Ernährungstherapie bei depressiven Störungen
Die Depression (Synonyme: depressive Episode, rezidivierende depressive Störung, persistierende depressive Störung) ist eine häufige psychische Erkrankung. Sie ist gekennzeichnet durch eine anhaltend gedrückte Stimmung, einen deutlichen Verlust von Interesse oder Freude (Anhedonie) und/oder eine ausgeprägte Antriebsminderung. Hinzu kommen häufig kognitive Symptome wie Konzentrationsstörungen, Grübeln oder Entscheidungsschwäche sowie körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Erschöpfung oder diffuse Schmerzen. Die Erkrankung betrifft nicht nur die emotionale Befindlichkeit, sondern den gesamten Organismus.
Die Ernährungstherapie bei Depression bezeichnet eine strukturierte, medizinisch begründete Ernährungsintervention als Ergänzung zur leitliniengerechten Behandlung, die in der Regel Psychotherapie, Pharmakotherapie, Bewegungsinterventionen und schlafbezogene Maßnahmen umfasst. Sie kann im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts unterstützend wirken.
Eine adäquate, nährstoffdichte und stoffwechselstabilisierende Ernährung kann – abhängig von individueller Ausgangslage und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) – depressive Beschwerden meist in kleiner bis moderater Größenordnung positiv beeinflussen. Zudem kann sie die Tagesenergie, Schlafqualität und Stressverarbeitung verbessern. Gleichzeitig lassen sich häufig vorhandene kardiometabolische Risikofaktoren wie erhöhtes Körpergewicht, Insulinresistenz und ungünstige Blutfettwerte günstig mitbeeinflussen [1, 2].
Wissenschaftliche Grundlagen
Der Zusammenhang zwischen Ernährung und psychischer Gesundheit wurde zunächst vor allem über ausgeprägte Mangelzustände erkannt. Beispielsweise können Anämien (Blutarmut), ein Vitamin-B12- oder Folsäuremangel sowie generelle Unterernährung neuropsychiatrische Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen oder depressive Verstimmungen verursachen.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich daraus das Forschungsfeld der sogenannten Nutritional Psychiatry entwickelt. Hierbei wird Ernährung nicht mehr nur unter dem Aspekt der Mangelvermeidung betrachtet, sondern als potentiell modifizierbarer Einflussfaktor auf mehrere biologisch relevante Systeme. Dazu zählen:
- Entzündungsprozesse (niedriggradige systemische Inflammation/dauerhaft leicht erhöhte, oft unbemerkte Entzündungsaktivität im gesamten Körper)
- Oxidativer Stress
- Neurotransmitterstoffwechsel (z. B. Serotonin, Dopamin)
- Hormonelle Stressregulationssysteme, insbesondere die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse)
- Zerebrale Energiehomöostase (Energieversorgung des Gehirns)
- Darm-Hirn-Achse mit Beteiligung des Mikrobioms (Darmflora)
Diese Systeme sind bei einem Teil der depressiven Patienten fehlgesteuert und stellen potentielle Ansatzpunkte ernährungsmedizinischer Interventionen dar [8].
Gleichzeitig ist die Depression häufig mit somatischen Begleiterkrankungen verknüpft, darunter Adipositas, Typ-2-Diabetes, Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörungen) und chronische Entzündungszustände. Diese Komorbiditäten sind eng mit Ernährungs- und Lebensstilfaktoren verbunden und können Stimmung, Antrieb, Schlafqualität und Alltagsfunktion zusätzlich beeinträchtigen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Ernährungstherapie insbesondere dort an Bedeutung, wo psychische und metabolische Dysregulation zusammenfallen.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Ziel ist eine klinisch relevante Stabilisierung depressiver Symptomatik und somatischer Risikofaktoren bei hoher Praktikabilität und Sicherheit.
Primäre therapeutische Zielparameter:
- Depressionsschwere: objektivierte Verlaufsbeurteilung mithilfe validierter Fragebögen oder ärztlicher Einschätzungsinstrumente (z. B. PHQ-9, HAMD, MADRS), um Veränderungen unter der Ernährungstherapie messbar zu machen [1, 3]
- Bei entsprechender Ausgangslage: Gewicht, BMI (Body-Mass-Index/Körpermassenindex), Taillenumfang, Blutdruck, HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Nüchternglucose, Lipidprofil (LDL-Cholesterin, Triglyceride) [1, 2]
- Optional (indikationsbezogen): Entzündungsmarker (z. B. hochsensitives C-reaktives Protein (hsCRP)) als Teil einer Subgruppenbetrachtung [1, 9]
Sekundäre Ziele:
- Schlafqualität, Tagesenergie, Heißhunger, gastrointestinale Verträglichkeit
- Funktionsniveau (Arbeitsfähigkeit, soziale Aktivität), Lebensqualität [3]
Leitlinienlogik (Indikation → Intervention → Monitoring → Risiken)
- Indikation: Depression plus unregelmäßige Essstruktur, hoher Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel, Gewichtsinstabilität, Alkoholspitzen, kardiometabolische Komorbidität oder Mangelernährungsrisiko
- Intervention: eine Ernährung, die vor allem aus frischen, wenig verarbeiteten Lebensmitteln besteht (mediterran orientiert), essstrukturierend, protein- und ballaststoffreich; optional ausgewählte evidenzbasierte Nahrungsergänzungsmittel (v. a. Omega-3-Fettsäuren) als Add-on bei klarer Indikation [4-6, 9].
- Monitoring: Depressionsscore + Schlaf/Energie + Gewicht/Stoffwechselwerte; bei Supplementen zusätzlich Verträglichkeit/Interaktionen
- Risiken: Unterversorgung durch Restriktion, Essstörungen, Hypoglykämien (Unterzuckerungen) bei Diabetestherapie, Interaktionen (z. B. Antikoagulation (Therapie mit Blutverdünnern) bei hochdosierter Omega-3-Fettsäurenaufnahme).
Zeitperspektive
- Kurzfristig (4-12 Wochen): Essrhythmus stabilisieren, Protein-/Ballaststoffdichte erhöhen, Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel senken, erste Symptomveränderung messbar machen
- Langfristig (≥ 6 Monate): Rückfallprophylaxe über bessere kardiometabolische Gesundheit, Schlafstabilität und alltagstaugliche Routinen
Grundprinzipien
Das Kernprinzip ist ein nährstoffdichtes, überwiegend wenig verarbeitetes Ernährungsmuster, das Stimmung, Energiehaushalt und Stoffwechselstabilität unterstützt. Ziel ist eine langfristig tragfähige Ernährungsstruktur – keine kurzfristige Diät.
Zentrale Elemente sind:
- Hoher Anteil an Gemüse, Salaten und Hülsenfrüchten
- Vollkornprodukte statt raffinierter Kohlenhydrate
- Regelmäßige Proteinquellen zur Stabilisierung von Sättigung und Neurotransmittervorstufen
- Hochwertige Fette (v. a. Olivenöl, Nüsse, Samen)
- Gesicherte Omega-3-Fettsäuren-Zufuhr über fettreichen Seefisch (z. B. Hering, Makrele, Lachs) oder – bei Bedarf – über standardisierte Supplemente [1, 4, 9]
Ergänzend ist eine strukturierte Mahlzeitenfrequenz sinnvoll. Ein stabiler Tagesrhythmus mit 2-3 Hauptmahlzeiten (optional 1 proteinreicher Snack) kann Blutzuckerschwankungen reduzieren und damit Energieeinbrüche sowie abendlichen Heißhunger abschwächen.
Extreme Restriktionen oder komplexe Diätregeln sind bei depressiven Patienten ungünstig. Nachhaltigkeit, metabolische Stabilität und Nährstoffdichte stehen im Vordergrund [1].
Angestrebte Wirkmechanismen
Erwartete Effekte:
- Kardiometabolische Achse: Verbesserungen von Gewicht, Insulinsensitivität und Lipidprofil können indirekt Stimmung, Energie und Schlaf verbessern [1, 2].
- Inflammation (Entzündung) und oxidativer Stress: Bei einer Subgruppe depressiver Patienten sind Entzündungsmarker erhöht; Ernährungsmuster mit hoher Pflanzenkost und geringer Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel sind biologisch plausibel antiinflammatorisch (entzündungshemmend) [8].
- Neurotransmitter-/Nährstoffachsen: Ausreichende Versorgung mit B-Vitaminen, Eisen, Zink und Proteinen (Eiweiß) unterstützt grundlegende neurobiologische Prozesse; der klinische Nutzen ist am belastbarsten, wenn ein Mangel vorliegt (Diagnostik → gezielte Korrektur, nicht „blind“)
- Darm-Hirn-Achse: Ballaststoffe und fermentierbare Substrate fördern mikrobiell vermittelte Metabolite; klinisch zählt hier vor allem die Verträglichkeit und der schrittweise Aufbau
- Verhaltensmechanik: Planbare Mahlzeiten reduzieren Überforderung und unterstützen Selbstwirksamkeit.
Omega-3-Fettsäuren
Internationale Leitlinien ordnen Omega-3-Fettsäuren – insbesondere als ergänzende Maßnahme (Add-on) zur Standardtherapie – bei unipolarer Depression positiv ein [4].
- Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)) sind wichtige Bestandteile der Zellmembranen im Gehirn. Sie beeinflussen die Signalübertragung zwischen Nervenzellen und können dadurch indirekt Stimmung und Stressverarbeitung mitbeeinflussen.
- Zudem wirken sie entzündungsmodulierend. Da bei einem Teil depressiver Patienten eine erhöhte, chronisch leichte Entzündungsaktivität vorliegt, wird dieser Mechanismus als besonders relevant angesehen.
- Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Effekte auf Stressregulation und neuronale Anpassungsfähigkeit, wobei die klinische Bedeutung hier weniger eindeutig ist.
Neuere Analysen deuten darauf hin, dass – wenn ein Effekt auftritt – dieser eher bei EPA-reichen Präparaten (≥ 60 % EPA von EPA + DHA) und in einem Dosierungsbereich von etwa 1-2 g EPA pro Tag beobachtet wird [6, 9].
Für Kinder und Jugendliche ist die Studienlage deutlich unsicherer, sodass hier besondere Zurückhaltung geboten ist [7].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit Depression und kardiometabolischem Risiko (Adipositas, Prädiabetes/Typ-2-Diabetes, Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung)) [1, 2]
- Depression mit Schlafstörung, Fatigue (Erschöpfung), starker Appetit-/Gewichtsdynamik
- Hoher Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel, regelmäßige Alkoholspitzen
- Geriatrische (ältere) Patienten (Fokus: Proteinversorgung, Energie, Mikronährstoffe (Vitalstoffe))
Eingeschränkte Eignung
- Aktive Essstörung (insbesondere restriktive Muster)
- Schwere akute Krise (z. B. Suizidalität): Ernährungstherapie erst nach Stabilisierung als Ergänzung
- Schwangerschaft, Stillzeit: möglich, aber mit besonderer Sorgfalt (Bedarf, Lebensmittelsicherheit, Supplementqualität)
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn steht eine kurze, aber gezielte Startdiagnostik. Erfasst werden der bisherige Essrhythmus, der Anteil stark verarbeiteter Lebensmittel, Alkoholkonsum, Protein- und Ballaststoffzufuhr sowie der Gewichtsverlauf. Ebenso wichtig ist die vollständige Erhebung der aktuellen Medikation und eingenommener Nahrungsergänzungsmittel, um mögliche Wechselwirkungen zu prüfen. Bei entsprechender Risikokonstellation oder klinischem Verdacht kann eine labordiagnostische Abklärung sinnvoll sein, beispielsweise von Ferritin bzw. Eisenstatus, Vitamin B12 und Folsäure, 25-OH-Vitamin D sowie TSH. Bei bestehenden Stoffwechselerkrankungen werden zusätzlich HbA1c und Lipidprofil berücksichtigt.
Anschließend erfolgt eine Priorisierung der therapeutisch wirksamsten Hebel. Zunächst wird die Essstruktur stabilisiert, meist durch die Einführung von zwei bis drei verlässlichen Hauptmahlzeiten pro Tag. Parallel wird darauf geachtet, dass jede Mahlzeit eine erkennbare Proteinquelle enthält. Die Ballaststoffzufuhr wird schrittweise gesteigert, während stark verarbeitete Produkte und zuckerhaltige Getränke reduziert werden. Zudem sollte eine verlässliche Omega-3-Fettsäuren-Quelle etabliert werden – entweder über fettreichen Seefisch oder, falls indiziert, über ein EPA-reiches Präparat als Ergänzung zur Standardtherapie [4-6, 9].
In der Übergangsphase über etwa 2-3 Wochen besteht das Hauptziel in der Umsetzung und Stabilisierung der neuen Struktur. Typische Fehler sind zu radikale Umstellungen, übermäßig komplexe Rezepte oder fehlende Planung. Bewährt hat sich ein einfaches Baukastenprinzip mit wenigen, wiederkehrenden Mahlzeitenoptionen sowie klar definierten „Notfalllösungen“ für Tage mit geringer Energie.
Nach 6-12 Wochen erfolgt eine strukturierte Evaluation. Dabei werden Depressionssymptomatik (z. B. mittels standardisierter Fragebögen), Schlafqualität, Tagesenergie, Gewicht sowie relevante Stoffwechselwerte erneut beurteilt. Auf dieser Grundlage können Anpassungen vorgenommen werden, etwa hinsichtlich Portionsgrößen, Mahlzeiten-Timing, Snackstrategie oder – bei additiver Supplementierung – Auswahl und Dosierung von Omega-3-Fettsäuren sowie deren Verträglichkeit.
Langfristiges Ziel ist keine kurzfristige Diät, sondern die Etablierung eines flexiblen, alltagstauglichen Ernährungsmusters. Die Ernährung soll auch in Phasen reduzierter Belastbarkeit praktikabel bleiben und zur Stabilisierung beitragen, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen.
Empfohlene Lebensmittel
- Gemüse und Salate: täglich, „bunt“, gern TK-Gemüse als Standardoption
- Hülsenfrüchte: Linsen, Bohnen, Kichererbsen (Ballaststoffe + Proteine)
- Vollkorn: Hafer, Vollkornbrot, Naturreis
- Proteinquellen: Fisch (fettreich), Eier, Milchprodukte, Tofu/Tempeh, Hülsenfrüchte
- Fette: Olivenöl, Nüsse, Samen (z. B. Walnüsse, Lein-/Chiasamen als Ergänzung)
- Getränke: Wasser, ungesüßter Tee und Kaffee
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Stark verarbeitete Produkte (Fast Food, Süßwaren, Snack-„Dauerversorgung“)
- Zuckergetränke, Säfte (niedrige Sättigung, Energiedysregulation)
- Trans-Fettsäuren-reiche bzw. frittierte Produkte (v. a. „Snackfette“)
- Alkoholspitzen (insbesondere abends)
- Extreme Restriktion ohne medizinische Indikation (Adhärenz- und Unterversorgungsrisiko) [1]
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Rauchstopp kann kurzfristig Unruhe und Schlaf verändern.
- Rauchen beeinflusst bestimmte Leberenzyme, die Medikamente abbauen. Dadurch können einige Psychopharmaka schneller oder langsamer wirken.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Bei Depression insgesamt eher ungünstig (Schlaf, Impulsivität, Interaktionen, Rückfallrisiko)
- Empfehlung: Reduktion, bei instabilem Verlauf oder Sucht-/Schlafkomorbidität Verzicht
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Entscheidungslast senken (wichtig bei Antriebsminderung)
- 3 feste „Ankermahlzeiten“ definieren, die ohne Nachdenken funktionieren (rotieren statt täglich neu planen)
- Einkaufsliste als Standard (immer gleich, nur 2-3 variable Extras)
„Minimum-Plan“ für schlechte Tage
- Option A: Skyr/Joghurt + Hafer + Nüsse + Obst
- Option B: Vollkornbrot + Hummus/Käse/Tofu + TK-Gemüse (Mikrowelle)
- Option C: Linsensuppe (vorgekocht/gekauft) + Olivenöl + Vollkornbrot
Vorrat, der wirklich hilft (7-Tage-Sicherheit)
- TK-Gemüse, Dosentomaten, Linsen/Kichererbsen, Haferflocken
- Vollkornbrot (einfrierbar), Eier/Tofu, Joghurt/Skyr
- Nüsse/Nussmus, Olivenöl, Fischkonserven, TK-Beeren
15-Minuten-Baukasten (Kochen ohne Hürde)
- Pfanne: TK-Gemüse + Protein (Tofu/Ei/Hülsenfrüchte) + Gewürze
- Dazu: Vollkorn (vorgekocht) oder Brot
- Extras: Olivenöl + Nüsse/Samen
Heißhunger am Abend: oft „Protein-Problem“ vom Tag
- Ziel: in jeder Hauptmahlzeit eine klare Proteinquelle
- Snack, falls nötig: proteinreich (Joghurt, Nüsse, Käse/Tofu), nicht nur Kohlenhydrate
Kantine/Restaurant (ohne Diätgefühl)
- Erst Protein + Gemüse wählen, Beilage nach Hunger
- Dessert als geplante Ausnahme, nicht als Automatismus
Omega-3-Fettsäuren
- 1-2x/Woche fettreicher Fisch (z. B. Lachs, Hering, Makrele) oder bei Nicht-Fisch-Konsum: EPA-reiches Präparat als Add-on erwägen [4-6, 9]
Ernährungsphysiologische Bewertung
Aus ernährungsphysiologischer Sicht steht bei der Depression die Sicherung einer stabilen Energie- und Nährstoffversorgung bei gleichzeitiger metaboler Entlastung im Vordergrund.
Bei den Makronährstoffen (Hauptnährstoffe: Kohlenhydrate, Fette, Proteine (Eiweiß)) spielen Proteine eine zentrale Rolle. Eine ausreichende Proteinzufuhr unterstützt Sättigung, Muskelerhalt – insbesondere bei Inaktivität oder im höheren Lebensalter – sowie eine stabile Tagesenergie. Praktisch bedeutet dies, dass jede Hauptmahlzeit eine erkennbare Proteinquelle enthalten sollte, etwa Joghurt oder Skyr, Eier, Tofu, Hülsenfrüchte oder Fisch. Gerade bei älteren Patienten und bei geplanter Gewichtsreduktion ist eine gezielte Proteinsicherung wichtig, um Muskelabbau und zusätzliche Erschöpfung zu vermeiden.
Bei den Kohlenhydraten ist weniger die Menge als die Qualität entscheidend. Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte liefern langsam verfügbare Energie, fördern eine stabile Blutzuckerregulation und erhöhen die Ballaststoffzufuhr. Stark raffinierte Kohlenhydrate hingegen begünstigen Blutzuckerschwankungen, die mit Müdigkeit, Reizbarkeit und Heißhunger einhergehen können. Eine stabile Energieversorgung wirkt sich indirekt günstig auf die Konzentration und Belastbarkeit aus.
Im Bereich der Fette liegt der Schwerpunkt auf ungesättigten Fettsäuren, insbesondere aus Olivenöl, Nüssen und Samen. Omega-3-Fettsäuren nehmen eine Sonderstellung ein, da sie – im Gegensatz zu vielen anderen Supplementen – in Leitlinien als mögliche ergänzende Maßnahmen bei unipolarer Depression diskutiert werden [4]. Entscheidend ist hier die indikationsbezogene Anwendung und realistische Erwartungshaltung.
Bei den Mikronährstoffen (Vitalstoffen) gilt ein klarer klinischer Grundsatz: Mängel sollen gezielt diagnostiziert und korrigiert werden, anstatt breit und ohne Indikation zu supplementieren. Risikokonstellationen bestehen beispielsweise bei vegetarischer oder veganer Ernährung (Vitamin B12), geringer Sonnenexposition (Vitamin D), Blutungsanamnese oder fleischarmer Kost (Eisen), chronischem Alkoholkonsum oder gastrointestinalen Erkrankungen mit Resorptionsstörungen (Magen-Darm-Erkrankungen mit eingeschränkter Nährstoffaufnahme). Vorrangig sollte die Nährstoffdichte der Ernährung erhöht werden – durch Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen und gegebenenfalls Fisch – bevor eine Supplementierung erfolgt.
Die Energiezufuhr und der Gewichtsverlauf sind bei Depression besonders variabel. Manche Patienten verlieren aufgrund von Appetitminderung an Gewicht, andere nehmen durch Heißhunger, reduzierte Aktivität oder medikamentöse Effekte zu. Bei Gewichtsreduktion ist ein moderates Kaloriendefizit sinnvoll. Aggressive Restriktionen sind zu vermeiden, da sie Müdigkeit, Reizbarkeit und Therapieabbrüche begünstigen können [1, 2]. Gleichzeitig müssen Protein- und Mikronährstoffversorgung gesichert bleiben. Besteht hingegen ein Risiko für Mangelernährung, sind energiedichte und zugleich nährstoffreiche Lebensmittel angezeigt, beispielsweise Nüsse, Nussmus, Olivenöl oder – je nach Verträglichkeit – Vollfettmilchprodukte. Häufigere, kleinere Mahlzeiten und einfache Zubereitung erleichtern die Umsetzung.
Ballaststoffe stellen einen wichtigen ernährungsphysiologischen Hebel dar. Sie fördern Sättigung, unterstützen die Stoffwechselgesundheit und tragen zur Stabilisierung des Energieverlaufs bei. Ein schrittweiser Aufbau über mehrere Wochen reduziert gastrointestinale Beschwerden wie Blähungen. Bei gleichzeitig bestehendem Reizdarmsyndrom ist eine individualisierte Anpassung erforderlich. Häufig sind zunächst lösliche Ballaststoffe besser verträglich, während Hülsenfrüchte langsam gesteigert werden sollten.
Langfristig erweist sich ein mediterran orientiertes, überwiegend aus wenig verarbeiteten Lebensmitteln bestehendes Ernährungsmuster als am praktikabelsten. Es erlaubt Flexibilität, adressiert häufige Begleiterkrankungen und unterstützt eine ausgewogene Nährstoffversorgung [1, 3].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Nährstoffmängel
- Risiko bei Appetitverlust, monotone Kost, restriktive Diäten, Alkohol, Malabsorption. Klinisch häufig relevant: Eisen, B12, Folsäure, Vitamin D. Vorgehen: gezielte Diagnostik und Korrektur; parallel Nährstoffdichte über Lebensmittel steigern
Stoffwechselveränderungen und Monitoring
- Bei rascher Gewichtsabnahme: Risiko für Muskelverlust und Gallensteine; daher moderates Defizit, Proteinzufuhr sichern
- Bei Diabetestherapie (Insulin/Sulfonylharnstoffe): Ernährungsumstellung kann Hypoglykämien (Unterzuckerungen) begünstigen → enges Glucosemonitoring und Medikamentenanpassung
Gastrointestinale Effekte
- Ballaststoffaufbau kann anfänglich Blähungen auslösen; langsam steigern, genug trinken
- Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren können zu Aufstoßen führen; Einnahme zu Mahlzeiten, Dosis splitten [6]
Wechselwirkungen (Medikation/Supplemente)
- Omega-3-Fettsäuren: mögliches (meist geringes) Blutungsrisiko v. a. bei gleichzeitiger Antikoagulation (Einnahme von Blutverdünnern)/Thrombozytenaggregationshemmung; Nutzen-Risiko-Abwägung, Dosisdisziplin, perioperative Planung [4, 6]
- Nahrungsergänzungsmittel allgemein: nur standardisierte Präparate mit Evidenz und klarer Indikation; immer Medikamentenliste + Supplementliste erfassen (Interaktionen sind je nach Substanz möglich) [4]
- Alkohol: relevante Interaktionen und Schlafverschlechterung; bei instabilem Verlauf eher vermeiden
Kurzfristige Risiken (psychologisch relevant)
- Überforderung durch zu komplexe Pläne → Adhärenzbruch → Versagensgefühl; Prävention: Minimal-Plan, wenige Hebel, realistische Ziele
Langfristige Risiken
- Chronische Restriktion und monotone Kost (Unterversorgung, Sarkopenie-Risiko/Risiko für altersbedingten Muskelabbau)
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen (ggf. Monitoringbedarf)
- Aktive Essstörung oder hohes Risiko dafür
- Schwere Depression mit akuter Suizidalität (Stabilisierung priorisieren)
- Antikoagulation/Blutungsanamnese: Omega-3-Fettsäuren nur nach Nutzen-Risiko-Abwägung [4, 6]
Vorteile
- Kleine, aber konsistente Symptomverbesserungen in bestimmten Populationen (v. a. mit kardiometabolischem Risiko) [1, 2]
- Gleichzeitiger Nutzen auf Gewicht, Blutzucker, Blutdruck, Lipide
- Struktur- und Sättigungsgewinn durch protein-/ballaststoffreiche Mahlzeiten
- Omega-3-Fettsäuren als Add-on ist leitliniengestützt diskutiert [4-6, 9]
Grenzen
- Durchschnittliche Effekte eher klein; klinische Relevanz individuell
- Umsetzung kann bei Antriebsminderung schwierig sein → Vereinfachung entscheidend
- Einzelmikronährstoffe ohne Mangel liefern häufig keine zuverlässigen Effekte (mangelorientiert handeln)
Wissenschaftliche Einordnung
Die aktuelle Evidenzlage spricht dafür, Ernährung als additive Intervention einzuordnen: Eine neuere systematische Übersichtsarbeit fand kleine Verbesserungen depressiver Symptome durch diätetische Interventionen, besonders bei Erwachsenen mit kardiometabolischem Risiko. Die Sicherheit der Evidenz wurde jedoch als niedrig bewertet und die Heterogenität ist hoch [1].
In metabolischen Populationen zeigen diätetische Interventionen ebenfalls Verbesserungen depressiver Scores, während Effekte auf Angst weniger konsistent sind [2].
Für bestimmte, klar definierte „Diätformen“ bei bereits diagnostizierter Depression ist die Studienlage insgesamt begrenzt. Eine aktuelle Auswertung mehrerer hochwertiger Studien fand keinen eindeutig gesicherten Effekt einer mediterranen Ernährung auf die Depressionsschwere. Zudem war die wissenschaftliche Sicherheit der Ergebnisse eher niedrig [3]. Das bedeutet: Ein Nutzen ist möglich, aber nicht eindeutig belegt – und er scheint stark davon abzuhängen, wie konsequent die Ernährungsumstellung umgesetzt und welche Patientengruppe betrachtet wird.
Eine umfassende Zusammenfassung der bisherigen Forschung zeigt insgesamt nur moderate Belege dafür, dass eine mediterran orientierte, antiinflammatorische (entzündungsärmere) Ernährung mit einem geringeren Depressionsrisiko verbunden ist. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass viele Studien methodische Schwächen haben, sodass die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden müssen [8].
Omega-3-Fettsäuren sind innerhalb der Supplement-Thematik am besten aufgearbeitet: Leitlinien (WFSBP/CANMAT) empfehlen Omega-3-Fettsäuren als adjuvante Option bei unipolarer Depression [4], Cochrane berichtet dagegen nur geringe Effekte bei niedriger Evidenzqualität [5]. Neuere Metaanalysen/Dosisanalysen stützen, dass EPA-reiche Präparate in bestimmten Dosisbereichen (typisch 1-2 g/Tag EPA) eher wirksam sein könnten [6, 9].
Fazit
Ernährungstherapie bei Depression ist eine medizinisch sinnvolle Ergänzung, besonders bei kardiometabolischer Komorbidität, unregelmäßigem Essverhalten, hohem Konsum hoch verarbeiteter Lebensmittel oder Mangelernährungsrisiko. Kurzfristig (8-12 Wochen) sind strukturierende, einfache Maßnahmen mit hoher Umsetzbarkeit entscheidend (Essrhythmus, Protein pro Mahlzeit, ballaststoffreiche Grundauswahl, weniger Zuckergetränke/Alkoholspitzen). Die durchschnittlichen Effekte auf depressive Symptome sind eher klein und variabel, aber messbar in geeigneten Populationen [1, 2].
Omega-3-Fettsäuren gehören zu den am besten untersuchten Supplement-Ansätzen: Sie werden in Leitlinien als Add-on genannt [4]. Praktisch bedeutet das: Omega-3-Fettsäuren können erwogen werden (EPA-reich, Dosisdisziplin, 8-Wochen-Kontrolle), ersetzen aber keine leitliniengerechte Depressionsbehandlung und sollten bei Blutungsrisiko/Antikoagulation besonders geprüft werden [4-6, 9].
Literatur
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