Wurzelresorption – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Stillstand einer infektionsbedingten entzündlichen Wurzelresorption durch Beseitigung der Wurzelkanalinfektion, Erhalt des betroffenen Zahnes und Vermeidung weiterer Hartsubstanzverluste. Bereits resorbierte Wurzelsubstanz wird durch die medikamentöse Behandlung nicht wiederhergestellt [3, LL2].

Therapieempfehlungen

Eine medikamentöse Standardtherapie für sämtliche Formen der Wurzelresorption existiert nicht. Die intrakanaläre (innerhalb des Wurzelkanals angewendete) Medikation mit Calciumhydroxid ist insbesondere bei einer infektionsbedingten externen (von der äußeren Wurzeloberfläche ausgehenden) entzündlichen Resorption Bestandteil der endodontischen Behandlung. Sie ersetzt weder die Aufbereitung und Desinfektion des Wurzelkanalsystems noch dessen definitive Versorgung [LL2, LL3].

Die Behandlung richtet sich nach der Resorptionsform:

Resorptionsform Stellenwert der medikamentösen Behandlung
Infektionsbedingte externe entzündliche Resorption Unverzügliche Wurzelkanalbehandlung mit Desinfektion und intrakanalärer Calciumhydroxid-Einlage bei erhaltungsfähigem Zahn [LL3, LL4].
Progressive interne Resorption (fortschreitender Abbau von Zahnsubstanz aus dem Wurzelkanal heraus) Entfernung des resorptionsunterhaltenden Pulpagewebes (Zahnmarks) und Wurzelkanaldesinfektion; Calciumhydroxid kann als Zwischeneinlage eingesetzt werden. Eine alleinige Einlage ist keine definitive Behandlung [3, LL2].
Transiente Oberflächenresorption (vorübergehender oberflächlicher Abbau von Wurzelsubstanz) und transiente interne Resorption Ohne zusätzliche endodontische Indikation keine routinemäßige intrakanaläre Medikation; Verlaufskontrolle [LL1, LL2].
Externe Ersatzresorption (Ersatz der Zahnwurzel durch Knochen) mit Ankylose (Verwachsung des Zahnes mit dem Kieferknochen) Calciumhydroxid kann den knöchernen Ersatz der Zahnwurzel nicht aufhalten. Keine Wurzelkanalbehandlung allein wegen der Ersatzresorption [3, LL2].
Kieferorthopädisch oder anderweitig druckbedingte externe Resorption Behandlung des auslösenden Faktors; keine routinemäßige Calciumhydroxid-Einlage bei fehlender Wurzelkanalinfektion [3, LL2].
Externe zervikale Resorption (vom Zahnhalsbereich ausgehender Abbau von Zahnsubstanz) Defektbezogene Behandlung; eine Wurzelkanalbehandlung ist nur bei entsprechender Beteiligung beziehungsweise endodontischer Indikation erforderlich. Keine pauschale intrakanaläre Medikation [3, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Alkalische intrakanaläre Antiseptika: Calciumhydroxid

Wirkstoff Besonderheiten
Calciumhydroxid Nach Reinigung und Trocknung kontrolliert bis zur festgelegten Arbeitslänge einbringen; Überpressen vermeiden. Dichter temporärer koronaler (zur Zahnkrone hin gelegener) Verschluss. Vor der definitiven Wurzelkanalfüllung entfernen [LL6, GI1].
  • Wirkweise: Der hohe pH-Wert vermittelt eine antimikrobielle Wirkung. Ziel ist die Reduktion des infektiösen Reizes, der die entzündliche Resorption unterhält [LL3, GI1].
  • Indikation: Intrakanaläre Zwischeneinlage bei infektionsbedingter externer entzündlicher Resorption; ergänzend bei ausgewählten Fällen progressiver interner Resorption im Rahmen einer Wurzelkanalbehandlung [3, LL3].
  • Kontraindikationen: Bekannte Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des verwendeten Präparates. Fehlende Infektion bei einer anderen Resorptionsform begründet keine Indikation für eine Calciumhydroxid-Einlage [LL2, GI1].
  • Nebenwirkungen: Ätzwirkung bei Kontakt mit Haut, Schleimhäuten oder Augen; Gewebeschädigung bei Extrusion (Austritt des Materials über die Wurzel hinaus). Eine langfristige Exposition kann Dentin (Zahnbein) schwächen; entsprechende experimentelle Befunde sind insbesondere bei dünnwandigen, wurzelunreifen Zähnen zu berücksichtigen [1, GI1].

Behandlungsdauer und Wechselintervalle

Die Empfehlungen zur Dauer bei bereits bestehender infektionsbedingter Resorption sind nicht einheitlich: Die ESE nennt mindestens 4 Wochen; die IADT beschreibt eine initiale Einlage für 3 Wochen und einen anschließenden Ersatz alle 3 Monate bis zum Verschwinden der resorptionsbedingten Aufhellungen. Ein allgemeiner Vorteil einer monatelangen Behandlung gegenüber kürzeren Protokollen ist nicht gesichert. Über Fortführung und definitive Wurzelkanalfüllung entscheiden Infektionskontrolle und klinisch-radiologischer Verlauf [LL3, LL4].

Glukokortikoid-Antibiotika-Kombinationen: ausgewählte Alternative

Wirkstoff Besonderheiten
Triamcinolonacetonid und Demeclocyclin Keine belegte klinische Überlegenheit gegenüber Calciumhydroxid allein. Zahnverfärbungen möglich; Kontakt mit der Zugangskavität vermeiden. Keine routinemäßige Anwendung bei sämtlichen Resorptionsformen [LL3, LL4].
  • Wirkweise: Triamcinolonacetonid wirkt entzündungshemmend; Demeclocyclin hemmt die bakterielle Proteinsynthese [FI1].
  • Indikation: Ausgewählte intrakanaläre Alternative bei infektionsbedingter externer entzündlicher Resorption. Eine höhere Erfolgsrate als unter Calciumhydroxid allein ist nicht nachgewiesen [LL3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoffe, Kortikoide, Tetracycline, Natriumsulfit oder weitere Bestandteile; Pulpitis purulenta (eitrige Entzündung des Zahnmarks). Während Schwangerschaft und Stillzeit soll das Präparat nicht angewendet werden [FI1].
  • Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schweren allergischen Allgemeinreaktion), sulfitbedingte Bronchospasmen (Verkrampfungen der Atemwege) und Zahnverfärbungen. Längerer Kontakt mit offener vitaler Pulpa (lebendem Zahnmark) kann deren Schädigung begünstigen [LL4, FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Begleitende Wurzelkanaldesinfektion: Natriumhypochlorit

Natriumhypochlorit ist eine Spüllösung zur endodontischen Reinigung und Desinfektion; es ist keine über Wochen verbleibende medikamentöse Einlage [LL6].

Wirkstoff Besonderheiten
Natriumhypochlorit Kofferdamisolation, langsame druckarme Applikation und sichere Absaugung. Bei offenem Apex (offener Wurzelspitze) oder Perforation (Durchbruch der Wurzelwand) besondere Extrusionsgefahr; präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [FI2].
  • Wirkweise: Antimikrobielle Wirkung und Auflösung organischen Gewebes [FI2].
  • Indikation: Reinigung und Desinfektion des Wurzelkanalsystems während der endodontischen Behandlung infektionsbedingter beziehungsweise progressiver interner Resorptionen [3, LL6].
  • Kontraindikationen: Präparatespezifische Überempfindlichkeit; für HISTOLITH NaOCl 5 % zusätzlich offenes Foramen apicale (offene Austrittsöffnung an der Wurzelspitze). Diese produktbezogene Gegenanzeige ist insbesondere bei resorptionsbedingt eröffnetem Apex relevant [FI2].
  • Nebenwirkungen: Bei Fehlapplikation starke Schmerzen, Schwellung, Gewebsnekrosen (Absterben von Gewebe) und mögliche Nervenschädigung. Keine direkte Mischung mit Chlorhexidin; inkompatible Spüllösungen müssen durch ein geeignetes Zwischenprotokoll getrennt werden [LL6, FI2].

Beachte

  1. Bestehende Resorption und Prophylaxe unterscheiden: Nach Replantation eines avulsierten bleibenden Zahnes mit geschlossenem Apex empfiehlt die IADT den Beginn der Wurzelkanalbehandlung innerhalb von 2 Wochen und Calciumhydroxid für bis zu 1 Monat. Diese prophylaktische Empfehlung ist nicht mit dem Vorgehen bei bereits etablierter entzündlicher Resorption gleichzusetzen [LL5].
  2. Unterschiedliche Kortikosteroid-Protokolle: Für die frühe Behandlung nach Replantation nennt die IADT bei Wahl einer Kortikosteroid- beziehungsweise Kortikosteroid-Antibiotika-Einlage mindestens 6 Wochen. Das ist ein anderes Anwendungsszenario als das ESE-Protokoll bei etablierter infektionsbedingter Resorption [LL3, LL5].
  3. Systemische Antibiotika: Wurzelresorption allein ist keine ausreichende Indikation. Eine etwaige Anwendung richtet sich nach der Begleitverletzung und Infektionssituation. Die deutsche S2k-Leitlinie empfiehlt eine zurückhaltende Indikationsstellung und spricht wegen fehlender klinischer Daten keine Empfehlung für systemisches Doxycyclin bei schweren Dislokationsverletzungen (Verletzungen mit Verlagerung eines Zahnes) aus [LL1].
  4. Wurzelunreife Zähne: Langfristige Calciumhydroxid-Einlagen allein zur Apexifikation sollen wegen der Frakturgefahr (Bruchgefahr) nicht unkritisch fortgeführt werden; bei geeigneter Indikation sind Verfahren mit apikaler Barriere zu berücksichtigen [1, LL3].
  5. Regenerative endodontische Verfahren: Eine systematische Übersicht von 2026 berichtet ermutigende Ergebnisse bei traumatisierten wurzelunreifen Zähnen mit externer entzündlicher Resorption. Die Evidenz umfasst jedoch lediglich 20 Zähne und überwiegend Fallberichte. Daraus lässt sich keine gesicherte Überlegenheit gegenüber etablierten Behandlungsverfahren ableiten [2].
  6. Nachsorge: Klinische und radiologische Kontrollen müssen den Stillstand der Resorption und die Heilung dokumentieren. Nach Zahntrauma (Zahnverletzung) empfiehlt die deutsche Leitlinie klinische Kontrollen nach 3 Wochen, 6 Wochen, 3 Monaten, 6 Monaten und 12 Monaten sowie anschließend jährliche Kontrollen für mindestens die ersten 5 Jahre; radiologische Kontrollen erfolgen risikoadaptiert [LL1].

Abkürzungen

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • DGMKG: Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.
  • DGZMK: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.
  • ESE: European Society of Endodontology; Europäische Gesellschaft für Endodontologie.
  • IADT: International Association of Dental Traumatology; Internationale Gesellschaft für Zahntraumatologie.
  • NaOCl: Natriumhypochlorit.
  • S2k: Klassifikation einer strukturiert konsensbasierten Leitlinie.
  • LL: Leitlinie beziehungsweise Konsensuspapier.
  • FI: Fachinformation.
  • GI: Gebrauchsanweisung.
  • doi: Digital Object Identifier; dauerhafte digitale Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.

Literatur

  1. Andreasen JO, Farik B, Munksgaard EC: Long-term calcium hydroxide as a root canal dressing may increase risk of root fracture. Dent Traumatol. 2002;18(3):134-137. doi: 10.1034/j.1600-9657.2002.00097.x
  2. Al Khourdaji G, Fasham T, Elbhar S, Galler KM, Boukpessi T: Revitalization in Traumatized Immature Teeth With External Inflammatory Root Resorption: A Systematic Review. Dent Traumatol. 2026. Online veröffentlicht am 20.05.2026. doi: 10.1111/edt.70082
  3. Patel S, Saberi N, Pimental T, Teng PH: Present status and future directions: Root resorption. Int Endod J. 2022;55(Suppl 4):892-921. doi: 10.1111/iej.13715

Leitlinien und Konsensuspapiere

  1. S2k-Leitlinie: Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne. DGMKG und DGZMK. (AWMF-Registernummer: 083 - 004), März 2022, Version 2.0, gültig bis 30.03.2027. Langfassung [LL1]
  2. Positionspapier der European Society of Endodontology: Patel S et al.: ESE position statement on root resorption. Int Endod J. 2023;56(7):792-801. doi: 10.1111/iej.13916 [LL2]
  3. Positionspapier der European Society of Endodontology: European Society of Endodontology: European Society of Endodontology position statement: endodontic management of traumatized permanent teeth. Int Endod J. 2021;54(9):1473-1481. doi: 10.1111/iej.13543 [LL3]
  4. IADT-Leitlinie: Bourguignon C et al.: International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 1. Fractures and luxations. Dent Traumatol. 2020;36(4):314-330. doi: 10.1111/edt.12578 [LL4]
  5. IADT-Leitlinie: Fouad AF et al.: International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 2. Avulsion of permanent teeth. Dent Traumatol. 2020;36(4):331-342. doi: 10.1111/edt.12573 [LL5]
  6. Expertenkonsens: Zou X et al.: Expert consensus on irrigation and intracanal medication in root canal therapy. Int J Oral Sci. 2024;16:23. doi: 10.1038/s41368-024-00280-5 [LL6]

Fachinformationen

  1. Esteve Pharmaceuticals GmbH: Ledermix, Dentalpaste. Fachinformation, Stand März 2022. Fachinformation [FI1]
  2. lege artis Pharma GmbH + Co. KG: HISTOLITH NaOCl 5 %, Dentallösung. Gebrauchs- und Fachinformation, Stand September 2019. Herstellerinformationen und Download der Gebrauchs- und Fachinformation [FI2]

Gebrauchsanweisungen

  1. VOCO GmbH: Calcicur, gebrauchsfertige Calciumhydroxidpaste. Produktinformationen; Gebrauchsanweisung [GI1]