Haarwurzelstatus (Trichogramm)

Trichogramm ist ein diagnostisches Verfahren (Untersuchungsmethode) der dermatologischen (die Haut betreffenden) Medizingerätediagnostik (Untersuchung mit medizinischen Geräten) zur mikroskopischen Beurteilung epilierter Haare (ausgezupfter Haare) und insbesondere der Haarwurzeln. Es dient der quantitativen Bestimmung der Haarzyklusphasen (Phasen des Haarwachstumszyklus) (Anagen-, Katagen- und Telogenphase), der Abschätzung der Haarwachstumsdynamik (Haarwachstumsgeschwindigkeit und -verlauf) sowie der Differenzierung verschiedener Formen der Alopezie (Haarausfall) [1-3, 5].

Das Verfahren erlaubt eine semiquantitative Analyse (näherungsweise mengenmäßige Auswertung) der Haarwurzelmorphologie (Struktur der Haarwurzeln) und stellt ein etabliertes, kostengünstiges und wiederholbares Instrument in der klinischen Diagnostik (medizinischen Untersuchung) von Haarerkrankungen dar. Es wird heute häufig durch moderne Verfahren wie die digitale Trichoskopie ergänzt, bleibt jedoch insbesondere bei spezifischen Fragestellungen weiterhin von klinischer Relevanz [2, 3, 5].

Synonyme

  • Trichogramm
  • Haarwurzelanalyse
  • Hair root analysis

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Differentialdiagnostik (Unterscheidung ähnlicher Erkrankungen) von Alopezien
    • Abgrenzung zwischen telogenem Effluvium und anagenem Effluvium [1, 3]
    • Beurteilung androgenetischer Alopezie [2, 5]
    • Diagnostik entzündlicher und narbiger Alopezien (eingeschränkt, ergänzend) [3]
  • Beurteilung der Aktivität einer Alopezie
    • Quantifizierung des Anteils von Telogenhaaren als Aktivitätsmarker [1, 3]
    • Erfassung akuter oder chronischer Haarverlustprozesse [1]
  • Therapiekontrolle
    • Verlaufsbeurteilung unter medikamentöser oder interventioneller Therapie [3, 5]
    • Objektivierung von Therapieansprechen oder Progression [3]
  • Ergänzende Diagnostik bei unklarer Diffusalopezie [3]
  • Wissenschaftliche und klinische Studien zur Haarzyklusdynamik [1]

Vor der Untersuchung

  • Haare sollten mindestens 3-5 Tage vor der Untersuchung nicht gewaschen werden, um eine Verfälschung der Haarwurzelmorphologie (Struktur der Haarwurzeln) zu vermeiden [1]
  • Verzicht auf kosmetische Haarbehandlungen (Färben, Bleichen, Dauerwelle) mindestens 2 Wochen vor der Untersuchung [1]
  • Keine mechanische Manipulation (z. B. intensives Bürsten) unmittelbar vor der Untersuchung

Das Verfahren

  • Standardisierte Epilation (Auszupfen) von etwa 50-100 Haaren aus definierten Arealen der Kopfhaut (typischerweise frontal und okzipital) [1]
  • Sofortige Fixierung und mikroskopische Untersuchung der Haarwurzeln
  • Beurteilung folgender Parameter:
    • Haarzyklusphase (Phase des Haarwachstumszyklus) (Anagen-, Katagen-, Telogenhaar)
    • Morphologie der Haarwurzel (Struktur der Haarwurzel)
    • Strukturelle Auffälligkeiten (z. B. dystrophe Haare, Bruchstellen)
  • Quantitative Auswertung der prozentualen Verteilung der Haarphasen [1, 3]

Vergleich mit anderen diagnostischen Verfahren:

  • Trichoskopie: nichtinvasiv (nicht in den Körper eindringend), visualisiert Haar und Kopfhaut in vivo (am lebenden Gewebe); zunehmend Standardverfahren [2, 5]
  • Phototrichogramm/TrichoScan: digitale, reproduzierbare Verlaufsanalyse der Haardichte und Wachstumsrate
  • Kopfhautbiopsie (Gewebeentnahme der Kopfhaut): invasiv (in den Körper eindringend), Goldstandard bei unklaren narbigen Alopezien [3]
  • Das Trichogramm liefert direkte Informationen zur Haarwurzelmorphologie (Struktur der Haarwurzel), ist jedoch untersucherabhängig und weniger standardisiert als digitale Verfahren [2, 3]

Interpretation der Ergebnisse

  • Anagenphase (Wachstumsphase)
    • Physiologisch (normal) ca. 80-90 % der Haare [1, 3]
    • Dauer etwa 2-6 Jahre
    • Reduktion spricht für gestörtes Haarwachstum oder verstärkten Haarverlust
  • Katagenphase (Übergangsphase)
    • Physiologisch (normal) ca. 1-3 % der Haare [1]
    • Dauer wenige Tage bis Wochen
  • Telogenphase (Ruhephase)
    • Physiologisch (normal) ca. 10-20 % der Haare [1, 3]
    • Dauer etwa 2-4 Monate
    • Erhöhter Anteil typisch für telogenes Effluvium [1, 3]
  • Dystrophe Haare
    • Hinweis auf toxische, entzündliche oder metabolische Schädigungen (Schäden durch Gifte, Entzündungen oder Stoffwechselstörungen) [3]
  • Spezifische Konstellationen
    • Telogenes Effluvium: erhöhter Telogenanteil (> 20-25 %) [1, 3]
    • Anagenes Effluvium: erhöhter Anteil dystropher Anagenhaare [3]
    • Androgenetische Alopezie: relative Verschiebung zugunsten von Telogenhaaren, oft regional unterschiedlich [2, 5]

Follow-up und Wiederholungsuntersuchungen

  • Regelmäßige Verlaufskontrollen möglich, insbesondere bei Therapieüberwachung [3]
  • Untersuchungsintervalle abhängig von Erkrankung und Therapie, typischerweise alle 3-6 Monate [3]
  • Vergleichbarkeit nur bei standardisierter Entnahmetechnik und identischen Untersuchungsbedingungen gegeben

Literatur

  1. Serrano-Falcón C, Fernández-Pugnaire MA, Serrano-Ortega S. Hair and scalp evaluation: the trichogram. Actas Dermosifiliogr. 2013;104(10):867-876. https://doi.org/10.1016/j.ad.2013.03.004
  2. Galliker NA, Trüeb RM. Value of trichoscopy versus trichogram for diagnosis of female androgenetic alopecia. Int J Trichology. 2012;4(1):19-22. https://doi.org/10.4103/0974-7753.96080
  3. Wolff H, Fischer TW, Blume-Peytavi U. The diagnosis and treatment of hair and scalp diseases. Dtsch Arztebl Int. 2016;113(21):377-386. https://doi.org/10.3238/arztebl.2016.0377
  4. Moodi F, Behrangi E, Rohaninasab M, Bazargan AS, Khosravi S, Goodarzi A. A comprehensive review on trichogram and trichoscopy in dermatology. Pak J Med Health Sci. 2021;15(5):1576-1580. https://doi.org/10.53350/pjmhs211551576
  5. Alessandrini A, Bruni F, Piraccini BM, Starace M. Common causes of hair loss - clinical manifestations, trichoscopy and therapy. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2021;35(3):629-640. https://doi.org/10.1111/jdv.17079