung.

Red Flags (Warnzeichen) bei Hyperventilation

  • Zyanose oder ausgeprägte klinische Zeichen erhöhter Atemarbeit
  • Stridor
  • Seitendifferent deutlich abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch
  • Hypotonie bzw. klinische Schockzeichen
  • Ausgeprägte Tachykardie, Bradykardie oder neu aufgetretener unregelmäßiger Puls
  • Bewusstseinsstörung, Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), fokal-neurologische Defizite oder Krampfanfall
  • Einseitige Beinschwellung bzw. klinische Zeichen einer tiefen Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) bei gleichzeitig bestehender Dyspnoe (Atemnot)/Tachypnoe
  • Fieber bzw. deutlich reduzierter Allgemeinzustand als Hinweis auf eine infektiöse oder septische Ursache
  • Kussmaul-Atmung bzw. andere klinische Hinweise auf eine schwere metabolische Azidose
  • Ausgeprägte oder persistierende Tetanie bzw. Laryngospasmus (Krampf der Kehlkopfmuskulatur)