FDH – Friss die Hälfte
Das FdH-Prinzip („Friss die Hälfte“) beschreibt eine einfache kalorische Reduktionsstrategie, bei der die übliche verzehrte Nahrungsmenge pauschal um etwa 50 % reduziert wird. Die Reduktion erfolgt unabhängig von Lebensmittelauswahl, Nährstoffzusammensetzung oder individueller Bedarfslage.
Es handelt sich um eine unspezifische Reduktionsdiät ohne ernährungsmedizinische Steuerung. Eine therapeutische, leitliniengestützte Diät liegt nicht vor. Das Konzept ist als populäres, nicht evidenzbasiertes Lifestyle-Modell einzuordnen.
Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen
Das FdH-Prinzip entstammt keiner definierten ernährungswissenschaftlichen oder medizinischen Schule. Es entwickelte sich aus vereinfachten Alltagsempfehlungen zur Gewichtsabnahme und basiert auf einem rein quantitativen Verständnis von Ernährung.
Medizinische oder physiologisch differenzierte Grundlagen fehlen. Zentrale Annahme ist, dass eine Halbierung der Nahrungsmenge zwangsläufig zu einer relevanten Reduktion der Energiezufuhr führt. Unterschiede in Energiedichte, Makronährstoffverteilung, Sättigungswirkung sowie adaptive Stoffwechselprozesse bleiben unberücksichtigt. Aktuelle Leitlinien betonen jedoch, dass Gewichtsregulation nicht allein über die Kalorienmenge erklärbar ist [1, 2].
Zielsetzung der Diät
Primäres Ziel ist eine kurzfristige Gewichtsreduktion durch unspezifische Kalorienrestriktion.
Eine klare Abgrenzung zwischen Lifestyle-Anwendung und therapeutischer Indikation ist erforderlich: Das FdH-Prinzip ist nicht als von den Leitlinien empfohlene Therapie bei Adipositas oder metabolischen Erkrankungen geeignet [2, 5].
Therapeutische Zielparameter wie BMI-Reduktion unter Erhalt der fettfreien Masse, Verbesserung von HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Blutdruck oder Lipidprofil werden nicht systematisch adressiert.
Sekundäre Ziele wie Symptomkontrolle, Verbesserung der Lebensqualität oder Medikamentenreduktion sind nicht Bestandteil des Konzepts; langfristige Zielsetzungen fehlen vollständig.
Grundprinzipien
Das zentrale Prinzip besteht in der pauschalen Reduktion der Nahrungsmenge um etwa 50 %. Die Umsetzung erfolgt entweder durch Halbierung jeder Mahlzeit oder durch ersatzloses Weglassen einer Mahlzeit pro Tag. Eine qualitative Anpassung der Lebensmittelauswahl, eine gezielte Makronährstoffsteuerung oder eine strukturierte Mahlzeitenplanung sind nicht vorgesehen.
Angestrebte Wirkmechanismen
Der erwartete Effekt beruht ausschließlich auf der negativen Energiebilanz. Durch die reduzierte Kalorienzufuhr soll eine Gewichtsabnahme erzielt werden.
Pathophysiologisch liegt ein vereinfachtes Energiebilanzmodell zugrunde. Adaptive Mechanismen wie Absenkung des Grundumsatzes, hormonelle Veränderungen (z. B. Leptin- und Ghrelinregulation), Veränderungen der Körperzusammensetzung sowie kompensatorisches Essverhalten werden nicht berücksichtigt.
Übersichtsarbeiten zeigen, dass eine rein quantitative Kalorienrestriktion häufig mit metabolischer Anpassung und ungünstigen Veränderungen der Körperzusammensetzung einhergeht [1].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Das FdH-Prinzip richtet sich unspezifisch an Personen mit dem Wunsch nach schneller Gewichtsreduktion.
Geeignete Zielgruppen
- Allenfalls gesunde Erwachsene ohne relevante Vorerkrankungen
- Personen mit bereits ausgewogener, nährstoffreicher Ausgangsernährung
Eingeschränkte Eignung
- Übergewichtige oder adipöse Personen mit qualitativer Fehlernährung
- Ältere Menschen mit erhöhtem Sarkopenierisiko (Risiko für einen Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft)
- Personen mit hoher körperlicher oder kognitiver Belastung
Medizinisch problematisch
- Bei chronischen Erkrankungen und Multimorbidität (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen)
- Bei Schwangeren, Stillenden, geriatrischen Patienten
Insgesamt ist die Anwendung nur sehr eingeschränkt vertretbar.
Durchführung und Ablauf der Diät
Eine strukturierte Vorbereitung ist nicht vorgesehen.
Alle Lebensmittel bleiben erlaubt, unabhängig von Energiedichte oder Nährstoffqualität.
Typische Anfangsprobleme sind ausgeprägtes Hungergefühl, reduzierte Leistungsfähigkeit und kompensatorisches Essverhalten zwischen den Mahlzeiten.
Eine definierte Dauer, Übergangsphase oder ein strukturiertes Beendigungskonzept fehlen. Die Diät wird häufig abrupt beendet, was das Risiko erneuter Gewichtszunahme erhöht.
Empfohlene Lebensmittel
Da das FdH-Prinzip keine qualitative Steuerung vorsieht, existieren keine formalen Empfehlungen.
- Alle Lebensmittelgruppen sind erlaubt
- Keine Differenzierung nach Nährstoffdichte oder Verarbeitungsgrad
- Keine Vorgaben zu Protein-, Fett- oder Ballaststoffzufuhr
Das Fehlen gezielter Empfehlungen erhöht das Risiko einer relativen Nährstoffunterversorgung.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Formale Ausschlüsse bestehen nicht.
- Keine explizit ausgeschlossenen Lebensmittel
- Hochverarbeitete, energiedichte Lebensmittel bleiben erlaubt
- Nährstoffarme Lebensmittel werden mengenmäßig gleich behandelt wie nährstoffreiche
Dies kann die Nährstoffdichte der Ernährung weiter verschlechtern.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Die Umsetzung ist organisatorisch einfach, im Alltag jedoch häufig belastend. Anhaltender Hunger, reduzierte Sättigung und eingeschränkte soziale Flexibilität limitieren die langfristige Alltagstauglichkeit.
Da keine nachhaltige Ernährungsumstellung erfolgt, ist die Rückfallquote hoch.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die ernährungsphysiologische Bewertung des FdH-Prinzips fällt deutlich kritisch aus. Durch die pauschale Halbierung der Nahrungsmenge werden Energie- und Nährstoffzufuhr gleichermaßen reduziert, ohne die individuelle Bedarfslage zu berücksichtigen.
Makronährstoffbezogen ist insbesondere die Proteinversorgung kritisch. Ohne gezielte Steuerung sinkt die absolute Proteinzufuhr häufig unter empfohlene Werte, was den Verlust fettfreier Masse begünstigt. Studien und Metaanalysen zeigen, dass hypokalorische Diäten ohne qualitative Ausrichtung mit einem relevanten Muskelmasseverlust assoziiert sind [1, 2]. Dies ist klinisch bedeutsam, da Muskelmasse maßgeblich den Grundumsatz, die körperliche Leistungsfähigkeit und die metabolische Gesundheit beeinflusst.
Mikronährstoffbezogen führt die mengenmäßige Reduktion zwangsläufig zu einer proportionalen Absenkung der Vitamin- und Mineralstoffzufuhr. Da keine Priorisierung nährstoffreicher Lebensmittel erfolgt, steigt insbesondere bei bereits unausgewogener Ernährung das Risiko für Defizite an B-Vitaminen, Eisen, Calcium, Magnesium und Spurenelementen.
Auch die Ballaststoffzufuhr nimmt in der Regel ab, was sich ungünstig auf Sättigung, Darmfunktion und metabolische Parameter auswirken kann.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Kurzfristig können ausgeprägtes Hungergefühl, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Leistungsabfall auftreten. Diese Effekte sind Ausdruck unzureichender Energie- und Nährstoffzufuhr sowie fehlender Sättigungssteuerung.
Mittelfristig besteht ein relevantes Risiko für den Verlust fettfreier Masse. Der Abbau von Muskelgewebe kann den Grundumsatz senken und die weitere Gewichtsreduktion erschweren. Langfristig ist insbesondere das Risiko für einen Jo-Jo-Effekt hervorzuheben. Wiederholte Phasen von Gewichtsabnahme und -zunahme sind mit ungünstigen metabolischen Effekten, Zunahme viszeralen Fetts und einer Verschlechterung kardiometabolischer Risikofaktoren assoziiert [3, 4].
Bei gesundheitlich empfindlichen Personengruppen können diese Effekte ausgeprägter sein und zu funktionellen Einschränkungen, erhöhter Sturzgefahr sowie einer Verschlechterung bestehender Erkrankungen führen. Leitlinien warnen daher ausdrücklich vor unstrukturierten Kalorienrestriktionen ohne medizinische Begleitung [2, 5].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Essstörungen (z. B. Anorexia nervosa/Magersucht, Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht) oder entsprechende Vorgeschichte
Relative Kontraindikationen (ärztliche Rücksprache empfohlen)
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Höheres Lebensalter
- Chronische Erkrankungen oder Multimorbidität
Vorteile
Kurzfristig lassen sich einzelne Vorteile benennen:
- Sehr einfache Regel ohne Vorwissen
- Kurzfristige Gewichtsreduktion möglich
- Keine Lebensmittelverbote
Diese Vorteile sind zeitlich begrenzt.
Nachteile
Dem stehen erhebliche Nachteile gegenüber:
- Keine Ernährungsumstellung oder Kompetenzvermittlung
- Erhöhtes Risiko für Mikronährstoffmängel
- Verlust fettfreier Masse möglich
- Hohes Abbruch- und Rückfallrisiko
- Keine langfristige Gewichtsstabilisierung
Die Nachteile überwiegen deutlich.
Wissenschaftliche Einordnung
Für das FdH-Prinzip existieren keine randomisierten kontrollierten Studien oder Leitlinienempfehlungen. Internationale Fachgesellschaften empfehlen stattdessen strukturierte, hypokalorische Ernährungskonzepte mit ausreichender Proteinzufuhr, hoher Nährstoffdichte und begleitender Verhaltensmodifikation [1, 2, 5].
Fazit
Das FdH-Prinzip kann kurzfristig zu Gewichtsverlust führen, ist jedoch weder leitlinienentsprechend noch langfristig sinnvoll. Aus medizinisch-ernährungswissenschaftlicher Sicht ist die alleinige Mengenreduktion ohne qualitative Steuerung unzureichend und potentiell risikobehaftet.
Für eine nachhaltige Gewichtsreduktion sind strukturierte, evidenzbasierte Ernährungskonzepte klar zu bevorzugen.
Literatur
- Hall KD, Guo J: Obesity energetics: body weight regulation and the effects of diet composition.Gastroenterology. 2017 May;152(7):1718-1727.e3. doi: 10.1053/j.gastro.2017.01.052.
- Jensen MD, Ryan DH, Apovian CM et al.: 2013 AHA/ACC/TOS guideline for the management of overweight and obesity in adults: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Task Force on Practice Guidelines and The Obesity Society. Circulation. 2014;129(25 Suppl 2):S102-S138. doi: 10.1161/01.cir.0000437739.71477.ee.
- Montani JP, Schutz Y, Dulloo AG. Weight cycling during growth and beyond as a risk factor for later cardiovascular diseases: the 'repeated overshoot' theory.Int J Obes (Lond). 2006 Dec:30 Suppl 4:S58-66. doi: 10.1038/sj.ijo.0803520.
- Dulloo AG, Montani JP: Pathways from dieting to weight regain, to obesity and to the metabolic syndrome: an overview. Obes Rev. 2021;22(S2):e13103. doi: 10.1111/obr.13103.
- Yumuk V, Tsigos C, Fried M et al.: European guidelines for obesity management in adults. Obes Facts. 2015;8(6):402-424. doi: 10.1159/000442721.