Tabakkonsum in der Schwangerschaft

Tabakkonsum während der Gravidität (Schwangerschaft) gehört zu den wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für maternale, plazentare, fetale und neonatale Komplikationen. Dies betrifft nicht nur Zigaretten, sondern auch Zigarren, Pfeifen- und Wasserpfeifentabak, erhitzte Tabakprodukte, E-Zigaretten, rauchlose Tabakprodukte wie Snus sowie Nikotinbeutel. Auch eine regelmäßige Passivrauchexposition ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden [1, 6, 9, LL2-LL4].

Eine sichere Untergrenze des Tabakkonsums während der Gravidität ist nicht belegt. Das therapeutische Ziel ist daher die vollständige Tabak- und Rauchabstinenz, möglichst bereits präkonzeptionell. Ein Rauchstopp ist jedoch zu jedem Zeitpunkt der Gravidität sinnvoll. Der größte Nutzen ist bei einem Rauchstopp vor der 15. Schwangerschaftswoche zu erwarten [8, LL2, LL3].

Schadstoffexposition und Pathophysiologie

Bei der Verbrennung von Tabak entstehen neben Nikotin zahlreiche toxische Substanzen, darunter Kohlenmonoxid, Feinstaub, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, flüchtige organische Verbindungen, Aldehyde und Schwermetalle. Viele dieser Stoffe oder ihre Metaboliten passieren die Plazenta. Die Plazenta stellt somit keine vollständige Barriere gegenüber Tabakrauchbestandteilen dar [1, LL3, LL4].

  • Nikotin: Nikotin passiert die Plazenta und erreicht den fetalen Kreislauf. Es aktiviert nikotinische Acetylcholinrezeptoren und kann über eine Katecholaminfreisetzung sowie vasokonstriktorische Effekte die uteroplazentare Perfusion beeinflussen. Experimentelle Daten weisen zudem auf mögliche direkte Effekte auf die Entwicklung des fetalen Gehirns, der Lunge und des autonomen Nervensystems hin. Die Übertragbarkeit einzelner tierexperimenteller Befunde auf den Menschen ist jedoch begrenzt [1, LL3].
  • Kohlenmonoxid: Kohlenmonoxid bindet mit hoher Affinität an Hämoglobin und bildet Carboxyhämoglobin. Dadurch werden Sauerstofftransport und Sauerstoffabgabe an das Gewebe vermindert. Fetales Hämoglobin bindet Kohlenmonoxid besonders stark; zudem erfolgt die fetale Elimination verzögert. Hierdurch kann eine prolongierte fetale Hypoxämie (verminderter Sauerstoffgehalt im Blut des ungeborenen Kindes) entstehen.
  • Oxidativer Stress und Inflammation: Tabakrauch fördert oxidativen Stress, inflammatorische Prozesse, endotheliale Dysfunktion (Funktionsstörung der Gefäßinnenwand) und strukturelle Veränderungen der Plazenta. Diese Mechanismen können Plazentation, uteroplazentare Perfusion und fetales Wachstum beeinträchtigen [1].
  • Genotoxische und epigenetische Effekte: Bestandteile des Tabakrauchs können DNA-Addukte und epigenetische Veränderungen verursachen. Aus solchen biologischen Befunden allein lässt sich jedoch nicht für jede später beobachtete Erkrankung eine klinische Kausalität ableiten.

Die schwangerschaftsbezogenen Risiken des Rauchens sind nicht allein auf Nikotin zurückzuführen. Kohlenmonoxid und die zahlreichen Verbrennungsprodukte tragen wesentlich zur Toxizität bei. Dieser Unterschied ist für die Nutzen-Risiko-Abwägung einer medizinisch begleiteten Nikotinersatztherapie relevant.

Dosis, Zeitpunkt und Dauer der Exposition

Für mehrere Schwangerschaftskomplikationen besteht eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Mit zunehmender Zahl gerauchter Zigaretten und längerer Expositionsdauer steigen die Risiken. Daraus darf nicht abgeleitet werden, dass ein geringer Konsum unbedenklich ist. Eine Schwelle, unterhalb derer keine Risikoerhöhung besteht, wurde nicht zuverlässig nachgewiesen [2, 3].

  • Frühe Gravidität: Eine Exposition in der Frühgravidität ist insbesondere für Spontanabort (Fehlgeburt), Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) und einzelne angeborene Fehlbildungen relevant.
  • Zweites und drittes Trimenon: Fortgesetztes Rauchen ist vor allem mit Plazentafunktionsstörungen (Funktionsstörungen des Mutterkuchens), fetaler Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes), niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburt und Totgeburt assoziiert.
  • Rauchreduktion: Eine Verringerung der Zigarettenzahl ist nicht mit vollständiger Abstinenz gleichzusetzen. Durch tieferes Inhalieren oder vollständigeres Aufrauchen kann die tatsächliche Schadstoffaufnahme höher bleiben, als es die reduzierte Zigarettenzahl vermuten lässt. Das endgültige Therapieziel bleibt der vollständige Rauchstopp.
  • Rauchstopp: Ein Rauchstopp verbessert die Prognose auch dann, wenn er erst während der Gravidität erreicht wird. In einer prospektiven Kohortenstudie unterschieden sich die Raten spontaner Frühgeburten und von Neugeborenen mit einem für das Gestationsalter zu niedrigen Geburtsgewicht bei einem Rauchstopp vor der 15. Schwangerschaftswoche nicht signifikant von denen der Nichtraucherinnen [8].

Maternal-obstetrische und plazentare Risiken

Aktives Rauchen während der Gravidität ist mit einem erhöhten Risiko für verschiedene geburtshilfliche Komplikationen verbunden [1-3, LL3]. Dazu gehören:

  • Extrauteringravidität
  • Spontanabort: Eine systematische Übersichtsarbeit ermittelte für aktives Rauchen ein relatives Risiko von 1,23. Das Risiko nahm mit der Anzahl täglich gerauchter Zigaretten zu [2].
  • Vorzeitiger Blasensprung (zu frühes Platzen der Fruchtblase)
  • Frühgeburt
  • Plazenta praevia (Mutterkuchen vor dem Geburtsweg)
  • Vorzeitige Plazentalösung (zu frühes Ablösen des Mutterkuchens)
  • Plazentare Dysfunktion (Funktionsstörung des Mutterkuchens) und uteroplazentare Minderperfusion (verminderte Durchblutung von Gebärmutter und Mutterkuchen)
  • Totgeburt: Eine Metaanalyse zeigte bei Rauchen während der Gravidität eine um 47 % erhöhte Odds für eine Totgeburt. Auch hierbei bestand eine Dosis-Wirkungs-Beziehung [3].
  • Perinatale Mortalität (Sterblichkeit kurz vor, während oder nach der Geburt)

Für einzelne Endpunkte stammen die Daten überwiegend aus Beobachtungsstudien. residuales Confounding, z. B. durch sozioökonomische Faktoren, Ernährung, Alkohol- oder weiteren Substanzkonsum, ist daher möglich. Die Konsistenz, biologische Plausibilität und Dosis-Wirkungs-Beziehung stützen jedoch insbesondere für fetale Wachstumsstörungen, Frühgeburt, Plazentakomplikationen und Totgeburt einen kausalen Zusammenhang.

Fetale Wachstumsstörungen und Geburtsgewicht

Zu den am besten belegten Folgen des Rauchens gehören die fetale Wachstumsrestriktion, ein für das Gestationsalter zu niedriges Geburtsgewicht und ein erhöhtes Risiko für ein Geburtsgewicht unter 2.500 g. Eine Metaanalyse sonographischer Messungen zeigte, dass sich die Beeinträchtigung fetaler Wachstumsparameter vor allem nach dem ersten Trimenon manifestiert. Betroffen waren insbesondere Kopfumfang, Femurlänge und das geschätzte fetale Gewicht [5].

Das Ausmaß der Wachstumsbeeinträchtigung ist dosisabhängig und wird durch uteroplazentare Minderperfusion, eine verminderte Sauerstoffversorgung sowie direkte toxische Effekte erklärt [1, 5]. Populationsbezogene Mittelwerte dürfen nicht zur Vorhersage des individuellen Geburtsgewichts verwendet werden.

Angeborene Fehlbildungen

Rauchen erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit sämtlicher Fehlbildungen gleichermaßen. Eine große systematische Übersichtsarbeit mit mehr als 170.000 Fehlbildungsfällen und 11,7 Millionen Kontrollen zeigte jedoch überwiegend moderate Risikoerhöhungen für bestimmte Fehlbildungen [4]. Dazu zählen insbesondere:

  • Orofaziale Spalten (Spaltbildungen im Mund- und Gesichtsbereich)
  • Gastroschisis (angeborene Bauchwandspalte)
  • Klumpfuß
  • Kraniosynostosen (vorzeitiger Verschluss der Schädelnähte)
  • Anorektale Atresien (angeborener Verschluss von After oder Enddarm)
  • Einzelne angeborene Herzfehler
  • Fehlbildungen der Extremitäten und des Bewegungsapparates

Die relativen Risikoerhöhungen sind von den absoluten Risiken zu unterscheiden. Da viele dieser Fehlbildungen selten sind, bleibt das individuelle absolute Risiko trotz Exposition meist niedrig. Wegen der Gesamtheit der maternalen und fetalen Risiken ist die vollständige Expositionsvermeidung dennoch erforderlich.

Neonatale und postneonatale Risiken

Pränatale Tabakrauchexposition ist mit einer erhöhten neonatalen und postneonatalen Morbidität verbunden [1, 7, LL3]. Zu den belegten bzw. konsistent assoziierten Folgen gehören:

  • Frühgeburtlichkeit und ihre Folgekomplikationen
  • Niedriges Geburtsgewicht und fetale Wachstumsrestriktion
  • Erhöhte Wahrscheinlichkeit einer neonatalen Intensivbehandlung
  • Beeinträchtigte Lungenentwicklung und verminderte Lungenfunktion
  • Erhöhtes Risiko für Giemen (pfeifendes Atemgeräusch) und Asthma (chronisch-entzündliche Atemwegserkrankung) im Kindesalter
  • Erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod: Sowohl pränatales Rauchen als auch postnatale Tabakrauchexposition sind etablierte, dosisabhängige Risikofaktoren [1].

Pauschale Angaben, nach denen bestimmte tägliche Zigarettenmengen das Risiko für den plötzlichen Kindstod exakt verfünf- oder verzehnfachen, sind wegen unterschiedlicher Expositionsdefinitionen und der häufig gleichzeitig bestehenden postnatalen Passivrauchexposition nicht ausreichend belastbar.

Respiratorische Langzeitfolgen

Pränatale und frühkindliche Tabakrauchexposition ist konsistent mit einem erhöhten Risiko für Giemen, Asthma und eingeschränkte Lungenfunktion assoziiert. Eine Metaanalyse prospektiver Studien zeigte abhängig von Expositionszeitpunkt und Alter des Kindes Risikoerhöhungen von mindestens etwa 20 % für Giemen oder Asthma [7].

Pränatale und postnatale Expositionen treten häufig gemeinsam auf. Eine vollständige Trennung der intrauterinen Effekte von den Folgen der späteren Passivrauchexposition ist deshalb methodisch schwierig. Beide Expositionen sind konsequent zu vermeiden.

Neurokognitive, verhaltensbezogene und metabolische Langzeitfolgen

Beobachtungsstudien berichten Assoziationen zwischen Rauchen während der Gravidität und späteren Aufmerksamkeitsstörungen (Störungen der Aufmerksamkeit), Verhaltensauffälligkeiten, geringeren kognitiven Leistungen, Adipositas (starkem Übergewicht) und metabolischen Erkrankungen (Stoffwechselerkrankungen) [1]. Diese Zusammenhänge sind kausal weniger eindeutig als die Effekte auf fetales Wachstum, Frühgeburt oder Plazentakomplikationen.

Genetische, familiäre, psychosoziale und sozioökonomische Faktoren können einen erheblichen Teil dieser Assoziationen erklären. Geschwistervergleiche und Studien mit negativen Kontrollgruppen schwächen einzelne neuroverhaltensbezogene Zusammenhänge ab. Aussagen, nach denen eine bestimmte Zigarettenmenge unmittelbar einen definierten Intelligenzverlust, eine geistige Behinderung oder eine bestimmte Verhaltensstörung verursacht, sind daher nicht evidenzgerecht.

Tumorerkrankungen des Kindes

Tabakrauch enthält karzinogene und genotoxische Substanzen, die die Plazenta passieren können. Die epidemiologische Evidenz für einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen mütterlichem Rauchen während der Gravidität und kindlicher Leukämie (Blutkrebs) oder Lymphomen (Krebserkrankungen des lymphatischen Systems) ist jedoch inkonsistent.

Ein allgemein „hohes Leukämie- und Lymphomrisiko“ darf daher nicht als gesicherte Folge des mütterlichen Rauchens dargestellt werden. Die fehlende Sicherheit dieses spezifischen Zusammenhangs ändert nichts an der eindeutig belegten Gesamttoxizität des Tabakrauches.

Passivrauchen während der Gravidität

Auch bei einer nicht rauchenden Schwangeren kann regelmäßiges Passivrauchen zu einer relevanten Aufnahme von Kohlenmonoxid, Nikotin und weiteren Tabakrauchbestandteilen führen. Eine Metaanalyse zeigte Assoziationen mit geringerem Geburtsgewicht sowie erhöhten Risiken für ein niedriges Geburtsgewicht, Totgeburt und angeborene Fehlbildungen [6].

  • Wohnung und Fahrzeug: Wohnung und Fahrzeug sollen vollständig rauchfrei sein. Rauchen am Fenster, in einem anderen Zimmer oder bei eingeschalteter Lüftung verhindert die Exposition nicht zuverlässig.
  • Partner und Haushaltsmitglieder: Rauchenden Partnern und anderen Haushaltsmitgliedern soll aktiv eine Tabakentwöhnung angeboten werden. Ein gemeinsamer Rauchstopp reduziert sowohl die pränatale als auch die spätere postnatale Exposition.
  • Arbeitsplatz und Freizeit: Regelmäßige Expositionen in geschlossenen Räumen sind zu vermeiden.
  • Postnatale Umgebung: Die Rauchfreiheit muss nach der Geburt fortgesetzt werden, da postnatales Passivrauchen das Risiko für den plötzlichen Kindstod, Atemwegsinfektionen, Otitis media (Mittelohrentzündung) und Asthma erhöht.

Wasserpfeifen

Wasserpfeifen sind keine sichere Alternative zu Zigaretten. Das Wasser filtert Nikotin, Kohlenmonoxid, Feinstaub, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle nicht ausreichend. Durch lange Sitzungen und die Verbrennung von Kohle können insbesondere erhebliche Kohlenmonoxidkonzentrationen aufgenommen werden. Wasserpfeifenkonsum ist während der Gravidität vollständig zu vermeiden [LL3].

E-Zigaretten

E-Zigaretten erzeugen keinen klassischen Tabakverbrennungsrauch und führen deshalb im Allgemeinen zu einer geringeren Kohlenmonoxidexposition als Zigaretten. Ihre Aerosole können jedoch Nikotin, ultrafeine Partikel, Carbonylverbindungen, Metalle, Aromastoffe und weitere potenziell toxische Substanzen enthalten. Auch nikotinfreie Liquids sind nicht automatisch unbedenklich.

In einer randomisierten Studie mit 1.140 Schwangeren unterschieden sich die biochemisch validierten Abstinenzraten im primären, nicht adjustierten Vergleich zwischen E-Zigaretten und Nikotinpflastern nicht signifikant. Eine vorab definierte Sensitivitätsanalyse unter Ausschluss der Verwendung nicht zugeteilter Produkte fiel zugunsten der E-Zigaretten aus. Die untersuchten Schwangerschafts- und Geburtsendpunkte waren insgesamt vergleichbar; die Studie war jedoch nicht ausreichend dimensioniert, um seltene Fehlbildungen oder langfristige neurologische und respiratorische Folgen sicher auszuschließen [12].

Wegen der begrenzten Langzeitsicherheitsdaten, der variablen Nikotinabgabe und der zusätzlichen Aerosolbestandteile gelten E-Zigaretten nicht als sichere oder bevorzugte Entwöhnungsmethode während der Gravidität. NICE sah auch nach erneuter Evidenzprüfung keine ausreichende Grundlage für eine spezifische Empfehlung zugunsten von E-Zigaretten in der Gravidität [LL2].

Kann eine Schwangere ohne nikotinhaltiges Hilfsmittel nicht mit dem Zigarettenrauchen aufhören, ist eine standardisierte Nikotinersatztherapie wegen der kontrollierbareren Dosierung und des Fehlens inhalativer Aerosolbestandteile in der Regel vorzuziehen. Ein vollständiger Wechsel von Zigaretten auf E-Zigaretten kann die Exposition gegenüber Verbrennungsprodukten zwar vermindern, das Ziel bleibt jedoch die vollständige Tabak- und Nikotinabstinenz.

Erhitzte Tabakprodukte, Snus und Nikotinbeutel

Erhitzte Tabakprodukte setzen Nikotin und verschiedene toxische Substanzen frei. Niedrigere Konzentrationen einzelner Verbrennungsprodukte gegenüber Zigarettenrauch belegen keine Sicherheit für die Gravidität. Ausreichende Daten zu Fehlbildungen und langfristigen kindlichen Folgen fehlen.

Rauchlose Tabakprodukte und Snus vermeiden zwar Kohlenmonoxid aus der Verbrennung, können jedoch hohe und lang anhaltende Nikotinkonzentrationen verursachen. Ein systematischer Review zu Snus während der Gravidität fand Hinweise auf ungünstige Schwangerschafts- und kindliche Endpunkte; die Evidenz war je nach Endpunkt unterschiedlich sicher [9].

Für Nikotinbeutel liegen keine ausreichenden schwangerschaftsspezifischen Sicherheitsdaten vor. Da Nikotin die Plazenta passiert, sind auch diese Produkte während der Gravidität zu vermeiden.

Erfassung des Tabak- und Nikotinkonsums

Der Konsum soll bei der Erstvorstellung und im weiteren Schwangerschaftsverlauf wiederholt, respektvoll und ohne stigmatisierende Formulierungen erfragt werden [LL2-LL4]. Zu erfassen sind:

  • Produkte: Zigaretten, selbstgedrehte Zigaretten, Zigarren, Pfeife, Wasserpfeife, E-Zigaretten, erhitzte Tabakprodukte, Snus, Schnupf- und Kautabak sowie Nikotinbeutel
  • Konsummenge und Konsummuster: täglicher oder intermittierender Konsum, Zeitpunkt der ersten Zigarette, nächtlicher Konsum und typische Konsumsituationen
  • Abhängigkeitsgrad: Entzugssymptome (Beschwerden beim Absetzen), Kontrollverlust, erfolglose Rauchstoppversuche und Rückfälle
  • Passivrauchexposition: Partner, Haushalt, Fahrzeug, Arbeitsplatz und Freizeit
  • Begleitfaktoren: Depression (depressive Erkrankung), Angststörung (krankhafte Angst), weitere Substanzstörungen (Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Substanzen), soziale Belastungen, partnerschaftliche Konflikte und Gewalt

Die Atemluftmessung von Kohlenmonoxid kann die Anamnese ergänzen, eine nicht erkannte Verbrennungsexposition aufdecken und den Verlauf objektivieren. Ein niedriger Messwert schließt einen intermittierenden oder länger zurückliegenden Konsum sowie die Verwendung nikotinhaltiger Produkte ohne Verbrennung nicht aus.

Cotinin in Blut, Urin oder Speichel erfasst die Nikotinexposition über einen längeren Zeitraum. Bei Verwendung einer Nikotinersatztherapie, einer E-Zigarette oder eines anderen Nikotinproduktes lässt sich damit jedoch nicht zwischen therapeutischer und nicht therapeutischer Nikotinaufnahme unterscheiden. NICE empfiehlt, bei der Interpretation von Cotininwerten eine Nikotinersatztherapie ausdrücklich zu berücksichtigen [LL2].

Evidenzbasierte Tabakentwöhnung

Jeder rauchenden Schwangeren soll eine aktive, strukturierte und wiederholte Unterstützung beim Rauchstopp angeboten werden. Eine einmalige Aufforderung, weniger zu rauchen, ist nicht ausreichend [10, LL2-LL4].

  • Klare Empfehlung: Eindeutige Empfehlung zur vollständigen Abstinenz, verbunden mit einer sachlichen und nicht moralisierenden Erläuterung der Vorteile.
  • Motivierende Gesprächsführung: Ermittlung von Motivation, Ambivalenz, Auslösern und individuellen Barrieren.
  • Rauchstopptermin: Festlegung eines möglichst zeitnahen und konkreten Termins.
  • Verhaltensanalyse: Identifikation typischer Konsumsituationen und Entwicklung praktikabler Alternativen.
  • Entzugsvorbereitung: Besprechung möglicher Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafveränderungen, gesteigerten Appetits und starken Rauchverlangens.
  • Regelmäßige Kontakte: Persönliche, telefonische oder digitale Verlaufskontrollen mit erneuter Unterstützung nach Rückfällen.
  • Einbeziehung des Partners: Gemeinsamer Rauchstopp und vollständig rauchfreie Wohnung.
  • Rückfallprophylaxe: Fortführung der Betreuung über die Geburt hinaus, da die postpartale Rückfallrate hoch ist.

Psychosoziale Interventionen

Psychosoziale Interventionen bilden die Basis der Tabakentwöhnung während der Gravidität. Der 2026 aktualisierte Cochrane-Review zeigt mit hoher Evidenzsicherheit, dass Beratung gegenüber der üblichen Versorgung die Abstinenzrate in der späten Gravidität erhöht. Das gepoolte relative Risiko betrug 1,44 [10].

Psychosoziale Interventionen können zudem den Anteil der Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht reduzieren, das mittlere Geburtsgewicht erhöhen und die Zahl neonataler Intensivbehandlungen vermindern. Für eine Reduktion von Früh- oder Totgeburten bleibt die Evidenz dagegen unsicher [10].

Wirksame Verfahren umfassen strukturierte Einzelberatung, motivierende Gesprächsführung, verhaltenstherapeutische Strategien, telefonische Betreuung, digitale Angebote, objektives Feedback und soziale Unterstützung. Eine individualisierte, wiederholte Beratung ist wirksamer als die alleinige Vermittlung allgemeiner Gesundheitsinformationen.

Finanzielle Anreizsysteme

An eine biochemisch bestätigte Abstinenz gekoppelte finanzielle Anreizsysteme gehören zu den wirksamsten untersuchten Ergänzungen psychosozialer Programme. Der Cochrane-Review bewertet finanzielle Anreize als wahrscheinlich wirksam zur Steigerung der Abstinenzrate [10].

Eine Metaanalyse von acht randomisierten Studien mit 2.351 Teilnehmerinnen zeigte bei zusätzlicher Bereitstellung finanzieller Anreize einen mittleren populationsbezogenen Anstieg des Geburtsgewichts um 46,3 g. Die Evidenzsicherheit wurde wegen der unpräzisen Effektgröße als moderat bewertet [13]. Die praktische Umsetzung hängt von den Strukturen des jeweiligen Gesundheitssystems ab.

Nikotinersatztherapie

Kann trotz qualifizierter psychosozialer Unterstützung keine Abstinenz erreicht werden, ist eine medizinisch begleitete Nikotinersatztherapie nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung eine sinnvolle Option. NICE empfiehlt, eine Nikotinersatztherapie zusammen mit verhaltensbezogener Unterstützung bereits frühzeitig während der Gravidität in Betracht zu ziehen [LL2].

Eine Nikotinersatztherapie ist nicht vollständig risikofrei, da Nikotin die Plazenta passiert. Im Vergleich zum fortgesetzten Zigarettenrauchen entfallen jedoch Kohlenmonoxid und die zahlreichen Verbrennungsprodukte. Bei einer Schwangeren, die ohne Nikotinersatztherapie nicht abstinent wird, ist eine kontrollierte Nikotinersatztherapie daher voraussichtlich deutlich weniger schädlich als fortgesetztes Rauchen.

Der Cochrane-Review zu pharmakologischen Interventionen zeigte unter Nikotinersatztherapie zusätzlich zur Beratung möglicherweise eine erhöhte Abstinenzrate in der späten Gravidität. Das gepoolte relative Risiko betrug 1,41. In den ausschließlich placebokontrollierten Studien wurde die statistische Signifikanz jedoch knapp verfehlt; die Evidenzsicherheit war niedrig [11].

In den randomisierten Studien fanden sich keine statistisch gesicherten Unterschiede bei Spontanabort, Totgeburt, Frühgeburt, Geburtsgewicht, niedrigem Geburtsgewicht, angeborenen Fehlbildungen, neonataler Intensivbehandlung, oder neonatalem Tod. Wegen geringer Fallzahlen, niedriger Therapieadhärenz und unzureichender Langzeitnachbeobachtung beweist dies keine vollständige Sicherheit [11].

  • Präparatewahl: Kurz wirksame Formen wie Kaugummi, Lutschtabletten oder Mundspray ermöglichen eine bedarfsabhängige Anwendung. Bei ausgeprägter Abhängigkeit oder kontinuierlichem Rauchverlangen kann ein Pflaster erforderlich sein.
  • Nikotinpflaster: NICE empfiehlt während der Gravidität, das Pflaster vor dem Schlafengehen zu entfernen, um eine kontinuierliche nächtliche Nikotinexposition zu vermeiden [LL2].
  • Dosierung: Die Dosierung ist nach Abhängigkeitsgrad, Entzugssymptomen, bisheriger Zigarettenmenge und klinischem Ansprechen individuell festzulegen. Eine relevante Unterdosierung kann den Rauchstopp gefährden.
  • Therapieziel: Vollständige Beendigung des Konsums von Zigaretten und anderen Tabakprodukten. Eine dauerhafte Doppelnutzung soll vermieden werden.
  • Begleittherapie: Die Nikotinersatztherapie soll mit strukturierter psychosozialer Betreuung kombiniert werden.

Weitere Arzneimittel zur Tabakentwöhnung

Für Bupropion, Vareniclin und Cytisiniclin liegen während der Gravidität deutlich weniger Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten vor als für die Nikotinersatztherapie. Randomisierte Daten zeigen für Bupropion bislang keinen gesicherten Abstinenzvorteil; ausreichende randomisierte Schwangerschaftsstudien zu Vareniclin und Cytisiniclin fehlen [11].

NICE empfiehlt ausdrücklich, Cytisiniclin, Vareniclin und Bupropion während der Gravidität nicht anzubieten [LL2]. Diese Wirkstoffe sollen daher nicht routinemäßig zur Tabakentwöhnung in der Gravidität eingesetzt werden.

Geburtshilfliche Betreuung

Bei fortgesetztem Tabakkonsum sind Exposition, Passivrauchexposition und die durchgeführten Entwöhnungsmaßnahmen im Schwangerschaftsverlauf zu dokumentieren. Besonders zu beachten sind klinische Hinweise auf fetale Wachstumsrestriktion, Frühgeburtsbestrebungen (Anzeichen einer drohenden Frühgeburt), vorzeitigen Blasensprung und Plazentakomplikationen.

Tabakkonsum allein begründet nicht automatisch jede Form zusätzlicher fetaler Überwachung. Eine sonographische Biometrie, Dopplersonographie oder weiterführende Überwachung erfolgt nach geburtshilflicher Indikation, insbesondere bei klinischem Verdacht auf eine Wachstumsrestriktion, auffälliger Fundusentwicklung, verminderten Kindsbewegungen oder weiteren Risikofaktoren.

Ernährungs- und mikronährstoffmedizinische Aspekte

Rauchende Schwangere weisen in Beobachtungsstudien häufiger ungünstige Ernährungsmuster und niedrigere Konzentrationen einzelner Mikronährstoffe auf. Ein systematischer Review zeigte bei Tabakrauchexposition während der Gravidität überwiegend niedrigere Folat- und Vitamin-B12-Konzentrationen sowie tendenziell höhere Homocysteinkonzentrationen [14].

Raucherinnen haben zudem einen erhöhten Vitamin-C-Umsatz und niedrigere Vitamin-C-Konzentrationen im Blut. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt für erwachsene Raucherinnen eine empfohlene Vitamin-C-Zufuhr von 135 mg täglich und für Schwangere ab dem vierten Monat 105 mg täglich. Ein gesonderter additiver Referenzwert für rauchende Schwangere wird nicht ausgewiesen [15].

Diese Befunde rechtfertigen keine pauschale Hochdosistherapie mit Vitaminen, Antioxidantien oder Mineralstoffen. Insbesondere lässt sich die toxische Wirkung des Tabakrauchs nicht durch Nahrungsergänzungsmittel neutralisieren.

  • Ernährungsanamnese: Erfassung einer einseitigen Ernährung, geringen Gemüse- und Obstzufuhr, Untergewicht, Hyperemesis (starkes Schwangerschaftserbrechen), veganen Ernährung und weiterer Risiken für eine unzureichende Mikronährstoffversorgung
  • Folsäure und Jod: Leitliniengerechte Supplementierung entsprechend den allgemeinen Empfehlungen für die Gravidität
  • Vitamin B12: Diagnostik insbesondere bei veganer Ernährung, Resorptionsstörungen (Störungen der Nährstoffaufnahme im Darm), gastrointestinalen Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) oder auffälligem Blutbild; bei nachgewiesenem oder wahrscheinlichem Defizit ist eine gezielte Supplementierung sinnvoll
  • Vitamin C: Sicherstellung einer ausreichenden Zufuhr durch Gemüse, Obst und weitere Vitamin-C-reiche Lebensmittel; bei unzureichender Zufuhr oder nachgewiesenem Mangel ist eine bedarfsgerechte Supplementierung sinnvoll
  • Eisen, Vitamin D und weitere Mikronährstoffe: Diagnostik und Supplementierung entsprechend individuellen Risikofaktoren, Laborbefunden und den allgemeinen Schwangerschaftsempfehlungen
  • Vermeidung unkontrollierter Hochdosen: Keine hochdosierte Einnahme von Vitamin A, Beta-Carotin, Vitamin E oder kombinierten Antioxidantien in der Erwartung, tabakbedingte Schäden zu verhindern

Eine indizierte und angemessen dosierte Mikronährstoffsupplementierung ist ein sinnvoller Bestandteil der Schwangerschaftsbetreuung. Sie ersetzt jedoch zu keinem Zeitpunkt den Rauchstopp.

Kernaussagen

  • Keine sichere Konsummenge: Auch wenige Zigaretten täglich können das Schwangerschaftsrisiko erhöhen.
  • Abstinenz ist das Ziel: Vollständiger Rauchstopp möglichst vor der Konzeption, ansonsten so früh wie möglich während der Gravidität.
  • Jeder Rauchstopp ist sinnvoll: Auch ein später Rauchstopp ist prognostisch günstiger als fortgesetztes Rauchen.
  • Passivrauch vermeiden: Wohnung, Fahrzeug, Arbeitsplatz und das spätere Lebensumfeld des Kindes sollen rauchfrei sein.
  • Alternativprodukte sind nicht sicher: Wasserpfeifen, erhitzte Tabakprodukte, E-Zigaretten, Snus und Nikotinbeutel sind keine unbedenklichen Alternativen.
  • Psychosoziale Behandlung wirkt: Strukturierte Beratung und finanzielle Anreizsysteme erhöhen die Abstinenzraten.
  • Nikotinersatztherapie erwägen: Reicht eine psychosoziale Behandlung allein nicht aus, ist eine medizinisch begleitete Nikotinersatztherapie nach Nutzen-Risiko-Abwägung sinnvoller als fortgesetztes Rauchen.
  • Rückfälle behandeln: Ein Rückfall ist Anlass zur erneuten Unterstützung und Anpassung der Behandlung, nicht zum Abbruch der Entwöhnung.

Literatur

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