Ernährung bei erhöhtem Frakturrisiko
Ein erhöhtes Frakturrisiko beschreibt eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit für Knochenbrüche, insbesondere Fragilitätsfrakturen, die bereits bei geringer mechanischer Belastung oder Alltagsaktivitäten auftreten. Ursächlich sind eine verminderte Knochenfestigkeit, Einschränkungen der Muskelkraft sowie ein erhöhtes Sturzrisiko. Neben der quantitativen Abnahme der Knochenmineraldichte spielen qualitative Veränderungen der Knochenstruktur, eine altersassoziierte Muskelschwäche (Sarkopenie) sowie neuromuskuläre Defizite eine zentrale Rolle. Diese Faktoren verstärken sich häufig gegenseitig und führen zu einer erhöhten Vulnerabilität (Anfälligkeit) gegenüber Stürzen und Frakturen.
Die Ernährungstherapie verfolgt das Ziel, über eine gezielte, evidenzbasierte Nährstoffzufuhr sowohl knochen- als auch muskelspezifische Prozesse positiv zu beeinflussen, funktionelle Reserven zu erhalten und damit einen wesentlichen Beitrag zur primären und sekundären Frakturprävention zu leisten.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die Rolle der Ernährung in der Frakturprävention wurde lange Zeit nahezu ausschließlich auf die Calciumzufuhr reduziert. Dieses vereinfachte Modell gilt heute als überholt. Zwar zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Calciumaufnahme und Knochenmineraldichte, jedoch ließ sich daraus kein konsistenter und klinisch relevanter Frakturschutz ableiten. Große randomisierte kontrollierte Studien sowie Metaanalysen der letzten Jahre konnten zeigen, dass eine isolierte Erhöhung der Calciumzufuhr – insbesondere über Supplemente – das Frakturrisiko in der Allgemeinbevölkerung kaum beeinflusst.
Medizinisch basiert das heutige Verständnis auf der Erkenntnis, dass Frakturen das Ergebnis eines multifaktoriellen Geschehens sind. Neben der Knochenmineraldichte spielen die Knochenqualität, die Muskelmasse, die neuromuskuläre Koordination sowie das Sturzrisiko eine entscheidende Rolle. Ernährung beeinflusst all diese Ebenen: Sie liefert essentielle Substrate für die Knochenmineralisation, moduliert hormonelle Regelkreise (insbesondere die Vitamin‑D‑Parathormon‑Achse), beeinflusst inflammatorische (entzündliche) Prozesse und ist entscheidend für den Erhalt der Muskelmasse und Muskelkraft.
Zentrale Annahme aktueller Leitlinien ist daher, dass eine bedarfsdeckende Versorgung mit Proteinen (Eiweiß), Calcium und Vitamin D notwendig, aber allein nicht ausreichend ist, um Frakturen zu verhindern. Der Nutzen von Supplementen zeigt sich vor allem bei Personen mit nachgewiesenem Mangel, sehr niedriger Ausgangszufuhr oder bei hochbetagten, institutionell versorgten Menschen. In diesen Gruppen kann eine gezielte Supplementation Teil eines wirksamen Gesamtkonzepts sein [1-3].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Ziel der Ernährungstherapie ist die langfristige Stabilisierung der Knochen‑ und Muskelgesundheit sowie die Reduktion des Sturz‑ und Frakturrisikos. Dabei geht es nicht ausschließlich um die Vermeidung weiterer Frakturen, sondern um den Erhalt funktioneller Fähigkeiten, körperlicher Belastbarkeit und Selbstständigkeit im Alltag. Die Ernährungstherapie versteht sich als integraler Bestandteil eines multimodalen Präventions‑ und Therapiekonzepts.
Primäre therapeutische Zielparameter sind eine bedarfsdeckende Protein‑ und Calciumzufuhr, ein suffizienter Vitamin‑D‑Status (Serum‑25(OH)‑Vitamin‑D ≥ 20-30 ng/ml), der Erhalt beziehungsweise die Stabilisierung der fettfreien Körpermasse sowie ein stabiles Körpergewicht ohne ungewollten Gewichtsverlust. Diese Parameter sind eng mit der Muskelkraft, der Knochenstabilität und der Sturzanfälligkeit verknüpft und besitzen damit unmittelbare klinische Relevanz.
Sekundäre Ziele umfassen die Verbesserung der Mobilität, die Reduktion funktioneller Einschränkungen, den Erhalt der Selbstständigkeit sowie eine Steigerung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Ferner soll die Ernährungstherapie medikamentöse Osteoporosetherapien unterstützen, deren Wirksamkeit absichern und potentiell ernährungsbedingte Nebenwirkungen abmildern. Insbesondere bei älteren und multimorbiden Patienten trägt eine adäquate Ernährung dazu bei, Therapieabbrüche, Frailty‑Progression und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.
Die leitlinienbasierte Logik folgt dabei dem Schema: Indikation → Ernährungstherapie → regelmäßiges Monitoring → Risikobewertung und Anpassung. Kurzfristig steht die Identifikation und Korrektur von Mangelzuständen im Vordergrund, während langfristig der Erhalt der funktionellen Knochen‑Muskel‑Einheit, die Prävention weiterer Frakturen sowie die Sicherung einer möglichst hohen Lebensqualität zentrale Zielgrößen darstellen [1, 4].
Grundprinzipien
Die Ernährung basiert auf einer ausgewogenen, proteinbetonten Mischkost mit hoher Nährstoffdichte und ausreichender Energiezufuhr. Ziel ist es, katabole Stoffwechsellagen zu vermeiden und sowohl Knochen- als auch Muskelgewebe kontinuierlich mit essentiellen Nährstoffen zu versorgen. Ein zentrales Prinzip ist die gleichmäßige Proteinverteilung über den Tag, da die Muskelproteinsynthese altersbedingt weniger sensitiv auf große Einzelportionen reagiert. Mehrere moderat proteinreiche Mahlzeiten fördern daher den Muskelerhalt effektiver als eine hohe Proteinzufuhr in nur einer Mahlzeit.
Die Deckung des Calciumbedarfs sollte primär über Lebensmittel erfolgen, da diese in der Regel besser verträglich sind und mit weiteren knochenrelevanten Mikronährstoffen einhergehen. Supplemente sind kein Ersatz für eine unzureichende Ernährung, sondern eine gezielte Ergänzung bei nachgewiesenem Bedarf.
Die Vitamin‑D‑Supplementation erfolgt laborbasiert und individuell dosiert, da sowohl Mangel als auch Überversorgung mit Risiken verbunden sein können.
Eine ausreichende Energiezufuhr ist essentiell, um unbeabsichtigten Gewichtsverlust, Muskelabbau und eine Verschlechterung der funktionellen Leistungsfähigkeit zu verhindern. Insbesondere im höheren Lebensalter sind restriktive Diäten, stark kohlenhydratreduzierte Kostformen oder längere Fastenperioden mit einem erhöhten Risiko für Sarkopenie und Frakturen assoziiert und daher klar kontraindiziert. Die Ernährungstherapie verfolgt ausdrücklich keinen kurzfristigen Gewichts- oder Leistungsfokus, sondern ist auf langfristige Stabilität und Alltagstauglichkeit ausgerichtet.
Angestrebte Wirkmechanismen
Erwartet werden mehrere, sich ergänzende Effekte auf Knochen- und Muskelgesundheit. Eine ausreichende Calcium- und Vitamin‑D‑Verfügbarkeit unterstützt die Knochenmineralisation und trägt zur Aufrechterhaltung einer physiologischen Calciumhomöostase bei. Gleichzeitig wirkt Vitamin D über muskuläre Vitamin‑D‑Rezeptoren direkt auf Muskelkraft, Muskelkoordination und Reaktionsfähigkeit und kann so indirekt das Sturzrisiko reduzieren.
Ein zentraler Wirkmechanismus der Ernährungstherapie ist der Erhalt beziehungsweise Aufbau von Muskelmasse durch eine adäquate Proteinzufuhr. Proteine liefern nicht nur strukturelle Bausteine für die Muskulatur, sondern beeinflussen auch neuromuskuläre Funktionen, Gleichgewicht und Gehfähigkeit. Gerade bei älteren Menschen ist dieser Effekt klinisch relevant, da ein Großteil der Frakturen sturzbedingt auftritt und weniger durch die Knochenfestigkeit allein erklärbar ist.
Auf stoffwechselphysiologischer Ebene trägt eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr zur Vermeidung chronischer Entzündungszustände und kataboler Stoffwechsellagen bei, die sowohl Knochen- als auch Muskelabbau begünstigen. Diskutiert werden zudem mögliche antioxidative oder entzündungsmodulierende Effekte einzelner Mikronährstoffe (Vitalstoffe), etwa über sekundäre Pflanzenstoffe oder Magnesium. Diese Mechanismen erscheinen biologisch plausibel, sind jedoch bislang nicht ausreichend durch klinische Endpunktstudien abgesichert und sollten daher nicht als primäre therapeutische Zielmechanismen verstanden werden [1-3].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Postmenopausale Frauen (Frauen nach der Menopause)
- Männer ab 50 Jahren
- Geriatrische (ältere) Patienten
- Personen nach Fragilitätsfraktur
- Menschen mit Sarkopenie oder Mangelernährung
Eingeschränkte Eignung
- Fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung
- Neigung zu Hypercalcämie (erhöhte Calciumspiegel im Blut) oder Nephrolithiasis (Nierensteine)
Indikationsbezogene Eignung
- Osteoporose
- Sarkopenie
- Untergewicht im höheren Lebensalter
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn stehen eine strukturierte Ernährungsanamnese, die Erhebung relevanter Laborparameter (insbesondere Vitamin D, Calcium, gegebenenfalls Albumin) sowie eine realistische Zieldefinition unter Berücksichtigung des Alltags der Betroffenen. Die Anamnese sollte nicht nur die aktuelle Nährstoffzufuhr, sondern auch Essgewohnheiten, Appetit, Gewichtsverlauf, Kau‑ und Schluckprobleme sowie funktionelle Einschränkungen erfassen. Auf dieser Basis werden individuelle Schwerpunkte der Ernährungstherapie festgelegt, die medizinische Erfordernisse mit der praktischen Umsetzbarkeit verbinden.
Häufige Fehler zu Beginn sind eine unkritische Hochdosis‑Supplementation ohne vorherige Diagnostik, unrealistische Zielsetzungen oder eine rein kurzfristige Intervention ohne nachhaltige Verhaltensänderung. Ebenso problematisch ist ein zu starker Fokus auf einzelne Nährstoffe, ohne die Gesamternährung und Energiezufuhr zu berücksichtigen. Eine erfolgreiche Ernährungstherapie erfordert daher eine schrittweise Anpassung statt abrupten Umstellungen.
Sinnvoll ist eine Übergangsphase, in der Veränderungen schrittweise in den Alltag integriert werden. Dazu zählen unter anderem die Anpassung der Mahlzeitenstruktur, der gezielte Aufbau proteinreicher Mahlzeiten oder die Integration calciumreicher Lebensmittel. Mentale und organisatorische Aspekte spielen dabei eine zentrale Rolle: Einkaufsgewohnheiten, Kochfähigkeiten, soziale Rahmenbedingungen, finanzielle Ressourcen sowie Motivation und Krankheitsverständnis beeinflussen maßgeblich die Adhärenz (Umsetzbarkeit im Alltag).
Der Ablauf der Ernährungstherapie folgt idealerweise einem klaren, wiederkehrenden Schema aus Planung, Umsetzung und Überprüfung. Regelmäßige Verlaufskontrollen – klinisch, funktionell und gegebenenfalls laborchemisch – ermöglichen eine Anpassung der Maßnahmen an den individuellen Verlauf. Die Therapie ist grundsätzlich langfristig angelegt und erfolgt überwiegend ambulant. Bei komplexen Krankheitsbildern, Multimorbidität oder nach Frakturen ist eine ärztliche Begleitung sinnvoll und häufig erforderlich. Ziel ist stets der Übergang in eine dauerhaft umsetzbare Alltagsroutine, die ohne hohen Aufwand beibehalten werden kann und die Selbstständigkeit der Betroffenen unterstützt.
Empfohlene Lebensmittel
Diese Lebensmittel liefern in Kombination hochwertige Proteine, Calcium sowie weitere knochen‑ und muskelspezifisch relevante Mikronährstoffe und sollten regelmäßig Bestandteil der täglichen Ernährung sein.
- Milch und Milchprodukte
Milch, Joghurt, Quark, Käse und fermentierte Produkte liefern gut verfügbares Calcium, hochwertige Proteine sowie – je nach Produkt – Vitamin B12 und Phosphor. Besonders geeignet sind naturbelassene Varianten ohne hohen Zuckerzusatz. Bei Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) können lactosefreie Produkte oder calciumangereicherte Alternativen eingesetzt werden. - Fisch, insbesondere fettreicher Seefisch
Lachs, Hering, Makrele oder Sardinen liefern hochwertige Proteine, Vitamin D sowie Omega‑3‑Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)). Diese Kombination unterstützt sowohl die Knochenmineralisation als auch die Muskelfunktion. Zwei Fischmahlzeiten pro Woche gelten als praxisnahes Ziel. - Eier
Eier sind eine gut verfügbare Proteinquelle mit hoher biologischer Wertigkeit und liefern zusätzlich Vitamin D, Vitamin B12 und Cholin. Sie eignen sich besonders für ältere Menschen, da sie leicht zuzubereiten und gut kaubar sind. - Hülsenfrüchte und Nüsse
Linsen, Bohnen, Kichererbsen sowie Nüsse und Samen liefern pflanzliches Eiweiß, Magnesium, Kalium und Ballaststoffe. Sie können tierische Proteinquellen sinnvoll ergänzen, ersetzen diese jedoch bei erhöhtem Frakturrisiko meist nicht vollständig. - Gemüse, insbesondere grüne Sorten
Grünes Gemüse wie Brokkoli, Grünkohl, Spinat oder Mangold liefert Vitamin K, Magnesium und sekundäre Pflanzenstoffe. Diese Nährstoffe unterstützen den Knochenstoffwechsel indirekt und tragen zur allgemeinen Mikronährstoffversorgung bei. - Vollkornprodukte
Vollkornbrot, Haferflocken, Vollkornnudeln und Naturreis liefern komplexe Kohlenhydrate, Ballaststoffe sowie Magnesium und B‑Vitamine. Sie unterstützen eine ausreichende Energiezufuhr und tragen zur langfristigen Ernährungsstabilität bei.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Stark salzreiche Fertigprodukte
Hohe Natriumzufuhr kann die renale Calciumausscheidung (Calciumausscheidung über die Nieren) erhöhen und ist daher langfristig ungünstig für die Knochengesundheit. Zudem verdrängen Fertigprodukte häufig nährstoffreiche Lebensmittel. - Sehr kalorienarme Diäten
Stark energie- oder kohlenhydratreduzierte Kostformen fördern Muskelabbau, verschlechtern die Knochengesundheit und erhöhen insbesondere bei älteren Menschen das Frakturrisiko. - Stark zuckerreiche Getränke (v. a. Cola-Getränke)
Softdrinks und gesüßte Getränke liefern Energie ohne relevante Nährstoffe und können bei regelmäßigem Konsum nährstoffdichte Lebensmittel verdrängen. Phosphathaltige Getränke (z. B. Cola‑Getränke) können das Calcium‑Phosphat‑Gleichgewicht ungünstig beeinflussen und damit die Knochengesundheit zusätzlich beeinträchtigen.
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Rauchen beschleunigt den Knochenabbau und erhöht das Frakturrisiko um 20 % [6].
- Erhöhtes Frakturrisiko und verzögerte Knochenheilung
- Negative Interaktion mit Osteoporosetherapien
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz
Alkohol
- Alkohol wirkt dosisabhängig negativ auf Knochenstoffwechsel, Muskelkraft und Gleichgewicht und erhöht das Sturzrisiko. Regelmäßiger oder hoher Konsum schwächt die Knochenstruktur und ist mit einer erhöhten Frakturrate assoziiert.
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Im Alltag bewährt sich eine klare, möglichst einfache Struktur, da komplexe Ernährungspläne die langfristige Umsetzung erschweren. Proteine sollten gleichmäßig auf alle Mahlzeiten verteilt werden, idealerweise mit mindestens 20-30 g Proteine pro Hauptmahlzeit, um die altersbedingt reduzierte Muskelproteinsynthese effektiv zu stimulieren. Praktisch bedeutet dies, dass bereits das Frühstück proteinreich gestaltet wird, etwa durch Joghurt, Quark, Eier oder proteinangereicherte Alternativen, anstatt den Großteil der Proteinzufuhr erst abends zu erreichen.
Milchprodukte oder geeignete Alternativen lassen sich gut in Zwischenmahlzeiten integrieren und tragen zur Calcium‑ und Proteinzufuhr bei, ohne das Sättigungsgefühl übermäßig zu steigern. Tiefkühlfisch, Hülsenfrüchte aus dem Glas, Eiergerichte oder Joghurt sind alltagstaugliche, wenig aufwendige Optionen, die auch bei eingeschränkter Belastbarkeit oder geringer Kochmotivation gut umsetzbar sind. Eine vorausschauende Vorratshaltung reduziert die Abhängigkeit vom täglichen Einkaufen und erhöht die Umsetzungssicherheit.
Vitamin‑D‑Supplemente sollten konsequent an feste Routinen gekoppelt werden (z. B. täglich zum Frühstück), da dies die Adhärenz deutlich verbessert. Hilfreich ist zudem ein einfaches Baukastensystem für Hauptmahlzeiten (Proteinquelle + Gemüse + Sättigungsbeilage), das Orientierung bietet, ohne starre Vorgaben zu machen. Im sozialen Kontext (Familie, Einladungen, Kantine) sollte nicht Perfektion, sondern Kontinuität angestrebt werden.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Makronährstoffseitig ist insbesondere die Proteinzufuhr von zentraler Bedeutung. Empfohlen werden 1,0-1,2 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag, bei geriatrischen Patienten, nach Frakturen oder bei Sarkopenie gegebenenfalls höhere Mengen, stets unter Berücksichtigung der individuellen Nierenfunktion. Eine gleichmäßige Verteilung über den Tag ist dabei relevanter als die absolute Tagesmenge allein.
Evidenzbasiert relevante Mikronährstoffe (Vitalstoffe) sind vor allem Calcium (1.000-1.200 mg/Tag) und Vitamin D, wobei die Supplementation zielwertorientiert anhand des Serum‑25(OH)‑Vitamin‑D‑Spiegels erfolgen sollte. Magnesium und Vitamin K gelten als unterstützend für den Knochenstoffwechsel, besitzen jedoch keinen eigenständigen, gesicherten Frakturschutznachweis [1-4]. Weitere Mikronährstoffe wie Phosphor oder Zink werden bei ausgewogener Mischkost in der Regel ausreichend aufgenommen.
Eine ausreichende Energiezufuhr ist ein zentraler, häufig unterschätzter Faktor. Energieunterversorgung fördert Muskelabbau, verschlechtert die Knochengesundheit und erhöht das Sturz‑ und Frakturrisiko, selbst bei ausreichender Protein‑ oder Calciumzufuhr. Ziel ist daher eine langfristig ausgewogene Ernährung, die Untergewicht vermeidet und funktionelle Leistungsfähigkeit erhält.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Kurzfristig können gastrointestinale Beschwerden wie Obstipation (Verstopfung), Blähungen oder Übelkeit auftreten, insbesondere bei Beginn einer Supplementation oder bei rascher Erhöhung der Proteinzufuhr. Relevant sind zudem Hypercalcämie und Nephrolithiasis bei übermäßiger Calciumzufuhr, vor allem in Kombination mit hochdosiertem Vitamin D oder bei eingeschränkter Nierenfunktion.
Langfristig besteht bei fehlendem Monitoring das Risiko einer Fehl‑ oder Überversorgung, etwa durch dauerhaft unnötige Supplemente oder unzureichende Energiezufuhr trotz scheinbar ausgewogener Ernährung. Wechselwirkungen sind insbesondere mit Thiazid‑Diuretika (Calciumretention), Vitamin‑K‑Antagonisten (Vitamin‑K‑Zufuhr) sowie bestimmten Osteoporosemedikamenten zu berücksichtigen [1-3]. Regelmäßige ärztliche Kontrolle von Laborparametern, Gewicht und funktionellem Status ist daher Bestandteil einer sicheren Ernährungstherapie.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Manifeste Hypercalcämie
Relative Kontraindikationen
- Chronische Nierenerkrankung
- Neigung zu Nierensteinen
Vorteile
- Unterstützung medikamentöser Therapien
- Verbesserung von Muskelkraft und Mobilität
- Gute Alltagstauglichkeit
- Langfristige Gesundheitsförderung
Grenzen
- Allein nicht ausreichend bei hohem Frakturrisiko
- Wirkung abhängig vom Ausgangsmangel
- Langfristige Adhärenz erforderlich
Wissenschaftliche Einordnung
Internationale Leitlinien und aktuelle Metaanalysen bewerten die Ernährung als unverzichtbare Basismaßnahme der Frakturprävention, jedoch ausdrücklich nicht als alleinige Therapie. Übereinstimmend wird betont, dass Ernährung vor allem dann wirksam ist, wenn sie Bestandteil eines multimodalen Konzepts ist, das Bewegung, Sturzprävention und – bei entsprechendem Risiko – medikamentöse Therapie einschließt. Der Nutzen ernährungsbezogener Interventionen ist dabei populations‑ und risikoadaptiert zu betrachten.
Die Studienlage zeigt, dass eine ausreichende Zufuhr von Proteinen, Calcium und Vitamin D notwendig ist, um Mangelzustände zu vermeiden und die Wirksamkeit anderer therapeutischer Maßnahmen zu unterstützen. Gleichzeitig weisen große randomisierte Studien darauf hin, dass eine pauschale Supplementation – insbesondere mit Calcium oder Vitamin D – in der Allgemeinbevölkerung keinen konsistenten Frakturschutz bietet. Entsprechend wird eine undifferenzierte Hochdosis‑Supplementation zunehmend kritisch gesehen [1-3].
Leitlinien empfehlen stattdessen individualisierte, bedarfsorientierte Konzepte, die sich an klinischem Risiko, Ernährungsstatus, Alter, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Laborwerten orientieren. Besonders bei älteren, institutionalisierten oder mangelernährten Patienten kann eine gezielte Ernährungstherapie einen relevanten Beitrag zur Frakturreduktion leisten. Insgesamt gilt die Plausibilität der Ernährungstherapie als hoch, auch wenn für einzelne Komponenten – jenseits der Vermeidung von Mangelzuständen – keine isolierten Frakturschutzeffekte nachgewiesen sind. Die Ernährung wird daher als notwendige Grundlage, nicht aber als alleinige Lösung eingeordnet [1-4].
Fazit
Die Ernährung bei erhöhtem Frakturrisiko stellt eine essentielle, aber ergänzende Säule der Prävention dar. Kurzfristig dient sie vor allem der Identifikation und Korrektur von Mangelzuständen, der Stabilisierung des Körpergewichts und der Sicherstellung einer ausreichenden Protein‑ und Energiezufuhr.
Langfristig zielt sie auf den Erhalt der funktionellen Knochen‑Muskel‑Einheit, die Reduktion des Sturzrisikos und die Unterstützung anderer therapeutischer Maßnahmen ab.
Aus medizinisch‑ernährungswissenschaftlicher Sicht ist die Ernährungstherapie kein Ersatz für Bewegungstherapie oder medikamentöse Osteoporosebehandlung bei hohem Frakturrisiko, sondern deren notwendige Grundlage. Ihre Wirksamkeit entfaltet sie insbesondere dann, wenn sie individualisiert, alltagstauglich und dauerhaft umgesetzt wird. Im Vergleich zu anderen Interventionen zeichnet sie sich durch eine gute Verträglichkeit, geringe Risiken und einen breiten Zusatznutzen für die allgemeine Gesundheit aus.
Als alleinige Maßnahme ist die Ernährung nicht ausreichend, um Frakturen zuverlässig zu verhindern. Als Bestandteil eines ganzheitlichen Präventions‑ und Therapiekonzepts ist sie jedoch unverzichtbar und sollte frühzeitig, leitlinienkonform und regelmäßig überprüft eingesetzt werden.
Literatur
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- Rogmark C et al.: Physical Activity and Psychosocial Factors Associated With Risk of Future Fractures in Middle-Aged Men and Women JBMR 18 February 2021. doi: 10.1002/jbmr.4249.