Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen

Die Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen ist eine gezielte, wissenschaftlich geprüfte Form der Ernährungsberatung, die zusätzlich zur medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung eingesetzt wird. Sie ergänzt diese Therapien sinnvoll.
Ziel der Ernährungstherapie ist es, körperliche Prozesse, die bei der bipolaren Störung häufig mitbetroffen sind, positiv zu beeinflussen. Dazu gehören vor allem der Stoffwechsel, Entzündungsprozesse im Körper und das Risiko für Komorbiditäten (Begleiterkrankungen). Diese Faktoren können den Krankheitsverlauf, die langfristige Prognose und die Lebensqualität erheblich mitbestimmen.

Menschen mit bipolarer Störung haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein deutlich erhöhtes Risiko für Übergewicht, Hyperlipidämien (Fettstoffwechselstörungen), Insulinresistenz (verminderte Wirkung des Hormons Insulin) sowie für Diabetes mellitus Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Risiken entstehen sowohl durch die Erkrankung selbst (z. B. durch Schlafstörungen oder unregelmäßige Tagesabläufe) als auch als Nebenwirkung bestimmter Medikamente. Die Ernährungstherapie setzt daher vor allem bei der Vorbeugung und Behandlung dieser körperlichen Begleiterkrankungen an.

Ferner zeigen aktuelle wissenschaftliche Studien, dass Ernährung auch indirekt Einfluss auf die Stimmung nehmen kann. Bestimmte Ernährungsweisen können Entzündungen im Körper reduzieren, die Nervenzellen schützen und die Darmflora positiv beeinflussen. Diese Prozesse stehen wiederum mit depressiven Phasen in Zusammenhang.

Die Ernährungstherapie ist deshalb als fester Bestandteil eines langfristigen, ganzheitlichen Behandlungskonzepts zu verstehen, das medizinische, psychotherapeutische und lebensstilbezogene Maßnahmen miteinander verbindet [1, 7].

Wissenschaftliche Grundlagen

Die wissenschaftliche Betrachtung von Ernährung bei bipolaren Störungen entwickelte sich zunächst aus der Beobachtung einer erhöhten somatischen Krankheitslast, insbesondere metabolischer und kardiovaskulärer Begleiterkrankungen. Mit dem Aufkommen der Forschungsrichtung Nutritional Psychiatry (Ernährung und psychische Gesundheit) wurde darüber hinaus untersucht, ob Ernährung auch krankheitsrelevante biologische Prozesse beeinflussen kann, die über reine Begleiterkrankungen hinausgehen.

Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben bei bipolaren Störungen unter anderem Zusammenhänge mit chronischer Inflammation (dauerhaft aktivierten Entzündungsprozessen), erhöhtem oxidativem Stress sowie mit einer mitochondrialen Dysfunktion (eingeschränkte Funktion der Mitochondrien/„Energiekraftwerke“ der Zellen) [1, 4]. Die Mitochondrien sind für die Energieversorgung der Zellen verantwortlich. Da Nervenzellen einen besonders hohen Energiebedarf haben, können Störungen dieser Energieproduktion die Regulation von Stimmung, Antrieb und Stressverarbeitung beeinträchtigen. Ergänzend werden Veränderungen der Fettsäurezusammensetzung neuronaler Zellmembranen sowie Störungen der Darm‑Hirn‑Achse beschrieben, die neurobiologische und immunologische Prozesse miteinander verknüpfen [1, 4].

Ernährung wirkt potentiell auf all diese Ebenen parallel, etwa durch Beeinflussung entzündlicher Prozesse, des oxidativen Gleichgewichts, der Energieverfügbarkeit auf Zellebene sowie der Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Die beschriebenen Effekte gelten insgesamt als moderat, jedoch biologisch plausibel und insbesondere im Langzeitverlauf klinisch relevant, vor allem im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts [1, 7].

Zielsetzung der Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen verfolgt in erster Linie das Ziel, metabolische und entzündungsbezogene Risikofaktoren zu verbessern, da diese wesentlich zur erhöhten somatischen Krankheitslast beitragen. Im Fokus stehen dabei messbare Parameter wie der Body‑Mass‑Index (BMI/Körpermassen-Index), der Taillenumfang, LDL‑Cholesterin und Triglyceride sowie die Nüchternglucose als Marker für Insulinresistenz und Diabetesrisiko. Ergänzend werden Entzündungsmarker berücksichtigt, da chronische niedriggradige Entzündungsprozesse sowohl mit Stoffwechselstörungen als auch mit affektiver Symptomatik assoziiert sind.

Sekundär zielt die Ernährungstherapie auf eine Verbesserung von Lebensqualität, Energielevel und Alltagsstabilität ab. Eine strukturierte, ausgewogene Ernährung kann den Tagesrhythmus stabilisieren, körperliche Erschöpfung reduzieren und die Verträglichkeit psychotroper Medikation unterstützen. Die Ernährungstherapie ersetzt dabei keine psychiatrische Behandlung und verfolgt nicht das Ziel einer eigenständigen Symptomkontrolle oder Medikamentenreduktion.

Die Umsetzung orientiert sich an der leitlinienbasierten Logik von Indikation, Intervention, Monitoring und Risikobewertung. Kurzfristig steht die Stabilisierung metabolischer Parameter im Vordergrund, langfristig die Prävention kardiovaskulärer Folgeerkrankungen und somatischer Komorbiditäten als Teil eines multimodalen Behandlungskonzepts [1, 7].

Grundprinzipien

Die Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen basiert auf wenigen, klaren Grundprinzipien, die auf Stabilität, Langfristigkeit und gute Alltagstauglichkeit ausgerichtet sind. Ein zentrales Element ist eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur, da unregelmäßiges Essen, lange Nüchternphasen oder stark schwankende Energiezufuhr Blutzuckerschwankungen begünstigen können. Diese können sich negativ auf Antrieb, Konzentration und affektive Stabilität auswirken. Feste Mahlzeitenzeiten tragen daher nicht nur zur metabolischen Regulation bei, sondern unterstützen auch einen stabilen Tagesrhythmus.

Ein weiteres Grundprinzip ist die Auswahl einer entzündungsarmen und nährstoffdichten Ernährung. Bevorzugt werden Lebensmittel, die reich an Ballaststoffen, ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen sind, da sie Stoffwechsel‑ und Entzündungsprozesse günstig beeinflussen können. Gleichzeitig soll eine übermäßige Zufuhr stark verarbeiteter, zucker‑ und fettreicher Produkte vermieden werden, da diese mit Gewichtszunahme, Insulinresistenz und proinflammatorischen Stoffwechselmustern assoziiert sind.

Von zentraler Bedeutung ist zudem die Vermeidung extremer Diätformen. Stark restriktive Kostformen, Fastenkonzepte oder einseitige Diäten können körperlichen Stress erzeugen, Nährstoffmängel begünstigen und affektive Instabilität fördern. Die Ernährungstherapie zielt daher nicht auf kurzfristige Gewichtsreduktion, sondern auf eine ausgewogene, dauerhaft umsetzbare Ernährungsweise.

Als besonders praktikabel und nachhaltig haben sich mediterrane Ernährungsmuster erwiesen. Sie kombinieren eine hohe Nährstoffdichte mit guter Alltagstauglichkeit und lassen sich flexibel an individuelle Vorlieben, kulturelle Gewohnheiten und soziale Rahmenbedingungen anpassen. Damit erfüllen sie zentrale Anforderungen der Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen: langfristige Umsetzbarkeit, metabolische Verträglichkeit und Unterstützung eines stabilen Lebensrhythmus.

Angestrebte Wirkmechanismen

Mit der Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen werden keine direkten krankheitsheilenden Effekte angestrebt, sondern eine günstige Beeinflussung biologischer Prozesse, die nachweislich mit dem Krankheitsverlauf und der somatischen Komorbidität assoziiert sind. Im Vordergrund steht dabei die Reduktion systemischer Inflammation, da chronische niedriggradige Entzündungsprozesse sowohl mit metabolischen Störungen als auch mit depressiver Symptomatik in Verbindung gebracht werden. Eine entzündungsarme Ernährung kann diese Prozesse modulieren und so indirekt zur Stabilisierung des körperlichen und psychischen Befindens beitragen.

Ein weiterer zentraler Wirkmechanismus betrifft die Lipidzusammensetzung neuronaler Zellmembranen. Ungünstige Fettsäuremuster können die Fluidität von Zellmembranen und damit Signalübertragung und Neurotransmission beeinflussen. Durch eine ausgewogene Zufuhr ungesättigter Fettsäuren, insbesondere aus pflanzlichen Ölen und Fisch, wird eine günstigere Membranstruktur unterstützt, was als biologisch plausibler, wenn auch moderater Wirkmechanismus gilt [1, 2].

Darüber hinaus werden Effekte auf das Darmmikrobiom angenommen. Ernährung beeinflusst die Zusammensetzung und Aktivität der Darmflora, die über immunologische, hormonelle und neuronale Signalwege mit dem zentralen Nervensystem verknüpft ist. Veränderungen dieser sogenannten Darm‑Hirn‑Achse können Entzündungsprozesse, Stressreaktionen und möglicherweise auch affektive Symptome modulieren [4].

Schließlich zielt die Ernährungstherapie auf eine Verbesserung der Insulinsensitivität und des Energiestoffwechsels ab. Störungen des Glucose‑ und Fettstoffwechsels sind bei bipolaren Störungen häufig und können Erschöpfung, Gewichtszunahme und kardiovaskuläre Risiken verstärken. Eine stabile Energieverfügbarkeit und verbesserte Stoffwechselregulation gelten daher als wichtige unterstützende Faktoren im Gesamtbehandlungskonzept.

Die beschriebenen Wirkmechanismen sind überwiegend indirekt, additiv und langfristig wirksam und entfalten ihre Bedeutung vor allem im Rahmen eines multimodalen Therapieansatzes [1, 2, 4].

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Geeignete Zielgruppen

  • Erwachsene mit bipolarer Störung
  • Patienten mit Übergewicht oder metabolischem Syndrom (klinische Bezeichnung für die Symptomkombination Adipositas (Übergewicht), Hypertonie (Bluthochdruck), erhöhte Nüchternglucose (Nüchternblutzucker) und Nüchterninsulin-Serumspiegels (Insulinresistenz) und Fettstoffwechselstörung)
  • Geriatrische (ältere) Patienten mit angepasster Energie- und Proteinzufuhr

Eingeschränkte Eignung

  • Akute manische Episoden
  • Schwere depressive Episoden mit ausgeprägter Appetitlosigkeit

Indikationsbezogene Eignung

  • Adipositas
  • Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung)
  • Prädiabetes (Vorstufe einer Diabetes-Erkrankung) oder Diabetes mellitus Typ 2

Die Ernährungstherapie ersetzt keine pharmakologische Behandlung und sollte bei komplexen Verläufen ärztlich begleitet werden.

Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie

Die Durchführung der Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen erfordert ein strukturiertes, planvolles Vorgehen, das sowohl medizinische als auch psychosoziale Besonderheiten der Erkrankung berücksichtigt. Bereits in der Vorbereitung sollten Ernährungsgewohnheiten, Tagesstruktur, Schlafrhythmus, Medikamenteneinnahme sowie mögliche Gewichtsschwankungen systematisch erfasst werden. Eine einfache Ernährungsanamnese reicht hier nicht aus. Sinnvoll ist die Kombination aus Ernährungsprotokoll, Gewichtsverlauf und Laborparametern.

Typische Fehler zu Beginn sind zu ambitionierte Zielsetzungen, radikale Ernährungsumstellungen oder das gleichzeitige Verfolgen mehrerer Ernährungskonzepte. Diese erhöhen das Risiko für Überforderung, Abbruch oder affektive Instabilität. Daher ist eine Übergangsphase von mehreren Wochen empfehlenswert, in der zunächst Mahlzeitenrhythmus und Grundstruktur stabilisiert werden, bevor Detailanpassungen erfolgen.

Mentale und organisatorische Aspekte spielen eine zentrale Rolle. Menschen mit bipolarer Störung profitieren besonders von klaren Routinen, wiederkehrenden Abläufen und einfachen Entscheidungsstrukturen. Die Ernährungstherapie sollte deshalb schrittweise aufgebaut sein: Zunächst Festlegung fester Mahlzeitenzeiten, anschließend Optimierung der Lebensmittelauswahl und erst danach Feinjustierung einzelner Nährstoffe.

Der typische Ablauf gliedert sich in Analyse, Planung, Umsetzung und Evaluation. Eine initiale Umsetzungsphase von etwa 8-12 Wochen gilt als sinnvoll, um Effekte auf Gewicht, Stoffwechsel und subjektives Befinden beurteilen zu können. Ziel ist nicht ein definierter „Therapieabschluss“, sondern der Übergang in eine dauerhaft tragfähige Alltagsroutine. In der Regel erfolgt die Ernährungstherapie ambulant; bei komplexer Multimedikation oder ausgeprägten metabolischen Störungen ist eine ärztliche Begleitung dringend zu empfehlen.

Empfohlene Lebensmittel

Ziel ist es, den Stoffwechsel zu stabilisieren, Entzündungsprozesse zu reduzieren und die Energieversorgung des Körpers – insbesondere des Gehirns – günstig zu beeinflussen. Die empfohlenen Lebensmittel zeichnen sich durch eine hohe Nährstoffdichte, günstige Fettqualität und einen niedrigen Verarbeitungsgrad aus.

  • Gemüse und Obst (vielfältig, saisonal) – liefern Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe; diese unterstützen antioxidative und entzündungshemmende Prozesse und tragen zur Stabilisierung des Stoffwechsels bei
  • Vollkornprodukte – enthalten komplexe Kohlenhydrate, Ballaststoffe und Mikronährstoffe (Vitalstoffe); sie führen zu einem langsameren Anstieg des Blutzuckerspiegels als raffinierte Getreideprodukte und unterstützen so eine gleichmäßigere Energieverfügbarkeit, was für Alltagsstabilität und Konzentration relevant ist
  • Hülsenfrüchte – sind eine hochwertige pflanzliche Proteinquelle und reich an Ballaststoffen; sie fördern die Sättigung, wirken günstig auf den Blutzuckerstoffwechsel und unterstützen eine gesunde Darmflora
  • Nüsse und Samen – liefern ungesättigte Fettsäuren, pflanzliches Eiweiß (Proteine) sowie Mineralstoffe wie Magnesium und Zink; diese Nährstoffe spielen eine Rolle im Energiestoffwechsel und in der Regulation von Entzündungsprozessen
  • Fettreicher Seefisch – wichtige Quelle für die Omega‑3‑Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); diese beeinflussen entzündliche Prozesse und die Zusammensetzung neuronaler Zellmembranen günstig
  • Olivenöl als Hauptfettquelle – liefert überwiegend einfach ungesättigte Fettsäuren und antioxidative Begleitstoffe; es gilt als zentrale Fettquelle der mediterranen Ernährung und ist mit günstigen Effekten auf Entzündungsprozesse und kardiovaskuläre Risikofaktoren assoziiert

Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel

Bestimmte Lebensmittel können entzündliche Prozesse fördern, den Stoffwechsel belasten und Gewichtszunahme sowie Insulinresistenz begünstigen. Sie sollten daher gemieden oder deutlich eingeschränkt werden.

  • Stark verarbeitete Produkte – verarbeitete Lebensmittel enthalten häufig hohe Mengen an Zucker, ungünstigen Fetten, Salz und Zusatzstoffen; sie sind nährstoffarm, fördern Entzündung und begünstigen metabolische Dysregulation
  • Trans-Fettsäuren – wirken proinflammatorisch (entzündungsfördernd) und erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen; sie finden sich vor allem in industriell hergestellten Back‑ und Fertigprodukten

Eingeschränkt erlaubte Lebensmittel

  • Zuckerreiche Getränke – führen zu raschen Blutzuckerspitzen ohne nennenswerten Nährwert und begünstigen Gewichtszunahme sowie Insulinresistenz
  • Weißmehlprodukte – raffinierte Getreideprodukte enthalten kaum Ballaststoffe und verursachen schnelle Blutzuckerschwankungen, was sich ungünstig auf Energielevel und Sättigung auswirken kann
  • Süßwaren – liefern vor allem Zucker und gesättigte Fette bei geringer Nährstoffdichte und sollten daher nur selten verzehrt werden

Genussmittelkonsum

Tabak (Rauchen)

  • Nikotinkonsum kann die Neurotransmitter-Balance beeinflussen und die Krankheitsausbrüche begünstigen.
  • Erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Negative Effekte auf Gesamtprognose
  • Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz

Alkohol

  • Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht das Risiko für manische Episoden und Stimmungsinstabilität [8]
  • Empfehlung: Verzicht oder deutliche Reduktion

Koffein

  • Moderater Konsum möglich
  • Vorsicht bei Schlafstörungen und manischen Symptomen: Ein hoher Koffeinkonsum stimuliert das Nervensystem und verschlechtert Schlaf sowie Stimmungsstabilität.
  • Individuelle Verträglichkeit beachten

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

Die Alltagstauglichkeit entscheidet über den Erfolg der Ernährungstherapie. Bewährt hat sich eine klare Trennung zwischen Planungs‑ und Durchführungsebene.

Einkauf und Vorratshaltung

  • Grundvorrat mit haltbaren, nährstoffdichten Lebensmitteln (Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Tiefkühlgemüse, Olivenöl)
  • Feste Einkaufsliste statt Spontankäufe
  • Vermeidung hochverarbeiteter „Notfalllebensmittel“ zu Hause

Zubereitung

  • Einfache Rezepte mit maximal 5-7 Zutaten
  • Vorkochen für mehrere Tage („Meal‑Prep“), insbesondere für Arbeitstage
  • Nutzung zeitsparender Küchengeräte (z. B. Ofen, Schnellkochtopf)

Alltagstauglichkeit

  • Feste Mahlzeitenzeiten zur Stabilisierung des Tagesrhythmus
  • Akzeptanz pragmatischer Lösungen (z. B. belegtes Vollkornbrot statt warmes Essen)
  • Einbindung von Familie oder Bezugspersonen zur Entlastung

Ernährungsphysiologische Bewertung

Aus ernährungsphysiologischer Sicht steht bei bipolaren Störungen weniger die kurzfristige Makronährstoffoptimierung im Vordergrund als die langfristige metabolische Ausgewogenheit. Die Energiezufuhr sollte bedarfsangepasst erfolgen, um einer Gewichtszunahme unter Psychopharmaka entgegenzuwirken, ohne restriktive Defizite zu erzeugen.

Makronährstoffe (Hauptnährstoffe: Kohlenhydrate, Fette, Proteine)

  • Kohlenhydrate vorzugsweise aus komplexen Quellen zur Stabilisierung der Glucosehomöostase (Blutzuckerspiegel)
  • Proteine bedarfsdeckend, insbesondere bei älteren Patienten; bei eingeschränkter Nierenfunktion individuell anpassen
  • Fette mit Fokus auf ungesättigte Fettsäuren, insbesondere Omega‑3‑Fettsäuren

Ballaststoffe

  • Zentrale Bedeutung für Mikrobiom, Entzündungsregulation und metabolische Gesundheit
  • Zielwert mindestens 25-30 g/Tag, sofern verträglich

Mikronährstoffe spielen in der Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen eine unterstützende Rolle. Ziel ist der Ausgleich laborchemisch gesicherter Mangelzustände, um metabolische, neurobiologische und entzündungsbezogene Prozesse günstig zu beeinflussen. Eine routinemäßige Supplementation ohne diagnostische Grundlage wird nicht empfohlen.

  • Vitamin D: Bei nachgewiesenem Vitamin‑D‑Mangel (25‑OH‑Vitamin D < 20 ng/ml) wird eine Supplementation (z. B. 800-2.000 I.E./Tag) empfohlen. Es bestehen Hinweise auf eine additive Verbesserung depressiver Symptome [9, 10]. Eine langfristige Sicherstellung unzureichender Vitamin‑D‑Spiegel (≥ 30 ng/ml) wird im Rahmen der somatischen Basisversorgung empfohlen, insbesondere bei hoher Komorbiditätslast; ein gesicherter Einfluss auf Rückfallraten besteht nicht [15].
  • Magnesium: Eine Substitution ist bei Magnesiummangel (< 0,75 mmol/l) sinnvoll. Magnesium kann zur Stabilisierung neuronaler Erregbarkeit und zur Stressresilienz beitragen [11, 12]. Langfristig ist eine ausreichende Magnesiumversorgung (Serumziel ≥ 0,8 mmol/l) Bestandteil multimodaler Strategien, unter anderem zur Unterstützung des Schlaf‑Wach‑Rhythmus und der Stressverarbeitung [15].
  • Zink: Zink wird bei gesichertem Mangel eingesetzt. Hinweise sprechen für eine Verstärkung antidepressiver Effekte in Kombination mit Psychopharmaka. Eine Wirkung auf manische Phasen ist nicht belegt [13]. Die Sicherstellung der Zink‑Basisversorgung zur Unterstützung neuroimmunologischer Funktionen steht langfristig im Vordergrund. Eine Hochdosis‑Supplementation ohne Mangel gilt nicht als leitliniengerecht [11].
  • Omega‑3‑Fettsäuren: Omega‑3‑Fettsäuren können adjuvant zur Pharmakotherapie eingesetzt werden, insbesondere bei bipolarer Depression. Untersucht wurden Dosierungen von etwa 1-4 g/Tag. Sie ersetzen keine Monotherapie und zeigen keine gesicherte antimanische Wirkung [14]. Als langfristige additive Maßnahme können Omega‑3‑Fettsäuren zur Reduktion depressiver Residualsymptome (verbleibende, meist mildere Beschwerden) beitragen. Ziel ist die Modulation inflammatorischer und neurobiologischer Belastungsfaktoren, nicht eine Rezidivprophylaxe im engeren Sinne [12, 13].

Die langfristige Ausgewogenheit ist entscheidend, da sowohl Mangel‑ als auch Überversorgungen negative Effekte auf Stimmung, Stoffwechsel und Therapieadhärenz haben können.

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Die Ernährungstherapie gilt grundsätzlich als sicher, birgt jedoch bei unsachgemäßer Durchführung relevante Risiken. Kurzfristig können gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) auftreten, insbesondere bei rascher Erhöhung der Ballaststoffzufuhr. Diese lassen sich durch langsame Anpassung minimieren.

Ein zentrales Risiko stellen Mikronährstoffmängel dar, insbesondere bei restriktiven oder einseitigen Ernährungsformen. Besonders kritisch sind Zink, B‑Vitamine und essentielle Fettsäuren. Langfristig kann eine inadäquate Energiezufuhr sowohl zu Gewichtsverlust als auch zu metabolischen Entgleisungen führen.

Besondere Aufmerksamkeit erfordern Wechselwirkungen mit Psychopharmaka. Bei Lithiumtherapie muss die Natrium‑ und Flüssigkeitszufuhr stabil gehalten werden, da Schwankungen die Lithiumspiegel beeinflussen können. Auch Gewichtsveränderungen können die Pharmakokinetik anderer Psychopharmaka verändern.

Langfristige Risiken bestehen vor allem dann, wenn Ernährungstherapie ohne fachliche Begleitung erfolgt oder als Ersatz für medizinische Behandlung missverstanden wird. Eine regelmäßige Evaluation von Gewicht, Laborwerten und klinischem Befinden sind daher integraler Bestandteil der Therapie.

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Absolute Kontraindikationen

  • Akute manische Episode

Relative Kontraindikationen

  • Essstörungen (z. B. Anorexia nervosa/Magersucht)
  • Schwere depressive Episoden
  • Komplexe Multimedikation (ärztliche Rücksprache erforderlich)

Vorteile

  • Verbesserung metabolischer Parameter
  • Reduktion kardiovaskulärer Risiken
  • Unterstützung der Lebensqualität

Kurzfristige Nutzen

  • Bessere Alltagsstruktur
  • Mehr Energie und Stabilität

Grenzen

  • Keine Monotherapie
  • Moderate Effektstärken

Langfristige Umsetzbarkeit

  • Erfordert Motivation und Begleitung
  • Soziale Faktoren beeinflussen den Erfolg

Wissenschaftliche Einordnung

Die wissenschaftliche Evidenz zur Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen ist insgesamt heterogen, was sich unter anderem durch unterschiedliche Studiendesigns, kleine Fallzahlen, variierende Endpunkte und eine große klinische Heterogenität der untersuchten Patientenkollektive erklären lässt. Dennoch zeigen systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen konsistent, dass ernährungsbezogene Interventionen insbesondere positive Effekte auf metabolische Parameter wie Körpergewicht, Lipidprofile und Glucosestoffwechsel haben. Diese Effekte sind klinisch relevant, da metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen einen wesentlichen Anteil an der erhöhten Morbidität (Krankheitslast) und Mortalität (Sterblichkeit) bei Menschen mit bipolaren Störungen ausmachen [1, 7].

Darüber hinaus finden sich Hinweise auf moderate Verbesserungen depressiver Symptome, vor allem im Rahmen strukturierter, entzündungsarmer Ernährungsweisen und bei adjunktiver Anwendung einzelner Nährstoffstrategien. Für manische oder hypomanische Episoden hingegen ist bislang keine direkte therapeutische Wirksamkeit der Ernährungstherapie belegt. Die beobachteten Effekte werden daher als indirekt, unterstützend und langfristig wirksam eingeordnet und nicht als krankheitsmodifizierend im engeren psychiatrischen Sinne.

Fachgesellschaften und Expertengremien ordnen Ernährungstherapie vor diesem Hintergrund klar als ergänzende Maßnahme ein. Sie wird empfohlen zur Prävention und Behandlung somatischer Komorbiditäten, zur Unterstützung der allgemeinen Gesundheit sowie zur Verbesserung der Lebensqualität, jedoch nicht als Ersatz für pharmakologische oder psychotherapeutische Standardverfahren. Die Plausibilität der zugrunde liegenden Wirkmechanismen gilt als hoch, während für einzelne spezifische Ernährungskomponenten weiterhin Forschungsbedarf besteht. Insgesamt basiert ein Teil der Empfehlungen auf einer Kombination aus empirischer Evidenz, biologischer Plausibilität und klinischer Erfahrung [1, 7].

Fazit

Die Ernährungstherapie bei bipolaren Störungen ist kein alternatives Behandlungsverfahren, sondern ein wichtiger ergänzender Baustein innerhalb eines multimodalen Therapiekonzepts. Kurzfristig trägt sie vor allem zur Stabilisierung metabolischer Parameter und zur Verbesserung des körperlichen Befindens bei. Langfristig liegt ihr zentraler Nutzen in der Reduktion kardiovaskulärer Risiken, der Prävention somatischer Folgeerkrankungen und der Unterstützung einer stabileren Alltagsbewältigung.

Aus medizinisch‑ernährungswissenschaftlicher Sicht besteht ihre größte Stärke in der hohen Sicherheit, der guten Verträglichkeit und der nachhaltigen Umsetzbarkeit. Im Vergleich zu vielen anderen Interventionen ist sie risikoarm, kosteneffektiv und gut in bestehende Behandlungsstrukturen integrierbar. Ihre Wirkung entfaltet sich nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Damit stellt die Ernährungstherapie eine sinnvolle, evidenzgestützte Ergänzung dar, die zur ganzheitlichen Versorgung von Menschen mit bipolaren Störungen wesentlich beitragen kann.

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