Brachymenorrhoe – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Ausschluss und Behandlung einer zugrunde liegenden Erkrankung: Eine Brachymenorrhoe (kurze Regelblutung) bezeichnet eine Blutungsdauer von weniger als drei Tagen; die Zykluslänge ist dadurch nicht definiert. Bei einer isoliert kurzen Blutung ohne Beschwerden, Kinderwunsch oder pathologischen Befund besteht kein Ziel, die Blutung medikamentös zu verlängern [LL1, LL2].
  • Bei Kontrazeptionswunsch: Auswahl einer individuell geeigneten Verhütungsmethode nach Beratung über Wirksamkeit, Blutungsprofil und Risiken. Die Blutung unter hormoneller Kontrazeption ist keine verlässliche Aussage über die natürliche Ovarialfunktion [LL1, LL2, LL3].

Therapieempfehlungen

  • Keine spezifische Pharmakotherapie: Eine nicht krankheitsbedingte, isolierte Brachymenorrhoe erfordert keine Behandlung. Eine Östrogen-Gestagen-Kombination ist bei fehlendem Kontrazeptionswunsch allein zur Verlängerung einer kurzen Menstruation nicht indiziert [LL1, LL2, LL3].
  • Abklärung bei neu aufgetretener oder klinisch auffälliger Blutungsveränderung: Schwangerschaft einschließlich extrauteriner Schwangerschaft (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) je nach Situation ausschließen; Anamnese zu Zyklus, Verhütung, Medikamenten, Gewichtsveränderung und Kinderwunsch erheben. Weitere Diagnostik nach Befund, insbesondere bei Schmerzen, Zwischenblutungen, Ausbleiben der Menstruation oder möglicher endokriner bzw. intrauteriner Ursache. Eine nachgewiesene Grunderkrankung wird ursachenbezogen behandelt [LL2, LL4].
  • Kontrazeptionswunsch: Kombinierte hormonelle Kontrazeptiva können ein planbares Entzugsblutungsmuster bewirken; im Langzyklus kann die Entzugsblutung ausbleiben. Gestagenmonopräparate können Blutungen verkürzen, unregelmäßig machen oder ganz unterdrücken. Die Präparate werden nach Verhütungsbedarf und Eignung gewählt, nicht als ursächliche Therapie einer Brachymenorrhoe [LL1, LL2, LL3, LL4].
  • Vor Verordnung kombinierter Methoden: Blutdruck messen und unter anderem Rauchen, Migräne mit Aura (Migräne mit vorübergehenden neurologischen Beschwerden), venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel mit Gefäßverschluss in den Venen), Thrombophilie (erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln), kardiovaskuläre Risiken, Lebererkrankung, Mammakarzinom (Brustkrebs), Wochenbett und relevante Arzneimittelinteraktionen prüfen. Ein routinemäßiges Thrombophilie-Screening ohne entsprechende Indikation ist nicht erforderlich [LL2, LL3].

Wirkstoffe (Hauptindikation: Kontrazeption)

Die folgenden Dosierungen sind präparatebezogene Beispiele, keine Dosisempfehlung zur Behandlung der Brachymenorrhoe. Anwendung, Kontraindikationen und Dauer richten sich nach der jeweiligen Fachinformation [LL2, FI1, FI2, FI3, FI4, FI5, FI6, FI7].

Östrogen-Gestagen-Kombinationen

Wirkstoff Besonderheiten
Ethinylestradiol + Levonorgestrel, oral Einphasenpräparat; weitere zugelassene Stärken und Einnahmeschemata sind präparateabhängig. Eine kürzere oder ausbleibende Entzugsblutung kann unter korrekter Anwendung vorkommen; bei Schwangerschaftsverdacht abklären [FI1, LL3].
Ethinylestradiol + Etonogestrel, vaginal Systemische kombinierte Kontrazeption; dieselben wesentlichen östrogenbezogenen Risikoprüfungen wie bei kombinierten oralen Präparaten [FI2, LL2].
Ethinylestradiol + Norelgestromin, transdermal Die ältere Angabe „Ethinylestradiol + Norgestimat“ bezeichnet dieses Pflaster nicht korrekt; Wirkstoff ist Norelgestromin. Produktbezogene Angaben zur Eignung und zum Thromboembolierisiko beachten [FI3, LL2].
  • Wirkweise: Die Gestagenkomponente hemmt vor allem die Ovulation und verändert Zervixschleim und Endometrium; die Östrogenkomponente hemmt ebenfalls die Follikelreifung und stabilisiert das Blutungsmuster. Die Entzugsblutung ist keine natürliche Menstruation [LL1, LL3].
  • Indikationen: Schwangerschaftsverhütung bei entsprechendem Wunsch und vertretbarem individuellem Risikoprofil; eine isolierte Brachymenorrhoe ist keine eigenständige Indikation [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Unter anderem Migräne mit Aura, bekannte Thrombophilie, bestimmte aktive oder vorausgegangene venöse Thromboembolien, Schlaganfall oder koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), schwere Hypertonie (Bluthochdruck), aktuelles Mammakarzinom, dekompensierte Leberzirrhose (fortgeschrittene Vernarbung der Leber mit Funktionsstörung) bzw. Leberadenom (gutartiger Lebertumor) und bestimmte frühe Wochenbettphasen. Ab 35 Jahren und weniger als 15 Zigaretten täglich gilt Rauchen als Situation, in der die Risiken in der Regel überwiegen (MEC 3); ab 15 Zigaretten täglich besteht eine absolute Kontraindikation (MEC 4). Eine Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut) oder ein früheres Endometriumkarzinom (Gebärmutterschleimhautkrebs) ist nicht pauschal eine Kontraindikation für kombinierte Kontrazeptiva; die onkologische Situation ist individuell zu beurteilen [LL2, FI1].
  • Nebenwirkungen: Zwischenblutungen, Übelkeit, Brustspannen, Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen; selten, aber wesentlich: venöse Thromboembolie, Myokardinfarkt (Herzinfarkt) und ischämischer Schlaganfall (Schlaganfall durch Gefäßverschluss). Risiken unterscheiden sich nach Präparat und individuellem Profil [LL1, LL2, FI1, FI2, FI3].

Gestagenmonopräparate bei Kontrazeptionswunsch

Wirkstoff Besonderheiten
Desogestrel, oral Unregelmäßige, seltene oder ausbleibende Blutungen sind möglich; kein geeignetes Präparat zur gezielten Verlängerung einer kurzen Blutung [FI4].
Etonogestrel, subdermales Implantat Subdermale Einlage am Oberarm durch geschulte Ärzte; Blutungsmuster nicht zuverlässig vorhersagbar. Keine intramuskuläre oder „s.c. Injektion“ [FI5].
Levonorgestrel, intrauterines Wirkstofffreisetzungssystem Die zugelassene Liegedauer ist präparate- und indikationsabhängig. Initial Schmierblutungen, später oft schwache Blutungen oder Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung); 52-mg-System zusätzlich für weitere, zeitlich anders begrenzte Indikationen zugelassen [FI6, FI7, LL3].
  • Wirkweise: Gestagenmonopräparate verdicken den Zervixschleim und verändern das Endometrium; Desogestrel und das Etonogestrel-Implantat hemmen zusätzlich überwiegend die Ovulation. Das intrauterine Levonorgestrel wirkt vorwiegend lokal [FI4, FI5, FI6].
  • Indikationen: Kontrazeption nach individueller Beratung, besonders wenn eine östrogenhaltige Methode ungeeignet ist. Eine verkürzte Regelblutung ist keine eigenständige Behandlungsindikation [LL2, FI4, FI5, FI6].
  • Kontraindikationen: Aktuelles Mammakarzinom gilt für hormonelle Methoden als Kontraindikation; nach früherem Mammakarzinom ist eine individuelle fachärztliche Abwägung erforderlich. Bei Levonorgestrel-Intrauterinsystemen zusätzlich unter anderem Schwangerschaft, aktive Zervizitis (Entzündung des Gebärmutterhalses) bzw. entzündliche Beckenerkrankung (Entzündung der inneren Geschlechtsorgane) und eine die Einlage verhindernde Veränderung der Uterushöhle; unerklärte Blutung mit Verdacht auf relevante Erkrankung vor Einlage abklären. Die Eignung unterscheidet sich je nach Methode, insbesondere bei Thrombophilie und vaskulären Risiken [LL2, FI4, FI5, FI6, FI7].
  • Nebenwirkungen: Unregelmäßige Blutungen, Spotting (Schmierblutungen) und Amenorrhoe; je nach Präparat Kopfschmerzen, Akne (Pickel), Brustspannen und Stimmungsschwankungen. Beim Implantat zusätzlich lokale Einlage- oder Entfernungskomplikationen, beim Intrauterinsystem selten Expulsion (Ausstoßung des Intrauterinsystems) oder Perforation (Durchstoßung der Gebärmutterwand) [LL3, FI4, FI5, FI6, FI7].

Einordnung der älteren Präparateliste

  • Depotgestagene: Medroxyprogesteronacetat oder Norethisteron-Enantat können zur Kontrazeption eingesetzt werden, sind wegen möglicher Blutungsunterdrückung und präparatespezifischer Nachteile jedoch keine zielgerichtete Therapie einer Brachymenorrhoe. Bei Depot-Medroxyprogesteronacetat sind Knochendichte und verzögerte Rückkehr der Fertilität in der Beratung zu berücksichtigen [LL2, LL3].
  • Präparateauswahl: Östrogene und Gestagene aus verschiedenen Präparaten dürfen nicht anhand separater Wirkstofflisten frei zu vermeintlichen Kombinationsdosierungen zusammengesetzt werden. Cyproteronacetathaltige Kombinationen sind keine allgemeine Erstwahl allein wegen Kontrazeptionswunsches [LL1, LL2].

Red Flags (Warnzeichen) bei Brachymenorrhoe

  • Schwangerschaftsverdacht mit Unterbauchschmerz, Synkope (Ohnmacht) oder Blutung: extrauterine Schwangerschaft unverzüglich ausschließen.
  • Neu auftretende starke Schmerzen, Fieber, ungewöhnliche Zwischenblutungen oder Blutung nach der Menopause: zeitnahe gynäkologische Abklärung.
  • Unter kombinierter hormoneller Kontrazeption neu auftretende Dyspnoe (Atemnot), Thoraxschmerz (Brustschmerz), einseitige Beinschwellung oder fokal-neurologische Symptome (umschriebene Ausfälle des Nervensystems): sofortige Notfallabklärung wegen möglicher Thromboembolie [LL2, FI1].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • FI: Fachinformation.
  • FSRH: Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare.
  • LL: Leitlinie.
  • MEC: Medical Eligibility Criteria (medizinische Eignungskriterien für Verhütungsmethoden).
  • mg: Milligramm.
  • MMWR: Morbidity and Mortality Weekly Report.
  • s.c.: subkutan.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Hormonelle Empfängnisverhütung. (AWMF-Registernummer: 015-015). Version 4.2, August 2019; Gültigkeit abgelaufen, in Überarbeitung. Langfassung [LL1].
  2. Centers for Disease Control and Prevention. U.S. Medical Eligibility Criteria for Contraceptive Use, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(4):1-126. Volltext; doi: 10.15585/mmwr.rr7304a1 [LL2].
  3. Centers for Disease Control and Prevention. U.S. Selected Practice Recommendations for Contraceptive Use, 2024. MMWR Recomm Rep. 2024;73(3):1-77. Volltext; doi: 10.15585/mmwr.rr7303a1 [LL3].
  4. Faculty of Sexual & Reproductive Healthcare. FSRH Guideline: Combined Hormonal Contraception. Januar 2019, geändert Oktober 2023. Volltext [LL4].

Fachinformationen

  • Microgynon®, 150 Mikrogramm/30 Mikrogramm, überzogene Tabletten. Fachinformation, Oktober 2025. Fachinformation [FI1].
  • NuvaRing®. Fachinformation. Fachinformation [FI2].
  • EVRA 203 Mikrogramm/24 Stunden + 33,9 Mikrogramm/24 Stunden transdermales Pflaster. Fachinformation. Fachinformation [FI3].
  • Cerazette® 75 Mikrogramm Filmtabletten. Fachinformation, März 2024. Fachinformation [FI4].
  • Implanon® NXT 68 mg Implantat. Fachinformation. Fachinformation [FI5].
  • Mirena® 52 mg Intrauterinpessar mit Hormonabgabe. Fachinformation. Fachinformation [FI6].
  • Jaydess® 13,5 mg intrauterines Wirkstofffreisetzungssystem. Fachinformation. Fachinformation [FI7].