Karies – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Inaktivierung aktiver kariöser Läsionen (durch Zahnfäule geschädigter Stellen), Erhalt der Zahnhartsubstanz (harten Zahnanteile) und Vermeidung einer Progression zur Pulpa (Zahnmark). Die lokale kariostatische Therapie ist Bestandteil eines zahnärztlichen Gesamtkonzepts. Sie kann eine nichtrestaurative Behandlung oder eine Überbrückung bis zur definitiven Versorgung ermöglichen; verlorene Zahnsubstanz und eine bestehende Kavität (ein Loch im Zahn) werden dadurch nicht anatomisch wiederhergestellt [LL1].

Therapieempfehlungen

Schwerpunkt ist die gezielte Behandlung bestehender Läsionen. Allgemeine Fluoridierung und Behandlung initialer, nichtkavitierter Läsionen werden unter Karies/Prävention behandelt. Dort finden sich auch weiterführende Inhalte zur Zahnschmelz-Remineralisierung, zum Kariesschutz durch Xylit und zur diätetischen Beratung. Diese Maßnahmen bleiben die Basis des Gesamtkonzepts [LL2].

  1. Befundbezogene Auswahl: Läsionsaktivität, Kavitation, Zahnfläche, Reinigungsfähigkeit und restaurativen Behandlungsbedarf beurteilen. Bei Verdacht auf Pulpitis (Zahnmarkentzündung), Pulpanekrose (Absterben des Zahnmarks) oder apikale Infektion (Infektion an der Wurzelspitze) ist eine alleinige lokale Kariostase ungeeignet; erforderlich ist die entsprechende zahnärztliche Behandlung [LL1, LL3].
  2. Kavitierte Milchzahnläsionen: 38%iges Silberdiaminfluorid (SDF) ist eine evidenzgestützte Möglichkeit zur Arretierung ausgewählter aktiver Dentinläsionen (Schädigungen des Zahnbeins). Besonders relevant ist dies bei eingeschränkter Kooperation oder erschwerter restaurativer Versorgung. Aufklärung über bleibende Schwarzverfärbung und gesicherte Nachkontrollen sind erforderlich [1, LL3].
  3. Evidenz einordnen: Der Cochrane-Review 2024 bewertete die Evidenz zur Arretierung im Milchgebiss als niedrig, an bleibenden Kronen- und Wurzelflächen als sehr niedrig. Eine anschließend veröffentlichte randomisierte Studie mit 830 Kindern zeigte nach sechs Monaten eine Arretierung von 54,0 % der Läsionen mit 38%igem SDF gegenüber 22,5 % mit Placebo. Die Ergebnisse stützen die Behandlung aktiver kavitierter Milchzahnläsionen; sie belegen keine gleichartige Wirksamkeit bei allen Kariesformen [1, 2].
  4. Aktive Wurzelkaries (Zahnfäule an der Zahnwurzel): Die ADA-Leitlinie nennt 5.000-ppm-Fluoridzahnpasta oder entsprechendes Gel als bevorzugte lokale Option; die Empfehlung ist bedingt. Die deutsche Fachinformation der unten genannten Zahnpaste weist Kariesvorbeugung als Zulassungsindikation aus. Therapeutisches Leitlinienkonzept und zugelassene Indikation sind zu unterscheiden [3, LL1, FI1].
  5. Initialläsionen: Indikationsbezogene professionelle Fluoridlackapplikation und gegebenenfalls Versiegelung oder Infiltration siehe Karies/Prävention. Die allgemeine präventive Fluoridanwendung wird dort dargestellt [LL1, LL2].

Produktbezogene Anwendungsgrenzen: Internationale Empfehlungen für 38%iges SDF begründen keine pauschale Anwendungserlaubnis für ein deutsches Medizinprodukt. Die zitierte deutsche Riva-Star-Gebrauchsanweisung nennt Desensibilisierung überempfindlicher Zahnhälse als Zweckbestimmung und schränkt die Anwendung bei kariösen Läsionen ausdrücklich ein. Eine eigenständige Empfehlung dieses Produkts zur offenen Kariesarretierung wird daraus nicht abgeleitet. Maßgeblich sind die aktuelle Gebrauchsanweisung des tatsächlich eingesetzten Produkts und die Voraussetzungen einer Anwendung außerhalb der Zweckbestimmung [FI3].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Silberhaltige lokale Kariostatika

Wirkstoff Besonderheiten
Silberdiaminfluorid, 38 % (SDF) Keine Selbstanwendung. Präparatbezogene Zweckbestimmung prüfen. Dauerhafte Schwarzverfärbung kariöser Zahnhartsubstanz; keine anatomische Wiederherstellung. Ammoniakfreies Silberfluorid ist chemisch nicht mit SDF identisch [1, FI3, FI4].
  • Wirkweise: Antimikrobielle Silberwirkung und lokale Fluoridwirkung unterstützen die Inaktivierung und Härtung kariösen Dentins [1, LL4].
  • Indikation: Ausgewählte aktive kavitierte Dentinläsionen ohne Zeichen einer pulpalen Erkrankung; beste aktuelle direkte Evidenz für Milchzähne. Bei bleibenden Zähnen ist die Datenlage schwächer; keine pauschale Übertragung auf sämtliche Wurzelläsionen [1, 2].
  • Kontraindikationen: Allergie gegen Bestandteile, insbesondere Silber; bei offener Pulpa oder Verdacht auf pulpale Erkrankung keine alleinige SDF-Behandlung. Nicht auf ulzerierte Schleimhaut (Schleimhaut mit offenen Wunden) applizieren. Bei zweistufigen Systemen mit Kaliumiodid zusätzliche produktbezogene Einschränkungen beachten; die zitierte Riva-Star-Anweisung nennt unter anderem laufende Schilddrüsentherapie und Allergien gegen Inhaltsstoffe [LL3, LL5, FI3].
  • Nebenwirkungen: Dauerhafte dunkle Verfärbung behandelter kariöser Bereiche; vorübergehende Verfärbung von Haut oder Schleimhaut und lokale Reizung bei Fehlkontakt. Weichgewebe und Augen schützen. Eine dauerhafte Verhinderung der Schwarzverfärbung durch Kaliumiodid darf nicht zugesichert werden [LL4, LL5, FI3].

Lokale Fluoride bei bestehender Wurzelkaries

Wirkstoff Besonderheiten
Natriumfluorid; Zahnpaste mit 5 mg/g Fluorid entsprechend 5.000 ppm Verschreibungspflichtig. Bestehende Wurzelkaries erfordert eine individuelle zahnärztliche Behandlungsentscheidung und Verlaufskontrolle. Die höhere Konzentration ersetzt weder Biofilmmanagement noch eine erforderliche restaurative Versorgung [3, LL1].
  • Wirkweise: Hemmung der Demineralisation (Mineralstoffverlust der Zahnsubstanz) und Förderung der Remineralisation an der Zahnoberfläche [LL2].
  • Indikation: Leitliniengestützte lokale Option bei aktiven nichtkavitierten oder kavitierten Wurzelläsionen. Zulassungsindikation des genannten Präparats ist die Kariesvorbeugung bei erhöhtem Risiko ab 16 Jahren [LL1, FI1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Inhaltsstoffe; nicht für Personen unter 16 Jahren vorgesehen. Sichere Anwendung und Ausspucken müssen gewährleistet sein. Weitere Fluoridquellen berücksichtigen. In Schwangerschaft und Stillzeit Anwendung nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung [FI1].
  • Nebenwirkungen: Überempfindlichkeitsreaktionen und lokale Reizungen; bei relevantem Verschlucken Gefahr einer Fluoridintoxikation (Vergiftung durch Fluorid). Chronische Überexposition vermeiden [FI1].

Fluoridlack als ergänzende lokale Maßnahme: 5%iger Natriumfluoridlack entspricht etwa 22.600 ppm Fluorid. Läsionsbezogene Einsatzmöglichkeiten sind im Präventionskapitel dargestellt. Bei Duraphat-Dentalsuspension sind insbesondere Allergien gegen Inhaltsstoffe, ulzerierende Gingivitis (Zahnfleischentzündung mit offenen Wunden) oder Stomatitis (Mundschleimhautentzündung) und allergisches Asthma bronchiale (allergisch bedingte Erkrankung mit anfallsweiser Atemwegsverengung) als Gegenanzeigen zu beachten. Produkte anderer Zusammensetzung sind anhand ihrer eigenen Informationen zu beurteilen [FI2].

Beachte

  • Kontrollierte Behandlung: Eine erste klinische Kontrolle nach SDF kann nach etwa 2-4 Wochen erfolgen; weitere Kontrollen und Wiederholungen richten sich nach Befund und zulässigem Behandlungskonzept. Entscheidend sind Läsionsaktivität und Härtung, nicht die Schwarzfärbung allein. Bei fortbestehender Aktivität, Beschwerden oder Progression Behandlung anpassen [LL3].
  • Chlorhexidin: Antiseptikum, kein Antibiotikum. Eine gegebenenfalls präventive Lackanwendung ist unter Karies/Prävention einzuordnen; daraus ergibt sich keine gleichwertige Standardtherapie zur Arretierung kavitierter Läsionen [LL1, LL2].

Abkürzungen

  • ADA: American Dental Association
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • FI: Fachinformation; bei Medizinprodukten Verweis auf Gebrauchsanweisung oder Herstellerinformation
  • LL: Leitlinie beziehungsweise fachgesellschaftliche Handlungsempfehlung
  • ppm: parts per million; Teile pro Million
  • SDF: Silberdiaminfluorid

Literatur

  1. Fontana M, Moursi A, Gonzalez-Cabezas C et al.: Efficacy of Silver Diamine Fluoride on Young Children With Severe Early Childhood Caries: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr. 2026;180(9):942-950. doi: 10.1001/jamapediatrics.2026.2567.
  2. Worthington HV, Lewis SR, Glenny AM et al.: Topical silver diamine fluoride (SDF) for preventing and managing dental caries in children and adults. Cochrane Database Syst Rev. 2024;11:CD012718. doi: 10.1002/14651858.cd012718.pub2.
  3. Ekstrand KR, Poulsen JE, Hede B et al.: A randomized clinical trial of the anti-caries efficacy of 5,000 compared to 1,450 ppm fluoridated toothpaste on root caries lesions in elderly disabled nursing home residents. Caries Res. 2013;47(5):391-398. doi: 10.1159/000348581.

Leitlinien

  1. Slayton RL, Urquhart O, Araujo MWB et al.: Evidence-based clinical practice guideline on nonrestorative treatments for carious lesions: A report from the American Dental Association. J Am Dent Assoc. 2018;149(10):837-849.e19. doi: 10.1016/j.adaj.2018.07.002. Leitlinie und Anwendungstabellen [LL1]
  2. S3-Leitlinie: Kariesprävention bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen. (AWMF-Registernummer: 083 - 021), Stand 28. Januar 2025, Version 2.0. Langfassung [LL2]
  3. American Academy of Pediatric Dentistry: Chairside Guide: Silver Diammine Fluoride in the Management of Dental Caries Lesions. Praktische Handlungsempfehlung zur SDF-Leitlinie, Revision 2025. The Reference Manual of Pediatric Dentistry 2025-2026:678-679. Volltext [LL3]
  4. American Academy of Pediatric Dentistry: Policy on the Use of Silver Diammine Fluoride for Pediatric Dental Patients. Fachgesellschaftliche Stellungnahme, Revision 2023. The Reference Manual of Pediatric Dentistry 2025:113-115. Volltext [LL4]
  5. Scottish Dental Clinical Effectiveness Programme: Prevention and Management of Dental Caries in Children. Abschnitt Silver diamine fluoride. Online-Handlungsempfehlung [LL5]

Fachinformationen

  1. CP GABA GmbH: Duraphat Fluorid 5 mg/g Zahnpaste. Fachinformation, Stand Januar 2023. Fachinformation [FI1]
  2. CP GABA GmbH: Duraphat, 50 mg/ml Dentalsuspension. Fachinformation, Stand August 2022. Fachinformation [FI2]

Gebrauchsanweisungen und Herstellerinformationen zu Medizinprodukten

  1. SDI Limited: Riva Star, Kapselsystem. Deutsche Gebrauchsanweisung; im Dokument ausgewiesene Überarbeitung März 2015. Herstellerdokument. Die aktuelle Gebrauchsanweisung des tatsächlich eingesetzten Produkts ist maßgeblich [FI3]
  2. SDI Limited: Riva Star Aqua. Deutsche Herstellerinformation zum ammoniakfreien Silberfluorid-System zur Desensibilisierung. Produktinformation und Gebrauchsanweisungen [FI4]