Vulvovaginale Atrophie/Genitales Menopausensyndrom – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch die vulvovaginale Atrophie (Rückbildung von Scheiden- und Vulvagewebe) (VVA) bzw. das genitourinäre Menopausensyndrom (Beschwerden an Geschlechtsorganen und Harnwegen in den Wechseljahren) (GSM) mitbedingt sein können:

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen (wiederkehrende Infektionen der Harnwege) der menopausale Östrogenmangel (Mangel an weiblichem Geschlechtshormon nach den Wechseljahren) mit Veränderungen des Vaginal- und Urethralepithels (Deckgewebe von Scheide und Harnröhre), Anstieg des vaginalen pH-Werts und Veränderungen des urogenitalen Mikrobioms (Gesamtheit der Mikroorganismen im Bereich von Geschlechtsorganen und Harnwegen) ist ein relevanter prädisponierender Faktor. Die pathogenetische und klinische Bedeutung des lokalen Hypoöstrogenismus (örtlich verminderten Östrogeneinflusses) wird zusätzlich durch randomisierte Studien gestützt: In einer Metaanalyse reduzierte vaginales Östrogen die Rate rezidivierender Harnwegsinfektionen gegenüber Placebo deutlich (RR 0,42; 95-%-KI 0,30-0,59), während für orales Östrogen kein entsprechender Effekt nachweisbar war [2, LL1, LL3].
  • Persistierende bzw. progrediente Funktionsstörungen des unteren Harntrakts (anhaltende bzw. zunehmende Funktionsstörungen von Harnblase und Harnröhre) Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen), Nykturie (nächtliches Wasserlassen), imperativer Harndrang (plötzlich auftretender starker Harndrang), Dysurie (erschwertes oder schmerzhaftes Wasserlassen) und Dranginkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust bei starkem Harndrang) gehören zum klinischen Spektrum des GSM und können bei persistierendem Hypoöstrogenismus fortbestehen bzw. an klinischer Relevanz gewinnen. Eine überaktive Blase (Blase mit häufigem und starkem Harndrang) kann gleichzeitig vorliegen. Da diese Beschwerden multifaktoriell sein können und auch bei anderen urologischen Erkrankungen auftreten, ist insbesondere bei neu auftretenden, ausgeprägten oder therapieresistenten Beschwerden eine entsprechende differentialdiagnostische Abklärung erforderlich [1, LL1, LL4, LL5].
  • Sekundäre sexuelle Funktionsstörungen (nachfolgende Störungen der Sexualfunktion) persistierende vaginale Trockenheit (anhaltende Scheidentrockenheit), verminderte Lubrikation (verminderte Befeuchtung der Scheide) und insbesondere Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) können zu schmerzbedingter Vermeidung sexueller Aktivität sowie sekundär zu Beeinträchtigungen von sexueller Erregung, Orgasmus, sexueller Zufriedenheit und Intimität führen. Dyspareunie selbst ist dabei eine Kernmanifestation des GSM und keine eigenständige Folgeerkrankung. Ein Libidoverlust (Verlust des sexuellen Verlangens) ist multifaktoriell und kann nicht spezifisch dem GSM zugeschrieben werden [1, LL2, LL4].
  • Introitalstenose (Verengung des Scheideneingangs) und fortgeschrittener vulvovaginaler Strukturumbau (fortgeschrittene Gewebeveränderungen von Vulva und Scheide) bei chronischem bzw. fortgeschrittenem GSM können Verlust der Gewebeelastizität, Schrumpfung der Labien (Schamlippen), Abflachung der vaginalen Fornices (Scheidengewölbe) und Stenosierung des Vestibulums (Verengung des Scheidenvorhofs) auftreten. Daraus können zunehmende Beschwerden bei vaginaler Penetration sowie erschwerte gynäkologische Untersuchungen resultieren [LL4].
  • Vulväre Synechien (Verklebungen im Bereich der Vulva) und Labienadhäsion bzw. Labienfusion (Verklebung bzw. Verwachsung der Schamlippen) seltene, aber klinisch relevante Komplikation eines ausgeprägten postmenopausalen Hypoöstrogenismus. Möglich sind partielle bis vollständige Fusionen insbesondere der Labia minora (kleinen Schamlippen). Bei ausgeprägter Fusion können Miktionsbehinderung (erschwertes Wasserlassen), Harnretention (Zurückhalten von Urin) hinter den adhärenten Labien, rezidivierende Harnwegsinfektionen und Pseudoin­kontinenz (scheinbarer unwillkürlicher Urinverlust) auftreten. Differenzialdiagnostisch sind insbesondere chronisch-entzündliche vulväre Dermatosen (Hauterkrankungen der Vulva) wie der Lichen sclerosus (chronisch-entzündliche Hauterkrankung im Genitalbereich) auszuschließen. Die Evidenz für diese seltene Komplikation beruht überwiegend auf Fallberichten [3, LL4].
  • Vulvovaginale Fissuren (Einrisse im Bereich von Vulva und Scheide), Petechien (kleine punktförmige Einblutungen) und Kontaktblutungen (Blutungen nach Berührung) der Verlust von Schleimhautdicke, Feuchtigkeit und Elastizität erhöht die mechanische Vulnerabilität des vulvovaginalen Gewebes. Dadurch können Fissuren, Petechien und Blutungen bei geringfügigem Kontakt bzw. nach sexueller Aktivität auftreten. Neu auftretende oder persistierende postmenopausale Blutungen (Blutungen nach den Wechseljahren) müssen unabhängig vom Vorliegen eines GSM anderweitig, insbesondere hinsichtlich prämaligner oder maligner Ursachen (Krebsvorstufen oder Krebserkrankungen), abgeklärt werden [LL4, LL5].

Weiteres

  • Beeinträchtigung der gesundheitsbezogenen und sexuellen Lebensqualität chronische vulvovaginale Beschwerden, sexuelle Schmerzen und begleitende Harnwegsbeschwerden können Alltagsaktivitäten, Sexualleben, Intimität, Partnerschaft und allgemeines Wohlbefinden relevant beeinträchtigen. GSM wird als chronische und potenziell progrediente Erkrankung mit relevanten Auswirkungen auf Lebensqualität und intime Beziehungen eingeordnet [1, LL4].

Prognosefaktoren

  • Fehlende bzw. unzureichende Behandlung GSM ist im Gegensatz zu den häufig spontan rückläufigen vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüche) typischerweise chronisch und progredient und bildet sich ohne Behandlung im Allgemeinen nicht zurück. Nach Beendigung einer wirksamen Therapie können Symptome und Folgeerscheinungen erneut auftreten [LL4, LL5].
  • Höheres Lebensalter und längere Zeit seit der Menopause (letzten Regelblutung) Alter und Zeit seit Eintritt der Menopause beeinflussen Auftreten und klinische Relevanz der genitourinären Beschwerden und strukturellen Veränderungen [LL4].
  • Fortgeschrittener struktureller Gewebeumbau bei über Jahre unbehandeltem GSM können ausgeprägtere, teilweise fibrotische vulvovaginale Veränderungen (narbig-bindegewebige Veränderungen von Vulva und Scheide) auftreten; die vollständige Wiederherstellung der prämenopausalen Anatomie und Gewebefunktion kann dann erschwert sein [LL4].
  • Sexuelle Inaktivität bei ausgeprägtem Hypoöstrogenismus sexuelle Inaktivität wurde neben Hypoöstrogenismus als häufiger Begleit- bzw. Risikofaktor postmenopausaler Labienadhäsionen beschrieben. Aufgrund der Seltenheit dieser Komplikation basiert die Evidenz ausschließlich auf Beobachtungen aus Fallberichten [3].
  • Chronisch-entzündliche vulväre Erkrankungen (lang anhaltende entzündliche Erkrankungen der Vulva) insbesondere ein Lichen sclerosus kann zusätzlich zum Hypoöstrogenismus die Entstehung vulvärer Adhäsionen bzw. Fusionen begünstigen und verschlechtert damit die lokale strukturelle Prognose [3].
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen in der Anamnese (Vorgeschichte) bei peri- und postmenopausalen Frauen mit entsprechender Vorgeschichte besteht ein erhöhtes Rezidivrisiko; der lokale Hypoöstrogenismus stellt dabei einen therapeutisch modifizierbaren beitragenden Faktor dar [2, LL1, LL3].

Literatur

  1. Danan ER, Diem S, Sowerby C et al.: Genitourinary Syndrome of Menopause: A Systematic Review. Comparative Effectiveness Review No. 272. Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality; 2024. doi: 10.23970/AHRQEPCCER272.
  2. Chen YY, Su TH, Lau HH: Estrogen for the prevention of recurrent urinary tract infections in postmenopausal women: a meta-analysis of randomized controlled trials. Int Urogynecol J. 2021;32(1):17-25. doi: 10.1007/s00192-020-04397-z.
  3. Mahmoudnejad N, Hamidi Madani M, Roohinezhad R: The Labial Adhesion in Postmenopausal Women: A Systematic Review. Iran J Med Sci. 2024;49(12):752-760. doi: 10.30476/ijms.2024.101283.3395.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Kaufman MR, Ackerman AL, Amin KA et al.: The AUA/SUFU/AUGS Guideline on Genitourinary Syndrome of Menopause. J Urol. 2025;214(3):242-250. doi: 10.1097/JU.0000000000004589. [LL1]
  2. The NAMS 2020 GSM Position Statement Editorial Panel: The 2020 genitourinary syndrome of menopause position statement of The North American Menopause Society. Menopause. 2020;27(9):976-992. doi: 10.1097/GME.0000000000001609. [LL2]
  3. Ackerman AL, Bradley M, D'Anci KE et al.: Updates to Recurrent Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: AUA/CUA/SUFU Guideline (2025). J Urol. 2026;215(1):3-12. doi: 10.1097/JU.0000000000004723. [LL3]
  4. Simon JA, Nappi RE, Chedraui P et al.: Genitourinary syndrome of menopause (GSM): recommendations from the Fifth International Consultation on Sexual Medicine (ICSM 2024). Sex Med Rev. 2026;14(1):qeaf055. doi: 10.1093/sxmrev/qeaf055. [LL4]
  5. National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Menopause: identification and management. NICE Guideline NG23. Published November 2015; genitourinary recommendations updated November 2024; guideline last updated April 2026. NICE NG23. [LL5]