Fettsäuren in der Stillphase

Fette sind während der Laktationsphase für die Ernährung der stillenden Frau und des Säuglings von zentraler Bedeutung. Die Lipide (Fette) der Frauenmilch liefern ungefähr die Hälfte der vom jungen Säugling aufgenommenen Energie. Darüber hinaus ermöglichen sie die Zufuhr fettlöslicher Vitamine, essenzieller Fettsäuren und langkettiger mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Diese sind Bestandteile von Zellmembranen (Hüllen der Körperzellen), Nervengewebe (Gewebe des Nervensystems) und Retina (Netzhaut) sowie Ausgangssubstanzen bioaktiver Lipidmediatoren (wirksamer Fettbotenstoffe) [3].

Für die stillende Frau ist nicht eine möglichst hohe Fettzufuhr entscheidend, sondern eine bedarfsgerechte Gesamtzufuhr mit günstiger Fettsäurezusammensetzung. Besonders relevant sind Linolsäure, α-Linolensäure und Docosahexaensäure (DHA). Die mütterliche Ernährung beeinflusst vor allem die Fettsäurezusammensetzung der Frauenmilch. Besonders deutlich reagieren die Konzentrationen von DHA, Eicosapentaensäure (EPA), α-Linolensäure, Linolsäure und trans-Fettsäuren. Der Gesamtfettgehalt der Frauenmilch wird dagegen durch zahlreiche weitere Faktoren beeinflusst und lässt sich nicht zuverlässig durch eine erhöhte Fettzufuhr steigern [4-6].

Fette und Lipide der Frauenmilch

Etwa 98-99 % der Frauenmilchlipide liegen als Triacylglycerole (Neutralfette) vor. Daneben enthält Frauenmilch Phospholipide (Membranfette), Sphingolipide (spezielle Membranfette), Cholesterol (Cholesterin), freie Fettsäuren und die Bestandteile der Milchfettkügelchenmembran (Hülle der Milchfettkügelchen). Neben ihrer Funktion als Energieträger besitzen diese Lipidfraktionen strukturelle, metabolische und regulatorische Funktionen [3].

Der Fettgehalt reifer Frauenmilch liegt im Mittel ungefähr bei 35-40 g/l, weist jedoch eine erhebliche intra- und interindividuelle Variabilität auf. Er verändert sich im Tagesverlauf, im Verlauf einer Stillmahlzeit und in Abhängigkeit vom Entleerungsgrad der Brust. Gegen Ende einer Stillmahlzeit ist die Fettkonzentration gewöhnlich höher als zu Beginn. Auch Laktationsstadium, Milchvolumen und Methode der Probengewinnung beeinflussen den gemessenen Fettgehalt. Einzelne, nicht standardisiert gewonnene Milchproben erlauben daher keine zuverlässige Beurteilung der durchschnittlichen Fettversorgung des Säuglings [3-6].

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 186 Studien ermittelte als weltweit zusammengefasste Anteile am Frauenmilchfett etwa 42,2 % gesättigte, 36,6 % einfach ungesättigte und 21,0 % mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Die Heterogenität zwischen den Studien war außerordentlich hoch. Regionale Ernährungsmuster, Laktationsstadium, Untersuchungsjahr und Probengewinnung beeinflussten die Ergebnisse erheblich. Diese globalen Mittelwerte sind daher keine individuellen Zielwerte [4].

Einfluss der mütterlichen Ernährung

Die Aussage, der Fettgehalt der Frauenmilch werde durch die Ernährung der Mutter grundsätzlich nicht beeinflusst, ist zu undifferenziert. Beobachtungs- und Interventionsstudien zeigen teilweise Veränderungen des Gesamtfettgehalts nach Ernährungsinterventionen; die Ergebnisse sind jedoch inkonsistent und methodisch heterogen. Der Gesamtfettgehalt wird stärker und unmittelbarer durch den Entleerungsgrad der Brust und die Probengewinnung als durch einzelne Lebensmittel oder eine kurzfristig erhöhte Fettzufuhr bestimmt [5, 6].

Deutlich besser belegt ist der Einfluss der mütterlichen Ernährung auf einzelne Fettsäuren:

  • DHA und EPA: Fischverzehr sowie die Einnahme von Fisch- oder Mikroalgenöl erhöhen die entsprechenden Konzentrationen in der Frauenmilch [5, 6, 12].
  • α-Linolensäure: Die Konzentration in der Frauenmilch steigt bei erhöhter mütterlicher Zufuhr. Die Umwandlung in DHA bleibt jedoch begrenzt [5, 6, 13].
  • Linolsäure: Die Konzentration in der Frauenmilch wird durch die Aufnahme linolsäurereicher Pflanzenöle und Lebensmittel beeinflusst [5, 6].
  • Trans-Fettsäuren: Die Konzentration in der Frauenmilch reagiert auf die mütterliche Zufuhr entsprechender Fettsäuren [5, 6].
  • Arachidonsäure: Ihre Konzentration ist vergleichsweise stark reguliert und reagiert weniger ausgeprägt auf kurzfristige Änderungen der mütterlichen Ernährung [3, 5, 6].

Eine stark fettreiche Ernährung ist somit nicht erforderlich, um einen ausreichenden Fettgehalt der Frauenmilch zu gewährleisten. Umgekehrt sollte die Fettzufuhr während der Stillzeit nicht unnötig stark eingeschränkt werden, da Fette Energie liefern, die Aufnahme fettlöslicher Vitamine ermöglichen und essenzielle Fettsäuren bereitstellen.

Referenzwerte für Stillende

Nährstoff bzw. Fettfraktion Referenzwert bzw. Empfehlung Einordnung
Gesamtfett 30-35 % der täglichen Energiezufuhr Die absolute Fettmenge richtet sich nach dem individuellen Energiebedarf.
Linolsäure 2,5 % der täglichen Energiezufuhr Essenzielle Omega-6-Fettsäure.
α-Linolensäure 0,5 % der täglichen Energiezufuhr Essenzielle Omega-3-Fettsäure.
DHA Im Durchschnitt mindestens 200 mg/Tag Aufnahme über fettreichen Fisch, angereicherte Lebensmittel oder ein geeignetes Supplement.
EPA Kein separater D-A-CH-Referenzwert Wird gemeinsam mit DHA vor allem über fettreichen Fisch aufgenommen.
Trans-Fettsäuren Möglichst geringe Zufuhr Insbesondere industriell erzeugte trans-Fettsäuren begrenzen.

Für Stillende gilt ein Richtwert von 30-35 % der Energiezufuhr aus Fett. Die empfohlene Zufuhr beträgt 2,5 % der Energie für Linolsäure und 0,5 % der Energie für α-Linolensäure. Zusätzlich sollen Schwangere und Stillende im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA pro Tag zuführen [1].

Eine fixe Höchstmenge von 70 g Fett pro Tag ist nicht evidenzbasiert. Bei einer Energiezufuhr von 2.200 kcal entsprechen 30-35 Energieprozent rechnerisch etwa 73-86 g Fett pro Tag. Die individuell angemessene absolute Menge hängt unter anderem von Energiebedarf, Körpergewicht, körperlicher Aktivität, Stillintensität und Gewichtsverlauf ab.

Essenzielle Fettsäuren

Streng essenziell sind die Omega-6-Fettsäure Linolsäure und die Omega-3-Fettsäure α-Linolensäure. Sie können vom menschlichen Organismus nicht selbst synthetisiert werden und müssen mit der Nahrung zugeführt werden.

Langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie DHA, EPA und Arachidonsäure können grundsätzlich aus ihren Vorstufen gebildet werden. Die Umwandlung ist jedoch begrenzt, individuell variabel und von genetischen, hormonellen und ernährungsabhängigen Faktoren beeinflusst. Besonders die Umwandlung von α-Linolensäure zu DHA ist gering. Eine ausreichende Aufnahme von α-Linolensäure ersetzt deshalb nicht zuverlässig die direkte Zufuhr von DHA [5, 13].

Linolsäure und Omega-6-Fettsäuren

Linolsäure ist eine essenzielle Omega-6-Fettsäure und Bestandteil von Membranlipiden. Sie dient außerdem als Ausgangssubstanz für die Synthese längerkettiger Omega-6-Fettsäuren. Geeignete Quellen sind pflanzliche Öle, Nüsse und Samen. Besonders hohe Gehalte finden sich in Sonnenblumen-, Distel-, Maiskeim-, Soja-, Sesam- und Traubenkernöl.

Linolsäure ist nicht grundsätzlich entzündungsfördernd. Systematische Reviews randomisierter kontrollierter Studien zeigen, dass eine erhöhte Linolsäurezufuhr bei gesunden Erwachsenen die untersuchten Entzündungsmarker nicht konsistent erhöht [9, 10]. Die pauschale Meidung linolsäurereicher Lebensmittel ist daher nicht evidenzbasiert.

Auch die Ableitung eines starren Omega-6-/Omega-3-Verhältnisses, z. B. 5:1, ist für die Ernährungspraxis nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. Entscheidend ist die bedarfsdeckende absolute Zufuhr von Linolsäure und α-Linolensäure sowie die Sicherstellung der DHA-Zufuhr.

α-Linolensäure

α-Linolensäure ist die essenzielle pflanzliche Omega-3-Fettsäure. Gute Quellen sind Leinöl, Leinsamen, Chiasamen, Walnüsse, Walnussöl, Rapsöl und Hanföl.

Ein Teil der aufgenommenen α-Linolensäure wird zu EPA und in deutlich geringerem Umfang zu DHA umgewandelt. Eine Interventionsstudie bei Stillenden zeigte, dass eine hohe Zufuhr von Leinöl die Konzentrationen von α-Linolensäure, EPA und Docosapentaensäure erhöhte, nicht jedoch die DHA-Konzentration in Frauenmilch, Plasma (flüssiger Anteil des Blutes) oder Erythrozyten (rote Blutkörperchen) [13]. α-Linolensäurereiche Lebensmittel sind deshalb ernährungsphysiologisch wertvoll, stellen aber keinen zuverlässigen Ersatz für vorgebildete DHA dar.

Docosahexaensäure

DHA ist eine langkettige Omega-3-Fettsäure und ein wichtiger struktureller Bestandteil neuronaler Membranen (Hüllen der Nervenzellen) und der Retina. Während der späten Fetalperiode und der frühen Kindheit wird DHA verstärkt in Gehirn und Netzhaut eingelagert [3].

Der DHA-Gehalt der Frauenmilch hängt deutlich vom mütterlichen DHA-Status und der mütterlichen Ernährung ab. Fettreiche Fische, Fischöl und DHA-haltiges Mikroalgenöl erhöhen die DHA-Konzentration der Frauenmilch [5, 6, 12].

Stillende sollen im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA pro Tag aufnehmen. Dies kann durch zwei Portionen Fisch pro Woche, davon mindestens eine Portion fettreicher Fisch, oder bei fehlendem regelmäßigem Fischverzehr durch ein geeignetes DHA-Präparat erreicht werden [1, 2].

In einer randomisierten kontrollierten Studie erhöhte die Einnahme von 200 mg DHA pro Tag während Schwangerschaft und Laktation bei Frauen mit niedriger gewohnheitsmäßiger Fischzufuhr die DHA-Konzentration der Frauenmilch und verbesserte den DHA-Status von Mutter und Säugling [12].

Eicosapentaensäure

EPA ist eine langkettige Omega-3-Fettsäure aus fettreichem Fisch, Meeresfrüchten und bestimmten Mikroalgenölen. Sie dient als Ausgangssubstanz verschiedener Lipidmediatoren und kann teilweise zu Docosapentaensäure und DHA weiterverarbeitet werden.

Für Stillende besteht kein eigenständiger D-A-CH-Referenzwert für EPA. Die laktationsspezifische Empfehlung konzentriert sich auf die durchschnittliche Aufnahme von mindestens 200 mg DHA pro Tag [1, 2]. Durch den Verzehr von fettreichem Fisch wird in der Regel gleichzeitig EPA aufgenommen.

Arachidonsäure

Arachidonsäure ist eine langkettige Omega-6-Fettsäure und ein physiologischer Bestandteil der Frauenmilch. Sie ist Bestandteil von Membranphospholipiden und an Wachstum, Signalübertragung und der Bildung unterschiedlicher Lipidmediatoren beteiligt [3].

Arachidonsäure darf nicht pauschal als schädlich oder ausschließlich entzündungsfördernd bewertet werden. Für gesunde stillende Frauen besteht keine Empfehlung zur routinemäßigen isolierten Arachidonsäure-Supplementierung.

Gesättigte und einfach ungesättigte Fettsäuren

Gesättigte Fettsäuren sind natürliche Bestandteile der Frauenmilch und werden teilweise in der Brustdrüse neu synthetisiert. Eine vollständige Vermeidung ist weder möglich noch erforderlich. Aus kardiometabolischer Sicht (im Hinblick auf Herz-Kreislauf und Stoffwechsel) ist es jedoch sinnvoll, einen Teil der gesättigten Fettsäuren durch einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu ersetzen.

Relevante Quellen gesättigter Fettsäuren sind insbesondere fettreiche Fleisch- und Wurstwaren, Butter, Sahne, fettreiche Backwaren, Kokosfett und Palmfett. Geeignete Ersatzquellen sind Rapsöl, Olivenöl, Nüsse, Samen und Fisch.

Ölsäure ist die quantitativ wichtigste einfach ungesättigte Fettsäure der Frauenmilch. Gute Quellen sind Olivenöl, Rapsöl, Nüsse, Samen und Avocado.

Trans-Fettsäuren

Die Konzentration von trans-Fettsäuren in der Frauenmilch wird durch die mütterliche Aufnahme beeinflusst [5, 6]. Industriell erzeugte trans-Fettsäuren können insbesondere in stark verarbeiteten Lebensmitteln mit partiell gehärteten Fetten sowie in einzelnen Back-, Frittier- und Importprodukten vorkommen.

Aufgrund ihrer ungünstigen kardiometabolischen Wirkungen sollte die Zufuhr industriell erzeugter trans-Fettsäuren möglichst gering gehalten werden. Geringe natürliche Mengen aus Milch- und Wiederkäuerfett sind hiervon zu unterscheiden.

Geeignete Lebensmittel

  • Fettreicher Fisch: Hering, Makrele, Sardine, Lachs, Forelle und Karpfen liefern DHA und EPA.
  • Rapsöl: Liefert Ölsäure, Linolsäure und α-Linolensäure und eignet sich für die warme und kalte Küche.
  • Olivenöl: Ist eine gute Quelle einfach ungesättigter Fettsäuren.
  • Leinöl: Liefert besonders viel α-Linolensäure und sollte vorwiegend in der kalten Küche verwendet werden.
  • Walnüsse, Leinsamen und Chiasamen: Ergänzen die pflanzliche Omega-3-Zufuhr.
  • Sonnenblumen-, Distel-, Sesam- und Maiskeimöl: Liefern vorwiegend Linolsäure; ein pauschaler Verzicht ist nicht erforderlich.
  • Mikroalgenöl: Ist eine geeignete direkte DHA-Quelle bei veganer Ernährung, Fischallergie (allergischer Reaktion auf Fisch) oder fehlendem Fischverzehr [2, 14].

Fischverzehr und Methylquecksilber

Fisch liefert neben DHA und EPA unter anderem Protein, Jod, Selen, Vitamin D und Vitamin B12. Stillende sollen zwei Portionen Fisch pro Woche verzehren, davon mindestens eine Portion fettreichen Fisch [2].

Die Auswahl der Fischarten muss zugleich die Belastung mit Methylquecksilber berücksichtigen. Methylquecksilber reichert sich insbesondere in großen und älteren Raubfischen an. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt Schwangeren und Stillenden, den Konsum von Fischen mit hohen Methylquecksilbergehalten wie Hai, Schwertfisch, Heilbutt und Thunfisch einzuschränken [15].

Für die regelmäßige Versorgung mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren eignen sich bevorzugt Fischarten wie Hering, Sardine, Lachs und Makrele. Fischarten und Herkunft sollten variiert werden.

DHA-Supplementierung

Eine gezielte DHA-Supplementierung ist sinnvoll, wenn die empfohlene Aufnahme nicht regelmäßig durch geeigneten Fisch oder DHA-angereicherte Lebensmittel erreicht wird [1, 2].

  • Kein regelmäßiger Verzehr fettreichen Fisches: Einnahme eines Präparats, das mindestens 200 mg DHA in der empfohlenen Tagesdosis liefert.
  • Vegane Ernährung: Verwendung eines DHA-Präparats auf Mikroalgenbasis.
  • Vegetarische Ernährung ohne Fisch: Ebenfalls Verwendung eines geeigneten mikroalgenbasierten DHA-Präparats.
  • Fischallergie oder Fischaversion: Mikroalgenöl ist eine geeignete Alternative.

Bei der Produktauswahl ist auf die tatsächlich enthaltene DHA-Menge zu achten. Die Angabe der Gesamtmenge an Fischöl oder Omega-3-Öl erlaubt keine sichere Beurteilung der DHA-Dosis.

Die Einnahme eines DHA-Präparats begründet keine routinemäßige zusätzliche Supplementierung mit Vitamin E, Vitamin C, Selen oder anderen Antioxidanzien. Antioxidanzien können Präparaten zur technischen Stabilisierung zugesetzt sein; daraus lässt sich kein zusätzlicher physiologischer Bedarf der stillenden Frau ableiten.

Hoch dosierte Präparate mit mehreren Gramm EPA und DHA pro Tag sind zur allgemeinen Ernährung während der Laktationsphase nicht erforderlich. Höhere Dosierungen sollen nur bei einer konkreten medizinischen Indikation (Behandlungsgrund) und unter ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden.

Vegane Ernährung

Bei veganer Ernährung lässt sich die Versorgung mit Linolsäure und α-Linolensäure in der Regel durch Pflanzenöle, Nüsse und Samen sicherstellen. Die direkte Aufnahme von DHA und EPA ist ohne angereicherte Lebensmittel oder Mikroalgenöl dagegen sehr gering. Langkettige Omega-3-Fettsäuren gehören deshalb insbesondere bei vegan ernährten Schwangeren und Stillenden zu den potenziell kritischen Nährstoffen [14].

Da die Umwandlung von α-Linolensäure zu DHA begrenzt ist, können Leinöl, Leinsamen, Chiasamen, Walnüsse oder Rapsöl eine direkte DHA-Quelle nicht zuverlässig ersetzen [13]. Bei veganer Ernährung ist daher ein Präparat mit mindestens 200 mg DHA pro Tag auf Mikroalgenbasis sinnvoll.

DHA und Entwicklung des Säuglings

DHA und Arachidonsäure sind strukturelle Bestandteile des Gehirns und der Retina. Diese physiologische Bedeutung begründet die Empfehlung, eine ausreichende DHA-Zufuhr sicherzustellen [1-3].

Aus der biologischen Funktion darf jedoch nicht abgeleitet werden, dass beliebig hohe Omega-3-Dosen die Intelligenz oder allgemeine neurologische Entwicklung (Entwicklung des Nervensystems) gesunder und bereits ausreichend versorgter Kinder verbessern.

Eine Cochrane-Analyse zur Supplementierung stillender Frauen mit langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren fand keinen überzeugenden Nutzen für Wachstum, Sehschärfe oder allgemeine neurologische Entwicklung der Kinder [7].

Eine aktualisierte Metaanalyse aus dem Jahr 2025 umfasste 47 Publikationen aus randomisierten Studien. Für die Supplementierung der Mutter während Schwangerschaft oder Stillzeit zeigte sich kein signifikanter Vorteil beim Mental Development Index, bei der psychomotorischen Entwicklung (Entwicklung von Bewegung und geistigen Fähigkeiten) oder beim kognitiven Gesamtscore. Für einzelne Sprachparameter bestanden positive Signale, die Heterogenität war jedoch hoch. Die Autoren bewerteten die Evidenz für eine allgemeine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten als unzureichend [8].

Damit ist zwischen der Sicherstellung einer angemessenen DHA-Zufuhr und einer hoch dosierten Supplementierung zu unterscheiden. Die Aufnahme von mindestens 200 mg DHA pro Tag ist ein fachlich begründetes Versorgungsziel. Ein darüber hinausgehender klinischer Zusatznutzen ist bei gesunden, ausreichend versorgten Mutter-Kind-Paaren nicht konsistent nachgewiesen.

Omega-3-Fettsäuren und Allergieprävention

Während Schwangerschaft und Stillzeit wird eine ausgewogene, abwechslungsreiche und nährstoffbedarfsdeckende Ernährung empfohlen. Potente Nahrungsmittelallergene sollen nicht allein aus Gründen der Allergieprävention aus der mütterlichen Ernährung ausgeschlossen werden [LL1].

Metaanalysen zeigen Hinweise, dass eine Supplementierung mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren während Schwangerschaft oder Laktation einzelne allergische Endpunkte beeinflussen könnte. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch nach untersuchter Population, Ausgangsversorgung, Dosierung, Interventionszeitraum und Endpunkt [11].

Die S3-Leitlinie Allergieprävention stellt deshalb fest, dass aufgrund der Heterogenität der Studienlage keine abschließende Empfehlung zur Supplementierung langkettiger Omega-3-Fettsäuren für Schwangere, Stillende oder Säuglinge allein zur Allergieprävention gegeben werden kann [LL1]. Die allgemeine Empfehlung zur Aufnahme von mindestens 200 mg DHA pro Tag bleibt davon unberührt.

Häufige Fehlannahmen

  • „Die mütterliche Ernährung beeinflusst das Frauenmilchfett nicht“: Der Gesamtfettgehalt ist nur begrenzt und nicht zuverlässig beeinflussbar; die Fettsäurezusammensetzung reagiert dagegen insbesondere bei DHA, EPA, α-Linolensäure, Linolsäure und trans-Fettsäuren auf die mütterliche Ernährung [5, 6].
  • „Je mehr Fett die Mutter isst, desto fettreicher ist die Frauenmilch“: Eine solche direkte Beziehung ist nicht belegt. Die Fettkonzentration wird stark durch Stillverlauf und Probengewinnung beeinflusst.
  • „Alle Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sind essenziell“: Streng essenziell sind Linolsäure und α-Linolensäure. DHA, EPA und Arachidonsäure können grundsätzlich gebildet werden, wobei die endogene Synthese begrenzt ist.
  • „Omega-6-Fettsäuren sind grundsätzlich entzündungsfördernd“: Diese pauschale Aussage wird durch systematische Reviews kontrollierter Humanstudien nicht gestützt [9, 10].
  • „Ein Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 von exakt 5:1 ist erforderlich“: Ein starres Verhältnis ist nicht evidenzbasiert. Entscheidend ist die ausreichende absolute Zufuhr der relevanten Fettsäuren.
  • „Leinöl ersetzt DHA“: Leinöl liefert α-Linolensäure, erhöht aber nicht zuverlässig die DHA-Konzentration der Frauenmilch [13].
  • „Stillende benötigen generell 0,5-1 g Omega-3-Fettsäuren als Supplement“: Eine solche pauschale Supplementdosis ist nicht leitliniengerecht. Der konkrete Referenzwert beträgt im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA pro Tag [1, 2].
  • „Fischöl erfordert immer zusätzliche Antioxidanzien“: Für eine routinemäßige zusätzliche Einnahme von Vitamin E, Vitamin C oder Selen allein wegen eines DHA-Präparats besteht keine Indikation.
  • „Omega-3-Supplemente verhindern sicher Allergien oder erhöhen die Intelligenz“: Die Gesamtevidenz ist heterogen und erlaubt keine derartige Zusicherung [7, 8, 11, LL1].
  • „Kuhmilch enthält keine Linol- oder α-Linolensäure“: Diese Aussage ist falsch. Kuhmilch enthält beide Fettsäuren, jedoch in einer anderen Menge und Zusammensetzung als Frauenmilch. Kuhmilch ist im ersten Lebensjahr nicht als alleinige Milchnahrung geeignet; dies beruht auf ihrer gesamten Nährstoffzusammensetzung.

Praktische ernährungsmedizinische Empfehlung

Die Fettzufuhr soll etwa 30-35 % der täglichen Energiezufuhr ausmachen. Rapsöl eignet sich als vielseitiges Standardöl und kann durch Olivenöl sowie kleine Mengen Leinöl ergänzt werden. Nüsse und Samen sollten regelmäßig in den Speiseplan integriert werden.

Stillende sollen zwei Portionen Fisch pro Woche verzehren, davon mindestens eine Portion fettreichen Fisch. Fischarten mit hohen Methylquecksilbergehalten sind einzuschränken. Wird kein entsprechender Fisch verzehrt, ist ein Präparat mit mindestens 200 mg DHA pro Tag sinnvoll. Bei veganer Ernährung ist DHA aus Mikroalgenöl die geeignete Alternative.

Ein pauschaler Verzicht auf Omega-6-reiche Lebensmittel, ein starres Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren oder die kombinierte Einnahme hoher Dosen verschiedener Fettsäuren und Antioxidanzien sind nicht erforderlich. Ernährungsmedizinisch entscheidend sind eine bedarfsgerechte Gesamtfettzufuhr, eine günstige Fettqualität, die ausreichende Aufnahme von Linolsäure und α-Linolensäure sowie die gezielte Sicherstellung der DHA-Zufuhr.

Fazit

Frauenmilchlipide liefern ungefähr die Hälfte der Säuglingsenergie und stellen essenzielle sowie langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren für Zellmembranen, Gehirn und Retina bereit. Die mütterliche Ernährung beeinflusst insbesondere das Fettsäuremuster der Frauenmilch. Am besten belegt ist der Zusammenhang zwischen der mütterlichen Aufnahme von DHA und EPA und deren Konzentration in der Frauenmilch.

Stillende sollen 30-35 % ihrer Energie über Fette aufnehmen, 2,5 Energieprozent als Linolsäure und 0,5 Energieprozent als α-Linolensäure zuführen sowie im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA pro Tag aufnehmen. Zwei Fischportionen pro Woche, davon mindestens eine Portion fettreicher Fisch, sind eine geeignete Umsetzung. Bei fehlendem regelmäßigen Fischverzehr ist eine gezielte Supplementierung mit mindestens 200 mg DHA pro Tag sinnvoll; bei veganer Ernährung ist Mikroalgenöl die geeignete Quelle.

Höhere Omega-3-Dosierungen können die DHA-Konzentration der Frauenmilch weiter erhöhen. Ein zusätzlicher klinischer Nutzen für allgemeine Kognition, psychomotorische Entwicklung oder Allergieprävention ist bei gesunden, ausreichend versorgten Mutter-Kind-Paaren jedoch nicht konsistent nachgewiesen.

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Fett, essenzielle Fettsäuren. D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage 2025. Referenzwerte
  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: FAQ Nahrungsergänzungsmittel – Supplementation von Docosahexaensäure bei Stillenden. Aktualisiert am 2. Juni 2026. Website
  3. Koletzko B: Human Milk Lipids. Ann Nutr Metab. 2016;69 Suppl 2:28-40. doi:10.1159/000452819
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  12. Bergmann RL, Haschke-Becher E, Klassen-Wigger P et al.: Supplementation with 200 mg/day docosahexaenoic acid from mid-pregnancy through lactation improves the docosahexaenoic acid status of mothers with a habitually low fish intake and of their infants. Ann Nutr Metab. 2008;52(2):157-166. doi:10.1159/000129651
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  15. Bundesinstitut für Risikobewertung: Methylquecksilber – Warum Schwangere und Stillende manche Arten von Fisch meiden sollten. Aktualisiert am 15. April 2026. Website

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie Allergieprävention. (AWMF-Registernummer 061-016) Version 4.0, Stand 7. Dezember 2021, publizierte Langfassung November 2022, gültig bis 6. Dezember 2026, derzeit in Überarbeitung. Langfassung