Ernährungsmedizin
Die Ernährungsmedizin untersucht die Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Stoffwechsel (Verarbeitung und Nutzung von Nährstoffen im Körper), Körperzusammensetzung (Anteile von Muskel-, Fett- und weiterer Körpermasse), körperlicher Funktion, Gesundheit und Krankheit und nutzt diese Erkenntnisse für Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation (Wiederherstellung körperlicher Funktionen). Sie verbindet medizinische Diagnostik mit Ernährungswissenschaft, Physiologie (Lehre von den normalen Körperfunktionen), Biochemie (Lehre von den chemischen Vorgängen im Körper), Epidemiologie (Lehre von der Verteilung von Krankheiten in Bevölkerungen), Verhaltensmedizin (medizinische Berücksichtigung gesundheitsrelevanten Verhaltens) und klinischer Versorgung [LL6].
Das ernährungsmedizinische Behandlungsspektrum reicht von der Anpassung der normalen Lebensmittelauswahl und Mahlzeitenstruktur über die Anreicherung von Speisen und die gezielte Supplementierung (ergänzende Zufuhr) von Mikronährstoffen bis zur oralen Nahrungssupplementation (ergänzende Trink- oder Zusatznahrung über den Mund), enteralen Ernährung (Ernährung über den Magen-Darm-Trakt, meist über eine Sonde) und parenteralen Ernährung (Nährstoffzufuhr über die Vene). Die Diätetik (Lehre von der krankheitsangepassten Ernährung) bildet damit einen wesentlichen Bestandteil der Ernährungsmedizin; die klinische Ernährung umfasst darüber hinaus medizinisch indizierte Ernährungsmaßnahmen einschließlich enteraler und parenteraler Applikationsformen (Formen der Verabreichung) [LL4, LL6, LL7].
Eine aktuelle Positionsarbeit, die sich auf 25 systematische Reviews stützt, bestätigt den klinischen Nutzen einer qualifizierten medizinischen Ernährungstherapie bei verschiedenen ernährungsbezogenen Risikokonstellationen und chronischen Erkrankungen [1]. Voraussetzung sind eine klare Indikationsstellung, eine individuelle Anpassung und die Integration in die medizinische Gesamtbehandlung.
Aufgaben und Ziele der Ernährungsmedizin
Ernährungsmedizinische Maßnahmen können präventiv, therapeutisch, rehabilitativ oder supportiv (unterstützend) eingesetzt werden. Die Ernährungsmedizin behandelt dabei nicht nur Folgen eines Energie- oder Nährstoffmangels, sondern berücksichtigt ebenso Überernährung, ungünstige Ernährungsmuster, veränderte Stoffwechselbedingungen, krankheitsbedingte Nährstoffverluste und Einschränkungen der Nahrungsaufnahme oder Nährstoffverwertung.
- Primärprävention: Förderung einer bedarfsgerechten, qualitativ hochwertigen Ernährung und Unterstützung der metabolischen (den Stoffwechsel betreffenden), kardiovaskulären (Herz und Blutgefäße betreffenden), muskuloskelettalen (Muskeln und Skelett betreffenden) und gastrointestinalen (Magen und Darm betreffenden) Gesundheit.
- Sekundärprävention: frühzeitige Erkennung und Behandlung ernährungsbezogener Risikofaktoren, bevor manifeste Folgeerkrankungen oder funktionelle Einschränkungen entstehen.
- Ernährungstherapie: gezielte Beeinflussung bestehender Erkrankungen, klinischer Symptome, metabolischer Risikofaktoren und krankheitsbedingter Veränderungen der Nahrungsaufnahme oder Nährstoffverwertung.
- Tertiärprävention und Rehabilitation: Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung von Muskelmasse, körperlicher Funktion, Selbstständigkeit, Therapieverträglichkeit und Lebensqualität.
- Klinische Ernährung: Sicherstellung einer bedarfsgerechten Energie-, Protein-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffversorgung bei eingeschränkter Nahrungsaufnahme, erhöhtem Bedarf, Malabsorption (unzureichender Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) oder veränderter Nährstoffverwertung [LL6, LL7].
Stellenwert der Ernährungsqualität
Ernährung ist ein modifizierbarer Einflussfaktor für Stoffwechselgesundheit, Körperzusammensetzung, Muskel- und Organfunktion sowie den Verlauf zahlreicher akuter und chronischer Erkrankungen. Die Zusammenhänge sind multifaktoriell (durch mehrere Faktoren bedingt) und werden durch genetische, metabolische, psychosoziale, sozioökonomische, umweltbezogene und weitere Lebensstilfaktoren mitbestimmt.
Eine höhere Ernährungsqualität ist in prospektiven Kohortenstudien mit einer niedrigeren kardiovaskulären Morbidität (Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert [2]. Da Beobachtungsstudien keine sichere Kausalitätsbeurteilung erlauben, müssen therapeutische Empfehlungen zusätzlich anhand randomisierter Studien, systematischer Reviews, Metaanalysen und Leitlinien beurteilt werden.
Eine Netzwerk-Metaanalyse randomisierter Studien bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko zeigte, dass strukturierte mediterrane und fettmodifizierte Ernährungsprogramme wahrscheinlich die Gesamtmortalität und die Häufigkeit nicht tödlicher Myokardinfarkte (Herzinfarkte) reduzieren können. Mediterrane Ernährungsprogramme können darüber hinaus das Schlaganfallrisiko (Risiko einer akuten Durchblutungsstörung oder Blutung im Gehirn) senken [3]. Die Ergebnisse beziehen sich auf strukturierte Programme und dürfen nicht unkritisch auf jede beliebige Ausgestaltung einer als mediterran bezeichneten Ernährung übertragen werden.
Ernährungsmedizinische Indikationsfelder
Eine strukturierte ernährungsmedizinische Diagnostik und Therapie ist insbesondere in folgenden Bereichen relevant:
- Adipositas (Fettleibigkeit) und metabolische Erkrankungen: Adipositas, Prädiabetes (Vorstufe des Diabetes), Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2), Dyslipidämien (Fettstoffwechselstörungen), arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel) und metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (stoffwechselbedingte Fettlebererkrankung) [LL1, LL2, LL5].
- Kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und erhöhtes kardiovaskuläres Risiko: ernährungstherapeutische Beeinflussung von Körpergewicht, Blutdruck, Lipidstoffwechsel, Glucosestoffwechsel und Ernährungsqualität [2, 3].
- Krankheitsassoziierte Mangelernährung (durch Krankheit bedingte Unterernährung): ungewollter Gewichtsverlust, reduzierte Nahrungsaufnahme, verminderte Muskelmasse oder eingeschränkte körperliche Funktion bei akuten und chronischen Erkrankungen [6, 7, LL7].
- Onkologische Erkrankungen (Krebserkrankungen): Prävention, Diagnostik und Behandlung von Mangelernährung, Muskelverlust, verminderter Nahrungsaufnahme und therapiebedingten Ernährungsproblemen [LL3].
- Gastroenterologische und hepatologische Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts und der Leber): Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts (Magen-Darm-Trakts), der Leber, der Gallenwege und des Pankreas sowie Störungen von Verdauung, Resorption (Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) oder Nährstoffverwertung [LL5].
- Perioperative Medizin (medizinische Versorgung vor, während und nach einer Operation): präoperative Erfassung des Ernährungsrisikos, Behandlung einer bestehenden Mangelernährung, perioperative Ernährungstherapie und Unterstützung der Rekonvaleszenz (Genesung) [LL9].
- Geriatrische und funktionelle Syndrome (typische Krankheitsbilder und Funktionsstörungen im höheren Lebensalter): Mangelernährung, Sarkopenie (alters- oder krankheitsbedingter Muskelabbau), Frailty (Gebrechlichkeit), eingeschränkte Selbstständigkeit und verminderte orale Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme.
- Lebensmittelbezogene Erkrankungen: Nahrungsmittelallergien (allergische Reaktionen auf Lebensmittel), Zöliakie (glutenbedingte Autoimmunerkrankung des Dünndarms) und medizinisch gesicherte Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Lebensmitteln).
- Medizinische Ernährung: Indikationsstellung und Steuerung oraler Nahrungssupplemente, enteraler Ernährung und parenteraler Ernährung im stationären, ambulanten oder häuslichen Umfeld [LL4, LL7].
Eine Einteilung von Erkrankungen in ausschließlich durch ein „Nährstoffüberangebot“ oder einen „Nährstoffmangel“ verursachte Krankheitsbilder ist häufig zu vereinfachend. Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, arterielle Hypertonie, Dyslipidämien, kardiovaskuläre Erkrankungen, Osteoporose (Knochenschwund) und Cholelithiasis (Gallensteinleiden) sind multifaktoriell. Ernährung kann Entstehung und Verlauf wesentlich beeinflussen, stellt jedoch in der Regel nicht die alleinige Ursache dar.
Der ernährungsmedizinische Behandlungsprozess
Eine qualitätsgesicherte ernährungsmedizinische Versorgung folgt einem strukturierten Prozess aus Screening, Assessment, Ernährungsdiagnose, Therapieplanung, Intervention und Verlaufskontrolle [LL7].
- Ernährungsmedizinisches Screening: Einsatz eines für Alter, Erkrankung und Versorgungsbereich validierten Instruments zur frühzeitigen Erkennung eines erhöhten Mangelernährungsrisikos.
- Ernährungsmedizinisches Assessment: Erfassung von Ernährungsanamnese, aktueller Nahrungsaufnahme, Gewichtsverlauf, Body-Mass-Index, Körperzusammensetzung, Muskelkraft, körperlicher Funktion, Begleiterkrankungen, Medikation, gastrointestinaler Funktion und psychosozialen Einflussfaktoren.
- Ernährungsdiagnose: Einordnung der Befunde unter Berücksichtigung der zugrunde liegenden Erkrankung und ihrer Auswirkungen auf Bedarf, Nahrungsaufnahme, Verdauung, Resorption und Stoffwechsel.
- Definition der Therapieziele: Festlegung konkreter und überprüfbarer Ziele für Energie- und Proteinzufuhr, Körpergewicht, Körperzusammensetzung, Muskelkraft, Stoffwechselparameter, Symptomkontrolle, Therapieverträglichkeit und Lebensqualität.
- Ernährungstherapeutische Intervention: Auswahl eines indikationsgerechten Ernährungskonzepts und Festlegung des geeigneten Applikationswegs.
- Monitoring: regelmäßige Überprüfung von Wirksamkeit, Verträglichkeit, Adhärenz (Therapietreue) und Zielerreichung sowie bedarfsgerechte Anpassung der Therapie.
Diagnostik der Mangelernährung
Nach der Identifikation eines Mangelernährungsrisikos durch ein validiertes Screening kann die Diagnose einer Mangelernährung anhand der Kriterien der Global Leadership Initiative on Malnutrition erfolgen. Erforderlich sind mindestens ein phänotypisches (an messbaren körperlichen Merkmalen erkennbares) und mindestens ein ätiologisches Kriterium (die Ursache betreffendes Merkmal) [7].
Phänotypische Kriterien:
- ungewollter Gewichtsverlust
- niedriger Body-Mass-Index
- reduzierte Muskelmasse
Ätiologische Kriterien:
- verminderte Nahrungsaufnahme oder eingeschränkte Assimilation (Aufnahme und Verwertung von Nährstoffen)
- krankheitsbedingte Entzündung (Abwehrreaktion des Körpers) beziehungsweise erhöhte Krankheitslast
Der Schweregrad der Mangelernährung wird anhand der Ausprägung der phänotypischen Kriterien bestimmt. Die 2025 veröffentlichte Aktualisierung der GLIM-Kriterien bestätigt das Grundkonzept und hebt hervor, dass die Beurteilung der Muskelmasse an die verfügbaren diagnostischen Verfahren und die klinische Erfahrung angepasst werden muss [7].
Laborparameter können Entzündungsaktivität, Organfunktion, Stoffwechsellage und spezifische Mikronährstoffdefizite (Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen) abbilden. Sie sind jedoch allein weder zum Ausschluss noch zur Diagnose einer krankheitsassoziierten Mangelernährung ausreichend.
Lebensmittelbasierte Ernährungstherapie
Die lebensmittelbasierte Ernährungstherapie bildet bei erhaltener oraler Nahrungsaufnahme die Grundlage der ernährungsmedizinischen Behandlung. Sie berücksichtigt Energie- und Nährstoffbedarf, Erkrankung, Stoffwechsellage, Körperzusammensetzung, Lebensphase, körperliche Aktivität, Verträglichkeit, kulturelle Rahmenbedingungen und individuelle Präferenzen.
Je nach Indikation können mediterrane (an der traditionellen Mittelmeerkost orientierte), pflanzenbetonte, proteinadaptierte, kohlenhydratmodifizierte oder energieadaptierte Ernährungsmuster eingesetzt werden [3, 5, LL1, LL2]. Entscheidend sind nicht allein die Bezeichnung der Kostform, sondern ihre ernährungsphysiologische Qualität, die individuelle Zielsetzung, die Sicherheit und die langfristige Umsetzbarkeit.
Die Ernährungstherapie umfasst neben der Lebensmittelauswahl auch Mahlzeitenfrequenz, Portionsgestaltung, Zubereitungsweise, Energie- und Nährstoffdichte, Flüssigkeitszufuhr sowie gegebenenfalls eine Anpassung der Konsistenz.
Personalisierte Ernährungstherapie
Personalisierte Ernährungstherapie bedeutet die systematische Anpassung der Intervention an Ernährungsanamnese, klinischen Befund, Körperzusammensetzung, Laborparameter, Begleiterkrankungen, Medikation, körperliche Aktivität, Lebensumfeld und individuelle Therapieziele.
Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zeigt, dass personalisierte Ernährungsinterventionen die Ernährungsqualität und einzelne kardiovaskuläre Risikofaktoren (Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen) verbessern können [4]. Die Studien unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Populationen, Interventionen, Intensität und Endpunkten.
Für eine generelle Überlegenheit komplexer genetischer, mikrobiombasierter (auf der Zusammensetzung der Darmmikroorganismen beruhender) oder vollständig algorithmisch gesteuerter Personalisierungsverfahren gegenüber einer qualifizierten konventionellen Ernährungstherapie besteht bislang keine ausreichende Evidenz. Genetische oder mikrobiologische Untersuchungsergebnisse können deshalb nur dann einbezogen werden, wenn ein klinisch validierter Zusammenhang und eine konkrete therapeutische Konsequenz bestehen.
Ernährungstherapie bei Adipositas
Bei Adipositas ist die Ernährungstherapie Bestandteil eines multimodalen (aus mehreren Behandlungsformen bestehenden) Behandlungskonzepts aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Abhängig von Adipositasgrad, Begleiterkrankungen, Therapiezielen und bisherigem Verlauf kann sie durch Pharmakotherapie (Behandlung mit Arzneimitteln) oder metabolisch-bariatrische Verfahren (stoffwechselwirksame Operationen zur Gewichtsreduktion) ergänzt werden [LL1].
Für eine relevante Reduktion der Fettmasse ist ein Energiedefizit erforderlich. Die Verteilung der Makronährstoffe kann individualisiert werden, sofern eine bedarfsgerechte Versorgung mit essenziellen Nährstoffen, eine angemessene Proteinzufuhr, der bestmögliche Erhalt der fettfreien Körpermasse und die langfristige Umsetzbarkeit berücksichtigt werden [LL1].
Neben dem Körpergewicht sind Taillenumfang, Körperzusammensetzung, Muskelkraft, metabolische Parameter, körperliche Belastbarkeit und Lebensqualität klinisch relevante Verlaufsparameter. Bei pharmakologisch oder operativ unterstützter Gewichtsreduktion sind eine ausreichende Protein- und Mikronährstoffversorgung sowie eine regelmäßige Verlaufskontrolle besonders bedeutsam.
Ernährungstherapie bei Diabetes mellitus Typ 2
Die Ernährungstherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2. Sie wird an Körpergewicht, Glucoseprofil, medikamentöse Therapie, Begleiterkrankungen, Hypoglykämierisiko (Risiko einer Unterzuckerung) und persönliche Präferenzen angepasst [LL2].
Eine Netzwerk-Metaanalyse von 42 randomisierten Studien mit 4.809 Patienten bestätigt, dass verschiedene wissenschaftlich evaluierte Ernährungsmuster die glykämische Kontrolle (Regulation des Blutzuckers) verbessern können [5]. Die Untersuchung liefert jedoch keine ausreichende Grundlage, um eine einzelne Kostform langfristig für alle Patienten als überlegen einzustufen.
Bei Übergewicht oder Adipositas sind eine klinisch relevante Gewichtsreduktion, eine hohe Ernährungsqualität und eine langfristig tragfähige Adhärenz von besonderer Bedeutung. Die Kohlenhydratzufuhr muss bei einer Therapie mit Insulin oder insulinotropen Arzneimitteln (Medikamenten, die die Insulinausschüttung steigern) mit dem individuellen Hypoglykämierisiko abgestimmt werden [LL2].
Mikronährstoffmedizin
Mikronährstoffe sind für Stoffwechsel, Enzymfunktionen, Zellteilung, Immunfunktion (Funktion des Abwehrsystems), Blutbildung, Nervenfunktion sowie Knochen- und Muskelstoffwechsel essenziell. Eine gezielte Supplementierung von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen ist bei nachgewiesenem oder mit hoher Wahrscheinlichkeit bestehendem Mangel, erhöhtem Bedarf, eingeschränkter Resorption, krankheitsbedingten Verlusten oder klinisch relevanten Arzneimittel-Nährstoff-Interaktionen (Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Nährstoffen) medizinisch sinnvoll [LL8].
Die Indikationsstellung stützt sich auf Anamnese, Ernährungsweise, klinische Befunde, Begleiterkrankungen, Medikation und – soweit diagnostisch geeignet – Laboruntersuchungen. Auswahl, Dosierung, Applikationsform, Behandlungsdauer und Verlaufskontrolle werden individuell festgelegt [LL8].
Bei der Interpretation von Mikronährstoffkonzentrationen müssen Entzündung, Organfunktion, Hydratationszustand, Einnahmezeitpunkt und präanalytische Faktoren berücksichtigt werden. Eine niedrige Serum- oder Plasmakonzentration ist nicht bei jedem Mikronährstoff automatisch mit einem tatsächlichen Gesamtkörpermangel gleichzusetzen [LL8].
Eine gezielte Supplementierung ersetzt keine qualitativ hochwertige Ernährung, kann diese jedoch bei einer bestehenden Versorgungslücke oder einem medizinisch begründeten Mehrbedarf wirksam ergänzen. Bei enteraler oder parenteraler Langzeiternährung muss die Versorgung mit essenziellen Vitaminen und Spurenelementen systematisch sichergestellt und überwacht werden [LL4, LL8].
Orale Nahrungssupplementation
Orale Nahrungssupplemente beziehungsweise Trinknahrungen können eingesetzt werden, wenn der Energie- oder Nährstoffbedarf durch normale Lebensmittel und eine Anreicherung der Speisen nicht ausreichend gedeckt werden kann. Zusammensetzung, Energiedichte, Proteingehalt, Konsistenz, Einnahmezeitpunkt und Geschmackspräferenzen werden an die klinische Situation angepasst [LL4, LL7].
Eine Metaanalyse von 27 randomisierten Studien mit 6.803 internistischen Patienten (Patienten mit Erkrankungen der inneren Organe) mit Mangelernährung oder erhöhtem Ernährungsrisiko zeigte unter einer strukturierten Ernährungstherapie eine höhere Energie- und Proteinzufuhr, eine günstigere Gewichtsentwicklung sowie eine niedrigere Mortalität und weniger nicht elektive Wiederaufnahmen [6]. Die eingeschlossenen Interventionen waren heterogen; der Nutzen muss daher im jeweiligen klinischen Kontext bewertet werden.
Orale Nahrungssupplemente sind in ein Gesamtkonzept einzubetten, das die normale Ernährung, Symptomkontrolle, Kau- und Schluckfähigkeit, gastrointestinale Verträglichkeit (Verträglichkeit im Magen-Darm-Trakt) und individuelle Therapieziele berücksichtigt.
Enterale Ernährung
Eine enterale Ernährung ist indiziert, wenn die orale Nahrungsaufnahme nicht ausreicht oder nicht sicher möglich ist, der Gastrointestinaltrakt jedoch grundsätzlich genutzt werden kann. Die Auswahl von Sondenzugang (Zugang für eine Ernährungssonde), Nährlösung, Applikationsform und Förderrate richtet sich nach Erkrankung, gastrointestinaler Funktion, Aspirationsrisiko (Risiko des Eindringens von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege), voraussichtlicher Therapiedauer und Versorgungsumfeld [LL4, LL7].
Bei längerfristiger enteraler Ernährung müssen Energie-, Protein-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffzufuhr sowie Sondenfunktion, gastrointestinale Verträglichkeit und mögliche Arzneimittel-Nährstoff-Interaktionen regelmäßig überprüft werden.
Eine häusliche enterale Ernährung kann bei entsprechender Indikation sicher und wirksam durchgeführt werden. Voraussetzungen sind ein strukturierter Behandlungs- und Überleitungsplan, Schulung des Patienten beziehungsweise seiner Betreuungspersonen sowie eine kontinuierliche ärztliche, ernährungstherapeutische und pflegerische Betreuung [LL4].
Parenterale Ernährung
Die parenterale Ernährung ermöglicht die intravenöse Zufuhr von Aminosäuren, Glucose, Lipiden, Elektrolyten, Vitaminen, Spurenelementen und Flüssigkeit. Sie ist indiziert, wenn der Bedarf oral und enteral nicht ausreichend gedeckt werden kann oder eine enterale Ernährung vorübergehend oder dauerhaft nicht möglich beziehungsweise kontraindiziert ist [LL4, LL7].
Eine parenterale Ernährung kann vollständig oder ergänzend erfolgen. Ihre Durchführung erfordert eine individuelle Bedarfsberechnung und die regelmäßige Kontrolle von Glucosestoffwechsel, Elektrolyten, Triglyceriden, Leber- und Nierenfunktion, Flüssigkeitsbilanz, Katheterfunktion (Funktion des Gefäßzugangs) und infektiösen Komplikationen (infektionsbedingten Folgeproblemen).
Bei langfristiger parenteraler Ernährung sind Vitamine und Spurenelemente bedarfsgerecht zuzuführen. Auswahl und Dosierung müssen an Organfunktion, Verluste, Stoffwechselsituation und Behandlungsdauer angepasst werden [LL4, LL8].
Perioperative Ernährungsmedizin
Der Ernährungszustand soll vor größeren operativen Eingriffen erfasst werden. Bei bestehender Mangelernährung oder hohem Ernährungsrisiko ist eine präoperative Ernährungstherapie angezeigt, soweit die klinische Situation dies zulässt [LL9].
Frühzeitige orale Nahrungsaufnahme wird nach Operationen grundsätzlich bevorzugt, sofern keine chirurgischen oder funktionellen Kontraindikationen (Gründe gegen eine Behandlung) bestehen. Eine unnötig lange prä- oder postoperative Nahrungskarenz (Verzicht auf Essen und Trinken) soll vermieden werden [LL9].
Kann der Bedarf nicht oral gedeckt werden, erfolgt abhängig von gastrointestinaler Funktion und klinischer Situation eine enterale oder ergänzende parenterale Ernährung. Die Ernährungstherapie ist Bestandteil multimodaler perioperativer Behandlungskonzepte und sollte mit Mobilisation, Schmerztherapie und weiteren rehabilitativen Maßnahmen abgestimmt werden [LL9].
Ernährungsmedizin in der Onkologie
Bei onkologischen Erkrankungen sollen Ernährungsrisiko und Ernährungszustand frühzeitig und wiederholt erfasst werden. Ernährungsprobleme können durch die Tumorerkrankung, systemische Entzündung, chirurgische Eingriffe, medikamentöse Tumortherapie, Strahlentherapie, gastrointestinale Symptome und psychosoziale Belastungen entstehen [LL3].
Eine individualisierte Ernährungstherapie dient der Stabilisierung beziehungsweise Verbesserung von Energie- und Proteinzufuhr, Körpergewicht, Muskelmasse, körperlicher Funktion, Therapieverträglichkeit und Lebensqualität [LL3].
Bei unzureichender oraler Versorgung erfolgt eine stufenweise Intensivierung über Ernährungsberatung, Anreicherung der normalen Ernährung und orale Nahrungssupplemente bis zur enteralen beziehungsweise ergänzenden oder vollständigen parenteralen Ernährung [LL3].
Restriktive Kostformen (stark einschränkende Ernährungsformen) ohne medizinische Indikation können die Energie- und Nährstoffzufuhr zusätzlich vermindern und sind bei bestehendem Mangelernährungsrisiko zu vermeiden.
Ernährungsmedizin bei Lebererkrankungen
Chronische Lebererkrankungen können mit Mangelernährung, Sarkopenie, veränderter Substratverwertung, verminderten Glykogenspeichern und einem erhöhten Risiko kataboler Stoffwechsellagen (Abbauzustände des Körpers) einhergehen. Die Ernährungstherapie wird an Erkrankungsstadium, Ernährungszustand, Muskelmasse, Organfunktion und mögliche Komplikationen angepasst [LL5].
Bei Leberzirrhose (narbigem Umbau der Leber) sind eine bedarfsgerechte Energie- und Proteinzufuhr, die Vermeidung längerer Nahrungskarenzen und eine angepasste Verteilung der Mahlzeiten von besonderer Bedeutung. Eine späte Abendmahlzeit kann längere nächtliche Fastenphasen verkürzen [LL5].
Unbegründete langfristige Proteinrestriktionen sind bei Leberzirrhose in der Regel nicht angezeigt. Auch bei hepatischer Enzephalopathie (durch eine schwere Leberfunktionsstörung bedingte Hirnfunktionsstörung) soll eine ausreichende Proteinversorgung angestrebt und die Auswahl der Proteinquellen individuell angepasst werden [LL5].
Bewegungs- und Verhaltenstherapie
Ernährungstherapie und körperliche Aktivität wirken komplementär. Insbesondere bei Adipositas, Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin), Sarkopenie und funktionellen Einschränkungen unterstützt ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining den Erhalt beziehungsweise Aufbau der Muskelmasse, verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit und kann metabolische Risikofaktoren günstig beeinflussen [LL1, LL2].
Eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr ist erforderlich, damit Training insbesondere bei älteren, mangelernährten oder chronisch kranken Patienten seine anabolen (körperaufbauenden) und funktionellen Wirkungen entfalten kann.
Verhaltensmedizinische Maßnahmen wie realistische Zielvereinbarungen, Selbstbeobachtung, Motivationsförderung, Rückfallprophylaxe und regelmäßige Verlaufskontrollen verbessern die praktische Umsetzung. Ernährungsempfehlungen sind deshalb nicht allein als Informationsvermittlung, sondern als strukturierter therapeutischer Prozess zu verstehen [LL1, LL2].
Interdisziplinäre Versorgung
Ernährungsmedizinische Versorgung erfolgt idealerweise in einem multiprofessionellen Team. Je nach Indikation arbeiten Ernährungsmediziner, Ärzte anderer Fachgebiete, Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten, Pflegefachkräfte, Apotheker, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler und Psychotherapeuten zusammen [LL4, LL7].
Ein strukturierter Behandlungsplan dokumentiert Ernährungsdiagnose, Therapieziele, Energie- und Proteinbedarf, Mikronährstoffstrategie, Applikationsweg, Monitoringparameter und Verantwortlichkeiten.
Bei Übergängen zwischen stationärer, ambulanter und häuslicher Versorgung sind verbindliche Überleitungsprozesse erforderlich. Der weiterbehandelnde Arzt und die beteiligten Fachkräfte müssen über Indikation, Ernährungszugang, verwendete Produkte, Zielzufuhr, bisherige Verträglichkeit, notwendige Kontrollen und mögliche Komplikationen informiert werden [LL4].
Qualitätssicherung und Verlaufskontrolle
Die Qualität einer ernährungsmedizinischen Intervention bemisst sich an nachvollziehbarer Indikationsstellung, präziser Zieldefinition, fachgerechter Durchführung und dokumentierter Verlaufskontrolle. Abhängig von der Indikation können folgende Ergebnisparameter herangezogen werden:
- Ernährungsaufnahme: Energie-, Protein-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffzufuhr
- Anthropometrie: Gewichtsverlauf, Body-Mass-Index und Taillenumfang
- Körperzusammensetzung: Muskel- und Fettmasse bei geeigneter und standardisierter Methodik
- Körperliche Funktion: Handkraft, Gehgeschwindigkeit, Belastbarkeit und Alltagsfunktion
- Stoffwechsel: indikationsbezogene Glucose-, Lipid-, Leber-, Nieren- und Entzündungsparameter
- Mikronährstoffversorgung: indikationsbezogene Laborparameter unter Berücksichtigung klinischer und präanalytischer Einflussfaktoren
- Klinischer Verlauf: Symptome, Therapieverträglichkeit, Komplikationen, Rekonvaleszenz und Wiederaufnahmen
- Patientenbezogene Endpunkte: Lebensqualität, Ernährungsautonomie, Adhärenz und Therapiezufriedenheit
Fazit
Die Ernährungsmedizin ist ein wesentlicher Bestandteil einer evidenzbasierten, personalisierten und interdisziplinären Medizin. Sie verbindet lebensmittelbasierte Ernährungstherapie, gezielte Mikronährstoffmedizin, orale Nahrungssupplementation, enterale und parenterale Ernährung, Bewegungstherapie und verhaltensmedizinische Unterstützung [1, LL6].
Ihr klinischer Nutzen beruht auf einer strukturierten Diagnostik, einer klaren Indikationsstellung, realistischen Therapiezielen und einer kontinuierlichen Verlaufskontrolle. Besonders bei Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, erhöhtem kardiovaskulärem Risiko, krankheitsassoziierter Mangelernährung, onkologischen Erkrankungen, chronischen Lebererkrankungen und perioperativen Risikokonstellationen ist die Ernährungstherapie integraler Bestandteil der medizinischen Gesamtbehandlung [1, 3, 5, 6, LL1, LL2, LL3, LL5, LL9].
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