Blindheit – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Blindheit (fehlendes Sehvermögen) mitbedingt sein können:
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Fehlernährung (unausgewogene Ernährung)/Mangelernährung (unzureichende Nährstoffversorgung) – möglich durch erschwerte Lebensmitteleinkäufe, erschwerte Speisenzubereitung, reduzierte Alltagsmobilität und Abhängigkeit von Unterstützung; klinisch relevant insbesondere bei älteren, alleinlebenden oder multimorbiden Patienten [4, 5, LL1, LL2]
- Übergewicht/Adipositas (Fettleibigkeit) – möglich durch reduzierte körperliche Aktivität, Mobilitätsangst (Angst vor Fortbewegung), eingeschränkte Teilhabe an Sport- und Bewegungsangeboten sowie psychosoziale Belastung; Evidenz überwiegend aus Beobachtungsstudien und Reviews zur körperlichen Aktivität bei Sehbehinderung (vermindertem Sehvermögen) [4, 5, LL1, LL2]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Dekonditionierung der Muskulatur (Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit) – Folge reduzierter körperlicher Aktivität, Schonverhalten, Sturzangst und eingeschränkter selbständiger Mobilität; begünstigt weitere Gangunsicherheit, Sarkopenie (Muskelschwund im Alter) und funktionelle Einschränkungen [4-6, LL1, LL2]
- Mobilitäts- und Gleichgewichtsstörung (Störung von Fortbewegung und Gleichgewicht) – visuelle Deprivation (fehlende Seheindrücke) beeinträchtigt Orientierung, Hinderniserkennung, posturale Kontrolle (Haltungskontrolle) und Gangadaptation (Anpassung des Gangs); klinisch relevant durch erhöhtes Sturz- und Verletzungsrisiko [6, LL1, LL2]
- Sarkopenie – möglich bei chronisch reduzierter körperlicher Aktivität und Dekonditionierung, insbesondere bei älteren blinden Patienten mit zusätzlicher Frailty (Gebrechlichkeit), Multimorbidität (Mehrfacherkrankung) oder sozialer Isolation [4-6]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörungen (krankhafte Angstzustände) – begünstigt durch Verlust autonomer Orientierung, Sturzangst, Unsicherheit im öffentlichen Raum, soziale Rückzugstendenz und reduzierte Teilhabe; besonders relevant bei erworbener Blindheit [1, 4, 5, LL1, LL2]
- Charles-Bonnet-Syndrom (Trugwahrnehmungen bei Sehverschlechterung) – visuelle Halluzinationen (Sehen nicht vorhandener Dinge) bei erhaltener Krankheitseinsicht infolge visueller Deprivation; eine Metaanalyse beschreibt eine relevante Prävalenz (Häufigkeit) bei Patienten mit Low Vision (starker Sehschwäche), besonders bei bilateraler Sehverschlechterung (beidseitiger Sehverschlechterung) und höherem Alter [7]
- Depressive Störungen (krankhafte Niedergeschlagenheit) – Blindheit und schwere Sehbehinderung sind in populationsbasierten Studien mit erhöhter Depressionswahrscheinlichkeit assoziiert; relevante Mechanismen sind Funktionsverlust, Autonomieverlust, soziale Isolation, Arbeitsunfähigkeit und reduzierte Lebensqualität [1, 4, 5]
- Kognitive Beeinträchtigung (Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit)/Demenz (Abbau geistiger Fähigkeiten) – Sehbeeinträchtigung ist in systematischen Reviews und Metaanalysen mit erhöhtem Risiko für kognitive Beeinträchtigung und Demenz assoziiert; die Kausalität (Ursächlichkeit) ist multifaktoriell (durch mehrere Faktoren bedingt) und umfasst reduzierte sensorische Stimulation (verminderte Sinnesanregung), geringere soziale/kognitive Aktivität, Mobilitätseinschränkung und gemeinsame vaskuläre Risikofaktoren (Gefäßrisikofaktoren) [3]
- Nicht-24-Stunden-Schlaf-Wach-Rhythmusstörung (verschobener Tag-Nacht-Rhythmus) – besonders bei vollständiger Blindheit ohne Lichtwahrnehmung durch fehlende photische Synchronisation (Anpassung durch Licht) des zirkadianen Systems (inneren Tag-Nacht-Systems); klinisch relevant durch Insomnie (Schlaflosigkeit), Tagesschläfrigkeit, Leistungseinbußen, Stimmungsschwankungen und soziale Desynchronisation (Entkopplung vom sozialen Tagesrhythmus) [8]
- Schlafstörungen/Insomnie – möglich durch zirkadiane Desynchronisation, reduzierte Tageslichtwahrnehmung, psychische Komorbidität (Begleiterkrankung), reduzierte körperliche Aktivität und unstrukturierte Tagesrhythmen [8]
- Suizidale Krisen (Krisen mit Selbsttötungsgefahr) – möglich bei schwerer depressiver Symptomatik (Krankheitszeichen), neu eingetretener Blindheit, Verlust beruflicher Perspektiven, sozialer Isolation oder fehlender Rehabilitation; klinisch als Red-Flag-Konstellation (Warnzeichen-Konstellation) zu werten [1, 4, LL1]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Alltagsfunktionelle Einschränkungen (Einschränkungen im Alltag) – Einschränkung basaler und instrumenteller Aktivitäten des täglichen Lebens, insbesondere Lesen, Medikamentenmanagement, Einkaufen, Kochen, Mobilität, Finanzmanagement und Nutzung digitaler Systeme [4, 5, LL1, LL2]
- Chronische Fatigue (anhaltende Erschöpfung) – möglich durch erhöhten Orientierungs- und Kompensationsaufwand, Schlaf-Wach-Rhythmusstörung, psychische Belastung und reduzierte körperliche Aktivität [4, 8]
- Gangunsicherheit (unsicherer Gang) – Folge eingeschränkter Hinderniserkennung, fehlender visueller Raumkontrolle, reduzierter Kontrastwahrnehmung und Sturzangst; klinisch relevant als Prädiktor (Vorhersagefaktor) für Stürze und Mobilitätsverlust [6]
- Reduzierte gesundheitsbezogene Lebensqualität – in systematischen Reviews konsistent mit Sehbeeinträchtigung assoziiert; besonders betroffen sind Mobilität, Selbstversorgung, soziale Rollen, psychisches Wohlbefinden und Autonomie [4]
- Sturzneigung/rezidivierende Stürze (wiederkehrende Stürze) – Blindheit und Sehbeeinträchtigung erhöhen das Risiko für Stürze und schwere Sturzereignisse; in einer großen longitudinalen Analyse (Langzeituntersuchung) war Blindheit mit erhöhtem Risiko für zukünftige und schwere Stürze assoziiert [6]
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Häusliche Unfälle – erhöhtes Risiko durch erschwerte Orientierung, Stolperfallen, unzureichende Beleuchtung, fehlende Kontraste, Fehlbedienung von Haushaltsgeräten und eingeschränkte Gefahrenerkennung [6, LL1, LL2]
- Straßenverkehrsunfälle – erhöhtes Risiko bei unzureichender Orientierung im öffentlichen Raum, Querungssituationen, fehlender Barrierefreiheit, akustisch unzureichend gesicherten Verkehrswegen und fehlender Mobilitätsschulung [9, LL1, LL2]
- Therapie- und Medikationsfehler – möglich durch erschwerte Lesbarkeit von Dosierungsangaben, Verwechslung von Packungen, unzureichend barrierefreie Applikationssysteme und digitale Zugangsbarrieren [5, LL1, LL2]
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Frakturen (Knochenbrüche) – insbesondere Hüftfrakturen (Hüftbrüche), Radiusfrakturen (Speichenbrüche) und Wirbelkörperfrakturen (Wirbelkörperbrüche) als Folge sturzbedingter Traumata (Verletzungen); Risiko verstärkt bei Alter, Osteoporose (Knochenschwund), Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente), Frailty und fehlender Wohnraumanpassung [6]
- Schädel-Hirn-Trauma (Kopf-Hirn-Verletzung) – möglich bei Stürzen, Treppenunfällen, Straßenverkehrsunfällen und Kollisionen mit Hindernissen; klinisch relevant wegen erhöhter Morbidität (Krankheitslast) bei älteren Patienten [6, 9]
- Verbrennungen/Verbrühungen – möglich durch erschwerte visuelle Kontrolle beim Kochen, Umgang mit Heißgetränken, Herdplatten, Backofen und Wasserhähnen; Risiko reduziert durch Rehabilitation, Hilfsmittel und Wohnraumanpassung [LL1, LL2]
- Weichteilverletzungen/Kontusionen (Prellungen) – häufige Folge von Kollisionen, Stürzen und Stolperereignissen; relevant als Marker für unzureichende Umfeldanpassung oder fehlende Mobilitätsrehabilitation [6, LL1]
Weiteres
- Arbeitsunfähigkeit/Arbeitslosigkeit – möglich durch Barrieren am Arbeitsplatz, fehlende Assistenztechnologien, unzureichende berufliche Rehabilitation, eingeschränkte Mobilität und Diskriminierung; besonders relevant bei erworbener Blindheit im Erwerbsalter [4, 5, LL1, LL2]
- Abhängigkeit von Fremdhilfe/Pflegebedürftigkeit – Folge eingeschränkter selbständiger Alltagsaktivitäten, Orientierungsprobleme, Sturzangst, Komorbidität und fehlender Sehrehabilitation [5, LL1, LL2]
- Erhöhte Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) – Sehbeeinträchtigung ist in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse mit erhöhter Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert; diese Assoziation ist multifaktoriell und nicht als monokausale Folge der Blindheit zu interpretieren [2]
- Einschränkung der digitalen Teilhabe – möglich durch nicht barrierefreie Websites, Apps, Patientenportale, Telemedizinangebote und Geräteschnittstellen; klinisch relevant für Terminmanagement, Medikationsmanagement und Gesundheitskompetenz [LL1, LL2]
- Einschränkung schulischer/beruflicher Teilhabe – besonders bei angeborener oder frühkindlicher Blindheit durch Barrieren bei Unterrichtsmaterial, Mobilität, digitaler Zugänglichkeit und sozialer Integration [LL1, LL2]
- Soziale Isolation/Einsamkeit – Folge eingeschränkter Mobilität, Kommunikationsbarrieren, reduzierter Teilnahme an Freizeitaktivitäten, Stigmatisierung und psychischer Komorbidität [1, 4, 5]
- Verlust der Fahreignung – bei Blindheit regelhaft gegeben; klinisch relevant durch Autonomieverlust, berufliche Einschränkung, erschwerte Versorgung und psychosoziale Belastung [9]
Prognosefaktoren
- Alter bei Eintritt der Blindheit – angeborene/frühkindliche Blindheit erfordert entwicklungsbezogene Förderung; spät erworbene Blindheit ist häufiger mit Autonomieverlust, Depression, Sturzangst und sozialer Isolation verbunden [1, 4, LL1]
- Ausmaß der Restsehfunktion – fehlende Lichtwahrnehmung erhöht das Risiko zirkadianer Störungen; erhaltene Restsehfunktion verbessert Orientierung, Rehabilitationserfolg und Alltagsfunktion [8, LL1]
- Begleiterkrankungen – Demenz, Frailty, Osteoporose, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), neurologische Erkrankungen, Depression, Hörminderung und Polypharmazie erhöhen das Risiko für Stürze, Pflegebedürftigkeit, Therapiefehler und Mortalität [2, 3, 6]
- Dauer bis zur Sehrehabilitation – frühe Low-Vision-/Blindheitsrehabilitation, Orientierungs- und Mobilitätstraining, Hilfsmittelversorgung und Wohnraumanpassung verbessern Selbständigkeit und reduzieren Folgeprobleme [LL1, LL2]
- Körperliche Aktivität – regelmäßige, angepasste Bewegung reduziert Dekonditionierung, Sturzangst, Sarkopenie und psychosoziale Folgeprobleme [4-6]
- Psychosoziale Situation – soziale Unterstützung, Berufsintegration, Zugang zu Assistenztechnologien und psychotherapeutische Mitbetreuung beeinflussen Lebensqualität, Depression, Teilhabe und Pflegebedürftigkeit [1, 4, 5, LL1]
- Schlaf-Wach-Rhythmus – bei vollständiger Blindheit ohne Lichtwahrnehmung ist die aktive Diagnostik zirkadianer Schlaf-Wach-Störungen prognostisch relevant, da unbehandelte Desynchronisation Leistungsfähigkeit, Stimmung und Teilhabe erheblich beeinträchtigen kann [8]
- Wohnumfeld und Barrierefreiheit – kontrastreiche Gestaltung, taktile Markierungen, sichere Beleuchtung, Hilfsmittel, Stolperfallenreduktion und Mobilitätstraining reduzieren häusliche Unfälle und Stürze [6, LL1, LL2]
Literatur
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Leitlinien
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