Harnverhaltung (Ischurie) – Therapie

Harnverhaltung (Ischurie) – Therapie

  • Akuter Harnverhalt (medizinischer Notfall):
    • Bei akuter Harnverhaltung (plötzliche Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren) ist die dringlichste Maßnahme die rasche Wiederherstellung des Urinabflusses.
    • Dies erfolgt im Regelfall durch einen transurethralen Dauerkatheter (Blasenkatheter über die Harnröhre) (Standard).
    • Alternativ kann ein suprapubischer Katheter (SPK) (Blasenkatheter durch die Bauchwand) oder eine suprapubische Blasenpunktion (Punktion der Harnblase durch die Bauchwand) zur Anwendung kommen.
  • Nach Harnableitung:
    • Nach Ableitung des Urins erfolgt die notwendige diagnostische Abklärung der Ursache des Harnverhaltes.
  • Analgetische Therapie:
    • Bei persistierenden Schmerzen nach Katheteranlage können Paracetamol oder Metamizol eingesetzt werden.

Medikamentöse Therapie

  • α-Blocker bei Prostataobstruktion:
    • Bei benigner Prostatahyperplasie (BPH) (gutartige Vergrößerung der Prostata) können α-Blocker eingesetzt werden (z. B. Alfuzosin 10 mg, Tamsulosin 0,4 mg täglich).
    • Die Wirkung beruht auf einer Relaxation der glatten Muskulatur am Blasenhals und in der Prostata mit Reduktion des Auslasswiderstandes und Verbesserung des Harnflusses.
  • Zeitlicher Verlauf der Wirkung:
    • Die volle Wirkung tritt nach etwa 72 h ein.
    • Daher sollte die Therapie bereits bei Katheteranlage begonnen werden.
    • Ein Katheterauslassversuch ist in der Regel erst nach diesem Zeitraum sinnvoll.
  • Erholung von Harnwegen und Blase:
    • Das Intervall von etwa 72 h ermöglicht die Regeneration der Blasenmuskulatur sowie die Erholung der Nierenfunktion und die Rückbildung einer möglichen Hydronephrose (Harnstau der Niere) infolge eines Harnstaus.
  • Katheterauslassversuch:
    • Unter günstigen Voraussetzungen kommt es bei bis zu 40 % der Patienten nach Katheterentfernung zu einer spontanen Miktion.
    • Der Auslassversuch sollte unter sonographischer Restharnkontrolle (Ultraschallkontrolle der Restharnmenge) erfolgen.
    • Initial können Restharnmengen bis etwa 200 ml toleriert werden.
  • Parasympathikomimetika:
    • In ausgewählten Fällen (z. B. bei Detrusorhypokontraktilität (verminderte Kontraktionsfähigkeit des Blasenmuskels)) kann Bethanechol eingesetzt werden.
    • Eine generelle Empfehlung besteht jedoch nicht.

Operative Maßnahmen

  • Akutsituation:
    • Chirurgische Maßnahmen zur definitiven Beseitigung einer Obstruktion werden in der akuten Notfallsituation selten durchgeführt.
    • Sie erfolgen in der Regel erst nach einer weiterführenden diagnostischen Abklärung.
  • Indikationen zur operativen Desobstruktion:
    • Rezidivierender Harnverhalt bei benigner Prostatahyperplasie
    • Wiederholte Harnwegsinfektionen (Infektionen der Harnwege)
    • Harnblasensteine (Steine in der Harnblase)
    • Konservativ nicht beherrschbare Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin)
    • Schädigung des oberen Harntraktes infolge einer Prostataobstruktion

Weitere Hinweise

  • Patienten mit benigner Prostatahyperplasie (BPH): Die Inzidenz und Mortalität bei akutem Harnverhalt von Männern hat sich trotz rückläufiger Rate von BPH-Operationen nicht erhöht; die Mortalität liegt jedoch weiterhin bei etwa 18 % im ersten Jahr nach Harnverhalt [1].
  • Atoner Harnverhalt: siehe Neurogene Blase (durch Nervenstörung verursachte Blasenfunktionsstörung).

Literatur

  1. Bengtsen MB et al.: Acute urinary retention in men: 21-year trends in incidence, subsequent benign prostatic hyperplasia-related treatment and mortality: A Danish population-based cohort study. Prostate. 2022.
    https://doi.org/10.1002/pros.24440