Hagelkorn (Chalazion) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Rückbildung des Chalazions (Hagelkorns) und Beseitigung einer gegebenenfalls bestehenden lokalen Entzündungsreaktion.
  • Linderung von Beschwerden wie Druckgefühl, Lidödem (Lidschwellung) und gegebenenfalls Visusbeeinträchtigung (Sehverschlechterung) durch chalazionbedingten Astigmatismus (Hornhautverkrümmung).
  • Vermeidung von Rezidiven (Wiederauftreten) durch Behandlung prädisponierender Erkrankungen, insbesondere Meibom-Drüsen-Dysfunktion (Funktionsstörung der Talgdrüsen am Lidrand), Blepharitis (Lidrandentzündung) und okulärer Rosacea (Rosacea am Auge).
  • Ausschluss einer malignen Läsion (bösartigen Gewebeveränderung) bei persistierendem, rezidivierendem oder klinisch atypischem Befund.

Therapieempfehlungen

  • Spontanverlauf: Das Chalazion ist eine sterile chronische lipogranulomatöse Entzündung (knotige Entzündungsreaktion auf Fettbestandteile) infolge einer Obstruktion vor allem der Meibom-Drüsen. Ein erheblicher Anteil der Läsionen bildet sich innerhalb von Wochen bis Monaten spontan zurück [1-3, LL1].
  • Therapie der 1. Wahl: Warme Kompressen mit anschließender Lidmassage und konsequenter Lidrandhygiene. Die konservative Behandlung sollte bei unkompliziertem Chalazion zunächst über mehrere Wochen durchgeführt werden [2-4, LL1].
  • Antibiotika: Eine routinemäßige topische oder systemische Antibiotikatherapie ist beim unkomplizierten Chalazion nicht indiziert. Die zusätzliche Gabe eines Antibiotikums zu konservativen Maßnahmen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Abheilung nicht [4, 5].
  • Antibiotika nur bei bakterieller Begleiterkrankung: Eine antibiotische Therapie kommt bei gleichzeitig bestehender bakterieller Blepharitis, Blepharokonjunktivitis (Entzündung von Lidrand und Bindehaut), einem infizierten Hordeolum (Gerstenkorn) beziehungsweise einer sekundären bakteriellen Infektion infrage. Bei präseptaler Cellulitis (bakterielle Entzündung des Augenlidgewebes vor der Augenhöhlenscheidewand) ist eine systemische Antibiotikatherapie entsprechend dem Krankheitsbild erforderlich.
  • Topische Antibiotikum/Glucocorticoid-Kombinationen: Keine Routinetherapie. In einer randomisierten Studie war die Kombination von warmen Kompressen mit Tobramycin beziehungsweise Tobramycin/Dexamethason hinsichtlich der kompletten Rückbildung nicht wirksamer als warme Kompressen allein [4].
  • Intraläsionale Glucocorticoidinjektion: Bei persistierendem Chalazion nach frustraner konservativer Behandlung kann Triamcinolonacetonid intraläsional injiziert werden. Voraussetzung ist eine klinisch eindeutige Diagnose ohne Erfordernis einer histologischen Sicherung [2, 6-9]. Die Anwendung zur Behandlung des Chalazions ist ein Off-Label-Use [FI1].
  • Wirksamkeit: Randomisierte Studien zeigen für eine intraläsionale Triamcinoloninjektion hohe Rückbildungsraten. In einzelnen Studien waren die Ergebnisse mit denen der Inzision und Kürettage vergleichbar [6, 7]; die Metaanalyse randomisierter Studien zeigte jedoch nach einem einzelnen Eingriff eine höhere Erfolgsrate für Inzision und Kürettage [8].
  • Große oder länger bestehende Chalazien: Bei großen, chronischen, rezidivierenden oder nach Steroidinjektion persistierenden Läsionen ist die Inzision und Kürettage in der Regel zu bevorzugen [2, 8, 9].
  • Rezidivierendes oder atypisches Chalazion: Keine wiederholte empirische Steroidtherapie bei diagnostischer Unsicherheit. Es muss insbesondere ein Talgdrüsenkarzinom (bösartiger Tumor der Talgdrüsen) ausgeschlossen werden; gegebenenfalls Exzision beziehungsweise Biopsie mit histopathologischer Untersuchung [1-3, LL1].
  • Grunderkrankungen: Bei rezidivierenden Chalazien sind insbesondere Meibom-Drüsen-Dysfunktion, chronische Blepharitis, Rosacea und Demodex-assoziierte Lidranderkrankungen (durch Haarbalgmilben mitbedingte Lidranderkrankungen) gezielt zu behandeln; siehe unter den jeweiligen Erkrankungen.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Wirkstoff Besonderheiten
Triamcinolonacetonid Off-Label-Use zur Behandlung des Chalazions; ausschließlich bei klinisch gesicherter Diagnose und durch einen in der Technik erfahrenen Arzt; streng aseptische Injektion; keine intraokulare beziehungsweise intravitreale Applikation [FI1]
  • Wirkweise: Glucocorticoid; ausgeprägt antiphlogistische Wirkung mit Hemmung der lipogranulomatösen Entzündungsreaktion und Förderung der Regression des Chalazions.
  • Indikationen: Persistierendes Chalazion nach erfolgloser konservativer Therapie; insbesondere bei kleinen bis mittelgroßen Läsionen sowie in Situationen, in denen eine operative Therapie vermieden werden soll und keine histologische Untersuchung erforderlich ist [2, 6-9].
  • Kontraindikationen: Unklare oder malignitätsverdächtige Lidtumoren (Tumoren des Augenlids); lokale bakterielle Infektion im Injektionsgebiet; bekannte Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff beziehungsweise Präparatebestandteile. Bei bekanntem Steroidresponse oder unkontrolliertem Glaukom (Grüner Star) besonders strenge Indikationsstellung. Für Volon A 10 gilt entsprechend der Fachinformation unter anderem Alter < 12 Jahre als Kontraindikation [FI1].
  • Nebenwirkungen: Lokale Hautatrophie (Verdünnung der Haut), subkutane Fettatrophie (Rückbildung des Unterhautfettgewebes), Hypopigmentierung (verminderte Hautfärbung) beziehungsweise Depigmentierung (Verlust der Hautfärbung), Hämatom (Bluterguss), sichtbare Steroiddepots, Infektion und vorübergehende Erhöhung des intraokularen Drucks; selten unbeabsichtigte Bulbus- oder Hornhautpenetration mit traumatischer Katarakt (Grauer Star); extrem selten retinale beziehungsweise choroidale Gefäßokklusion (Gefäßverschluss der Netzhaut beziehungsweise Aderhaut) mit schwerer Visusminderung bis zum Visusverlust [2, 10].

Antibiotika

  • Keine Routineindikation: Das unkomplizierte Chalazion ist keine bakterielle Infektion. Antibiotika sollen daher weder topisch noch systemisch routinemäßig eingesetzt werden [4, 5].
  • Bakterielle Begleiterkrankung: Bei gleichzeitig bestehender Blepharitis, Blepharokonjunktivitis, Hordeolum oder bakterieller Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) erfolgt die antibiotische Therapie entsprechend der jeweiligen Erkrankung.
  • Präseptale Cellulitis: Bei Ausbreitung der Infektion auf das präseptale Lidweichgewebe ist eine systemische Antibiotikatherapie erforderlich; siehe unter „Präseptale Cellulitis/Pharmakotherapie“.

Beachte

  • Persistenz: Bei einem über mehrere Wochen trotz adäquater konservativer Therapie persistierenden Chalazion sollte eine augenärztliche Beurteilung erfolgen. Bei einer Krankheitsdauer von mehr als etwa 2 Monaten nimmt die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Rückbildung unter alleiniger konservativer Therapie ab [4].
  • Histologische Abklärung: Rezidiv an gleicher Lokalisation, Madarosis (Verlust von Wimpern oder Augenbrauen), Ulzeration (Geschwürbildung), Blutung, zunehmende Induration (Verhärtung), Destruktion (Gewebezerstörung) beziehungsweise Konturverlust des Lidrandes oder andere atypische Befunde erfordern eine histopathologische Abklärung zum Ausschluss insbesondere eines Talgdrüsenkarzinoms [1-3, LL1].
  • Große Chalazien: Können durch Druck auf die Cornea (Hornhaut) einen Astigmatismus und eine Visusminderung verursachen. Bei Kindern ist wegen des möglichen Amblyopierisikos (Risiko einer Schwachsichtigkeit) eine frühzeitige augenärztliche Therapie angezeigt.
  • Inzision und Kürettage: Ist insbesondere bei großen, rezidivierenden, chronischen oder nach Steroidinjektion persistierenden Läsionen sowie bei Erfordernis einer histologischen Untersuchung das bevorzugte invasive Verfahren [2, 8, 9].
  • Keine Manipulation: Eigenständiges Ausdrücken beziehungsweise Eröffnen des Chalazions sollte vermieden werden.

Abkürzungsverzeichnis

  • FI – Fachinformation
  • LL – Leitlinie

Literatur

  1. Schaller UC. Hordeolum und Chalazion: Diagnose und Therapie. MMW Fortschr Med. 2026;168(3):37-41. doi:10.1007/s15006-026-5637-0
  2. Tashbayev B, Chen X, Utheim TP. Chalazion Treatment: A Concise Review of Clinical Trials. Curr Eye Res. 2024;49(2):109-118. doi:10.1080/02713683.2023.2279014
  3. Loth C, Miller CV, Haritoglou C, Messmer EM. Hordeolum und Chalazion: (Differenzial-)Diagnose und Therapie. Ophthalmologe. 2022;119(1):97-108. doi:10.1007/s00347-021-01436-y
  4. Wu AY, Gervasio KA, Gergoudis KN, Wei C, Oestreicher JH, Harvey JT. Conservative therapy for chalazia: is it really effective? Acta Ophthalmol. 2018;96(4):e503-e509. doi:10.1111/aos.13675
  5. Alsoudi AF, Ton L, Ashraf DC, et al.: Efficacy of Care and Antibiotic Use for Chalazia and Hordeola. Eye Contact Lens. 2022;48(4):162-168. doi:10.1097/ICL.0000000000000859
  6. Goawalla A, Lee V. A prospective randomized treatment study comparing three treatment options for chalazia: triamcinolone acetonide injections, incision and curettage and treatment with hot compresses. Clin Exp Ophthalmol. 2007;35(8):706-712. doi:10.1111/j.1442-9071.2007.01617.x
  7. Ben Simon GJ, Rosen N, Rosner M, Spierer A. Intralesional triamcinolone acetonide injection versus incision and curettage for primary chalazia: a prospective, randomized study. Am J Ophthalmol. 2011;151(4):714-718.e1. doi:10.1016/j.ajo.2010.10.026
  8. Aycinena ARP, Achiron A, Paul M, Burgansky-Eliash Z. Incision and Curettage Versus Steroid Injection for the Treatment of Chalazia: A Meta-Analysis. Ophthalmic Plast Reconstr Surg. 2016;32(3):220-224. doi:10.1097/IOP.0000000000000483
  9. Nabie R, Soleimani H, Nikniaz L, Raoufi S, Hassanpour E, Mamaghani S, Bahremani E. A prospective randomized study comparing incision and curettage with injection of triamcinolone acetonide for chronic chalazia. J Curr Ophthalmol. 2019;31(3):323-326. doi:10.1016/j.joco.2019.04.001
  10. Yağci A, Palamar M, Eğrilmez S, Sahbazov C, Ozbek SS. Anterior segment ischemia and retinochoroidal vascular occlusion after intralesional steroid injection. Ophthalmic Plast Reconstr Surg. 2008;24(1):55-57. doi:10.1097/IOP.0b013e31815c938f

Leitlinien

  1. College of Optometrists. Clinical Management Guideline: Chalazion (Meibomian cyst). Version 17; veröffentlicht 28. Januar 2025; Date of search 20.10.2024; Review vorgesehen 19.10.2026. Clinical Management Guideline [LL1]

Fachinformation

  1. Dermapharm AG. Volon A 10/A 10-5 ml, Kristallsuspension; Triamcinolonacetonid. Fachinformation, Stand Januar 2025. Fachinformation [FI1]