Proteine (Eiweiße) – Bedeutung im Alter und bei Sarkopenie

Mit zunehmendem Lebensalter verändern sich Proteinstoffwechsel (Eiweißstoffwechsel) und muskuläre Anpassungsfähigkeit grundlegend. Klinisch relevant ist dies, weil der altersassoziierte Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft (Sarkopenie = Muskelschwund im Alter) mit erhöhter Morbidität (Krankheitshäufigkeit), Sturz- und Frakturrisiko (Knochenbruchrisiko), funktionellem Abbau (Verlust der körperlichen Leistungsfähigkeit), Hospitalisierung und Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert ist [2]. Ernährungsmedizinisch ist Protein dabei ein zentraler, modifizierbarer Determinant (beeinflussbarer Faktor): Es beeinflusst Muskelproteinsynthese (Muskelaufbau), Immunfunktion (Abwehrfunktion), Rekonvaleszenz (Erholungsphase nach Krankheit), Wundheilung und die Erhaltung der fettfreien Masse (Muskel- und Organmasse), während im Alter häufig eine Kombination aus verminderter Zufuhr (Appetit, Kau-/Schluckprobleme), erhöhtem Bedarf (Krankheit/Inflammation = Entzündungsreaktion) und reduzierter anaboler Antwort (anabole Resistenz = verminderte Aufbauantwort) besteht [1, 3].

Definition, klinische Einordnung und Relevanz

  • Sarkopenie bezeichnet eine progrediente, generalisierte Störung der Skelettmuskulatur mit Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und/oder körperlicher Leistungsfähigkeit; die klinische Relevanz ergibt sich primär aus Funktionsverlust und erhöhtem Risiko für ungünstige Outcomes [2].
  • Protein ist in diesem Kontext nicht nur „Baustoff“, sondern ein therapeutisches Signal: Die Aminosäureverfügbarkeit (Verfügbarkeit der Eiweißbausteine) triggert anabole Signalwege (Aufbau-Signalprozesse) und beeinflusst die Netto-Proteinbilanz der Muskulatur (Gleichgewicht zwischen Auf- und Abbau) [3].
  • Leitlinienbasierte geriatrische Ernährungstherapie adressiert Protein stets zusammen mit Energiezufuhr, Mikronährstoffen (Vitamine und Spurenelemente), Hydratation (Flüssigkeitsversorgung) und körperlicher Aktivität; Proteininterventionen sind ohne ausreichende Energieverfügbarkeit und Trainingseffekte häufig suboptimal [1].

Pathophysiologische Grundlagen: Warum steigt der Proteinbedarf im Alter?

Die altersassoziierte „anabole Resistenz“ (verminderte Aufbauantwort) beschreibt die abgeschwächte Muskelproteinsynthese-Antwort (Muskelaufbau-Reaktion) auf Proteinzufuhr und/oder Krafttraining (Muskeltraining). Sie ist multifaktoriell und umfasst u. a. verringerte Muskelperfusion (verminderte Durchblutung), veränderte Verdauung/Absorption (Aufnahme im Darm), reduzierte intramuskuläre Signaltransduktion (Signalweiterleitung im Muskel), mitochondriale Dysfunktion (Funktionsstörung der Kraftwerke der Zellen) sowie inflammatorische (entzündliche) und endokrine (hormonelle) Einflüsse [3]. In der Praxis bedeutet dies: Ältere Menschen benötigen häufig eine höhere Proteinmenge pro Mahlzeit und/oder eine höhere Proteindichte der Ernährung, um eine vergleichbare anabole Antwort (Aufbaureaktion) zu erzielen wie Jüngere [3].

  • Proteinmangel (Eiweißmangel) und Sarkopenie verstärken sich gegenseitig: Niedrige Proteinzufuhr begünstigt Muskelabbau; reduzierter Muskelstatus (verminderter Muskelzustand) reduziert Mobilität und Appetit, was die Zufuhr weiter senkt [1, 2].
  • Akute Erkrankung und Hospitalisation sind Hochrisikophasen: Hyperkatabolismus (verstärkter Abbauzustand), Immobilisation und Inflammation (Entzündung) beschleunigen den Proteinverlust; hier sind frühe ernährungsmedizinische Interventionen besonders wirksam [1].

Diagnostische Grundlagen für die Ernährungsmedizin

  • Screening auf Malnutrition (Mangelernährung) und Risikokonstellationen wie Gewichtsverlust, reduzierte Nahrungsaufnahme und funktioneller Abbau ist essenziell, da Mangelernährung im Alter häufig unterdiagnostiziert ist und Outcomes (gesundheitliche Verläufe) deutlich verschlechtert [1].
  • Funktion ist klinisch zentral: Muskelkraft und Leistungsfähigkeit wie Handkraft, Gehgeschwindigkeit oder Aufsteh-Test sind entscheidende Ziel- und Verlaufsparameter [2].
  • Körperzusammensetzung (Verteilung von Fett- und Muskelmasse), z. B. Bioimpedanzanalyse (BIA = elektrische Widerstandsmessung des Körpers) oder Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA = Röntgenmessung der Körperzusammensetzung), kann zur Einordnung beitragen, ist aber in der Praxis durch Verfügbarkeit und Standardisierung limitiert; die Interpretation muss kontextualisiert erfolgen [1].

Proteinziele im Alter: evidenzbasierte Orientierungswerte

Für ältere Menschen werden in Leitlinien und evidenzbasierten Positionspapieren häufig Proteinzufuhrbereiche oberhalb der Standardempfehlung für jüngere Erwachsene diskutiert, um Muskelmasse und Funktion zu erhalten und Mangelernährung vorzubeugen [1]. Entscheidend ist die Individualisierung nach Ernährungsstatus, Krankheitslast, Aktivität, Energiezufuhr und Organfunktion.

  • Erhalt und Prävention bei stabiler Gesundheit: häufig im Bereich von etwa 1,0-1,2 g/kg Körpergewicht/Tag (individuell) [1].
  • Erkrankung, Rekonvaleszenz, Gewichtsverlust oder Frailty-Risiko (Gebrechlichkeitsrisiko): In der Praxis häufig höhere Zielbereiche erforderlich; die Umsetzung muss energieadäquat und klinisch überwacht erfolgen [1].
  • Bei relevanter Nierenfunktionsstörung: Proteinzielsetzung individualisieren; pauschale Hochproteinstrategien sind ohne nephrologischen Kontext (Nierenfachbezug) nicht leitliniengerecht [1].

Verteilung über den Tag: „Protein pro Mahlzeit“ als Schlüsselprinzip

Die Gesamtproteinmenge ist notwendig, aber nicht hinreichend. Für die anabole Antwort (Aufbaureaktion) ist die pro Mahlzeit bereitgestellte Proteinmenge und -qualität entscheidend. In vielen Konzepten wird eine gleichmäßige Verteilung über den Tag diskutiert, um wiederholt anabole Stimuli (Aufbaureize) zu setzen und die Netto-Proteinbilanz (Gleichgewicht von Auf- und Abbau) zu verbessern [3]. Praktisch bedeutet dies: Proteinreiche Frühstücks- und Mittagskomponenten sind oft wichtiger als eine alleinige „Proteinlast“ am Abend.

  • Protein pro Mahlzeit: In der klinischen Praxis häufig Zielgrößen im Bereich von etwa 25-30 g hochwertigem Protein pro Hauptmahlzeit, angepasst an Körpergewicht und Gesamtziel [1, 3].
  • Proteinqualität: Eine höhere Dichte unentbehrlicher Aminosäuren (essentielle Eiweißbausteine) und gute Verdaulichkeit begünstigen die anabole Antwort; dies kann bei geringer Nahrungsmenge entscheidend sein [3].

Proteinqualität und Supplemente: Rolle von Molkenprotein

Proteinqualität und Matrix (Lebensmittelstruktur) spielen im Alter eine besondere Rolle, weil bei reduzierter Gesamtaufnahme eine höhere Nährstoffdichte benötigt wird. Molkenprotein (Whey-Protein = Eiweiß aus Molke) wird in Interventionen häufig eingesetzt, da es gut verdaulich ist und einen hohen Anteil unentbehrlicher Aminosäuren aufweist; Metaanalysen zeigen, dass Molkenprotein-Supplementation bei älteren Menschen relevante Endpunkte der Sarkopenie beeinflussen kann, insbesondere in Kombination mit Training und bei erhöhtem Risiko [4].

  • Indikation in der Praxis: unzureichende Proteinzufuhr, ungewollter Gewichtsverlust, Frailty-Risiko (Gebrechlichkeitsrisiko), Rekonvaleszenz, eingeschränkte Essmengen [1, 4].
  • Formen: proteinreiche Trinknahrung, hochproteinhaltige Zwischenmahlzeiten, proteinangereicherte Lebensmittel; Auswahl nach Akzeptanz, Verträglichkeit und Gesamtplan [1].

Kombination mit Training: ernährungs- und sportmedizinische Synergie

Protein wirkt im Alter am besten im Verbund mit Bewegungstherapie, insbesondere Krafttraining (Muskeltraining). Training erhöht die „Ansprechbarkeit“ der Muskulatur und verbessert funktionelle Outcomes (körperliche Ergebnisse); Protein liefert das Substrat und den anabolen Stimulus (Aufbaureiz). Die Literatur betont konsistent, dass die Wirkung einzelner Ernährungsbausteine ohne funktionelle Interventionen häufig geringer ausfällt [3, 4].

  • Praxisprinzip: Krafttraining + proteinadäquate Ernährung als Standardkombination bei Sarkopenie-Risiko [1, 3].
  • Timing: Protein zeitnah zu Trainingsreizen kann die Muskelproteinsynthese unterstützen; in der Praxis ist jedoch die erreichbare Tages- und Mahlzeit-Zufuhr meist wichtiger als perfektes Timing [3].

Proteinmangel im Alter: Risikokonstellationen und klinische Folgen

Mangelernährung im Alter ist klinisch häufig und prognostisch bedeutsam. Sie betrifft nicht nur sehr alte oder pflegebedürftige Menschen, sondern kann auch bei ambulanten Patienten mit Multimorbidität (mehreren Erkrankungen) auftreten. Proteinmangel ist dabei meistens Teil einer Protein-Energie-Malnutrition (kombinierter Eiweiß- und Energiemangel) und geht mit funktionellem Abbau, erhöhter Infektanfälligkeit und verzögerter Rekonvaleszenz einher [1].

  • Typische Auslöser: Appetitverlust, Kau-/Schluckstörungen, Depression, Polypharmazie, soziale Faktoren, akute Erkrankung [1].
  • Konsequenzen: Verlust von Muskelmasse und Kraft, Sturzrisiko, reduzierte Mobilität, höhere Komplikationsraten [1, 2].

Versorgungsstrategien: Umsetzung im Alltag

  • Proteinreiche Grundstruktur: Jede Hauptmahlzeit mit einer klaren Protein-Komponente planen; bei geringer Essmenge Proteindichte erhöhen [1].
  • Zwischenmahlzeiten: proteinreiche Snacks/Trinknahrung als niedrigschwellige Intervention, besonders bei Appetitlimitierung [1].
  • Qualität und Verträglichkeit: Gut verdauliche, hochwertige Proteinquellen bevorzugen; individuelle Unverträglichkeiten und Kau-/Schluckprobleme berücksichtigen [1, 3].
  • Therapieziele: Funktionelle Parameter (Kraft, Alltagsfunktion) und Gewichtsverlauf als primäre Verlaufsmarker nutzen; reine Laborparameter sind unspezifisch [1].

Fazit

Protein ist im Alter ein zentraler Hebel zur Prävention und Therapie von Sarkopenie und Mangelernährung. Die klinische Wirksamkeit hängt weniger von einem isolierten Grammziel ab als von einem konsistenten Gesamtkonzept: frühes Screening, energieadäquate Proteinzufuhr, geeignete Proteinqualität, gleichmäßige Mahlzeitverteilung und die Kombination mit Krafttraining als funktioneller Kernintervention [1-4].

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Literatur

  1. Volkert D, Beck AM, Cederholm T, Cruz-Jentoft AJ, Goisser S, Hooper L et al.: ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2022;41(4):958-989. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2022.01.024
  2. Cruz-Jentoft AJ, Sayer AA. Sarcopenia. Lancet. 2019;393(10191):2636-2646. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(19)31138-9
  3. Deane CS, Cox J, Atherton PJ. Critical variables regulating age-related anabolic responses to protein nutrition in skeletal muscle. Front Nutr. 2024;11:1419229. https://doi.org/10.3389/fnut.2024.1419229
  4. Kamińska MS, Rachubińska K, Grochans S, Skonieczna-Żydecka K, Cybulska AM, Grochans E, Karakiewicz B. The impact of whey protein supplementation on sarcopenia progression among the elderly: a systematic review and meta-analysis. Nutrients. 2023;15(9):2039. https://doi.org/10.3390/nu15092039
  5. Coelho-Junior HJ, Milano-Teixeira L, Rodrigues B, Bacurau R, Marzetti E, Uchida M. Protein Intake and Sarcopenia in Older Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis. Int J Environ Res Public Health. 2022;19(14):8718. https://doi.org/10.3390/ijerph19148718