Hervortreten der Augen (Exophthalmus) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Erhalt des Sehvermögens und Vermeidung einer irreversiblen Schädigung von Sehnerv und Hornhaut.
  • Verminderung der orbitalen Entzündung (Entzündung in der Augenhöhle) sowie Verbesserung von Exophthalmus (Hervortreten des Augapfels), Diplopie (Doppeltsehen), Augenoberflächenbeschwerden und krankheitsbezogener Lebensqualität.
  • Herstellung und Erhaltung einer stabilen Euthyreose (normalen Schilddrüsenfunktion) bei begleitender Schilddrüsenerkrankung [LL1, LL2].

Therapieempfehlungen

Die nachfolgenden Empfehlungen betreffen den Exophthalmus bei endokriner Orbitopathie (immunbedingter Erkrankung der Augenhöhle im Zusammenhang mit einer Schilddrüsenerkrankung). Ein Exophthalmus anderer oder ungeklärter Ursache begründet keine allgemeine Indikation zur Behandlung mit Glucocorticoiden oder anderen Immunsuppressiva. Die Behandlung der endokrinen Orbitopathie erfolgt interdisziplinär zwischen Augenheilkunde und Endokrinologie; bei moderater bis schwerer oder sichtbedrohender Erkrankung in einem entsprechend erfahrenen Zentrum [LL1, LL2].

Grundlagen der medikamentösen Behandlung

  • Eine stabile Euthyreose anstreben und sowohl Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) als auch Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) vermeiden. Die Behandlung eines Morbus Basedow (Autoimmunerkrankung mit meist überaktiver Schilddrüse) erfolgt entsprechend dem gleichnamigen Kapitel [LL1].
  • Tränenersatzmittel und bei Bedarf Augengele oder Augensalben zur Behandlung der Augenoberfläche einsetzen; diese symptomatische Behandlung kann in sämtlichen Krankheitsstadien erforderlich sein [LL1, LL2].
  • Eine systemische immunmodulierende Behandlung nach Aktivität, Schweregrad, führenden Beschwerden, Krankheitsverlauf und individuellen Risiken auswählen. Die Wiederherstellung einer Euthyreose allein ersetzt eine bei aktiver Orbitopathie erforderliche spezifische Behandlung nicht [LL1, LL2].

Aktivität und Schweregrad

Ein Clinical Activity Score (CAS) ≥ 3 von 7 Punkten spricht für eine aktive Erkrankung. Der CAS ist jedoch gemeinsam mit Verlauf, funktionellen Einschränkungen und gegebenenfalls bildgebenden Befunden zu beurteilen. Eine dysthyreote Optikusneuropathie (Sehnervenschädigung infolge der schilddrüsenbedingten Erkrankung der Augenhöhle) kann auch bei gering ausgeprägten äußerlichen Entzündungszeichen vorliegen [LL1, LL2].

  • Milde Erkrankung: geringe Weichteilbeteiligung, geringe Lidretraktion (Zurückweichen des Augenlids) und geringer Exophthalmus; keine oder nur intermittierende Diplopie; Augenoberflächenbeschwerden sind durch lokale Maßnahmen ausreichend kontrollierbar [LL1].
  • Moderate bis schwere Erkrankung: keine unmittelbare Sehgefährdung, jedoch eine alltagsrelevante Beeinträchtigung durch Weichteilveränderungen, Lidretraktion, Exophthalmus oder inkonstante bzw. konstante Diplopie, die eine systemische Behandlung rechtfertigen kann [LL1].
  • Sichtbedrohende Erkrankung: dysthyreote Optikusneuropathie und/oder schwere Hornhautschädigung; unverzügliche spezialisierte Behandlung erforderlich [LL1, LL2].

Milde aktive Erkrankung

Im Regelfall genügt eine lokale symptomatische Behandlung; eine systemische Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr) ist normalerweise nicht erforderlich. Bei erheblicher Beeinträchtigung der Lebensqualität ist die Behandlungsentscheidung im spezialisierten Zentrum individuell zu überprüfen [LL1, LL2].

Für eine sechsmonatige Selen-Supplementation bei kürzlich aufgetretener milder aktiver Orbitopathie besteht Studien- und Leitlinienunterstützung, insbesondere bei unzureichender Selenversorgung. Die zugrunde liegende randomisierte Studie wurde in europäischen Regionen mit marginaler Selenversorgung durchgeführt; ein entsprechender Nutzen bei bereits ausreichender Versorgung ist nicht gleichermaßen gesichert [3, LL1, LL2].

Aktive moderate bis schwere Erkrankung

Die Leitlinie der European Group on Graves’ Orbitopathy (EUGOGO) empfiehlt intravenöses Methylprednisolon in Kombination mit Mycophenolat als Erstlinientherapie. Das Standardschema umfasst insgesamt 4,5 g Methylprednisolon über zwölf Wochen und Mycophenolat-Natrium über 24 Wochen. Bei stärker ausgeprägter Erkrankung innerhalb dieser Schweregradgruppe ist ein Methylprednisolon-Zyklus mit insgesamt 7,5 g als Monotherapie eine weitere leitliniengestützte Erstlinienoption [LL1].

Die Evidenz zur Kombination ist differenziert zu bewerten: In der MINGO-Studie unterschieden sich das vorab festgelegte Ansprechen nach zwölf Wochen und die Rezidivendpunkte nicht signifikant zwischen den Gruppen. Post-hoc-Auswertungen zeigten Vorteile der Kombination beim späteren bzw. anhaltenden Ansprechen. Die Studie allein belegt daher keine Überlegenheit für ihre vorab festgelegten primären Endpunkte [6].

Teprotumumab ist seit dem 19. Juni 2025 in der EU für Erwachsene mit moderater bis schwerer endokriner Orbitopathie zugelassen. Die zugelassene Indikation enthält keine CAS-Mindestgrenze und keine Beschränkung auf eine bestimmte Krankheitsdauer [FI1].

Das Konsensuspapier der American Thyroid Association (ATA) und der European Thyroid Association (ETA) bezeichnet Teprotumumab bei aktiver moderater bis schwerer Erkrankung mit relevanter Proptosis (Hervortreten des Augapfels) und/oder Diplopie als bevorzugte Option, sofern verfügbar. Bei vorherrschender entzündlicher Aktivität ohne relevante Proptosis oder Diplopie werden intravenöse Glucocorticoide bevorzugt eingesetzt [LL2]. Die ältere EUGOGO-Leitlinie von 2021 entstand vor der EU-Zulassung und führte Teprotumumab unter den Zweitlinienoptionen auf [LL1].

Die Wirksamkeit von Teprotumumab gegenüber Placebo bei aktiver Erkrankung wurde in randomisierten Studien gezeigt [1, 2]. In der Phase-III-Studie erreichten nach 24 Wochen 83 % unter Teprotumumab gegenüber 10 % unter Placebo eine Abnahme der Proptosis um mindestens 2 mm [2]. Diese placebokontrollierten Ergebnisse belegen keine direkte Überlegenheit gegenüber Methylprednisolon plus Mycophenolat.

Krankheitsdauer und geringe Aktivität

Eine Metaanalyse berichtete Unterschiede des Behandlungserfolgs zwischen einer innerhalb der ersten sechs Monate begonnenen Behandlung und später behandelten Krankheitsphasen; die Ergebnisse sprechen für die Bedeutung der Krankheitsdauer bei der Therapieauswahl [5]. Eine für sämtliche Patienten und Endpunkte einheitliche prozentuale Wirksamkeitsabnahme lässt sich daraus nicht als individuelle Vorhersage ableiten.

Eine gesonderte randomisierte Studie bei länger bestehender Erkrankung mit geringer Aktivität zeigte unter Teprotumumab eine stärkere Abnahme der Proptosis als unter Placebo [8]. Eine geringe Aktivität schließt einen medikamentösen Nutzen auf die Proptosis somit nicht grundsätzlich aus; Indikation und Risiken sind individuell abzuwägen. Eine routinemäßige Glucocorticoidtherapie zur Behandlung ausschließlich verbliebener inaktiver struktureller Veränderungen ist dagegen nicht vorgesehen [8, LL2].

Unzureichendes Ansprechen und Zweitlinie

Bei unzureichendem Ansprechen auf intravenöses Methylprednisolon nach etwa sechs Wochen soll die Behandlungsstrategie neu beurteilt werden. Dabei insbesondere an eine fortbestehende Aktivität, eine inzwischen überwiegend inaktive Erkrankung oder eine neu aufgetretene Sehgefährdung denken [LL2].

Je nach Vorbehandlung und führendem Befund kommen ein weiterer sorgfältig begrenzter intravenöser Methylprednisolon-Zyklus, Teprotumumab oder ausgewählte Anwendungen von Rituximab bzw. Tocilizumab als Off-Label-Use infrage. Weitere von EUGOGO genannte medikamentöse Alternativen sind orale Glucocorticoide in Kombination mit Ciclosporin oder Azathioprin. Diese Optionen sind individuell abzuwägen und keine routinemäßig gleichrangige Erstlinientherapie [LL1, LL2].

Sichtbedrohende Erkrankung

Bei dysthyreoter Optikusneuropathie ist eine sofortige hochdosierte intravenöse Methylprednisolontherapie erforderlich. Bei ausbleibender oder unzureichender Besserung innerhalb von 1-2 Wochen ist eine dringende orbitale Dekompression (operative Druckentlastung der Augenhöhle) zu veranlassen; bei Verschlechterung darf diese Frist nicht abgewartet werden. Eine schwere Hornhautschädigung erfordert ebenfalls unverzügliche augenärztliche Behandlung. Teprotumumab ersetzt diesen etablierten Notfallalgorithmus nicht [LL1, LL2].

Radiojodtherapie (Behandlung mit radioaktivem Jod) und Glucocorticoidprophylaxe

Die Radiojodtherapie behandelt die Schilddrüsenerkrankung und kann eine Orbitopathie auslösen oder verschlechtern. Bei aktiver moderater bis schwerer oder sichtbedrohender Orbitopathie wird die Hyperthyreose nach EUGOGO bevorzugt mit Thyreostatika behandelt; eine Radiojodtherapie soll in dieser Situation vermieden werden [LL1].

Wird bei milder Orbitopathie oder entsprechendem Risikoprofil eine Radiojodtherapie gewählt, ist eine risikoadaptierte Glucocorticoidprophylaxe zu prüfen. Relevante Risikofaktoren sind insbesondere Rauchen, hohe TSH-Rezeptor-Antikörper sowie eine schwere oder instabile Hyperthyreose. Die Prophylaxe erfolgt im zeitlichen Zusammenhang mit der Radiojodtherapie, nicht erst nach einer Verschlechterung. Bei lange bestehender, stabil inaktiver Orbitopathie ohne relevante Risikofaktoren kann sie entfallen. Eine unkontrollierte Hypothyreose nach Radiojodtherapie ist zu vermeiden [LL1].

Abgrenzung zur orbitalen Strahlentherapie (Bestrahlung der Augenhöhlen)

Die externe Bestrahlung der Augenhöhlen ist von der Radiojodtherapie der Schilddrüse zu unterscheiden. Sie kann bei ausgewählten Patienten mit aktiver Orbitopathie, insbesondere bei Motilitätsstörung (Störung der Augenbeweglichkeit) und Diplopie, in Kombination mit Glucocorticoiden eingesetzt werden. Die pauschale Aussage, bei aktiver moderater bis schwerer Orbitopathie sei jede Strahlentherapie zu vermeiden, ist daher falsch. Indikation und Durchführung der orbitalen Bestrahlung gehören in das gesonderte Kapitel Strahlentherapie [LL1, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Tränenersatzmittel

Wirkstoff Besonderheiten
Hyaluronsäure, Hypromellose, Carbomer; befeuchtende Augensalben Bei häufiger Anwendung konservierungsmittelfreie Präparate bevorzugen. Auswahl nach Augenoberflächenbefund; keine Behandlung der orbitalen Entzündung [LL1, LL2].
  • Wirkweise: Befeuchtung und Schutz der Augenoberfläche durch Stabilisierung bzw. Ergänzung des Tränenfilms [LL1, LL2].
  • Indikationen: Trockenheitsgefühl, Fremdkörpergefühl und leichte Expositionskeratopathie (Hornhautschädigung durch Austrocknung der unzureichend geschützten Augenoberfläche) im Rahmen der Orbitopathie [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile; die jeweilige Produktinformation beachten.
  • Nebenwirkungen: Vorübergehendes Verschwommensehen, Brennen oder lokale Unverträglichkeit; präparatabhängig.

Systemische Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Methylprednisolon intravenös bei aktiver moderater bis schwerer Orbitopathie Reguläre wöchentliche Einzeldosis höchstens 750 mg; kumulativ nicht mehr als 8 g je Zyklus. Wiederholungszyklen nur nach erneuter ophthalmologischer und internistischer Sicherheitsbewertung [LL1].
Methylprednisolon intravenös bei dysthyreoter Optikusneuropathie Gesondertes Notfallregime; engmaschige Kontrolle der Sehfunktion. Bei unzureichendem Ansprechen dringende operative Eskalation [LL1].
Prednison/Prednisolon oral zur Radiojodprophylaxe Risikoadaptierte Prophylaxe im zeitlichen Zusammenhang mit der Radiojodtherapie. Keine generelle Indikation bei jeder Radiojodbehandlung [LL1].
  • Wirkweise: Entzündungshemmung und Immunsuppression; Wirkung vor allem auf entzündliche Aktivität und Weichteilbefunde, deutlich begrenztere Wirkung auf eine ausgeprägte Proptosis [LL2].
  • Indikationen: Aktive moderate bis schwere Orbitopathie; hoch dosiert bei dysthyreoter Optikusneuropathie; risikoadaptierte Radiojodprophylaxe [LL1].
  • Kontraindikationen: Vor einer planbaren intravenösen Pulstherapie (kurzzeitigen hoch dosierten Behandlung) insbesondere frische virale Hepatitis (virusbedingte Leberentzündung), erhebliche Leberfunktionsstörung, schwere kardiovaskuläre Erkrankung und unkontrollierte Hypertonie (Bluthochdruck) ausschließen. Ein Diabetes (Zuckerkrankheit) muss ausreichend kontrolliert sein; relevante Infektionen sind vor einer planbaren Behandlung abzuklären [LL1, LL2].
  • Nebenwirkungen: Hyperglykämie (Überzuckerung), Blutdruckanstieg, Infektionen, psychiatrische Störungen, Osteoporose (Knochenschwund) sowie selten schwere hepatische oder kardiovaskuläre Ereignisse. Vor und während der Behandlung insbesondere Leberwerte, Blutdruck, Glucose und kardiovaskuläre Risiken kontrollieren; Knochenprotektion risikoadaptiert planen [LL1, LL2].

Antimetaboliten: Mycophenolat

Wirkstoff Besonderheiten
Mycophenolat-Natrium bzw. Mycophenolatmofetil Keine Austauschbarkeit Milligramm für Milligramm. Bei Orbitopathie Off-Label-Use; nach EUGOGO Kombination mit intravenösem Methylprednisolon [6, LL1].
  • Wirkweise: Hemmung der Inosinmonophosphat-Dehydrogenase und dadurch der Vermehrung von Lymphozyten [FI2].
  • Indikationen: Aktive moderate bis schwere Orbitopathie in Kombination mit intravenösem Methylprednisolon entsprechend der EUGOGO-Empfehlung [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, Schwangerschaft und Stillzeit; Anwendungsvoraussetzungen zur Schwangerschaftsverhütung beachten. Schwangerschaft vor Beginn durch die empfohlenen Tests ausschließen. Frauen benötigen zuverlässige Kontrazeption (Schwangerschaftsverhütung) vor Beginn, während und für sechs Wochen nach der Behandlung; Männer oder ihre Partnerin während und für mindestens 90 Tage nach Behandlungsende [FI2].
  • Nebenwirkungen: Infektionen, Leukopenie (Mangel an weißen Blutzellen) und andere Zytopenien (Verminderungen von Blutzellen), gastrointestinale Beschwerden; ausgeprägtes Risiko für Fehlgeburten und Fehlbildungen bei mütterlicher Exposition. Blutbild sowie Leber- und Nierenfunktion überwachen [FI2].

IGF-1-Rezeptor-Antikörper: Teprotumumab

Wirkstoff Besonderheiten
Teprotumumab Erste zwei Infusionen über mindestens 90 Minuten; danach bei guter Verträglichkeit über mindestens 60 Minuten. Überwachung während der Infusion und für 90 Minuten danach. Bei fehlendem Ansprechen auf dieses Schema keine zusätzlichen Dosen verabreichen [FI1].
  • Wirkweise: Bindung an den Insulin-like Growth Factor-1-Rezeptor und Hemmung seiner Aktivierung bzw. Signalübertragung [FI1].
  • Indikationen: EU-zugelassen bei Erwachsenen mit moderater bis schwerer endokriner Orbitopathie. Die Präferenz bei relevanter Proptosis und/oder Diplopie ergibt sich aus dem ATA/ETA-Konsensuspapier; sie ist von der weiter gefassten zugelassenen Indikation zu unterscheiden [LL2, FI1].
  • Kontraindikationen: Schwangerschaft und Überempfindlichkeit. Wirksame Kontrazeption vor Beginn, während und für mindestens sechs Monate nach der letzten Gabe; während der Stillzeit nicht anwenden. Keine entsprechende zugelassene Indikation bei Kindern und Jugendlichen [FI1].
  • Nebenwirkungen: Hörstörungen einschließlich möglicherweise bleibenden Hörverlusts, Hyperglykämie, Muskelkrämpfe, Diarrhoe (Durchfall), Haarausfall und Infusionsreaktionen (Unverträglichkeitsreaktionen während oder nach einer Infusion); eine vorbestehende chronisch-entzündliche Darmerkrankung kann sich verschlechtern [FI1].

Sicherheitskontrollen unter Teprotumumab

  • Audiometrie (Hörprüfung) vor der ersten Infusion, während der Behandlung ungefähr zur dritten oder vierten Infusion und nach Abschluss. Bei subjektiver Hörveränderung zusätzliche Untersuchung. Nach Behandlungsende sollen sämtliche Patienten sechs Monate auf Hörveränderungen überwacht werden; bei Auffälligkeiten gegebenenfalls länger. Bei interventionsbedürftigem, die Selbstversorgung einschränkendem oder hochgradigem Hörverlust ein Absetzen nachdrücklich erwägen [FI1].
  • Vor Infusionen auf erhöhte Glucosewerte und Symptome einer Hyperglykämie prüfen; während der Behandlung überwachen. Vorbestehenden Diabetes bzw. eine Hyperglykämie ausreichend kontrollieren. Die Fachinformation empfiehlt eine Blutzuckerüberwachung bis sechs Monate nach Abschluss [FI1].
  • Bei vorbestehender chronisch-entzündlicher Darmerkrankung auf einen Schub achten; bei Verdacht auf eine Verschlechterung ein Absetzen erwägen [FI1].

Einordnung der publizierten Hördaten

  • Der Kongressabstract von Kossler und Mitarbeitern berichtete Hörbeschwerden bei 13 von 28 Behandelten, entsprechend 46 %. Diese Angabe betrifft berichtete Beschwerden und keine allgemeine Rate objektiv bestätigter oder permanenter Hörverluste [4].
  • Die prospektive Fallserie von Sears und Mitarbeitern berichtete neu aufgetretene subjektive otologische Symptome bei 22 von 27 Behandelten, entsprechend 81,5 %. Bei durchschnittlich 39,2 Wochen Nachbeobachtung nach der letzten Infusion hatten sich die Beschwerden bei 5 von 11 Patienten mit subjektiver Hörminderung bzw. vermindertem Sprachverständnis zurückgebildet. Diese Untergruppenangabe ist nicht auf sämtliche Patienten mit otologischen Symptomen zu übertragen [7].
  • Die aktuelle EU-Fachinformation nennt mit Hörstörungen assoziierte Ereignisse bei 13,8 % der in den klinischen Studien mit Teprotumumab Behandelten. Diese zusammengefasste Ereigniskategorie umfasst unterschiedliche Beschwerden und Diagnosen [FI1].
  • Die unterschiedlichen Erhebungen und Definitionen erlauben keinen unmittelbaren Vergleich dieser Prozentwerte. Insbesondere ist keine der genannten Zahlen mit der Häufigkeit permanenter Taubheit gleichzusetzen [4, 7, FI1].

CD20-Antikörper: ausgewählte Zweitlinie

Wirkstoff Besonderheiten
Rituximab Off-Label-Use bei ausgewählten Patienten mit aktiver, eher kürzlich aufgetretener und glucocorticoidresistenter Erkrankung. Optikusneuropathie vor Anwendung ausschließen. Randomisierte Studien ergaben teilweise widersprüchliche Ergebnisse [LL1, LL2].
  • Wirkweise: Bindung an CD20 und Verminderung der entsprechenden B-Zell-Population [FI3].
  • Indikationen: Ausgewählte aktive moderate bis schwere Orbitopathie nach unzureichendem Ansprechen auf Glucocorticoide; spezialisierte Zweitlinienbehandlung [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Insbesondere Überempfindlichkeit, schwere aktive Infektionen und ausgeprägte Immunschwäche; weitere präparatespezifische Ausschlüsse beachten. Vor Beginn Hepatitis-B-Screening, bei positiver Serologie fachärztliche Mitbeurteilung und gegebenenfalls Prophylaxe einer Reaktivierung [FI3].
  • Nebenwirkungen: Infusionsreaktionen, schwere Infektionen, Hepatitis-B-Reaktivierung (Wiederaufflammen einer Hepatitis-B-Infektion), Hypogammaglobulinämie (Mangel an bestimmten Antikörpern) und verzögert auftretende Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutzellen). Prämedikation und Überwachung entsprechend der Fachinformation; Blutbild und Infektionszeichen kontrollieren [FI3].

Interleukin-6-Rezeptor-Antikörper: ausgewählte Zweitlinie

Wirkstoff Besonderheiten
Tocilizumab Off-Label-Use bei glucocorticoidresistenter aktiver Orbitopathie. Das viermalige Behandlungsschema stammt aus den Orbitopathie-Studien; die Fachinformation begründet keine Zulassung für diese Erkrankung [LL2, FI4].
  • Wirkweise: Blockade des Interleukin-6-Rezeptors [FI4].
  • Indikationen: Ausgewählte aktive moderate bis schwere Orbitopathie mit unzureichendem Ansprechen auf Glucocorticoide, insbesondere zur Verminderung der Entzündungsaktivität [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und aktive schwere Infektionen. Vor Beginn insbesondere Tuberkulose (bakterielle Infektionskrankheit, meist der Lunge) abklären; relevante Zytopenien und Leberfunktionsstörungen sowie weitere Warnhinweise der Fachinformation berücksichtigen [FI4].
  • Nebenwirkungen: Infektionen, Neutropenie, Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), erhöhte Transaminasen und Lipidwerte, selten gastrointestinale Perforationen (Durchbrüche der Magen- oder Darmwand). Blutbild, Leberwerte und Lipidwerte überwachen; bei Divertikulitis (Entzündung von Ausstülpungen der Darmwand) bzw. entsprechender Vorgeschichte besondere Vorsicht [FI4].

Red Flags (Warnzeichen) bei Exophthalmus

  • Neue Visusminderung (Abnahme der Sehschärfe), Farbentsättigung (blasseres Farbsehen), Gesichtsfeldausfälle (Lücken im Sichtfeld) oder relativer afferenter Pupillendefekt (auffällige Seitendifferenz der Pupillenreaktion auf Licht): Verdacht auf Optikusneuropathie; sofortige augenärztliche Notfallbeurteilung [LL2].
  • Unvollständiger Lidschluss mit Hornhautdefekt, Ulzeration (Geschwürbildung) oder starken Schmerzen: mögliche schwere Hornhautschädigung; unverzügliche augenärztliche Behandlung [LL1, LL2].
  • Neue Hörminderung unter Teprotumumab: umgehende audiologische Abklärung und erneute Nutzen-Risiko-Bewertung der Behandlung [FI1].
  • Schwere Hyperglykämie, ausgeprägte Infusionsreaktion oder Verdacht auf einen entzündlichen Darmschub unter Teprotumumab: unverzügliche ärztliche Beurteilung [FI1].

Supplemente

  • Selen-Supplementation (2 x 100 μg, täglich) – verbessert signifikant den Clinical Activity Score (CAS) und den Graves Ophthalmopathy Quality of Life (GO-QoL)-Score [3]

Abkürzungsverzeichnis

  • ATA – American Thyroid Association; amerikanische Schilddrüsenfachgesellschaft.
  • CAS – Clinical Activity Score; Punktwert zur Beurteilung der Entzündungsaktivität.
  • CD20 – Cluster of Differentiation 20; Oberflächenmerkmal bestimmter B-Lymphozyten.
  • ETA – European Thyroid Association; europäische Schilddrüsenfachgesellschaft.
  • EUGOGO – European Group on Graves’ Orbitopathy; europäische Fachgruppe zur endokrinen Orbitopathie.
  • GO-QoL – Graves Ophthalmopathy Quality of Life; krankheitsspezifischer Fragebogen zur Lebensqualität.
  • IGF-1 – Insulin-like Growth Factor 1; insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1.
  • MINGO – Kurzbezeichnung der Studie zum Vergleich von Mycophenolat plus Methylprednisolon mit Methylprednisolon allein bei aktiver moderater bis schwerer endokriner Orbitopathie.
  • TSH – Thyreoidea-stimulierendes Hormon.

Literatur

  1. Smith TJ, Kahaly GJ, Ezra DG et al.: Teprotumumab for Thyroid-Associated Ophthalmopathy. N Engl J Med. 2017;376:1748-1761. doi: 10.1056/NEJMoa1614949.
  2. Douglas RS, Kahaly GJ, Patel A et al.: Teprotumumab for the Treatment of Active Thyroid Eye Disease. N Engl J Med. 2020;382:341-352. doi: 10.1056/NEJMoa1910434.
  3. Marcocci C, Kahaly GJ, Krassas GE et al.: Selenium and the Course of Mild Graves’ Orbitopathy. N Engl J Med. 2011;364:1920-1931. doi: 10.1056/NEJMoa1012985.
  4. Kossler A, Sears CM, Dosiou C: Hearing Loss and Teprotumumab. J Endocr Soc. 2021;5(Suppl 1):A839. Kongressabstract. doi: 10.1210/jendso/bvab048.1713.
  5. Alves Junior JM, Bernardo W, Villagelin D: Effectiveness of Different Treatment Modalities in Initial and Chronic Phases of Thyroid Eye Disease: A Systematic Review With Meta-analysis. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109:2997-3009. doi: 10.1210/clinem/dgae526.
  6. Kahaly GJ, Riedl M, König J et al.: Mycophenolate plus methylprednisolone versus methylprednisolone alone in active, moderate-to-severe Graves’ orbitopathy (MINGO): a randomised, observer-masked, multicentre trial. Lancet Diabetes Endocrinol. 2018;6:287-298. doi: 10.1016/S2213-8587(18)30020-2.
  7. Sears CM, Azad AD, Amarikwa L et al.: Hearing Dysfunction After Treatment With Teprotumumab for Thyroid Eye Disease. Am J Ophthalmol. 2022;240:1-13. doi: 10.1016/j.ajo.2022.02.015.
  8. Douglas RS, Couch S, Wester ST et al.: Efficacy and Safety of Teprotumumab in Patients With Thyroid Eye Disease of Long Duration and Low Disease Activity. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109:25-35. doi: 10.1210/clinem/dgad637.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Bartalena L, Kahaly GJ, Baldeschi L et al.: The 2021 European Group on Graves’ orbitopathy (EUGOGO) clinical practice guidelines for the medical management of Graves’ orbitopathy. Eur J Endocrinol. 2021;185:G43-G67. doi: 10.1530/EJE-21-0479. [LL1]
  2. Burch HB, Perros P, Bednarczuk T et al.: Management of Thyroid Eye Disease: A Consensus Statement by the American Thyroid Association and the European Thyroid Association. Thyroid. 2022;32:1439-1470. doi: 10.1089/thy.2022.0251. [LL2]

Fachinformationen und Zulassungsunterlagen

  1. European Medicines Agency: Tepezza – EU-Produktinformation einschließlich Fachinformation; Aktualisierung vom 25. März 2026. Fachinformation; Zulassungsinformationen. [FI1]
  2. European Medicines Agency: CellCept – EU-Produktinformation; ergänzend aktualisierte Empfehlungen zur Kontrazeption bei Mycophenolat. Fachinformation; Empfehlungen zur Kontrazeption. [FI2]
  3. European Medicines Agency: MabThera – EU-Produktinformation zu Rituximab. Die endokrine Orbitopathie gehört nicht zu den zugelassenen Indikationen. Fachinformation. [FI3]
  4. European Medicines Agency: RoActemra – EU-Produktinformation zu Tocilizumab. Die endokrine Orbitopathie gehört nicht zu den zugelassenen Indikationen. Fachinformation. [FI4]