Ernährungstherapie bei chronischen Rückenschmerzen degenerativer Genese
Chronische Rückenschmerzen degenerativer Genese sind länger als 12 Wochen anhaltende Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule, die überwiegend mit alters- bzw. belastungsbedingten Veränderungen (z. B. Bandscheibendegeneration, Facettengelenksarthrose, Spondylose) zusammenhängen. Wichtig ist: Degenerative Befunde in Bildgebung erklären die Schmerzstärke nur begrenzt. Häufig wirken Entzündungsaktivität, Muskel-/Faszienfunktion, Schlaf, Stressverarbeitung, Körpergewicht und Bewegungsverhalten zusammen. Ernährung ist dabei keine Monotherapie, kann aber als systemischer Hebel Entzündungsmarker, Körperzusammensetzung, Stoffwechsel und Regeneration beeinflussen [1-3].
Wissenschaftliche Grundlagen
Historisch standen bei Verschleißschmerzen mechanische Modelle im Vordergrund (Abnutzung → Schmerz). Heute ist klarer, dass chronische Rückenschmerzen meist multifaktoriell bedingt sind: Mechanische Faktoren können Trigger sein, die Chronifizierung wird jedoch häufig durch periphere und zentrale Sensibilisierung (erhöhte Schmerzempfindlichkeit), Entzündungsprozesse, reduzierte Belastbarkeit, Schlafstörungen und psychosoziale Faktoren stabilisiert.
Die Ernährung fügt sich in dieses Modell, weil sie Entzündungs- und Oxidationsprozesse sowie die Gewichtsentwicklung und damit die mechanische Last beeinflusst. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass eine vollwertige, überwiegend pflanzenbasierte und nährstoffreiche Ernährung bei verschiedenen chronischen Schmerzerkrankungen im Durchschnitt zu einer spürbaren Schmerzreduktion beitragen kann. Entscheidend ist dabei die Gesamtqualität der Ernährung [25].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Ziel ist eine messbare Verbesserung der Schmerzbelastung und Funktion über metabolische und entzündungsbezogene Stellschrauben, ohne unnötige Einschränkungen oder Begrenzungen.
Primäre therapeutische Zielparameter sind je nach Ausgangslage Schmerzintensität, Funktionsscores, Körpergewicht bzw. BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index) und Taillenumfang (als Stellvertreterwert viszeraler Adipositas/Übergewicht durch vermehrtes Bauchfett) sowie – wenn klinisch sinnvoll – Entzündungsmarker (hochsensitives C-reaktives Protein/hsCRP) und metabolische Parameter (Nüchternglucose/HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Triglyceride, LDL-Cholesterin).
Sekundär sollen Schlafqualität, Erschöpfung, Stimmung, Bewegungsumfang, Alltagsaktivität und ggf. Analgetikabedarf verbessert werden.
Leitlinienlogik:
- Indikation sind chronische Rückenschmerzen mit degenerativer Komponente und/oder begünstigenden Faktoren wie Übergewicht, ungünstigem Ernährungsverhalten oder Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)
- Intervention ist eine antiinflammatorische (entzündungshemmende), vollwertige, energieadäquate Ernährung (bei Bedarf mit Gewichtsreduktion)
- Monitoring von Schmerz/Funktion, Gewicht, Labor (bei Risiko) und Medikamenteninteraktionen
- Risiken sind v. a. Mangelzustände bei Überrestriktion, ungeeignete Diäten und Hypoglykämien (Unterzuckerungen), Blutdruckabfälle bei gleichzeitiger Medikation und raschem Gewichtsverlust [1, 2, 4]
Grundprinzipien
Im Kern steht eine langfristig umsetzbare, vollwertige Kost, die entzündungsfördernde Muster (hochverarbeitete Produkte, hohe Energiedichte, viel Zucker/raffinierte Stärke, ungünstige Fettsäureprofile) reduziert und gleichzeitig Nährstoffdichte, Ballaststoffe, ungesättigte Fette und Proteinqualität erhöht.
Praktisch bedeutet das:
- pflanzenbetonte Hauptstruktur (Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkorn)
- regelmäßige Proteinanker (z. B. Joghurt/Skyr, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch, mageres Fleisch in moderaten Mengen)
- hochwertige Fette (v. a. Olivenöl, Nüsse, Saaten) und
- eine Mahlzeitenstruktur, die den Alltag stabilisiert (z. B. 2-3 Hauptmahlzeiten, bei Bedarf ein geplantes Snack-Fenster).
Bei Adipositas wird ein moderates Energiedefizit (500-800 kcal/Tag) bevorzugt, um Gewicht und mechanische Last zu senken, ohne Muskelmasse zu verlieren [2-5].
Angestrebte Wirkmechanismen
Erwartet werden:
- eine Reduktion systemischer Entzündung und oxidativen Stress durch erhöhte Zufuhr polyphenol- und ballaststoffreicher Lebensmittel sowie günstiger Fettsäuremuster.
- eine Verbesserung der Körperzusammensetzung (weniger Fettmasse, möglichst stabile bzw. steigende fettfreie Masse), wodurch mechanische Belastung und proinflammatorische Adipozytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe, die vom Fettgewebe gebildet werden) sinken.
- eine indirekte Schmerzmodulation über bessere Schlafqualität, stabilere Blutzuckerprofile und verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit.
Pathophysiologisch plausibel ist insbesondere die Kopplung zwischen viszeraler Adipositas, systemischer Entzündung und Schmerzverarbeitung. Zudem kann eine höhere Ballaststoffzufuhr über Mikrobiom-Metabolite (z. B. kurzkettige Fettsäuren) immunmodulatorisch wirken.
Nicht belegt bzw. nur hypothetisch sind Versprechen einzelner „Trigger-Foods“ bei degenerativen Rückenschmerzen. Eliminationsdiäten können im Einzelfall helfen, sind aber ohne klare Indikation (z. B. echte Unverträglichkeit) nicht Standard. Insgesamt zeigt die Evidenz eher: Verbesserung der Ernährungsqualität und – falls nötig – Gewichtsreduktion sind die belastbarsten Hebel [2-5].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit chronischen Rückenschmerzen und degenerativen Veränderungen, v. a. bei ungünstiger Ernährungsqualität
- Personen mit Übergewicht/Adipositas oder metabolischem Syndrom (BMI, Taillenumfang, HbA1c, Triglyceride erhöht)
- Ältere Menschen mit Sarkopenierisiko (Risiko für altersbedingten Muskelabbau) und Rückenschmerz (Fokus: Proteine, Krafttraining-Synergie)
- Schwangere: nur als allgemeine vollwertige, bedarfsdeckende Kost (keine restriktiven Diäten), individuell nach Situation
- Jugendliche: nur bei klarer Indikation (z. B. Adipositas) und unter ernährungsmedizinischer Steuerung
Eingeschränkte Eignung
- Essstörungen (z. B. Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht) oder hohes Risiko dafür (Restriktionen vermeiden)
- Sehr niedriges Körpergewicht/ungeklärter Gewichtsverlust
- Ausgeprägte chronische Nierenerkrankung (Protein- und Elektrolytmanagement nötig)
Indikationsbezogene Eignung/Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)
- Typ-2-Diabetes, Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung): oft besonders geeignet (metabolischer Nutzen)
- Chronisch-entzündliche Erkrankungen (z. B. Rheuma): möglich, jedoch interdisziplinär denken
- GERD (Refluxkrankheit (Sodbrennen))/Reizdarmsyndrom: Anpassung der Lebensmittelauswahl erforderlich, ohne Vollwertprinzip aufzugeben
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn steht eine kurze Standortbestimmung: Schmerzprofil (Intensität, Tagesmuster, Trigger), Funktionsniveau, Schlaf, Stress, Bewegungsumfang, Gewicht/Taillenumfang, Ernährungsgewohnheiten (inkl. Anteil stark industriell verarbeiteter Lebensmittel) sowie Komorbiditäten und Medikation.
Danach folgt eine praktikable Vorbereitung mit Einkaufsplanung, „Standardmahlzeiten“ und einer Küchenbasis (Olivenöl, Nüsse, Saaten, Vollkorn, Hülsenfrüchte, Tiefkühlgemüse, Joghurt/Skyr, Eier, Fischkonserven).
Typische Fehler am Anfang sind zu viele gleichzeitige Regeln, zu wenig Proteine (führt zu Heißhunger) und gesunde Snacks ohne Energiekontrolle.
Sinnvoll ist eine 2-4-wöchige Einstiegsphase: täglich 500-800 g Gemüse/Obst als Zielkorridor, pro Mahlzeit ein Proteinanker, Austausch raffinierter Kohlenhydrate gegen Vollkorn/Hülsenfrüchte, und Reduktion hoch verarbeiteter Produkte.
Parallel sollte eine alltagstaugliche Struktur etabliert werden (z. B. feste Frühstücks-/Mittagsanker, planbares Abendessen).
Schrittweise wird anschließend individualisiert: Wenn Übergewicht vorliegt, wird ein moderates Energiedefizit gewählt (typisch 500-800 kcal/Tag), kombiniert mit Krafttraining/Physiotherapie-Übungen, um Muskelmasse zu schützen.
Monitoring erfolgt wöchentlich (Gewicht oder Taillenumfang, Schmerz-Skala, Aktivität/Schlaf) und nach 8-12 Wochen bilanziert (Funktion, Schmerz, ggf. Labor).
Als Dauer ist mindestens 8-12 Wochen nötig, um stabile Effekte auf Gewicht, Entzündungsmarker und Alltagsverhalten zu sehen. Langfristig sollte in ein Normalmodus-Muster überführt werden, in dem 80-90 % der Mahlzeiten dem Grundprinzip entsprechen und flexible Ausnahmen geplant sind. Bei komplexen Fällen (starke Komorbidität, erhebliche Adipositas, Medikamentenrisiken) ist eine engere ärztliche Steuerung sinnvoll [1, 2, 4].
Empfohlene Lebensmittel
- Gemüse (viel, bunt; frisch oder TK), besonders Kreuzblütler, Blattgemüse, Tomaten, Paprika
- Obst, bevorzugt Beeren und saisonales Obst
- Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen) als Ballaststoff- und Proteinquelle
- Vollkorn (Hafer, Roggen, Vollkornbrot, Naturreis, Vollkornnudeln)
- Nüsse und Saaten (Walnüsse, Lein-/Chiasamen; täglich eine kleine Portion)
- Olivenöl als Hauptfett, ergänzt durch Rapsöl
- Fisch (v. a. fetter Seefisch) 1-2x/Woche, alternativ hochwertige pflanzliche Omega-3-Fettsäure-Quellen
- Milchprodukte nach Verträglichkeit (Joghurt/Skyr/Quark als Proteinanker)
- Gewürze/Kräuter (z. B. Kurkuma, Ingwer, Knoblauch, Kräuter) als geschmacklicher Hebel
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
- Ultra-processed foods (hochverarbeitete Lebensmittel: Süßwaren, Chips, Fast Food, Fertigbackwaren, stark verarbeitete Fleischwaren)
- Zuckerreiche Getränke, Säfte als „Getränk“, häufige Süßsnacks
- Weißmehl-dominante Produkte als Standardkohlenhydrat (wenn möglich ersetzen)
- Häufige große Mengen rotes/verarbeitetes Fleisch (besser: moderat, Qualität hoch)
- Alkohol als Routine-Stressventil (siehe Genussmittel)
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Rauchen verschlechtert die Gewebedurchblutung und Regeneration und korreliert mit chronischer Schmerzlast.
- Rauchen beeinträchtigt die Knochenheilung. Die geringere Sauerstoffzufuhr kann die Regeneration von Knochen und Gewebe verzögern.
- Rauchen erhöht die Entzündungsneigung. Chronische Entzündungen durch Rauchen können Rückenschmerzen verstärken und die Regeneration beeinträchtigen.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Es gilt: Je mehr, desto ungünstiger für Schlaf, Regeneration und Gewicht
- Wenn Konsum: moderat und nicht täglich; keine Hochdosisaufnahme
- Chronischer Alkoholkonsum beeinträchtigt die Muskelregeneration und hemmt die Aufnahme essentieller Mikronährstoffe wie Calcium und Magnesium, was die Stabilität des Knochengerüsts negativ beeinflusst. Zusätzlich fördert Alkohol Entzündungsprozesse, die Rückenschmerzen verschlimmern können [7].
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene ohne relevante Vorerkrankungen, ohne Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Einkauf und Vorratshaltung (Schmerz- und Stress-robust planen)
- „Doppelte Basis“: Immer eine frische und eine TK-Option pro Gemüsegruppe (z. B. frischer Salat + TK-Gemüsemix), damit auch an schlechten Tagen gekocht werden kann.
- Proteinvorrat ohne Aufwand: Eier, Skyr/Quark, Thunfisch/Sardinen, Linsen aus der Dose, Tofu/Tempeh, Tiefkühlfisch
- Kohlenhydrat-Anker: Haferflocken, Vollkornbrot (ggf. einfrieren), Naturreis/Vollkornnudeln, Kartoffeln
- „Notfall-Mahlzeiten“ definieren: z. B. Skyr + Beeren + Nüsse; Vollkornbrot + Hüttenkäse + Tomaten; Linsensalat aus der Dose + Olivenöl + Gemüse
Zubereitung (minimaler Aufwand, maximaler Nutzen)
- Blech-Prinzip: 2 Bleche pro Woche (Gemüse + Protein), reicht oft für 3-4 Mahlzeiten.
- 1 Topf/1 Pfanne-Gerichte: Chili sin Carne, Linsencurry, Gemüse-Omelette, Fisch mit TK-Gemüse
- Geschmack als Umsetzbarkeits-Motor: Olivenöl, Zitronensaft, Kräuter, Gewürzmischungen – damit „gesund“ nicht nach Verzicht schmeckt
Alltagstauglichkeit (Beruf, Familie, sozialer Kontext)
- 80/20-Regel: Die meiste Wirkung kommt aus dem Standardalltag; soziale Mahlzeiten werden eingeplant statt „abgearbeitet“.
- Restaurant-Strategie: Gemüsebeilage verdoppeln, frittierte Beilagen reduzieren, Wasser als Standardgetränk, Dessert teilen oder 2-3x/Woche bewusst einplanen.
- Snack-Management: Nicht „snackfrei“ erzwingen; lieber 1-2 geplante Snacks mit Proteinen/Fasern (z. B. Joghurt + Obst, Nüsse + Obst, Gemüsesticks + Hummus)
- Schlaf-Kopplung: Späte, sehr große Mahlzeiten und Alkohol verschlechtern häufig Schlaf; bei Rückenschmerzen ist Schlafqualität ein Kernziel.
- Bewegungs-Synergie: Nach den Hauptmahlzeiten 10-15 Minuten gehen (oder leichte Mobilität) hilft Blutzucker- und Stressregulation und erhöht die Umsetzbarkeit ohne „Sportprogramm“.
Gewichtsreduktion, falls indiziert (ohne Muskelverlust)
- Defizit klein halten (nachhaltig), Proteine pro Mahlzeit einplanen, Krafttraining/Physioübungen als Pflichtteil
- Fortschritt nicht nur am Gewicht messen: Taillenumfang, Schmerztagebuch, Gehzeit, Treppenfähigkeit, Schlaf
Ernährungsphysiologische Bewertung
Bei vollwertiger und pflanzenbetonter Ausrichtung ist die Makronährstoffverteilung (Makronährstoffe: Kohlenhydrate, Fette, Proteine (Eiweiß)) flexibel, solange Proteine ausreichend und Energie passend gesteuert wird. Für viele ist eine proteinbetonte Verteilung (z. B. 1,0-1,2 g/kg Körpergewicht/Tag, bei Älteren häufig eher im oberen Bereich) sinnvoll, um Muskelmasse und Funktion zu stützen, insbesondere bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion.
Ballaststoffe sind zentral (Sättigung, Mikrobiom, metabolische Effekte) und sollten schrittweise gesteigert werden.
Kritische Mikronährstoffe (Vitalstoffe) hängen vom Muster ab: Bei wenig Fisch sind Jod und Vitamin D (saisonal) zu prüfen, bei geringer Milchprodukte-Zufuhr Calcium, bei stark pflanzenbetonter Kost Eisen und Zink (v. a. bei Frauen mit starker Menstruation).
Eine mediterran orientierte, vollwertige Ernährung ist langfristig in der Regel gut ausgewogen und praktikabel. Sehr strenge Diäten – etwa extrem kohlenhydratarme Ernährungsformen ohne klare medizinische Begründung – führen dagegen häufiger zu Durchhalteproblemen oder zu einer unzureichenden Nährstoffversorgung. Die wissenschaftlichen Daten sprechen deshalb eher für eine dauerhaft gute Ernährungsqualität und konsequente Umsetzung im Alltag als für radikale oder einseitige Ernährungskonzepte [2-5].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die wichtigsten Risiken entstehen nicht durch Vollwertkost an sich, sondern durch Überrestriktion, falsche Selbstexperimente und fehlendes Monitoring bei Komorbiditäten.
Bei rascher Gewichtsreduktion können Hypoglykämien (Unterzuckerungen) unter Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente) und Blutdruckabfälle unter Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente) auftreten. Deshalb sind bei entsprechender Medikation engmaschige Selbstmessungen und ärztliche Anpassungen wichtig.
Hohe Ballaststoffsteigerungen können anfänglich Blähungen und Bauchbeschwerden verursachen. Hier helfen langsame Steigerung, ausreichende Flüssigkeit und Auswahl gut verträglicher Quellen.
Bei chronischer Nierenerkrankung ist eine hohe Proteinzufuhr ggf. nicht geeignet und muss individuell angepasst werden.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)
- Essstörung/hohes Risiko: keine restriktiven Pläne
- Fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung: Proteine, Kalium/Phosphat individuell steuern
- Insulin/Sulfonylharnstoffe: Hypoglykämierisiko bei Kaloriendefizit → Monitoring
- Antikoagulation (Einnahme von Blutverdünnern): starke, plötzliche Änderungen vitamin-K-reicher Kost (v. a. bei Vitamin-K-Antagonisten) vermeiden
Vorteile
- Unterstützt Gewichtsreduktion bzw. bessere Körperzusammensetzung, was mechanische Last senken kann [4]
- Kann niedriggradige Entzündung günstig beeinflussen (Ernährungsqualität, Fettsäuremuster, Ballaststoffe) [3, 5]
- Fördert Sättigung, Energie-Stabilität und alltagsnahe Routinen (Adhärenzvorteil) [2, 6]
- Passt gut in multimodale Konzepte (Bewegung/Physiotherapie/Schlaf) und kann deren Effekte verstärken [1, 2]
Grenzen
- Degenerative Rückenschmerzen sind multifaktoriell; Ernährung ersetzt keine Bewegungstherapie, Schmerzpsychologie oder medizinische Diagnostik [1]
- Effekte sind meist moderat und benötigen Wochen bis Monate; kurzfristige Erwartungen führen häufig zu Abbruch
- Evidenz ist stärker für Ernährungsqualität und Gewichtsreduktion als für spezifische Einzel-„Triggerfoods“ [2-5]
- Umsetzung kann durch Stress, Schichtarbeit, Schmerzspitzen und depressive Symptome limitiert sein; Planung muss diese Realität berücksichtigen
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Ernährung bei chronischen Rückenschmerzen sind nicht einheitlich, weil sich die untersuchten Patientengruppen, Ernährungsformen und Messmethoden zum Teil stark unterscheiden. Am klarsten zeigt sich jedoch: Eine vollwertige, überwiegend naturbelassene Ernährung kann bei chronischen Schmerzerkrankungen im Durchschnitt zu einer spürbaren Schmerzreduktion beitragen – ohne dass eine bestimmte Diätform eindeutig allen anderen überlegen ist [2].
Zudem belegen hochwertige Übersichtsarbeiten, dass mediterrane oder überwiegend pflanzliche Ernährungsweisen mit geringeren Entzündungswerten im Körper verbunden sind oder diese verbessern können. Da chronische Schmerzen häufig mit Entzündungsprozessen einhergehen, ist dieser Zusammenhang biologisch gut nachvollziehbar [3, 5].
Bei degenerativ bedingten Rückenschmerzen spielt außerdem das Körpergewicht eine wichtige Rolle. Eine gezielte Gewichtsreduktion kann Schmerzen und körperliche Funktion verbessern – insbesondere dann, wenn sie mit regelmäßigem Muskelaufbau und Bewegung kombiniert wird [4].
Fazit
Die Ernährungstherapie ist bei chronischen degenerativen Rückenschmerzen keine Primärtherapie, aber ein sinnvoller und oft unterschätzter Baustein in einem multimodalen Gesamtkonzept.
Kurzfristig (8-12 Wochen) sind die realistischsten Ziele eine bessere Ernährungsqualität, stabilere Tagesstruktur, erste Verbesserungen von Sättigung, Schlaf und – bei Adipositas – ein moderater Gewichts- bzw. Taillenumfangsrückgang; dies kann die Schmerzintensität und Funktionsfähigkeit spürbar unterstützen [2, 4].
Langfristig ist eine mediterran-ähnliche, vollwertige, überwiegend pflanzenbetonte Ernährung mit ausreichender Proteinzufuhr die pragmatisch beste Strategie, weil sie entzündungsmodulierend plausibel ist, das metabolische Risiko senkt und alltagstauglich bleibt [3, 5].
Deutlich abzuraten ist von extrem restriktiven Diäten ohne Indikation. Der größte Nutzen entsteht durch konsequente Basics, individuell angepasst und – bei relevanter Medikation/Komorbidität – mit Monitoring [1, 2, 6].
Literatur
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