Burnout-Syndrom – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch das Burnout-Syndrom (Erschöpfungssyndrom) mitbedingt sein können:
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2) – Burnout und vitale Erschöpfung (starke körperliche und seelische Erschöpfung) sind in einer systematischen Übersicht und Metaanalyse mit einem erhöhten Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 assoziiert; die Evidenz ist wegen methodischer Heterogenität und überwiegend beobachtender Studiendesigns als Assoziation, nicht als gesicherte Kausalität zu bewerten [3]
- Metabolisches Syndrom (Kombination aus Bauchfett, Bluthochdruck sowie Zucker- und Fettstoffwechselstörung) – Burnout und vitale Erschöpfung sind in einer systematischen Übersicht und Metaanalyse mit dem metabolischen Syndrom bzw. einzelnen Komponenten wie zentraler Adipositas (Fettleibigkeit), Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung), Blutdruckerhöhung und Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) assoziiert; die Befundlage erlaubt keine monokausale Zuschreibung [4]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) bzw. Prä-Hypertonie (Vorstufe des Bluthochdrucks) – Burnout ist in einer aktuellen systematischen Übersicht und Metaanalyse mit einem erhöhten Risiko für Prä-Hypertonie assoziiert; plausible vermittelnde Faktoren sind Sympathikusaktivierung (Aktivierung des Stressnervensystems), Schlafstörung (gestörter Schlaf), Entzündungsaktivierung (Aktivierung von Entzündungsprozessen) und ungünstiges Gesundheitsverhalten [1]
- Herzkreislauferkrankungen insgesamt – Burnout war in einer systematischen Übersicht und Metaanalyse mit einem moderat erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) assoziiert; die Kausalität ist wegen weniger prospektiver Studien, Heterogenität und Residualkonfundierung (verbleibende Verzerrung durch Störfaktoren) eingeschränkt [1]
- Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags), insbesondere Vorhofflimmern (unregelmäßiger Herzrhythmus aus den Herzvorhöfen) – vitale Erschöpfung als burnoutnahes Konstrukt war in der Atherosclerosis Risk in Communities Study mit einem erhöhten Risiko für inzidentes Vorhofflimmern assoziiert; dies ist kein direkter Burnout-Nachweis, aber eine klinisch relevante stressassoziierte Befundlage [2]
- Kardiovaskulär bedingte Hospitalisierung (Krankenhausaufnahme) – Burnout war in der Metaanalyse mit einer erhöhten Rate kardiovaskulärer Krankenhausaufnahmen assoziiert [1]
- Koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) – für koronare Herzkrankheit zeigte die Metaanalyse eine Risikozunahme, die in den am stärksten adjustierten Analysen nicht durchgehend statistisch robust war; Aufnahme deshalb als mögliche mitbedingte Komplikation bei zusätzlichem kardiovaskulärem Risikoprofil [1]
- Myokardinfarkt (Herzinfarkt) – für Myokardinfarkt zeigte sich in der Metaanalyse eine Risikozunahme, jedoch ohne durchgehend robuste Signifikanz in den am stärksten adjustierten Analysen; Aufnahme deshalb nur als mögliche stressassoziierte Komplikation bei zusätzlichem kardiovaskulärem Risikoprofil [1]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörungen (krankhafte Angstzustände) – Burnout ist in einer systematischen Übersicht und Metaanalyse signifikant mit Angstsymptomatik (Angstbeschwerden) assoziiert; Burnout und Angststörungen sind jedoch diagnostisch voneinander abzugrenzen [5]
- Depressive Störungen (krankhafte Niedergeschlagenheit) – Burnout ist eng mit depressiver Symptomatik (depressive Beschwerden) assoziiert, aber nicht mit einer depressiven Störung gleichzusetzen; differentialdiagnostisch ist eine depressive Episode (zeitlich begrenzte Phase einer Depression) aktiv auszuschließen [5, LL4]
- Insomnie (Schlaflosigkeit) und andere Schlafstörungen – Burnout ist in systematischen Übersichten und Metaanalysen mit Schlafproblemen assoziiert; Schlafstörungen können Burnout verstärken und zugleich als vermittelnder Risikofaktor für psychische und kardiometabolische Komplikationen wirken [6]
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (Störungen von Aufmerksamkeit und Gedächtnis) – häufige funktionelle Begleit- bzw. Folgeproblematik bei emotionaler Erschöpfung (seelischer Erschöpfung), Schlafstörung, depressiver Symptomatik und chronischer arbeitsbezogener Stressbelastung; differentialdiagnostisch sind Depression (krankhafte Niedergeschlagenheit), Angststörung, Schlafstörung, Substanzkonsum (Konsum suchterzeugender Stoffe), endokrine Ursachen (hormonelle Ursachen) und neurologische Erkrankungen (Erkrankungen des Nervensystems) abzugrenzen [5, 6, LL4]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Suizidgedanken (Gedanken an Selbsttötung) und Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung) – Metaanalysen zeigen eine signifikante Assoziation zwischen Burnout und Suizidgedanken; bei Suizidalität ist immer eine unmittelbare psychiatrische Risikoabklärung (fachärztliche Einschätzung der Selbsttötungsgefahr) erforderlich, insbesondere im Hinblick auf depressive Störung, Angststörung, Substanzkonsum und akute psychosoziale Krisen [7]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Fertilitätsstörungen (Fruchtbarkeitsstörungen) des Mannes – arbeitsbezogener psychosozialer Stress ist in systematischen Übersichten mit einzelnen Parametern der Fertilität (Fruchtbarkeit) untersucht worden; die Evidenz für Burnout als eigenständigen Risikofaktor ist indirekt und heterogen, weshalb nur eine vorsichtige Einordnung als mögliche stressassoziierte Komplikation gerechtfertigt ist [8]
- Fertilitätsstörungen der Frau – psychosoziale Arbeitsfaktoren wurden in systematischen Übersichten mit Fertilität, Fertilitätsintention (Kinderwunschabsicht) und Fertilitätsbehandlungsergebnissen (Ergebnissen von Kinderwunschbehandlungen) untersucht; die Evidenz ist indirekt und nicht ausreichend für eine kausale Burnout-Zuschreibung [8, 9]
- Menstruationsstörungen (Störungen der Monatsblutung) – psychosoziale Arbeitsfaktoren sind mit Menstruationsstörungen untersucht worden; die prospektive Evidenz ist begrenzt, weshalb Menstruationsstörungen nur als mögliche stressassoziierte Komplikation, nicht als gesicherte Burnout-Folge, zu werten sind [9]
Weiteres
- Arbeitsunfähigkeit und Arbeitsplatzverlust – relevante arbeitsbezogene und soziale Folge bei schwerem oder prolongiertem Burnout, insbesondere bei fehlender Arbeitsplatzanpassung, hoher Arbeitsbelastung, fehlender sozialer Unterstützung und komorbider Depression oder Angststörung [LL1-LL3]
- Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit – reduzierte Arbeitsleistung, Präsentismus (Arbeiten trotz Krankheit), Fehlzeiten und verminderte berufliche Selbstwirksamkeit sind Kernfolgen des Burnout-Syndroms und zugleich Teil der ICD-11-Konzeption [LL1]
- Vernachlässigung sozialer Pflichten und persönlicher Interessen – mögliche funktionelle Folge emotionaler Erschöpfung, Distanzierung, Schlafstörung und affektiver Begleitsymptomatik (Beschwerden der Stimmungslage) [LL1-LL3]
Prognosefaktoren
- Ungünstige Prognosefaktoren
- Persistierende hohe Arbeitsanforderungen bei geringer Kontrolle und geringer sozialer Unterstützung [LL2, LL3]
- Komorbide depressive Störung, Angststörung, Insomnie oder Substanzkonsum [5, 6, LL4]
- Vorhandene kardiometabolische Risikofaktoren, insbesondere arterielle Hypertonie, Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 und Bewegungsmangel [1, 3, 4]
- Fehlende organisatorische Interventionen am Arbeitsplatz und ausschließlich individualisierte Bewältigungsstrategien bei fortbestehender struktureller Überlastung [LL2, LL3]
- Lange Symptomdauer mit Arbeitsunfähigkeit, sozialem Rückzug oder Suizidgedanken [7, LL2-LL4]
- Günstige Prognosefaktoren
- Frühe Diagnostik und klare Abgrenzung gegenüber Depression, Angststörung, Schlafstörung, somatischer Erkrankung (körperlicher Erkrankung) und Substanzkonsum [5, 6, LL4]
- Arbeitsplatzbezogene Interventionen mit Reduktion dysfunktionaler Arbeitsanforderungen, Stärkung von Kontrolle, Teamunterstützung und Führungskultur [LL2, LL3]
- Behandlung komorbider psychischer und somatischer Erkrankungen [5, 6, LL4]
- Stufenweise berufliche Wiedereingliederung und nachhaltige Anpassung der Arbeitsbedingungen [LL2, LL3]
Literatur
- John A, Bouillon-Minois JB, Bagheri R, Pélissier C, Charbotel B, Llorca PM et al.: The influence of burnout on cardiovascular disease: a systematic review and meta-analysis. Front Psychiatry. 2024;15:1326745. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1326745
- Garg PK, Claxton JS, Soliman EZ, Chen LY, Lewis TT, Mosley T et al.: Associations of anger, vital exhaustion, anti-depressant use, and poor social ties with incident atrial fibrillation: The Atherosclerosis Risk in Communities Study. Eur J Prev Cardiol. 2021;28(6):633-640. https://doi.org/10.1177/2047487319897163
- Strikwerda M, Beulens JWJ, Remmelzwaal S, Schoonmade LJ, van Straten A, Schram MT, Elders PJM, Rutters F: The Association of Burnout and Vital Exhaustion With Type 2 Diabetes: A Systematic Review and Meta-Analysis. Psychosom Med. 2021;83(9):1013-1030. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000995
- Kremers SHM, Beulens JWJ, Strikwerda M, Remmelzwaal S, Schoonmade LJ, van Straten A, Schram MT et al.: The association of burnout and vital exhaustion with measures of the metabolic syndrome: A systematic review and meta-analysis. Health Psychol. 2025. https://doi.org/10.1037/hea0001498
- Koutsimani P, Montgomery A, Georganta K: The Relationship Between Burnout, Depression, and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front Psychol. 2019;10:284. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.00284
- Membrive-Jiménez MJ, Gómez-Urquiza JL, Suleiman-Martos N, Velando-Soriano A, Ariza T, De la Fuente-Solana EI, Cañadas-De la Fuente GA: Relation between Burnout and Sleep Problems in Nurses: A Systematic Review with Meta-Analysis. Healthcare (Basel). 2022;10(5):954. https://doi.org/10.3390/healthcare10050954
- Esparza-Reig J, Julián M: Association between suicidal ideation and burnout: A meta-analysis. Death Stud. 2024;48(10):1085-1096. https://doi.org/10.1080/07481187.2023.2300064
- Dehkordi SM, Yazdanirad S, Azhdari Z, Pirposhteh EA, Jafari MJ: The effect of job stress on fertility, its intention, and infertility treatment among the workers: a systematic review. BMC Public Health. 2025;25:430. https://doi.org/10.1186/s12889-025-21790-9
- Sasaki N, Imamura K, Watanabe K, Hidaka Y, Sakuraya A, Ando E et al.: Association of psychosocial factors at work with fertility and menstrual disorders: A systematic review. Japan Journal of Nursing Science. 2025;22(1):e12624. https://doi.org/10.1111/jjns.12624
Leitlinien
- World Health Organization: Burn-out an occupational phenomenon: International Classification of Diseases. 2019. https://www.who.int/news/item/28-05-2019-burn-out-an-occupational-phenomenon-international-classification-of-diseases
- National Institute for Health and Care Excellence: Mental wellbeing at work. NICE guideline NG212. Published 2 March 2022. https://www.nice.org.uk/guidance/ng212
- S3-Leitlinie: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt. (AWMF-Register-Nr. 038-026)
- S3-Leitlinie: Müdigkeit. (AWMF-Register-Nr. 053-002) Langfassung Kurzfassung