Schwachsichtigkeit – Amblyopie-Früherkennung

Amblyopie (griech.: "stumpfes Auge") oder Schwachsichtigkeit ist eine funktionelle Störung des Formensinns beziehungsweise Ortssinns. Sie beruht auf einer unzureichenden Entwicklung des visuellen Systems in der frühen Kindheit und führt infolgedessen zu einer lebenslang reduzierten Sehschärfe (Visus).

Nur jedes dritte sehschwache und nur jedes zehnte schielende Kind wird im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung erkannt. Aus diesem Grund ist eine zusätzliche Früherkennung empfehlenswert. Das sogenannte Amblyopie-Screening, durchgeführt von Ihrem Augenarzt, ist eine sinnvolle individuelle Gesundheitsleistung.

In Norddeutschland beträgt die Prävalenz (Häufigkeit einer Krankheit in der Bevölkerung in einem Zeitraum) für Amblyopie (entwicklungsbedingte Schwachsichtigkeit) bei 6-jährigen 5-6 %. Amblyopie kann zu schlechtem Sehvermögen bis hin zur Blindheit führen. Insgesamt ist bei einseitiger Amblyopie im Verlauf die Wahrscheinlichkeit des Sehkraftverlustes des gesunden Auges größer als die des schielenden Auges.

Die Amblyopieprävalenz wird in Deutschland mit 5,6 % angegeben [1]. Bei 49 % der amblyopen Probanden fanden sich eine Anisometropie (unterschiedliche Refraktion/Brechkraft beider Augen), bei 23 % Strabismus (Schielen), bei 17 % Strabismus und Anisometropie sowie bei 2 % eine Deprivation (bei der die optische Achse zum Beispiel durch eine angeborene Oberlidptosis (hängendes Oberlid) oder einen Katarakt verlegt ist [2]). Bei drei Probanden (2 %) war ein traumatischer Katarakt (im Vorschulalter) Ursache für eine relative Amblyopie. 7 % der Amblyopien waren binokular (beidäugig).

Leitsymptom der Amblyopie ist eine Sehschärfenminderung. Sie ist sowohl Folge von Stimulusdeprivation (Reizbehinderung), als auch von pathologisch binokularer Interaktion (Störung der Zusammenarbeit des Doppelauges, z. B. Schielen). Amblyopien entstehen meist während der frühen sensitiven Phase der Sehentwicklung, in den ersten 3-4 Lebensmonaten, umso wichtiger ist eine effektive Früherkennung. Amblyopie (Schwachsichtigkeit) kann aber auch in den Folgejahren entstehen bei später auftretendem Schielen. Es ist daher wichtig, die Entwicklung des Sehens bei Kindern kontinuierlich in individuell festzulegenden Abständen zu überprüfen.

Eine Amblyopie ist den Kindern meist nicht anzusehen, insbesondere wenn kein Schielen sondern eine Anisometropie (ungleiche Refraktion/Brechkraft beider Augen) vorliegt. Das Verhalten der Kinder ist erst bei ausgeprägte Sehminderung auffällig. Dann ist die Behandlung aber umso dringender.

Risikofaktoren

Erbliche Risikofaktoren: Risiko der Heredität (Erblichkeit) für Strabismus (Schielen)/ Amblyopie

  • 20 % wenn ein Elternteil schielt und Hyperopie (Weitsichtigkeit) des Kindes ( > 3dpt)
  • 50 % wenn beide Elternteile schielen und Hyperopie des Kindes ( > 3dpt)
  • 10 % wenn beide Elternteile schielen und geringe Hyperopie des Kindes bis 1,5 dpt

Hauptrisikofaktoren

  • Strabismus (Schielen)
  • Anisometropie (ungleiche Refraktion/Brechkraft beider Augen)
  • Ametropie (Fehlsichtigkeit infolge eines Brechungsfehlers)
  • Lidanomalien/ Trübungen der brechenden Medien
  • Tränenwegsstenosen (Verstopfung der Tränenwege)
  • Frühgeburt
  • Perinatale Komplikationen (Komplikationen zwischen der 24. Schwangerschaftswoche und dem 7. Lebenstag nach der Geburt)
  • Familiäre Belastung

Behandlung

  • Voll- bzw. Teilzeitokklusion (Abkleben des Führungsauges mit z. B. einem kindgerechten Pflaster)
  • Penalisation (Herabsetzen der Sehschärfe des besseren Auges durch ein spezielles Brillenglas und/oder Augentropfen)
  • Atropinisierung (Akkomodationslähmung des gesunden Auges durch Atropintropfen)
  • Beseitigung von Sehhindernissen, z. B. Katarakt (Grauer Star)
  • Korrektion von Refraktionsanomalien (Brechungsfehler) mit einer Brille oder Kontaktlinse

Die Amblyopie-Therapie sollte so früh wie möglich beginnen, da die Prognose dann sehr gut ist. Ein Behandlungsbeginn vor dem Ende des siebten Lebensjahres führt zu einem deutlich höheren Sehschärfenanstieg (bis zu durchschnittlich vier Visusstufen) als eine danach begonnene Therapie (bis zu durchschnittlich zwei Visusstufen) [3].

Früherkennung: Zeitpunkt der Vorsorgeuntersuchung

  • In der 1. Lebenswoche, bei Lidanomalien (z. B. Verengung der Lidspalte) und Medientrübung (z. B. Trübung des Glaskörpers der Augen und damit Beeinträchtigung des Lichteinfalls)
  • Zwischen 6. und 8. Woche, sinnvoll bei allen Kindern
  • Mit 6-12 Monaten, zum Ausschluss von Strabismus und Refraktionsanomalien
  • Im Alter von 3-4 Jahren, da hier bereits eine Sehschärfenprüfung möglich ist

Umfang der Vorsorgeuntersuchung

  • Brücknertest – Durchleuchtungstest nach Brückner
    Der Brückner-Test besteht in der Inspektion des Auges bei durchfallendem Licht. Schielt das Auge, so wird, selbst bei kleiner Winkelabweichung eines Auges, die Farbe im durchfallenden Licht eine andere sein als auf der Gegenseite, dieser Effekt ist z. B. bei roten Augen auf Blitzlichtfotos gut zu beobachten.
  • Pupillomotorik und Augenmotoriküberprüfung
    Überprüfung des Pupillenreflexes bei Veränderung der Lichtverhältnisse und Kontrolle der Beweglichkeit der Augen
  • Skiaskopische Messung
    Bestimmung der Refraktion, d. h. der Brechungskraft des Auges.
  • Fixationsprüfung am Fundus
    Mit Hilfe eines elektrischen Augenspiegels wird ein kleines Objekt, z. B. eine Sternfigur, auf den Augenhintergrund (Fundus) projiziert. Überprüft wird nun, ob der Patient den Stern nach einer Verschiebung zentral am Fundus mit dem Auge fixieren und ihm folgen kann. Bei einer externen (nicht zentralen) Fixation kann ein Strabismus (Schielen) vorliegen.
  • Morphologischer Überblick
    Allgemeiner Überblick über den Zustand des Auges
  • Visusbestimmung
    Bestimmung der Sehschärfe mit altersgerechten Sehzeichen und zusätzlicher Prüfung mit enggestellten Sehzeichen, welche besonders für die Diagnostik einer Ambylopie geeignet sind.

Ihr Nutzen

Durch die oben genannten Vorsorgemaßnahmen ist es heute möglich, langfristige Behinderungen oder gar den Verlust des Augenlichts bzw. der Sehfähigkeit zu verhindern. Die Lesefähigkeit der Augen zu gewährleisten und damit die Fähigkeit Ausbildung und Beruf zu bewältigen, ist eines der Hauptanliegen der Amblyopie-Früherkennung.

Literatur

  1. Elflein H, Fresenius S, Lamparter J, Pitz S, Pfeiffer N, Binder H, Wild P, Mirshahi A: The prevalence of amblyopia in Germany – data from the prospective, population-based Gutenberg Health Study. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 338-44. doi: 10.3238/arztebl.2015.0338
  2. Hatt S, Antonio-Santos A, Powell C, Vedula SS: Interventions for stimulus deprivation amblyopia. Cochrane Database Syst Rev 2006: CD005136
  3. Holmes JM, Lazar EL, Melia BM et al.: Effect of age on response to amblyopia treatment in children. Arch Ophthalmol 2011; 129: 1451-7

Leitlinien

  1. S2e Leitlinie: Amblyopie. Leitlinie 26a der DOG November 2010.

     
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