Libidostörungen des Mannes – Medizingerätediagnostik

Die Diagnose einer Libidostörung (Störung des sexuellen Verlangens) des Mannes wird primär klinisch anhand der medizinischen und sexualmedizinischen Anamnese (Erhebung der Krankheits- und Sexualgeschichte), der körperlichen Untersuchung sowie der gezielten endokrinologischen Labordiagnostik gestellt. Eine isolierte Libidostörung begründet keine routinemäßige apparative Diagnostik. Medizingerätediagnostische Verfahren sind nur bei konkretem Verdacht auf eine organische Ursache oder bei einer begleitenden Sexualfunktionsstörung (Störung der Sexualfunktion) mit diagnostischer bzw. therapeutischer Konsequenz indiziert [LL1].

Obligate Medizingerätediagnostik

  • Es gibt keine obligate Medizingerätediagnostik bei einer isolierten Libidostörung des Mannes [LL1].

Fakultative Medizingerätediagnostik in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik und der obligaten Medizingerätediagnostik zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Magnetresonanztomographie (MRT; Kernspintomographie) der Hypophysen-/Sellaregion (Bereich der Hirnanhangsdrüse und ihrer knöchernen Grube) mit dediziertem Hypophysenprotokoll und Kontrastmittel bei sekundärem Hypogonadismus (durch eine übergeordnete hormonelle Störung verursachte Unterfunktion der Keimdrüsen) mit erhöhtem Prolaktin, bei klinischen Hinweisen auf eine hypophysäre Raumforderung (Gewebeveränderung im Bereich der Hirnanhangsdrüse) wie Kopfschmerzen oder Sehstörungen und/oder bei Ausfall weiterer Hypophysenhormone [Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse)/Prolaktinom (Prolaktin bildender gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse), andere selläre oder paraselläre Raumforderung (Gewebeveränderung in oder neben der Hypophysengrube), strukturelle hypothalamisch-hypophysäre Läsion (strukturelle Veränderung von Hypothalamus oder Hirnanhangsdrüse)] [LL1, LL2].
    • Bei bestätigter Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel im Blut) soll nach Ausschluss plausibler nichtadenomatöser Ursachen eine Hypophysen-MRT erfolgen [LL2].
    • Die dynamische gadoliniumverstärkte MRT (Kernspintomographie mit gadoliniumhaltigem Kontrastmittel) ist für die initiale Diagnostik eines Prolaktinoms von besonderer Bedeutung [LL2].
    • Bei schwerem sekundärem Hypogonadismus mit Gesamt-Testosteron < 6 nmol/l empfiehlt die European Association of Urology (EAU) eine Hypophysen-MRT auch ohne weitere Hinweise auf eine Raumforderung; die Empfehlungsstärke ist schwach [LL1].
    • In einer Kohortenstudie waren bei Männern mit sekundärem Hypogonadismus Gesamt-Testosteron ≤ 6,1 nmol/l oder luteinisierendes Hormon ≤ 1,9 U/l signifikante Prädiktoren pathologischer hypothalamisch-hypophysärer MRT-Befunde. Diese Schwellenwerte können die Risikostratifikation unterstützen, ersetzen jedoch nicht die klinische Indikationsstellung [1].
  • Perimetrie (Gesichtsfeldmessung) bei nachgewiesener sellärer bzw. suprasellärer Raumforderung (Gewebeveränderung in bzw. oberhalb der Hypophysengrube) mit Sehstörungen oder bei Kontakt bzw. enger Lagebeziehung zum Chiasma opticum (Sehnervenkreuzung) bzw. zu den Sehnerven [Gesichtsfeldausfall, insbesondere chiasmales Defektmuster (typisches Gesichtsfeldausfallmuster bei Beeinträchtigung der Sehnervenkreuzung)] [LL3].
  • Nächtliche penile Tumeszenz- und Rigiditätsmessung (NPTR; Messung der nächtlichen Erektionszunahme und Erektionshärte), z. B. mittels RigiScan nicht zur Diagnostik der Libidostörung selbst; bei gleichzeitig bestehender erektiler Dysfunktion (Erektionsstörung) in ausgewählten Fällen zur objektiven Differenzierung einer überwiegend organischen von einer überwiegend psychogenen Erektionsstörung (seelisch bedingten Erektionsstörung) [LL1].
    • Die Untersuchung soll an mindestens zwei getrennten Nächten erfolgen.
    • Als Hinweis auf einen funktionell intakten Erektionsmechanismus gilt eine nächtliche Erektionsphase mit mindestens 60 % Rigidität an der Penisspitze über mindestens zehn Minuten [LL1].
    • Die Aussagekraft kann insbesondere durch Schlafqualität, Alter, Depression und situative Faktoren eingeschränkt sein [LL1].
  • Dynamische farbkodierte Duplexsonographie der Penisgefäße (Ultraschalluntersuchung der Blutgefäße des Penis mit Messung des Blutflusses) nach intrakavernöser Applikation (Einspritzung in den Penisschwellkörper) einer vasoaktiven Substanz (gefäßwirksamen Substanz) nicht zur Diagnostik der Libidostörung selbst; Second-Level-Diagnostik bei gleichzeitig bestehender erektiler Dysfunktion und begründetem Verdacht auf eine vaskulogene Genese (gefäßbedingte Ursache), insbesondere bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), multiplen kardiovaskulären Risikofaktoren (Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen), manifester peripherer Gefäßerkrankung (Gefäßerkrankung außerhalb von Herz und Gehirn) oder unzureichendem Ansprechen auf eine orale Therapie [arterielle Minderperfusion (verminderte arterielle Blutzufuhr) und/oder Hinweis auf venookklusive Dysfunktion (Störung des venösen Blutverschlusses im Penis)] [LL1].
    • Als üblicher unauffälliger hämodynamischer Befund (Befund der Blutströmung) gelten nach der EAU eine maximale systolische Flussgeschwindigkeit > 30 cm/s, eine enddiastolische Flussgeschwindigkeit < 3 cm/s und ein Resistive Index > 0,8 [LL1].
    • Bei unauffälligem Duplexbefund ist eine weiterführende vaskuläre Diagnostik in der Regel nicht erforderlich [LL1].
  • Selektive Pudendalarteriographie (Kontrastmitteldarstellung der Schamarterien) keine Diagnostik der Libidostörung; nur bei hochselektierten Patienten mit begleitender erektiler Dysfunktion, bei denen eine penile Revaskularisation (operative Wiederherstellung der Blutversorgung des Penis) erwogen wird [arterielle Gefäßläsion (Schädigung einer Arterie) bzw. umschriebene arterielle Obstruktion (örtlich begrenzter Arterienverschluss)] [LL1].
  • Dynamische Infusionskavernosometrie/Kavernosographie (Druckmessung und Kontrastdarstellung der Penisschwellkörper) keine Routinediagnostik; allenfalls in hochselektierten Fällen einer komplexen erektilen Dysfunktion bei spezieller Fragestellung zur venookklusiven Funktion (Fähigkeit, das Blut während der Erektion im Schwellkörper zu halten). Der diagnostische Stellenwert für eine vermutete venogene erektile Dysfunktion (durch eine venöse Abflussstörung verursachte Erektionsstörung) ist begrenzt [LL1].

Literatur

  1. Cipriani S, Todisco T, Ghiandai N et al.: Biochemical predictors of structural hypothalamus-pituitary abnormalities detected by magnetic resonance imaging in men with secondary hypogonadism. J Endocrinol Invest. 2021;44(12):2785-2797. doi: 10.1007/s40618-021-01586-5

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Limited Update March 2026. Online-Version. Langfassung. [LL1]
  2. Petersenn S, Fleseriu M, Casanueva FF et al.: Diagnosis and management of prolactin-secreting pituitary adenomas: a Pituitary Society international Consensus Statement. Nat Rev Endocrinol. 2023;19(12):722-740. doi: 10.1038/s41574-023-00886-5. [LL2]
  3. Fleseriu M, Gurnell M, McCormack A et al.: Pituitary incidentaloma: a Pituitary Society international consensus guideline statement. Nat Rev Endocrinol. 2025;21(10):638-655. doi: 10.1038/s41574-025-01134-8. [LL3]