Amylase
Amylase ist ein Verdauungsenzym (Verdauungsstoff), das überwiegend im Pankreas (Bauchspeicheldrüse) und in den Speicheldrüsen (Speicheldrüsen im Mund) gebildet wird. Es hydrolysiert α(1-4)-glykosidische Bindungen (Zuckerbindungen) von Stärke (pflanzlicher Speicherzucker) und Glykogen (tierischer Speicherzucker).
In der klinischen Labordiagnostik (Labormedizin) wird Amylase vor allem als ergänzender Laborparameter (Laborwert) bei Verdacht auf akute Pankreatitis (akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse) und in ausgewählten differentialdiagnostischen Konstellationen (Abklärung anderer möglicher Ursachen) eingesetzt. Gegenüber der Lipase (Fett-spaltendes Enzym) ist die diagnostische Spezifität (Treffsicherheit) geringer. Bei Verdacht auf akute Pankreatitis ist Lipase heute der bevorzugte Enzymmarker (Messwert für ein Enzym) [1-3].
Synonyme
- Alpha-Amylase
- Gesamtamylase
- Serumamylase
- Pankreasamylase
- Speichelamylase
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum (flüssiger Anteil des Blutes)
- Heparin-Plasma (Blutplasma mit Gerinnungshemmer) (methodenabhängig)
- Urin (Spontanurin; seltener Sammelurin) (Urinprobe)
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Störfaktoren
- Makroamylasämie (Verbindung der Amylase mit Eiweißen im Blut) – persistierend erhöhte Serumamylase (erhöhter Amylasewert im Blut) bei meist normaler Lipase (Fett-spaltendes Enzym)
- Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) – verminderte renale Clearance (Ausscheidung über die Niere) mit möglicher Serumwerterhöhung (erhöhter Blutwert)
- Medikamente (Arzneimittel) – unter anderem Opioide (starke Schmerzmittel), Thiaziddiuretika (harntreibende Medikamente), Valproat (Antiepileptikum), Azathioprin (Immunsuppressivum) und Glucocorticoide (Kortisonpräparate) können mit Hyperamylasämien (erhöhte Amylasewerte im Blut) assoziiert sein
- Präanalytische und methodische Einflüsse (Einflüsse vor und während der Messung) – Referenzbereiche (Normalbereiche) und Interferenzen (Störeinflüsse) sind hersteller- und methodenabhängig
- Methode
- Enzymatische Aktivitätsbestimmung (Messung der Enzymaktivität), überwiegend photometrisch (Messung über Lichtabsorption)
- IFCC-standardisierte bzw. IFCC-nahe Verfahren (international standardisierte Messverfahren); für die pankreatische α-Amylase (Amylase aus der Bauchspeicheldrüse) liegt eine aktuelle IFCC-Primärreferenzmethode (Referenzmessverfahren) vor [4]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe / Material | Referenzbereich |
| Erwachsene – Gesamtamylase im Serum (Amylase im Blut) | ca. 28-100 U/l |
| Erwachsene – Pankreasamylase im Serum (Amylase aus der Bauchspeicheldrüse im Blut) | ca. 13-53 U/l |
| Urin (Harn) | Kein einheitlicher methodenübergreifender Referenzbereich (Normalbereich); laborabhängig |
Normbereiche (Normalbereiche) sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Verdacht auf akute Pankreatitis – ergänzend zur Lipase [1-3]
- Verlaufskontrolle (Kontrolle des Krankheitsverlaufs) bei bekannter Pankreatitis in ausgewählten Konstellationen
- Akutes Abdomen (plötzlich auftretende Bauchschmerzen) unklarer Genese (unbekannter Ursache)
- Verdacht auf Speicheldrüsenerkrankungen (Erkrankungen der Speicheldrüsen), insbesondere Parotitis (Entzündung der Ohrspeicheldrüse)
- Abklärung persistierender oder isolierter Hyperamylasämie (dauerhaft erhöhter Amylasewert im Blut)
- Verdacht auf Makroamylasämie (Verbindung der Amylase mit Eiweißen im Blut) [5]
- Postinterventionelle Konstellationen (Situationen nach medizinischem Eingriff), z. B. nach endoskopisch retrograder Cholangiopankreatikographie (ERCP) (endoskopische Darstellung der Gallen- und Bauchspeicheldrüsengänge)
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Akute Pankreatitis – typischerweise Anstieg auf mehr als das 3-Fache des oberen Referenzwertes (Normalwertes); diagnostisch der Lipase unterlegen [1-3]
- Chronische Pankreatitis – oft nur mäßig erhöht oder auch normal
- Speicheldrüsenerkrankungen (Erkrankungen der Speicheldrüsen) – z. B. Parotitis (Entzündung der Ohrspeicheldrüse)
- Makroamylasämie (Verbindung der Amylase mit Eiweißen im Blut) – isolierte, oft persistierende Hyperamylasämie (erhöhter Amylasewert im Blut) ohne passende klinische Pankreatitis-Konstellation (Krankheitsbild) [5]
- Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) – Erhöhung durch verminderte Clearance (Ausscheidung)
- Weitere extra-pankreatische Ursachen (Ursachen außerhalb der Bauchspeicheldrüse) – z. B. gastrointestinale (den Magen-Darm-Trakt betreffend), hepatobiliäre (Leber und Gallenwege betreffend), gynäkologische (Frauenheilkunde betreffend) oder neoplastische Erkrankungen (Tumorerkrankungen)
- Erniedrigte Werte
- Fortgeschrittene exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Verdauungsleistung der Bauchspeicheldrüse)
- Ausgedehnte chronische Pankreasparenchymschädigung (Schädigung des Bauchspeicheldrüsengewebes)
- Selten bei schwerer zystischer Fibrose (Mukoviszidose)
- Spezifische Konstellationen
- Bei klinischem Verdacht auf akute Pankreatitis ist Lipase diagnostisch vorzuziehen [1-3]
- Erhöhte Serumamylase (erhöhter Amylasewert im Blut) bei normaler Lipase und erniedrigter Amylase-Clearance/Kreatinin-Clearance-Ratio (Verhältnis der Ausscheidung von Amylase und Kreatinin) spricht für Makroamylasämie (Verbindung der Amylase mit Eiweißen im Blut) [5]
- Die pankreatische α-Amylase (Amylase aus der Bauchspeicheldrüse) ist selektiver als die Gesamtamylase (Gesamtwert der Amylase), spielt aber in der Routinediagnostik (Standarddiagnostik) hinter der Lipase meist eine nachgeordnete Rolle [2-4]
Weiterführende Diagnostik
- Lipase im Serum
- Pankreasparameter (Werte der Bauchspeicheldrüse) – Lipase, Elastase im Stuhl (Verdauungsenzym im Stuhl)
- Leberparameter (Leberwerte) – Alanin-Aminotransferase (ALT), Aspartat-Aminotransferase (AST), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin (Gallenfarbstoff)
- Entzündungsparameter (Entzündungswerte) – CRP (C-reaktives Protein), Leukozyten (weiße Blutkörperchen)
- Nierenparameter (Nierenwerte) – Kreatinin, Harnstoff
- Amylase-Clearance/Kreatinin-Clearance-Ratio (Verhältnis der Ausscheidung von Amylase und Kreatinin) oder Polyethylenglykol-(PEG-)Präzipitation (Nachweisverfahren) bei Verdacht auf Makroamylasämie (Verbindung der Amylase mit Eiweißen im Blut)
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane), ggf. Computertomographie (CT) (Röntgenschichtaufnahme) oder Magnetresonanztomographie (MRT) (Kernspintomographie)
Literatur
- Tenner S, Vege SS, Hasan M et al.: American College of Gastroenterology Guidelines: Management of Acute Pancreatitis. Am J Gastroenterol. 2024;119(3):419-437. https://doi.org/10.14309/ajg.0000000000002645
- Mittal N, Oza VM, Muniraj T, Kothari TH. Diagnosis and Management of Acute Pancreatitis. Diagnostics (Basel). 2025;15(3):258. https://doi.org/10.3390/diagnostics15030258
- Ismail OZ, Bhayana V. Lipase or amylase for the diagnosis of acute pancreatitis? Clin Biochem. 2017;50(18):1275-1280. https://doi.org/10.1016/j.clinbiochem.2017.07.003
- Staaden A, Canalias F, Ceriotti F et al.: IFCC primary reference procedure for the measurement of catalytic activity concentrations of enzymes at 37 °C. Part 10: Reference procedure for the measurement of catalytic concentration of pancreatic α-Amylase. Clin Chim Acta. 2026;579:120657. https://doi.org/10.1016/j.cca.2025.120657
- Čásenská J, Franeková J, Mačinga P, Jabor A. Significant elevations of serum amylase caused by macroamylase: Case reports and detection possibilities. J Clin Lab Anal. 2023;37(5):e24859. https://doi.org/10.1002/jcla.24859