Burning-Mouth-Syndrom – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung des Mundbrennens und Verbesserung der Lebensqualität
  • Bei ursächlich bedingtem Mundbrennen: Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung
  • Vermeidung von Arzneimittelnebenwirkungen und Abhängigkeit

Therapieempfehlungen

  • Einordnung des Burning-Mouth-Syndroms (Syndrom des brennenden Mundes) (BMS):
    • Das BMS bezeichnet chronisches idiopathisches Mundbrennen ohne nachweisbare ursächliche Schleimhautveränderung oder andere erklärende Erkrankung. Nach der International Classification of Orofacial Pain bestehen die Beschwerden täglich für mehr als 2 Stunden über mehr als 3 Monate [2].
    • Bei nachweisbarer lokaler oder systemischer Ursache ist die Bezeichnung „ursächlich bedingtes Mundbrennen“ präziser als „sekundäres BMS“. Vor einer symptomatischen Pharmakotherapie müssen insbesondere Candidose (Infektion durch Hefepilze), Hyposalivation (verminderte Speichelbildung), Schleimhauterkrankungen, mechanische Irritationen, Arzneimittelwirkungen und relevante Mangelzustände berücksichtigt werden [2].
  • Primäres Burning-Mouth-Syndrom:
    • Eine allgemein anerkannte, zugelassene medikamentöse Standardtherapie besteht nicht. Die Behandlung erfolgt individuell und möglichst interdisziplinär unter Einbeziehung von Zahnmedizin beziehungsweise Oralmedizin und Schmerzmedizin [3, 4].
    • Clonazepam kann nach Aufklärung über den Off-Label-Use als zeitlich begrenzter Therapieversuch eingesetzt werden, vorzugsweise topisch. Eine Netzwerk-Metaanalyse zeigte eine wahrscheinliche Schmerzlinderung gegenüber Placebo bei moderater Evidenzsicherheit; eine sichere Langzeitwirksamkeit ist daraus nicht abzuleiten [3].
    • Auch bei topischer Anwendung wird Clonazepam systemisch resorbiert. Sedierung, Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit und Abhängigkeit sind deshalb möglich. Frühzeitige Erfolgskontrolle, beispielsweise nach 2 Wochen; keine automatische Fortführung einer unwirksamen Behandlung. Eine Anwendung über 2-4 Wochen hinaus erfordert eine erneute individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [4, F1].
    • Gabapentin kann bei anhaltenden Beschwerden als alternative symptomatische Behandlung erwogen werden. Die BMS-spezifische Evidenz ist begrenzt; ein verbindliches Dosierungsschema oder eine gesicherte Zieldosis bestehen nicht [4, 5].
    • Capsaicin-Mundspülungen sind keine etablierte Standardtherapie. Ein fachärztlich begleiteter Therapieversuch kommt allenfalls bei ausgewählten Patienten infrage; die Evidenzsicherheit ist niedrig bis sehr niedrig und die Verträglichkeit häufig durch verstärktes Brennen eingeschränkt [6].
    • Aloe-Vera-Präparate und Ölspülungen sind nicht als gesicherte medikamentöse Standardbehandlung des BMS anzusehen.
    • Bei begleitender Xerostomie (Mundtrockenheit) können reizfreie Speichelersatzpräparate bedarfsweise eingesetzt werden. Sie dienen der Befeuchtung und ersetzen keine Behandlung der neuropathischen Schmerzkomponente (durch eine Störung der Nervenfunktion bedingten Schmerzkomponente) [4].
    • Kognitive Verhaltenstherapie und schmerzmedizinische Betreuung können die medikamentöse Behandlung ergänzen; siehe auch „Weitere Therapie“ [4].
  • Ursächlich bedingtes Mundbrennen:
    • Orale Candidose: bei leichter Erkrankung topisches Antimykotikum; bei mittelschwerer bis schwerer Erkrankung beziehungsweise unzureichendem Ansprechen gegebenenfalls systemisches Fluconazol. Bei Prothesenträgern zusätzlich Reinigung und Desinfektion der Prothese. Ein Candida-Nachweis ohne klinisch passende Erkrankung rechtfertigt keine automatische antimykotische Behandlung [LL1].
    • Invasive Candidosen (in Gewebe oder Organe eindringende Hefepilzinfektionen) und Aspergillosen (Infektionen durch Aspergillus-Schimmelpilze) sind eigenständige Erkrankungen und erfordern eine gesonderte infektiologische Behandlung. Fluconazol ist gegen Aspergillus nicht wirksam; die hierfür in der Vorlage genannte pauschale Therapie über 7-10 Tage ist ungeeignet.
    • Gastroösophageale Refluxkrankheit (Erkrankung durch Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre): Behandlung bei entsprechender gesicherter Indikation nach dem Artikel zur Refluxkrankheit. Die erhaltene Studie berichtet eine Besserung des Mundbrennens unter einer kombinierten Refluxbehandlung, erlaubt als unkontrollierte Untersuchung jedoch keinen sicheren Wirksamkeitsnachweis für Protonenpumpenhemmer beim idiopathischen BMS [1].
    • Hyposalivation: Speichelersatz und Behandlung der Ursache; xerogene Arzneimittel überprüfen. Eine subjektive Mundtrockenheit beim BMS bedeutet nicht zwangsläufig eine objektiv verminderte Speichelsekretion [2, 4].
    • Nachgewiesene Mangelzustände, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder andere systemische Erkrankungen: gezielte Behandlung der jeweiligen Ursache. Keine empirische Substitution ohne entsprechende Indikation.
    • Gesicherte Kontaktallergien (allergische Reaktionen auf unmittelbar berührende Stoffe) oder Nahrungsmittelallergien: gezielte Allergenkarenz und Behandlung nach dem jeweiligen Krankheitsartikel.
    • Mechanische Irritationen durch Zahnprothesen oder dentale Erkrankungen: zahnärztliche Behandlung.
    • Strahlenmukositis (durch Bestrahlung verursachte Schleimhautentzündung): gesonderte supportive und analgetische Behandlung nach dem entsprechenden Krankheitsartikel. Speichelersatz behandelt begleitende Mundtrockenheit, nicht die Mukositis selbst.

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die nachfolgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene. Die Anwendung beim primären BMS erfolgt, soweit angegeben, außerhalb der Zulassung. Studienprotokolle sind keine allgemein verbindlichen Dosierungsempfehlungen.

Benzodiazepine mit antikonvulsiver Wirkung

Wirkstoff Besonderheiten
Clonazepam, topisch Off-Label-Use hinsichtlich Indikation und Applikation. Systemische Resorption trotz Ausspuckens; niedrigste wirksame Dosis und möglichst kurze Anwendung. Keine unkontrollierte Dauertherapie.
  • Wirkweise: Positive allosterische Modulation von GABA-A-Rezeptoren mit Verstärkung der inhibitorischen Neurotransmission; antikonvulsive, anxiolytische, sedierende und muskelrelaxierende Wirkung.
  • Indikationen: Zeitlich begrenzter symptomatischer Therapieversuch beim primären BMS nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung. Eine systemische Einnahme ist wegen der systemischen Risiken keine routinemäßige Standardbehandlung.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, bekannte Medikamenten-, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, Koma (tiefe Bewusstlosigkeit), schwere Ateminsuffizienz (unzureichende Atemfunktion) und schwere Leberinsuffizienz (unzureichende Leberfunktion). Besondere Vorsicht bei älteren Patienten, Sturzrisiko und Schlafapnoe (wiederholten Atemaussetzern im Schlaf). Alkohol vermeiden; Kombinationen mit Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln erhöhen das Risiko für Sedierung und Atemdepression (Dämpfung der Atmung) [F1].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Schwindel, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Muskelschwäche, Stürze, paradoxe Erregung, Atemdepression sowie Toleranzentwicklung, Abhängigkeit und Entzugssymptome. Nach regelmäßiger Anwendung gegebenenfalls ausschleichend absetzen [F1].

Gabapentinoide

Wirkstoff Besonderheiten
Gabapentin Off-Label-Use beim BMS. Dosis und Einnahmeintervalle an die Nierenfunktion anpassen. Höhere Dosierungen aus der Behandlung anderer neuropathischer Schmerzen sind nicht als gesicherte BMS-Dosierungen zu übernehmen. Beim Absetzen mindestens über 1 Woche ausschleichen [F2].
  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und Verminderung der Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter; keine direkte Wirkung als GABA-Rezeptoragonist [F2].
  • Indikationen: Individueller symptomatischer Therapieversuch beim primären BMS, insbesondere bei unzureichendem Ansprechen oder fehlender Eignung anderer Behandlungen; begrenzte Evidenz [5].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Niereninsuffizienz (unzureichende Nierenfunktion) erfordert eine Dosisanpassung. Besondere Vorsicht bei Atemwegserkrankungen, älteren Patienten sowie gleichzeitiger Anwendung von Opioiden, Benzodiazepinen oder anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln [F2].
  • Nebenwirkungen: Somnolenz (ausgeprägte Schläfrigkeit), Schwindel, Ataxie, periphere Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen beispielsweise an Armen oder Beinen), Gewichtszunahme und gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden). Möglich sind Abhängigkeit und Entzugssymptome; schwerwiegende Risiken umfassen Atemdepression, Suizidgedanken (Gedanken an Selbsttötung) und schwere Überempfindlichkeits- beziehungsweise Hautreaktionen [F2].

Topische TRPV1-Agonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Capsaicin Experimenteller Off-Label-Therapieversuch, keine Routineempfehlung. Nur geeignete pharmazeutische Zubereitungen für die Mundhöhle verwenden; keine für die Haut bestimmten Capsaicin-Präparate.
  • Wirkweise: Aktivierung von TRPV1-Rezeptoren; bei wiederholter Exposition Desensibilisierung beziehungsweise funktionelle Abschwächung nozizeptiver Nervenendigungen.
  • Indikationen: Allenfalls ausgewählter, fachärztlich begleiteter Therapieversuch beim primären BMS nach Aufklärung über die niedrige Evidenzsicherheit [6].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei ulzerierter (durch Geschwüre geschädigter) oder entzündlich geschädigter Mundschleimhaut beziehungsweise ausgeprägter Unverträglichkeit nicht einsetzen.
  • Nebenwirkungen: Vorübergehend deutlich verstärktes Mundbrennen und lokale Reizung; bei Verschlucken gastrointestinale Beschwerden [6].

Speichelersatzpräparate

Wirkstoff Besonderheiten
Speichelersatz auf Basis von beispielsweise Carboxymethylcellulose oder Mucin Möglichst reizfreie, alkoholfreie und zahnschonende Präparate wählen. Befeuchtung bei Mundtrockenheit; keine gesicherte spezifische analgetische Wirkung beim primären BMS [4].
  • Wirkweise: Befeuchtung und Verbesserung der Gleitfähigkeit der Mundschleimhaut.
  • Indikationen: Begleitende Xerostomie beziehungsweise Hyposalivation.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile; produktspezifische Einschränkungen beachten.
  • Nebenwirkungen: Geschmacksbeeinträchtigungen, lokale Reizung und selten Überempfindlichkeitsreaktionen.

Antimykotika – ausschließlich bei ursächlich bedingtem Mundbrennen durch orale Candidose

Wirkstoff Besonderheiten
Nystatin, Suspension Topische Behandlung einer leichten oralen Candidose. Dosierungen unterscheiden sich zwischen Präparaten und Leitlinien; konkrete Fachinformation beachten. Nach klinischer Abheilung entsprechend Fachinformation noch einige Tage fortführen.
Fluconazol Systemische Therapie bei entsprechender Indikation. Bei wiederholter Gabe Dosisanpassung an die Nierenfunktion. Relevante Arzneimittelinteraktionen; bei Therapieversagen Erregeridentifizierung und Resistenzprüfung erwägen.
  • Wirkweise: Nystatin bindet an Ergosterol und schädigt die Pilzmembran. Fluconazol hemmt die pilzliche Ergosterolsynthese.
  • Indikationen: Klinisch diagnostizierte orale beziehungsweise oropharyngeale Candidose (Hefepilzinfektion des Mund- und Rachenraums); keine Behandlung des idiopathischen BMS [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Bei Fluconazol zusätzlich kontraindizierte Arzneimittelkombinationen gemäß Fachinformation beachten, insbesondere bestimmte QT-verlängernde CYP-Substrate. In Schwangerschaft und Stillzeit gesonderte Nutzen-Risiko-Abwägung [F3, F4].
  • Nebenwirkungen: Nystatin: lokale Reizung, gastrointestinale Beschwerden und Überempfindlichkeitsreaktionen. Fluconazol: Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Exanthem (Hautausschlag) und erhöhte Leberwerte; selten schwere Hepatotoxizität (Leberschädigung), schwere Hautreaktionen und QT-Verlängerung [F3, F4].

Alpha-Liponsäure

Die in der Vorlage genannte Dosierung beträgt 600 mg/Tag. Der gesonderte Artikel „Supplemente“ wird nicht überarbeitet. Alpha-Liponsäure ist keine gesicherte Standardtherapie des primären BMS; die Wirksamkeitsnachweise sind uneinheitlich [3, 4].

Beachte

  • Therapiekontrolle: Schmerzintensität, Alltagsbeeinträchtigung und Nebenwirkungen vor Therapiebeginn und im Verlauf dokumentieren. Unwirksame Behandlungen beenden; zentral wirksame Arzneimittel nicht unkontrolliert kombinieren.
  • Abhängigkeit und Atemdepression: Besonders bei Clonazepam sowie bei Kombination von Gabapentin mit anderen zentral dämpfenden Arzneimitteln berücksichtigen [F1, F2].
  • Persistierende oder neu auftretende Schleimhautveränderungen: Erneute oralmedizinische Abklärung; ein Ulkus (Geschwür), eine Induration (Gewebeverhärtung) oder eine andere auffällige Läsion (Gewebeveränderung oder Gewebeschädigung) darf nicht dem BMS zugeschrieben werden.

Abkürzungsverzeichnis

  • BMS: Burning-Mouth-Syndrom
  • CYP: Cytochrom P450
  • doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung
  • et al.: et alii; und weitere Autoren
  • F: Fachinformation; Kennzeichnung der Verweise auf das Verzeichnis „Fachinformation“
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure
  • GABA-A: Subtyp A der GABA-Rezeptoren
  • ICOP: International Classification of Orofacial Pain; internationale Klassifikation von Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich
  • I.E.: Internationale Einheiten
  • LL: Leitlinie; Kennzeichnung der Verweise auf das Verzeichnis „Leitlinien“
  • mg: Milligramm
  • ml: Milliliter
  • QT: Zeitabschnitt zwischen dem Beginn der Q-Zacke und dem Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm
  • TRPV1: Transient Receptor Potential Vanilloid 1

Literatur

  1. Lechien JR, Hans S, De Marrez LG et al.: Prevalence and Features of Laryngopharyngeal Reflux in Patients with Primary Burning Mouth Syndrome. Laryngoscope. 2021;131(10):E2627-E2633. doi:10.1002/lary.29604
  2. International Classification of Orofacial Pain, 1st edition (ICOP). Cephalalgia. 2020;40(2):129-221. doi:10.1177/0333102419893823
  3. Alvarenga-Brant R, Costa FO, Mattos-Pereira G et al.: Treatments for Burning Mouth Syndrome: A Network Meta-analysis. J Dent Res. 2023;102(2):135-145. doi:10.1177/00220345221130025
  4. Tan HL, Smith JG, Hoffmann J, Renton T: A systematic review of treatment for patients with burning mouth syndrome. Cephalalgia. 2022;42(2):128-161. doi:10.1177/03331024211036152
  5. López-D'Alessandro E, Escovich L: Combination of alpha lipoic acid and gabapentin, its efficacy in the treatment of Burning Mouth Syndrome: a randomized, double-blind, placebo controlled trial. Med Oral Patol Oral Cir Bucal. 2011;16(5):e635-e640. doi:10.4317/medoral.1707
  6. de Andrade Silva AP, dos Santos IWR, Frazão DR et al.: Is Capsaicin Effective in Relieving the Symptoms of Burning Mouth Syndrome? A Systematic Review. J Oral Rehabil. 2026. Online veröffentlicht am 24. Juli 2026. doi:10.1111/joor.70275

Leitlinien

  1. Pappas PG, Kauffman CA, Andes DR et al.: Clinical Practice Guideline for the Management of Candidiasis: 2016 Update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2016;62(4):e1-e50. doi:10.1093/cid/civ933

Fachinformation

  1. Rivotril oral: 0,5 mg und 2 mg Tabletten; 2,5 mg/ml Lösung. Fachinformation, Stand Juni 2022.
  2. Gabapentin-ratiopharm 100 mg/300 mg/400 mg Hartkapseln. Fachinformation, Stand Februar 2026.
  3. Nystatin acis Suspension, 100.000 I.E./ml. Fachinformation; Dosierung für Kinder ab 2 Jahren und Erwachsene.
  4. Diflucan 100 mg/200 mg Hartkapseln. Fachinformation; Dosierung für oropharyngeale Candidose bei Erwachsenen.