Ernährungstherapie bei Arthrose

Arthrose ist eine chronische, meist langsam fortschreitende Gelenkerkrankung. Betroffen ist nicht nur der Gelenkknorpel, sondern das gesamte Gelenk (Knorpel, subchondraler Knochen (Knochen unter dem Knorpel), Synovia (Gelenkflüssigkeit), Bänder, Muskulatur). Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen, Anlaufschmerz, Funktionsverlust und – je nach Aktivität/Entzündung – auch Schwellung oder Überwärmung.

Eine Ernährungstherapie kann – insbesondere über Gewichtsmanagement, Entzündungsmodulation und Komorbiditätskontrolle Schmerzen, Funktion und Alltagsbelastbarkeit messbar verbessern und die konservative Arthrosetherapie sinnvoll ergänzen [1-4].

Wissenschaftliche Grundlagen

Arthrose wurde lange als reine Verschleißerkrankung verstanden. Heute gilt sie als multifaktorielle Erkrankung des gesamten Gelenks: Mechanik, Stoffwechsel und Entzündungsprozesse greifen ineinander.

Übergewicht wirkt nicht nur mechanisch (höhere Gelenklast), sondern auch metabolisch (chronische Inflammation über Adipokine und Zytokine (Botenstoffe)). Das erklärt, warum eine Gewichtsreduktion bei Gon-/Coxarthrose (Knie-/Hüftarthrose) häufig stärker wirkt, als man über reine Lastreduktion erwarten würde. [2-4].

Die Ernährungstherapie bei Arthrose beruht auf mehreren zentralen, wissenschaftlich begründeten Annahmen:

  • Klinisch relevante Gewichtsreduktion senkt Gelenkbelastung und verbessert Schmerz/Funktion [2].
  • Ein mediterran/pflanzenbetontes Ernährungsmuster kann Entzündung und Schmerzverarbeitung günstig beeinflussen [3, 4].
  • Supplemente als Monopräparate haben – wenn überhaupt – meist symptomatische Effekte und sind nicht gleichwertig zur Basisintervention (Gewicht + Ernährungsmuster) [5-7].

Zielsetzung der Ernährungstherapie

Ziel ist eine klinisch relevante Symptom- und Funktionsverbesserung sowie eine Reduktion von Risikofaktoren, die Arthrose und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) verstärken.

Primäre therapeutische Zielparameter sind: Körpergewicht (BMI/Body-Mass-Index/Körpermassen-Index), Taillenumfang (besonders bei Knie-/Hüftarthrose), Schmerzintensität, Funktion, Alltagsleistung (z. B. Gehstrecke) und – sofern relevant – Analgetika-/NSAR-Bedarf* (Bedarf an Schmerzmitteln, z. B. nicht-steroidale Antirheumatika (entzündungshemmende Schmerzmittel) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen).
**nephrotoxisch (nierenschädigend)

Zusätzlich sind kardiometabolische Marker sinnvoll (Blutdruck, HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Glucose bei gestörtem Blutzuckerspiegel, LDL-Cholesterin/Triglyceride), da Arthrosepatienten hier häufig erhöhte Risiken tragen [1, 3, 4].

Sekundäre Ziele sind bessere Lebensqualität, Schlaf, Aktivität und Muskelkraft. Gerade bei älteren Patienten ist die Sicherung von Muskelmasse zentral, weil Muskeln das Gelenk führen und Überlastung reduzieren.

Leitlinienlogik: Indikation (symptomatische Arthrose, häufig Übergewicht/Metabolisches Syndrom) → Intervention (Gewichtsreduktion + mediterran/pflanzenbetont + Fettsäurequalität + ausreichend Proteine (Eiweiß) + ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen (Vitalstoffe) → Monitoring (Gewicht/Taille, Schmerz/Funktion, Aktivität; Labor in Risikogruppen) → Risiken (Mangelzustände, Hypoglykämien (Unterzuckerungen) bei Antidiabetika, Interaktionen z. B. bei Antikoagulation (Blutverdünner)) [1, 2].

Kurzfristig (4-12 Wochen) stehen Schmerz/Funktion und Analgetikabedarf im Vordergrund. Langfristig (≥ 6-12 Monate) geht es um Gewichtsstabilisierung, Muskelerhalt, kardiometabolische Gesundheit und die Einbettung in dauerhafte Routinen [2-4].

Grundprinzipien

Die Basis ist ein energieangepasstes, nährstoffdichtes, pflanzenbetontes Ernährungsmuster. Bei Übergewicht wird ein moderates Kaloriendefizit umgesetzt (z. B. 500-800 kcal/Tag), mit dem Ziel einer nachhaltig erreichbaren Abnahme.

Für die klinische Wirkung ist vor allem relevant, ob die Intervention alltagstauglich bleibt und tatsächlich zu relevanter Gewichtsreduktion führt. In Studien ist der Nutzen auf Schmerz und Funktion besonders plausibel, wenn die Gewichtsabnahme eine klinische Schwelle erreicht (häufig wird ≥ 7 % als pragmatischer Zielbereich genannt) [2].

Als praktische Grundregeln haben sich bewährt:

  • Pflanzenbasis hoch: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Obst (bevorzugt Beeren) [3, 4]
  • Fettqualität optimieren: Olivenöl, Nüsse, Samen, weniger stark verarbeitete Fette und insgesamt weniger hochgradig industriell verarbeitete Produkte (UPF/Ultra-Processed Foods) [3, 4]
  • Proteine sichern: gleichmäßig über den Tag verteilen, besonders bei Gewichtsreduktion und im höheren Alter (Muskelerhalt)
  • Getränke standardisieren: Wasser, Tee, Kaffee ungesüßt, Softdrinks konsequent reduzieren

Angestrebte Wirkmechanismen

Der wichtigste Mechanismus ist die Kombination aus Biomechanik und Systemstoffwechsel.

Weniger Körpergewicht reduziert die Last auf tragenden Gelenken. Das ist besonders bei Gon- und Coxarthrose (Knie- und Hüftarthrose) relevant. In einer systematischen Review mit Netzwerk-Metaanalyse wurden klinisch bedeutsame Effekte auf Schmerz und Funktion vor allem bei ausreichender Gewichtsreduktion wahrscheinlich. Als praxisnaher Zielbereich wird häufig ≥ 7 % Gewichtsverlust hervorgehoben [2].

Fettgewebe ist hormonell aktiv. Bei Adipositas steigt die Inflammation (Entzündungsprozesse), die Schmerzen, Synovitis-Aktivität (Ausmaß der Entzündung der Gelenkinnenhaut) und Belastbarkeit ungünstig beeinflussen kann. Ernährungsansätze, die das gesamte Ernährungsmuster berücksichtigen und nicht nur einzelne Lebensmittel oder Nährstoffe – etwa eine mediterrane oder pflanzenbetonte Ernährung –, zeigen in Übersichtsarbeiten Hinweise auf Verbesserungen von Schmerzen, Gelenksteifigkeit, Funktion und teilweise auch entzündungsbezogenen Laborwerten. Allerdings sind die Studien in Aufbau, Dauer und Methodik unterschiedlich, sodass die Aussagekraft insgesamt als moderat einzustufen ist [3, 4].

Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)) können Entzündungsprozesse modulieren. Eine Metaanalyse beschreibt eine symptomatische Verbesserung. Praktisch ist ein Verzehr von 1-2 Fischmahlzeiten/Woche“ (fettreiche Kaltwasserfische wie Hering, Makrele, Lachs) der erste Schritt. Supplemente sind eine weitere Option [5].

Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D ist für die Muskel-/Knochenachse sinnvoll [7].

Chondroitinsulfat und Glucosaminsulfat gehören zu den am häufigsten eingesetzten gelenkbezogenen Nahrungsergänzungsmitteln bei Arthrose. Beide Substanzen sind natürliche Bestandteile des Gelenkknorpels und werden mit folgenden möglichen Wirkmechanismen in Verbindung gebracht:

  • Hemmung knorpelabbauender Enzyme
  • Modulation entzündlicher Signalwege
  • Unterstützung der Knorpelmatrix

Metaanalysen zeigen insgesamt heterogene Ergebnisse. In einigen Studien werden symptomatische Verbesserungen, insbesondere eine moderate Schmerzreduktion, beschrieben [6, 9].

Einzelne Substanzen wie Curcumin und Ingwerpräparate können laut einigen Studien symptomatisch wirken [6].

Mechanismen wie Entsäuerung, Detox-Kuren oder Knorpelregeneration durch einzelne Superfoods sind pathophysiologisch nicht belastbar und bergen eher Restriktionsrisiken [3, 6].

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Geeignete Zielgruppen

  • Knie-/Hüft-/Handarthrose, insbesondere bei Übergewicht/Adipositas (Gewichtsmanagement als Kern) [2]
  • Arthrose mit Hypertonie (Bluthochdruck), Prädiabetes/Diabetes, Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) → Synergieeffekte durch mediterran/pflanzenbetont [3, 4]
  • Geriatrische (ältere) Patienten: Fokus auf Proteine, Nährstoffversorgung und Sarkopenieprävention (Vorbeugung eines altersbedingten Muskelabbaus)

Eingeschränkte Eignung

  • Untergewicht
  • Essstörungen (z. B. Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht)
  • Relevante Mangelernährung (erst Stabilisierung)
  • Chronische Nierenerkrankung: Protein-/Kalium-/Phosphatstrategie an Stadium anpassen
  • Diabetes mellitus unter Insulin/Sulfonylharnstoffen: enges Monitoring bei Defizit (Hypoglykämierisiko (Risiko für Unterzuckerungen))

Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)/Medikation

  • Antikoagulation (medikamentöse Blutverdünnung), z. B. mit Vitamin-K-Antagonisten: Vitamin-K-Zufuhr stabil halten; Supplemente kritisch prüfen
  • Hoher NSAR-Bedarf (nicht-steroidale Antirheumatika, z. B. Ibuprofen): Fokus auf Gewicht, Blutdruck, Alkoholreduktion und GI-(Magen-Darm-Risiko)/kardiovaskuläre Risikoprofile (Risikofaktoren für Herz- und Gefäßerkrankungen)

Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie

Startpunkt ist eine kurze, pragmatische Bestandsaufnahme: betroffenes Gelenk, Schmerz- und Funktionsstatus, Gewicht/Taille, Aktivität, Schlaf, Analgetikabedarf sowie Komorbiditäten und Medikation. Danach werden 2-3 Hauptziele festgelegt, idealerweise so, dass sie in 8-12 Wochen überprüfbar sind (z. B.  bis 3-5 % Gewicht, weniger Schmerzspitzen, bessere Gehstrecke).

Die Umsetzung gelingt meist besser, wenn zuerst die Struktur steht: Einkaufsroutine, 3-4 Standardgerichte, klare Getränkeregeln und ein realistischer Umgang mit sozialen Situationen. Typische Fehler am Anfang sind: zu viele Regeln gleichzeitig, zu wenig Proteine (Sättigung/Muskelmasse), unklare Portionsgrößen und „Kaloriensparen“ durch Mahlzeitenauslassen mit anschließendem Heißhunger.

Als Schritt-für-Schritt-Vorgehen hat sich bewährt:

  1. Getränke/Softdrinks umstellen,
  2. pro Mahlzeit ein Protein- und ein Gemüse-Minimum definieren,
  3. Fettqualität verbessern (Olivenöl, Nüsse, Fisch) und
  4. erst dann die Gesamtenergie feinjustieren (Defizit, Portionsgrößen, Snackstrategie) [3, 4].

Für viele Patienten sind 8-16 Wochen ein sinnvoller Zeitraum, um spürbare Veränderungen zu erzielen. Danach folgt die Erhaltungsphase: Gewicht stabilisieren, „Rückfallpunkte“ erkennen (Urlaub, Stress, Schmerzschübe) und flexible Leitplanken nutzen statt starrer Verbote. Kombinationen aus Ernährung + Bewegung/Training und Verhaltenskomponenten sind in Studien häufig am wirksamsten [2].

Empfohlene Lebensmittel

  • Gemüse (bunt, täglich, auch TK): Blattgemüse, Brokkoli, Paprika, Tomaten, Zwiebeln
  • Obst (bevorzugt Beeren)
  • Vollkorn: Hafer, Vollkornbrot, Naturreis, Hirse
  • Hülsenfrüchte: Linsen, Bohnen, Kichererbsen
  • Nüsse, Samen: Walnüsse, Mandeln, Lein-/Chiasamen
  • Fisch (Omega-3-Fettsäuren): 1-2x/Woche, z. B. Hering, Lachs, Makrele [5]
  • Olivenöl nativ extra als Standardfett
  • Fermentiertes nach Verträglichkeit: Joghurt/Kefir, Sauerkraut

Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel

Zu reduzieren sind vor allem Lebensmittel, die Energiedichte erhöhen und metabolisch ungünstig sind (viel Zucker, ungünstige Fettprofile, hoher Verarbeitungsgrad) [3, 4].

  • Hochgradig industriell verarbeitete Produkte (UPF) wie Fastfood, Chips, viele Fertiggerichte
  • Zuckerhaltige Getränke
  • Stark raffinierte Kohlenhydrate (Weißmehlgebäck, Süßwaren)
  • Häufig frittierte Speisen und stark verarbeitete Fleischwaren
  • Regelmäßiger, hoch dosierter Alkoholkonsum (Gewicht, Schlaf, Interaktionen)

Genussmittelkonsum

Tabak (Rauchen)

  • Fördert degenerative Prozesse im Knorpelgewebe und reduziert die Durchblutung, was die Knorpelheilung behindert.
  • Bei geplanter Endoprothese: Rauchstopp als Sicherheitsziel
  • Bei regelmäßiger Einnahme von NSAR und bestehenden Begleiterkrankungen sollten mögliche Risiken für Magen-Darm-Probleme sowie Herz- und Gefäßerkrankungen besonders berücksichtigt werden.
  • Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz (Gesamtrisiko, OP-Risiko, Regeneration).

Alkohol

  • Klinisch relevant ist Alkohol v. a. über Gewicht, Schlaf, Blutdruck und Interaktionen
  • ≥ 20 Gläser Bier pro Woche erhöhen das Risiko für Coxarthrose (Hüftarthrose) und Gonarthrose (Kniearthrose); moderater Weinkonsum (4-6 Gläser pro Woche) war mit einem geringeren Risiko für Gonarthrose verbunden [8].
  • Empfehlung: kein Hochdosis- oder täglicher Konsum; bei Übergewicht/NSAR-Bedarf bevorzugt Reduktion
  • Niedrigrisikokonsum (ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
    • Frauen: max. 10-12 g/Tag + mind. 2 alkoholfreie Tage/Woche
    • Männer: max. 20-24 g/Tag + mind. 2 alkoholfreie Tage/Woche

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

  • Einfaches Tellerprinzip: ½ Gemüse, ¼ Protein, ¼ Vollkorn/Stärke; Fett über 1-2 EL Olivenöl (an Energiebedarf anpassen)
  • Proteine als „Sättigungsanker“: Jede Hauptmahlzeit hat eine feste Proteinquelle (Hülsenfrüchte, Joghurt/Quark, Eier, Fisch, mageres Fleisch).
  • TK-Strategie gegen Schmerz-/Stress-Tage: TK-Gemüse + Dose Linsen/Kichererbsen + Vollkorn + Olivenöl = in 10 Minuten eine vollwertige Mahlzeit
  • Snack-Plan statt Snack-Chaos: 1-2 Standardoptionen (z. B. Naturjoghurt + Beeren; Nüsse portioniert; Obst)
  • Softdrink-Stop als größter Hebel: Getränke auf ungesüßt standardisieren (Wasser, Tee, Kaffee)
  • Wöchentliche Mini-Kontrolle: 1x/Woche Gewicht/Taille + 1 Funktionsmarker (z. B. 5-Minuten-Gehstrecke) + Schmerzmitteltage notieren
  • Soziales Essen vorher einplanen: 1-2 Mahlzeiten/Woche bewusst flexibel – mit Leitplanken (z. B. Gemüsebeilage + Protein, Dessert teilen)

Ernährungsphysiologische Bewertung

Das empfohlene Ernährungsmuster ist bei adäquater Energieanpassung bedarfsdeckend und langfristig ausgewogen. Eine moderate Energiereduktion bei Übergewicht stellt den zentralen therapeutischen Hebel dar. Eine Proteinzufuhr im Bereich von etwa 1,0-1,2 g/kg KG (bei älteren Patienten ggf. höher) ist zur Sicherung der Muskelmasse sinnvoll.

Die Betonung ungesättigter Fettsäuren (Olivenöl, Nüsse, Fisch) verbessert das Fettsäureprofil, während die Reduktion hochverarbeiteter Lebensmittel die Energiedichte senkt und die Mikronährstoffdichte erhöht.

Ballaststoffreiche Kohlenhydrate unterstützen metabolische Stabilität und Gewichtskontrolle.

Vitamin D sollte bei Risikogruppen laborgestützt überprüft werden.

Insgesamt ist das Ernährungskonzept physiologisch plausibel, metabolisch günstig und bei ausreichender Protein- und Mikronährstoffsicherung langfristig gut umsetzbar.

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Crash-Diäten und sehr strikte Eliminationspläne erhöhen das Risiko für Proteinmangel, zu wenig Calcium und Vitamin D, unzureichende Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren und insgesamt geringere Mikronährstoffdichte. Das ist bei Arthrose besonders problematisch, weil Muskelschwäche und reduzierte Trainingstoleranz die Funktion verschlechtern können.

Bei vegetarischer/veganer Kost ist eine Arthrose-Ernährung grundsätzlich gut möglich, aber kritische Punkte sind Proteinqualität, Vitamin B12 (Supplement Pflicht), ggf. Eisen, Jod, Calcium, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren (je nach Lebensmittelauswahl).

Zu schnelles Abnehmen kann Muskelmasse kosten – gerade bei älteren Menschen. Das reduziert Kraft und Gelenkführung und kann Schmerzen indirekt verstärken. Gegenmaßnahme ist ein moderates Defizit, ausreichend Protein und – idealerweise – Krafttraining/Physiotherapie als parallele Säule [2].

Bei Insulin oder Sulfonylharnstoffen kann ein Kaloriendefizit Hypoglykämien (Unterzuckungen) auslösen. Das erfordert klare Absprachen (Dosisanpassung), Selbstmessung und eine definierte Hypoglykämie-Strategie.

Unter Vitamin-K-Antagonisten ist eine stabile Vitamin-K-Zufuhr wichtig. Außerdem sollten Supplemente (auch pflanzliche Präparate) auf Interaktionen geprüft werden.

Bei hohem NSAR-Gebrauch sind Alkohol, Rauchen und Blutdruck-/kardiovaskuläre Risikoprofile besonders wichtig. Ernährung wirkt hier indirekt über Gewichtsreduktion, Blutdruck und metabolische Marker [1, 3, 4].

Eine schnelle Ballaststoffsteigerung kann Blähungen auslösen. Praxisnah sind langsames Steigern, ausreichendes Trinken und eine gute Zubereitung von Hülsenfrüchten.

Omega-3-Supplemente können Reflux (Zurückfließen von Mageninhalt in die Speiseröhre) oder Beschwerden im Magen-Darm-Bereich verursachen. Sehr hohe Dosierungen sollten bei Antikoagulation/Blutungsrisiko besonders sorgfältig abgewogen werden [5].

Metaanalysen zeigen, dass einzelne Nutraceuticals (Lebensmittelbestandteile oder Nahrungsergänzungsmittel mit potentiell gesundheitlicher Wirkung) symptomatisch helfen können [6]. Risiken sind Kosten, Polypharmazie (gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente), Interaktionen und eine falsche Erwartung („Pille statt Basistherapie“).

Kurzfristige Risiken

  • Frustration/Abbruch durch zu komplexe Regeln
  • Flüssigkeits-/Elektrolytrisiken bei extremen „Detox“- oder sehr strikten Low-Carb-Kuren (nicht empfehlenswert)
  • Fehlinterpretation natürlicher Schmerzschwankungen als „Diät wirkt nicht“

Langfristige Risiken

  • Jo-Jo-Effekt und Gewichtswiederanstieg (Belastung steigt wieder)
  • Muskelverlust im Alter bei kalorienreduzierter, proteinarmer Kost
  • Dauerhaft hohe UPF-Last trotz „kalorienarm“ (Mikronährstoffdichte bleibt schlecht)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll bei Multimorbidität (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen), Lebererkrankung, Essstörungsanamnese oder komplexer Medikation.

Absolute Kontraindikationen

  • Keine

Relative Kontraindikationen (Monitoring erforderlich)

  • Chronische Nierenerkrankung (Protein, Kalium/Phosphat individuell)
  • Insulin-/Sulfonylharnstofftherapie (Hypoglykämierisiko)
  • Antikoagulation (Vitamin-K-Stabilität, Supplementprüfung)
  • Geriatrie mit Frailty (Gebrechlichkeit)/Sarkopenierisiko (keine aggressive Restriktion)

Vorteile

  • Evidenzbasierte Verbesserung von Schmerz und Funktion durch Gewichtsreduktion, besonders bei relevanter Abnahme [2]
  • Ernährungsweisen, die das gesamte Essverhalten berücksichtigen – zum Beispiel eine mediterrane oder pflanzenbetonte Ernährung – zeigen in Studien Hinweise auf weniger Schmerzen, bessere Gelenkfunktion und teilweise günstigere Entzündungswerte [3, 4].
  • Bessere metabolische Gesundheit (Blutdruck, Blutfette, Glucose) als „Co-Benefit“ [3, 4]
  • Hohe Sicherheit bei guter Planung (im Vergleich zu vielen Pharmakostrategien mit Nebenwirkungsprofil)

Grenzen

  • Keine gesicherte krankheitsmodifizierende Wirkung (Progressionsstopp/Knorpelaufbau) durch Ernährung allein [3, 6]
  • Umsetzbarkeit ist der limitierende Faktor – zu viele Regeln verschlechtern die Umsetzung
  • Ernährung ersetzt nicht Bewegung/Training und nicht die orthopädische Therapie bei fortgeschrittener Arthrose [1].

Wissenschaftliche Einordnung

Bei Knie-/Hüftarthrose mit Übergewicht ist die Evidenz am konsistentesten. In einer systematischen Review mit Netzwerk-Metaanalyse wurden multimodale Gewichtsverlustprogramme (Ernährung + Bewegung/Verhalten) als besonders wirksam für Gewichtsreduktion eingeschätzt. Klinisch relevante Verbesserungen von Schmerz/Funktion werden vor allem dann plausibel, wenn eine ausreichend große Gewichtsabnahme erreicht wird [2].

Eine große Übersichtsarbeit, die mehrere systematische Reviews und Metaanalysen zusammenfasst, zeigt: Besonders eine mediterrane Ernährung, insgesamt wenig verarbeitete Lebensmittel und eine hohe Lebensmittelqualität stehen häufig mit weniger Schmerzen und einer besseren Gelenkfunktion bei Arthrose in Zusammenhang [3].
Ein systematischer Review zu Diätmodifikationen (mehr Pflanzenphenole/Omega-3-Fettsäuren, weniger gesättigte Fette/raffinierte Kohlenhydrate) berichtet ebenfalls Verbesserungen von Schmerz und Funktion [4].

Die europäische Fachgesellschaft EULAR empfiehlt bei Cox- und Gonarthrose (Hüft- und Kniearthrose) ausdrücklich nicht-medikamentöse Basismaßnahmen wie Lebensstiländerung, regelmäßige Bewegung und Gewichtsmanagement als zentrale Bestandteile der Therapie. Ernährung wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Gesamtkonzeptes, das auf bessere Funktion und mehr Alltagsfähigkeit abzielt [1].

Fazit

Kurzfristig (4-12 Wochen) kann Ernährungstherapie bei Arthrose vor allem Schmerzen und Funktion verbessern – am zuverlässigsten, wenn bei Übergewicht eine tatsächlich relevante Gewichtsreduktion erreicht wird (praxisnah oft ≥ 7 %) [2]. Eine mediterrane oder überwiegend pflanzliche Ernährung lässt sich im Alltag gut umsetzen und wird in Übersichtsarbeiten häufig mit weniger Schmerzen und einer besseren Gelenkfunktion bei Arthrose in Verbindung gebracht [3, 4].

Langfristig (≥ 6-12 Monate) ist die Ernährungstherapie ein Risikofaktor- und Komorbiditätsmanagement: Gewicht stabilisieren, Muskelmasse erhalten, Stoffwechselgesundheit verbessern und die Basis für regelmäßige Bewegung/Training schaffen. Das wirkt nicht nur auf Arthrosebeschwerden, sondern auch auf das häufig erhöhte kardiometabolische Gesamtrisiko [1, 3, 4].

Die Ernährungstherapie ist bei Arthrose klar sinnvoll und medizinisch begründbar, besonders bei Übergewicht/Adipositas und metabolischer Belastung. Sie ist jedoch keine Knorpel-Heiltherapie und ersetzt weder Training/Physiotherapie noch orthopädische Maßnahmen bei fortgeschrittener Erkrankung. Supplemente (Omega-3-Fettsäuren, Nutraceuticals, Vitamin D) können im Einzelfall ergänzen [5-7].

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Literatur

  1. Moseng T, Vliet Vlieland TPM, Battista S et al.: EULAR recommendations for the non-pharmacological core management of hip and knee osteoarthritis: 2023 update. Ann Rheum Dis. 2024 May 15;83(6):730-740. doi: 10.1136/ard-2023-225041.
  2. Shahid A, Thirumaran AJ, Christensen R et al.: Comparison of weight loss interventions in overweight and obese adults with knee osteoarthritis: A systematic review and network meta-analysis of randomized trials. Osteoarthritis Cartilage. 2025 Apr;33(4):518-529. doi: 10.1016/j.joca.2024.08.012.
  3. Buck AN, Vincent HK, Newman CB et al.: Evidence-Based Dietary Practices to Improve Osteoarthritis Symptoms: An Umbrella Review. Nutrients. 2023 Jul 6;15(13):3050. doi: 10.3390/nu15133050.
  4. Stanfar K, Hawes C, Ghajar M, Byham-Gray L, Radler DR: Diet modification reduces pain and improves function in adults with osteoarthritis: a systematic review. J Hum Nutr Diet. 2024 Aug;37(4):847-884. doi: 10.1111/jhn.13317
  5. Deng W, Yi Z, Yin E et al: Effect of omega-3 polyunsaturated fatty acids supplementation for patients with osteoarthritis: a meta-analysis. J Orthop Surg Res. 2023 May 24;18(1):381. doi: 10.1186/s13018-023-03855-w.
  6. Mathieu S, Soubrier M, Peirs C et al.: A Meta-Analysis of the Impact of Nutritional Supplementation on Osteoarthritis Symptoms. Nutrients. 2022 Apr 12;14(8):1607. doi: 10.3390/nu14081607.
  7. Wang Z, Zhu Z, Pan F et al.: Long-term effects of vitamin D supplementation and maintaining sufficient vitamin D on knee osteoarthritis over 5 years. Arthritis Res Ther. 2023 Sep 23;25(1):178. doi: 10.1186/s13075-023-03167-8.
  8. Muthuri SG, Zhang W, Maciewicz RA, Muir K, Doherty M: Beer and wine consumption and risk of knee or hip osteoarthritis: a case control study. Arthritis Res Ther. 2015 Feb 5;17(1):23.
  9. Mathieu S, Soubrier M, Peirs C et al.: A Meta-Analysis of the Impact of Nutritional Supplementation on Osteoarthritis Symptoms. Nutrients. 2022 Apr 12;14(8):1607. doi: 10.3390/nu14081607.