Willebrand-Jürgens-Syndrom – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch das Willebrand-Jürgens-Syndrom (erblich bedingte Blutgerinnungsstörung) mitbedingt sein können:

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) infolge chronischer oder rezidivierender Blutverluste – insbesondere bei starker Menstruationsblutung sowie gastrointestinalen Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt); sie kann mit eingeschränkter körperlicher und kognitiver Leistungsfähigkeit sowie verminderter Lebensqualität einhergehen [3, LL1, LL2].
  • Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) – insbesondere beim Willebrand-Jürgens-Syndrom Typ 2B infolge der gesteigerten Affinität des veränderten von-Willebrand-Faktors zum Glykoprotein-Ibα-Rezeptor der Thrombozyten mit vermehrter Elimination von Thrombozyten und hochmolekularen von-Willebrand-Faktor-Multimeren; die Thrombozytopenie kann sich insbesondere während der Schwangerschaft verstärken [1, LL3].

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Eisenmangel (Mangel an Eisen im Körper) ohne manifeste Anämie (Blutarmut) – infolge chronischer Blutverluste, insbesondere bei starker Menstruationsblutung und rezidivierenden gastrointestinalen Blutungen; Eisenmangel ist bei Frauen mit Willebrand-Jürgens-Syndrom häufig und kann bereits ohne manifeste Anämie mit klinisch relevanter Morbidität einhergehen [3, LL1, LL2].

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Intrakranielle Blutungen (Blutungen innerhalb des Schädels) – seltene, jedoch potenziell lebensbedrohliche schwere Blutungskomplikation, insbesondere bei schwerem Willebrand-Jürgens-Syndrom Typ 3 [LL2].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Gastrointestinale Angiodysplasien (Gefäßfehlbildungen im Magen-Darm-Trakt) mit rezidivierenden gastrointestinalen Blutungen – insbesondere bei schweren Erkrankungsformen und Subtypen mit Verlust hochmolekularer von-Willebrand-Faktor-Multimere; die gestörte Regulation der Angiogenese (Neubildung von Blutgefäßen) bei von-Willebrand-Faktor-Mangel bzw. -Dysfunktion begünstigt die Entstehung gastrointestinaler Gefäßmalformationen (Fehlbildungen von Blutgefäßen). Blutungen aus Angiodysplasien weisen eine ausgeprägte Rezidivneigung auf und sind mit erheblicher Morbidität verbunden [2, LL2].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Hämorrhagische Arthropathie (blutungsbedingte Gelenkerkrankung) – infolge rezidivierender Hämarthrosen (Gelenkblutungen), vor allem bei schwerem Willebrand-Jürgens-Syndrom und insbesondere bei Typ 3 mit stark verminderter Faktor-VIII-Aktivität; mögliche Folgen sind chronische Gelenkschmerzen, strukturelle Gelenkschäden, Bewegungseinschränkungen und funktionelle Beeinträchtigungen [5, LL2].

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Postpartale Hämorrhagie (starke Blutung nach der Geburt) – sowohl primäre als auch sekundäre postpartale Blutungen treten beim Willebrand-Jürgens-Syndrom häufiger auf. Das Risiko wird insbesondere durch den individuellen Blutungsphänotyp, den Subtyp, die von-Willebrand-Faktor- und Faktor-VIII-Aktivität sowie deren raschen Abfall nach der Geburt bestimmt; bei Typ 2B bestehen aufgrund der zusätzlichen Thrombozytopenie besondere hämostaseologische Anforderungen [4, 6, LL1, LL3].

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Hypermenorrhoe (zu starke Menstruationsblutung) – starke und/oder verlängerte Menstruationsblutungen gehören zu den klinisch bedeutsamsten Blutungskomplikationen bei Frauen mit Willebrand-Jürgens-Syndrom und können zu chronischem Eisenmangel, Eisenmangelanämie, eingeschränkter Leistungsfähigkeit und verminderter Lebensqualität führen [3, 4, LL1, LL2].

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Postoperative und postinterventionelle Hämorrhagien (Blutungen nach Operationen oder medizinischen Eingriffen) – erhöhtes Risiko für relevante Blutungen bzw. Nachblutungen nach operativen Eingriffen und invasiven Maßnahmen; das individuelle Risiko wird wesentlich vom Blutungsphänotyp, vom Subtyp, von der Art des Eingriffs und von der periinterventionellen hämostatischen Prophylaxe (Vorbeugungsbehandlung zur Blutstillung) bestimmt [7, LL1, LL2].

Prognosefaktoren

  • Subtyp und Schweregrad des Willebrand-Jürgens-Syndroms – Typ 3 ist mit dem schwersten Blutungsphänotyp und einem erhöhten Risiko für Hämarthrosen, hämorrhagische Arthropathie und selten auch intrakranielle Blutungen verbunden. Subtypen mit Verlust hochmolekularer von-Willebrand-Faktor-Multimere weisen ein erhöhtes Risiko für gastrointestinale Angiodysplasien und entsprechende Blutungen auf; Typ 2B kann zusätzlich mit einer klinisch relevanten Thrombozytopenie einhergehen [1, 2, 5, LL2, LL3].
  • von-Willebrand-Faktor- und Faktor-VIII-Aktivität – ausgeprägt erniedrigte Aktivitäten sind mit einem schwereren Blutungsphänotyp assoziiert; eine stark verminderte Faktor-VIII-Aktivität begünstigt insbesondere Hämarthrosen und deren langfristige Gelenkfolgen. Die Laborwerte allein erlauben jedoch keine vollständige Vorhersage des individuellen Blutungsrisikos [1, 5, LL1].
  • Individueller Blutungsphänotyp und vorausgegangene hämostatische Belastungen – vorausgegangene ausgeprägte Blutungen bei Operationen, invasiven Eingriffen, Menstruation, Trauma oder Geburt sind wichtige Parameter für die Abschätzung des zukünftigen Blutungsrisikos und müssen in die individuelle Risikostratifizierung einbezogen werden [1, 7, LL1].
  • Blutungsort und Rezidivmuster – rezidivierende gastrointestinale Blutungen aus Angiodysplasien, wiederholte Hämarthrosen, intrakranielle Blutungen sowie persistierende starke Menstruationsblutungen kennzeichnen einen prognostisch ungünstigeren Blutungsphänotyp und können eine Langzeitprophylaxe (langfristige vorbeugende Behandlung) erforderlich machen [2, 3, 5, 8, LL2].
  • Schwangerschaft und postpartale Phase – trotz des physiologischen Anstiegs des von-Willebrand-Faktors und von Faktor VIII während der Schwangerschaft besteht insbesondere nach der Geburt durch den raschen Abfall der Faktoren ein relevantes Nachblutungsrisiko. Typ 2B erfordert wegen einer möglichen Zunahme der Thrombozytopenie eine besonders sorgfältige hämostaseologische Überwachung [4, 6, LL1, LL3].
  • Sekundärprophylaxe bei schwerem rezidivierendem Blutungsphänotyp (vorbeugende Langzeitbehandlung nach bereits aufgetretenen schweren Blutungen) – eine langfristige Prophylaxe mit von-Willebrand-Faktor-Konzentrat kann bei ausgewählten Patienten mit häufigen schweren Blutungen die Blutungsrate und Hospitalisierungen reduzieren; die Sicherheit der Evidenz variiert je nach Endpunkt [8, LL1, LL2].

Literatur

  1. McGrath M, Weyand AC: Past, Present, and Future of von Willebrand Disease. Adv Ther. 2026;43(6):2458-2473. doi: 10.1007/s12325-026-03557-9.
  2. Ocran E, Chornenki NLJ, Bowman M et al.: Gastrointestinal bleeding in von Willebrand patients: special diagnostic and management considerations. Expert Rev Hematol. 2023;16(8):575-584. doi: 10.1080/17474086.2023.2221846.
  3. Myrin-Westesson L, Elfvinge P, Zetterberg E et al.: Prevalence of heavy menstrual bleeding, iron deficiency, iron deficiency anemia, and treatment in women with von Willebrand disease-a cohort study. Res Pract Thromb Haemost. 2025;9(4):102949. doi: 10.1016/j.rpth.2025.102949.
  4. Brignardello-Petersen R, El Alayli A, Husainat N et al.: Gynecologic and obstetric management of women with von Willebrand disease: summary of 3 systematic reviews of the literature. Blood Adv. 2022;6(1):228-237. doi: 10.1182/bloodadvances.2021005589.
  5. van Galen KPM, de Kleijn P, Foppen W et al.: Long-term impact of joint bleeds in von Willebrand disease: a nested case-control study. Haematologica. 2017;102(9):1486-1493. doi: 10.3324/haematol.2017.168617.
  6. Punt MC, Waning ML, Mauser-Bunschoten EP et al.: Maternal and neonatal bleeding complications in relation to peripartum management in women with Von Willebrand disease: A systematic review. Blood Rev. 2020;39:100633. doi: 10.1016/j.blre.2019.100633.
  7. Brignardello-Petersen R, El Alayli A, Husainat N et al.: Surgical management of patients with von Willebrand disease: summary of 2 systematic reviews of the literature. Blood Adv. 2022;6(1):121-128. doi: 10.1182/bloodadvances.2021005666.
  8. El Alayli A, Brignardello-Petersen R, Husainat N et al.: Outcomes of long-term von Willebrand factor prophylaxis use in von Willebrand disease: A systematic literature review. Haemophilia. 2022;28(3):373-387. doi: 10.1111/hae.14550.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Connell NT, Flood VH, Brignardello-Petersen R et al.: ASH ISTH NHF WFH 2021 guidelines on the management of von Willebrand disease. Blood Adv. 2021;5(1):301-325. doi: 10.1182/bloodadvances.2020003264. [LL1]
  2. Nordic Hemophilia Council: Nordic guidelines for diagnosis and management of von Willebrand disease (VWD). Web version updated April 2024. Webversion. [LL2]
  3. Miljic P, Noureldin A, Sanchez-Luceros A et al.: Management of women with type 2B von Willebrand disease during pregnancy and postpartum: guidance from ISTH SSC subcommittees on von Willebrand factor and women's health issues in thrombosis and hemostasis. J Thromb Haemost. 2026 Jun 4:S1538-7836(26)00356-9. Online ahead of print. doi: 10.1016/j.jtha.2026.05.032. [LL3]