Burnout-Syndrom – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Reduktion der emotionalen und körperlichen Erschöpfung
- Wiederherstellung von Regenerationsfähigkeit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität
- Reduktion der arbeitsbezogenen Belastungsfaktoren
- Verhinderung einer Chronifizierung (dauerhaften Verfestigung) und längerfristigen Arbeitsunfähigkeit
- Diagnostik und leitliniengerechte Behandlung komorbider psychischer oder somatischer Erkrankungen (gleichzeitig bestehender seelischer oder körperlicher Erkrankungen)
- Planung einer nachhaltigen beruflichen Wiedereingliederung
Therapieempfehlungen
Grundsatz: Das Burn-out-Syndrom (berufliche Erschöpfungssyndrom) ist nach der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation unter QD85 als arbeitsbezogenes Phänomen und nicht als eigenständige Krankheit klassifiziert. In der ICD-10-GM wird „Ausgebranntsein [Burn-out]“ unter Z73 bei Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung geführt [B1, B2].
Für das Burn-out-Syndrom selbst existiert keine zugelassene oder durch belastbare Evidenz gestützte spezifische Pharmakotherapie. Medikamente dürfen daher nicht allein aufgrund der Bezeichnung „Burn-out“ verordnet werden und ersetzen weder psychotherapeutische noch arbeitsplatzbezogene Interventionen [1-3].
- Vor jeder Therapie:
- Systematische Abklärung insbesondere einer unipolaren Depression (depressive Erkrankung ohne manische Phasen), Angststörung (krankhafte Angst), Anpassungsstörung (seelische Reaktion auf belastende Lebensereignisse), Insomnie (Schlaflosigkeit), Substanzkonsumstörung (schädlicher oder abhängiger Konsum psychoaktiver Substanzen) und somatischen Ursache der Erschöpfung
- Aktive Exploration von Suizidgedanken (Gedanken an Selbsttötung), Suizidplänen, Selbstverletzungen, psychotischen Symptomen (Anzeichen eines Verlustes des Realitätsbezugs) und manischen oder hypomanischen Episoden (Phasen krankhaft gesteigerter Stimmung und Aktivität)
- Erhebung der aktuellen Medikation sowie des Konsums von Alkohol, Cannabis, Sedativa, Stimulanzien und anderen psychoaktiven Substanzen
- Analyse der arbeitsbezogenen Auslöser wie Arbeitsmenge, Zeitdruck, Schichtarbeit, mangelnde Erholungszeiten, geringe Handlungskontrolle, Rollenkonflikte, Mobbing oder fehlende soziale Unterstützung
- Multimodale Basistherapie:
- Psychoedukation und gemeinsame Festlegung konkreter Therapieziele
- Psychotherapeutische Interventionen, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, Stressbewältigung, Förderung der Abgrenzungsfähigkeit und Bearbeitung dysfunktionaler arbeitsbezogener Einstellungen
- Wiederherstellung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus, ausreichender Erholungszeiten und körperlicher Aktivität
- Reduktion arbeitsbezogener Belastungen und Stärkung vorhandener Ressourcen
- Frühzeitige Einbeziehung des Betriebsarztes beziehungsweise arbeitsmedizinischer oder rehabilitationsmedizinischer Angebote, sofern der Patient zustimmt
- Bei Arbeitsunfähigkeit strukturierte, stufenweise und mit dem Arbeitsplatz abgestimmte Wiedereingliederung
- Arbeitsplatzbezogene Interventionen:
- Arbeitsmenge und Verantwortungsumfang überprüfen und gegebenenfalls reduzieren
- Aufgaben, Zuständigkeiten und Prioritäten verbindlich klären
- Handlungsspielraum, personelle Ressourcen, Pausen und Erholungszeiten verbessern
- Konflikte, Mobbing, fehlende Unterstützung und organisatorische Fehlbelastungen gezielt bearbeiten
- Individuelle und organisatorische Maßnahmen möglichst kombinieren; organisationsbezogene und kombinierte Interventionen können die Erschöpfung reduzieren, die Evidenzqualität ist jedoch niedrig bis sehr niedrig [1]
- Bei längerfristiger Arbeitsunfähigkeit ein abgestimmtes Return-to-Work-Konzept erstellen; die Evidenz für einzelne Wiedereingliederungsprogramme ist begrenzt, arbeitsplatzbezogene Maßnahmen erscheinen jedoch besonders relevant [2, 3]
- Medikamentöse Therapie:
- Nur bei einer gesicherten, eigenständig behandlungsbedürftigen komorbiden Erkrankung und entsprechend deren Leitlinie
- Die Auswahl des Wirkstoffs richtet sich nach Diagnose, Schweregrad, Leitsymptomen, Vorerfahrungen, Patientenpräferenz, Komorbiditäten, Interaktionen, Kontraindikationen und Nebenwirkungsprofil
- Der Behandlungserfolg muss anhand der Symptomatik der diagnostizierten Komorbidität beurteilt werden; ein unspezifischer „Burn-out-Score“ ist keine ausreichende Grundlage für die medikamentöse Therapiesteuerung
- Komorbide unipolare Depression:
- Bei einer leichten depressiven Episode sollen Antidepressiva nicht vor niedrigintensiven Interventionen als Erstbehandlung eingesetzt werden
- Bei einer mittelgradigen depressiven Episode sollen Psychotherapie und medikamentöse Therapie gleichwertig angeboten und partizipativ ausgewählt werden
- Bei einer schweren depressiven Episode soll eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie empfohlen werden [LL1]
- Antidepressiva nicht zur Behandlung von Erschöpfung, Leistungsminderung oder Schlafstörungen ohne gesicherte depressive oder andere zugelassene Indikation einsetzen
- Vor Beginn einer antidepressiven Therapie bipolare Störungen (Erkrankungen mit depressiven und manischen Phasen) ausschließen und Suizidalität (Gefährdung durch Selbsttötungsgedanken oder -handlungen) erfassen
- Therapie, Dosierung, Verlaufskontrollen, Erhaltungstherapie und Absetzen gemäß dem Kapitel „Unipolare Depression/Pharmakotherapie“ durchführen
- Komorbide Insomnie:
- Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie soll als erste Behandlungsoption empfohlen werden, auch bei psychischen oder somatischen Komorbiditäten
- Eine medikamentöse Therapie kann angeboten werden, wenn die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie nicht hinreichend wirksam oder nicht durchführbar ist
- Benzodiazepine und Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten sind in der Kurzzeitbehandlung bis zu vier Wochen wirksam; eine Langzeitbehandlung soll nicht empfohlen werden
- Doxepin und Trazodon können im begründeten Off-Label-Use wirksam sein; eine Langzeitbehandlung mit sedierenden Antidepressiva sollte bei isolierter Insomnie nicht empfohlen werden
- Antipsychotika sollen bei Insomnie ohne psychiatrische Komorbidität nicht eingesetzt werden
- Sedierende Antihistaminika sollen nicht empfohlen werden
- Orexin-Rezeptor-Antagonisten können bei gesicherter Insomnie eingesetzt werden; eine Behandlung über ein Jahr hinaus sollte nicht empfohlen werden
- Melatonin kann bei Patienten ab 55 Jahren wirksam sein; eine Langzeitbehandlung soll nicht empfohlen werden
- Phytopharmaka sollten zur Behandlung der Insomnie nicht empfohlen werden [LL2]
- Weitere Angaben gemäß dem Kapitel „Insomnie/Pharmakotherapie“
- Weitere komorbide Erkrankungen:
- Angststörungen, Anpassungsstörungen, Substanzkonsumstörungen, chronische Schmerzsyndrome (lang anhaltende Schmerzerkrankungen) und somatische Erkrankungen ausschließlich nach gesicherter Diagnose entsprechend der jeweiligen Leitlinie behandeln
- Unspezifische somatische Beschwerden nicht mit mehreren symptomatischen Arzneimitteln behandeln, bevor eine organische oder psychische Ursache geklärt ist
- Nicht empfohlen:
- Antidepressiva ausschließlich zur Behandlung eines Burn-out-Syndroms ohne eigenständige zugelassene Indikation
- Benzodiazepine oder Z-Substanzen zur längerfristigen Stressreduktion
- Antipsychotika ohne psychiatrische Indikation
- Psychostimulanzien, Modafinil oder Nootropika zur unspezifischen Steigerung der beruflichen Leistungsfähigkeit
- Alkohol, Cannabis oder andere psychoaktive Substanzen zur Entspannung oder Schlafinduktion
- Glucocorticosteroide, Schilddrüsenhormone oder andere Hormonpräparate ohne endokrinologisch gesicherte Indikation
Beachte
- Keine symptomorientierte Fehldiagnose: Ausgeprägte Antriebsminderung, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, generalisierte Selbstwertminderung oder Suizidalität sprechen für eine depressive Störung und nicht für ein isoliertes Burn-out-Syndrom.
- Keine rein medikamentöse Behandlung: Auch bei einer medikamentös behandelten Komorbidität müssen die arbeitsbezogenen Belastungsfaktoren und die psychotherapeutischen Behandlungsbedürfnisse berücksichtigt werden.
- Arbeitsunfähigkeit: Eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit kann erforderlich sein, sollte jedoch mit therapeutischen Zielen, regelmäßiger Verlaufskontrolle und frühzeitiger Planung der Wiedereingliederung verbunden werden.
- Verlaufskontrolle: Klinische Symptomatik, Funktionsniveau, Schlaf, Substanzkonsum, Suizidalität, Arzneimittelwirkungen und arbeitsbezogene Belastungen regelmäßig überprüfen.
Wirkstoffe
Burn-out-Syndrom: Es gibt keinen spezifischen zugelassenen Wirkstoff.
Komorbide Erkrankungen: Wirkstoffauswahl und Dosierung gemäß der jeweiligen Diagnose und dem entsprechenden Pharmakotherapie-Kapitel.
Red Flags (Warnzeichen) bei Burn-out-Syndrom
- Akute Suizidalität: Konkrete Suizidgedanken, Suizidpläne, Vorbereitungen, fehlende Distanzierungsfähigkeit oder vorausgegangener Suizidversuch erfordern eine sofortige psychiatrische Krisenintervention und gegebenenfalls eine geschützte stationäre Behandlung [LL1].
- Schwere depressive Symptomatik: Ausgeprägte Hoffnungslosigkeit, psychomotorische Hemmung (stark verlangsamtes Denken und Bewegen) oder Agitation (starke innere und motorische Unruhe), erhebliche Selbstvernachlässigung, Nahrungs- oder Flüssigkeitsverweigerung
- Psychotische Symptome: Wahn (realitätsferne feste Überzeugungen), Halluzinationen (Sinneswahrnehmungen ohne äußeren Reiz), schwere Desorganisation (schwere Störung von Denken und Verhalten) oder Realitätsverlust
- Manie oder Hypomanie: Deutlich vermindertes Schlafbedürfnis, gesteigerter Antrieb, Enthemmung, Größenideen oder riskantes Verhalten
- Substanzbezogener Notfall: Intoxikation (Vergiftung), Entzugssymptome (Beschwerden beim Absetzen einer abhängig machenden Substanz), Kontrollverlust oder kombinierter Konsum sedierender Substanzen
- Somatische Warnzeichen: Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), Thoraxschmerz (Brustschmerz), Dyspnoe (Atemnot), neurologische Ausfälle (Störungen von Gehirn, Rückenmark oder Nerven), Fieber, erheblicher Gewichtsverlust oder andere Hinweise auf eine akute organische Erkrankung
- Fehlende Selbstfürsorge: Unfähigkeit zur Sicherstellung von Ernährung, Flüssigkeitsaufnahme, Körperpflege oder notwendiger medizinischer Behandlung
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Nerven und Psyche sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Kalium, Magnesium)
- Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Aminosäuren (L-Tyrosin, Tryptophan)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Grüntee-Polyphenole (Epigallocatechingallate), Grüntee-Extrakt (Theanin))
- Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Phosphatidylserin, Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesium- und Kaliumcitrat), Baldrianwurzel-Extrakt, Melissenkraut-Extrakt, Schlafbeerenwurzel-Extrakt, Rosenwurzwurzel-Extrakt)
Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge eines Burnout-Syndroms s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- BfArM: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- ICD: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme
- NVL: Nationale VersorgungsLeitlinie
- WHO: World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)
Literatur
- Bes I, Shoman Y, Al-Gobari M, Rousson V, Guseva Canu I. Organizational interventions and occupational burnout: a meta-analysis with focus on exhaustion. Int Arch Occup Environ Health. 2023;96:1211-1223. doi:10.1007/s00420-023-02009-z
- Lambreghts C, Vandenbroeck S, Goorts K, Godderis L. Return-to-work interventions for sick-listed employees with burnout: a systematic review. Occup Environ Med. 2023;80:538-544. doi:10.1136/oemed-2023-108867
- Ahola K, Toppinen-Tanner S, Seppänen J. Interventions to alleviate burnout symptoms and to support return to work among employees with burnout: systematic review and meta-analysis. Burn Res. 2017;4:1-11. doi:10.1016/j.burn.2017.02.001
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. (AWMF-Registernummer: nvl-005), September 2022 Langfassung; doi:10.6101/AZQ/000505 [LL1]
- S3-Leitlinie: Insomnie bei Erwachsenen - Update 2025. (AWMF-Registernummer: 063-003), April 2025 Langfassung [LL2]
Behördliche und regulatorische Quellen
- World Health Organization. Burn-out an occupational phenomenon - International Classification of Diseases. Mai 2019. Volltext [B1]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. ICD-10-GM Version 2026 - Z73 Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung. Klassifikation [B2]