aPTT (aktivierte partielle Thromboplastinzeit)

Die aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT) ist ein Globaltest (Suchtest) der plasmatischen Blutgerinnung (Blutgerinnung im Blutplasma) zur orientierenden Beurteilung des intrinsischen und gemeinsamen Gerinnungssystems (inneren und gemeinsamen Gerinnungssystems). Sie erfasst insbesondere die Gerinnungsfaktoren VIII, IX, XI und XII sowie die gemeinsame Endstrecke mit den Faktoren II, V, X und Fibrinogen. Die aPTT ist kein Globaltest der primären Hämostase (ersten Blutstillung) und erlaubt keine sichere Aussage zur Thrombozytenfunktion (Funktion der Blutplättchen) oder zur Von-Willebrand-Faktor-Funktion.

Die frühere Bezeichnung partielle Thromboplastinzeit (PTT) ist fachlich unpräzise, da moderne Testsysteme unter Zusatz eines Kontaktaktivators (aktivierenden Stoffes) durchgeführt werden. Der Test ist stark reagenz-, geräte- und laborabhängig; daher sind lokale Referenzbereiche und methodenspezifische therapeutische Zielbereiche verbindlich.

Synonyme

  • Aktivierte partielle Thromboplastinzeit
  • Activated partial thromboplastin time
  • aPTT
  • APTT

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Citrat-Blut, in der Regel 3,2 % Natriumcitrat, Mischungsverhältnis Blut zu Citrat 9:1
  • Citrat-Plasma, thrombozytenarm, insbesondere bei Lupus-Antikoagulans-Diagnostik erforderlich

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Vor der Blutentnahme ist eine laufende Antikoagulation (Gerinnungshemmung) zu dokumentieren, insbesondere unfraktioniertes Heparin, niedermolekulares Heparin, direkte orale Antikoagulantien, Vitamin-K-Antagonisten und Fondaparinux.
  • Bei Verlaufskontrollen unter unfraktioniertem Heparin muss die Blutentnahme zeitlich konsistent zur Applikation (Verabreichung) erfolgen.
  • Bei Abklärung einer verlängerten aPTT sollte die Blutentnahme möglichst nicht aus heparinisierten Kathetern (Kunststoffschläuchen) erfolgen.

Störfaktoren

  • Präanalytische Störfaktoren
    • Unterfüllung oder Überfüllung des Citrat-Röhrchens
    • Unzureichendes Mischen des Citrat-Blutes
    • Gerinnselbildung in der Probe
    • Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), Lipämie (Fetttrübung) oder Ikterus (Gelbsucht), abhängig vom Messsystem
    • Verzögerte Zentrifugation (Schleuderung) oder ungeeignete Lagerung
    • Kontamination (Verunreinigung) mit Heparin, insbesondere bei Blutentnahme aus zentralvenösen Kathetern
    • Sehr hoher Hämatokrit, insbesondere >55 %, mit erforderlicher Citratkorrektur
  • Analytische und pharmakologische Störfaktoren
    • Unfraktioniertes Heparin verlängert die aPTT meist deutlich.
    • Direkte Thrombininhibitoren können die aPTT verlängern.
    • Direkte Faktor-Xa-Inhibitoren können die aPTT abhängig von Reagenz und Konzentration beeinflussen; eine normale aPTT schließt eine relevante Wirkstoffexposition nicht sicher aus.
    • Lupus-Antikoagulans kann die aPTT verlängern, ohne dass zwingend eine Blutungsneigung vorliegt.
    • Erhöhte Faktor-VIII-Spiegel, Entzündung, Schwangerschaft und Akutphase-Reaktionen können die aPTT verkürzen oder eine milde Faktordefizienz (Faktormangel) maskieren.

Methode

  • Gerinnungszeitmessung im Citrat-Plasma nach Zugabe von Phospholipid, Kontaktaktivator und Calcium
  • Kontaktaktivatoren je nach Testsystem, z. B. Silica, Kaolin oder Ellagsäure
  • Endpunkterfassung optisch, mechanisch oder fotooptisch, abhängig vom Analysensystem
  • Die aPTT ist methodenspezifisch; Ergebnisse verschiedener Labore sind nur eingeschränkt vergleichbar.

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Situation Referenzbereich / Bewertungsbereich
Erwachsene Ca. 25-38 s, methoden- und laborabhängig
Neugeborene Physiologisch verlängert; Bewertung nur mit alters- und methodenspezifischen Referenzbereichen
Therapie mit unfraktioniertem Heparin Therapeutischer Zielbereich labor- und reagenzspezifisch; häufig historisch etwa 1,5-2,5-fache Verlängerung gegenüber Ausgangswert, heute bevorzugt kalibriert gegen Anti-Xa-Aktivität
Verkürzte aPTT Hinweis auf Akutphase-Reaktion, erhöhte Faktor-VIII-Aktivität, präanalytische Einflüsse oder Hyperkoagulabilität (erhöhte Gerinnungsneigung); keine eigenständige Diagnosesicherung

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen

  • Abklärung einer ungeklärten Blutungsneigung, insbesondere bei positiver Eigen- oder Familienanamnese (eigener oder familiärer Krankengeschichte)
  • Abklärung einer isoliert oder kombiniert verlängerten Gerinnungszeit
  • Diagnostik bei Verdacht auf Hämophilie A (Bluterkrankheit A), Hämophilie B (Bluterkrankheit B) oder Faktor-XI-Mangel
  • Orientierende Diagnostik bei Verdacht auf erworbene Gerinnungsstörungen (Störungen der Blutgerinnung), z. B. erworbene Faktor-VIII-Inhibitoren
  • Überwachung einer Therapie mit unfraktioniertem Heparin, sofern im jeweiligen Labor hierfür validiert
  • Diagnostischer Baustein bei Verdacht auf Lupus-Antikoagulans, jedoch nur im Rahmen spezifischer Testalgorithmen
  • Abklärung von Verbrauchskoagulopathie (Verbrauch von Gerinnungsfaktoren), Leberinsuffizienz (Leberfunktionsschwäche) oder schwerem Vitamin-K-Mangel im Kontext weiterer Gerinnungsparameter
  • Präoperative Gerinnungsdiagnostik (Gerinnungsuntersuchung vor einer Operation) nur bei entsprechender Blutungsanamnese (Blutungsvorgeschichte), Antikoagulanzienexposition, Lebererkrankung, schwerer Systemerkrankung oder eingriffsbezogener Indikation; kein generelles Screening (Suchuntersuchung) ohne klinischen Hinweis

Interpretation

Verlängerte Werte

  • Isoliert verlängerte aPTT bei normalem Quick-Wert/normaler Prothrombinzeit
    • Hämophilie A, Faktor-VIII-Mangel
    • Hämophilie B, Faktor-IX-Mangel
    • Faktor-XI-Mangel
    • Faktor-XII-Mangel, Präkallikrein-Mangel oder High-Molecular-Weight-Kininogen-Mangel, typischerweise ohne Blutungsneigung
    • Von-Willebrand-Erkrankung (erbliche Blutungsneigung) mit sekundär verminderter Faktor-VIII-Aktivität
    • Lupus-Antikoagulans
    • Unfraktioniertes Heparin oder direkte Thrombininhibitoren
    • Erworbener Faktor-VIII-Inhibitor, insbesondere bei neu aufgetretener Blutungsneigung und stark verlängerter aPTT
  • Verlängerte aPTT und verlängerter Quick-Wert/verlängerte Prothrombinzeit
    • Schwere Leberinsuffizienz
    • Schwerer Vitamin-K-Mangel oder Vitamin-K-Antagonisten-Therapie
    • Verbrauchskoagulopathie, disseminierte intravasale Gerinnung (Gerinnungsaktivierung im gesamten Gefäßsystem)
    • Massive Transfusion (Blutübertragung) oder Verdünnungskoagulopathie (Verdünnung der Gerinnungsfaktoren)
    • Schwerer Fibrinogenmangel oder Dysfibrinogenämie (Funktionsstörung des Fibrinogens)
    • Überdosierung oder Akkumulation (Anreicherung) von Antikoagulantien

Erniedrigte beziehungsweise verkürzte Werte

  • Erhöhte Faktor-VIII-Aktivität, z. B. bei Entzündung, Stress, Schwangerschaft oder Akutphase-Reaktion
  • Erhöhte Fibrinogenkonzentration
  • Präanalytische Einflüsse, z. B. schwierige Blutentnahme oder Aktivierung der Probe
  • Hinweis auf prokoagulatorische Konstellation (gerinnungsfördernde Konstellation) möglich, jedoch keine ausreichende Grundlage für eine Thrombophiliediagnostik (Diagnostik einer erhöhten Thromboseneigung)

Spezifische Konstellationen

  • Mischversuch
    • Korrektur der aPTT nach Mischung mit Normalplasma spricht für einen Faktormangel.
    • Ausbleibende Korrektur spricht für einen Inhibitor (Hemmstoff), z. B. Lupus-Antikoagulans oder spezifischen Faktor-Inhibitor.
    • Zeitabhängige Inhibitoren, insbesondere Faktor-VIII-Inhibitoren, können erst nach Inkubation (Bebrütung) auffällig werden.
  • Lupus-Antikoagulans
    • Eine verlängerte aPTT durch Lupus-Antikoagulans ist in vitro (im Reagenzglas) eine Gerinnungsverlängerung, klinisch jedoch häufiger mit Thromboserisiko (Risiko für Blutgerinnsel) als mit Blutungsneigung assoziiert.
    • Die Diagnostik erfordert phospholipidabhängige Screening-, Misch- und Bestätigungstests und darf nicht allein aus der aPTT abgeleitet werden.
  • Unfraktioniertes Heparin
    • Die aPTT kann zur Therapieüberwachung verwendet werden, wenn das verwendete Reagenz hierfür validiert ist.
    • Bei Intensivpatienten, Entzündung, stark erhöhtem Faktor VIII, Lupus-Antikoagulans oder Heparinresistenz (verminderte Heparinwirkung) ist die Anti-Xa-Aktivität häufig aussagekräftiger.

Differentialdiagnostik von Quick-Wert/Prothrombinzeit und aPTT

Konstellation Wahrscheinliche Interpretation/Verdachtsdiagnosen Weiteres Vorgehen
Quick-Wert vermindert / Prothrombinzeit verlängert, aPTT normal
  • Faktor-VII-Mangel
  • Früher Vitamin-K-Mangel
  • Beginnende Vitamin-K-Antagonisten-Wirkung
  • Beginnende Lebersynthesestörung (Störung der Stoffbildung in der Leber)
Wiederholung, Medikamentenanamnese (Medikamentenvorgeschichte), Leberparameter, Faktor-VII-Aktivität, Vitamin-K-Status je nach Kontext
Quick-Wert normal / Prothrombinzeit normal, aPTT verlängert
  • Faktor-VIII-, Faktor-IX- oder Faktor-XI-Mangel
  • Von-Willebrand-Erkrankung mit sekundär verminderter Faktor-VIII-Aktivität
  • Faktor-XII-Mangel oder Kontaktphasenfaktormangel
  • Lupus-Antikoagulans
  • Heparin-Kontamination oder direkte Thrombininhibitoren
  • Spezifischer Faktor-Inhibitor
Mischversuch, Thrombinzeit, Anti-Xa-Aktivität, Faktor VIII/IX/XI/XII, Von-Willebrand-Diagnostik, Lupus-Antikoagulans-Testung
Quick-Wert vermindert / Prothrombinzeit verlängert, aPTT verlängert
  • Leberinsuffizienz
  • Schwerer Vitamin-K-Mangel
  • Verbrauchskoagulopathie, disseminierte intravasale Gerinnung
  • Massive Transfusion oder Verdünnungskoagulopathie
  • Fibrinogenmangel oder Dysfibrinogenämie
  • Antikoagulanzienüberhang (zu starke Wirkung gerinnungshemmender Medikamente)
Fibrinogen, D-Dimere, Thrombinzeit, Anti-Xa-Aktivität, Blutbild mit Thrombozyten, Leberparameter, Nierenparameter, Medikamentenanamnese
Quick-Wert normal / Prothrombinzeit normal, aPTT verkürzt
  • Erhöhte Faktor-VIII-Aktivität
  • Akutphase-Reaktion
  • Schwangerschaft
  • Präanalytische Aktivierung der Probe
Kontrollmessung, CRP, Fibrinogen, klinische Kontextbewertung; keine isolierte Thrombophiliediagnostik aus verkürzter aPTT

Weiterführende Diagnostik

  • Wiederholung der aPTT aus korrekt abgenommenem Citrat-Blut bei unerwartetem Befund
  • Quick-Wert/Prothrombinzeit, International Normalized Ratio (INR), Thrombinzeit
  • Fibrinogen nach Clauss
  • D-Dimere bei Verdacht auf Verbrauchskoagulopathie oder thromboembolische Konstellation (Situation durch Blutgerinnsel)
  • Anti-Xa-Aktivität bei Heparin-, niedermolekularem Heparin- oder Faktor-Xa-Inhibitor-Einfluss
  • Faktoraktivitäten VIII, IX, XI und XII
  • Von-Willebrand-Diagnostik, insbesondere Von-Willebrand-Faktor-Antigen, Von-Willebrand-Faktor-Aktivität und Faktor-VIII-Aktivität
  • Mischversuch mit Sofort- und Inkubationsansatz
  • Lupus-Antikoagulans-Diagnostik mit geeigneten Screening- und Bestätigungstests, insbesondere dilute Russell’s viper venom time und aPTT-basierte Lupus-Antikoagulans-Tests
  • Inhibitor-Diagnostik, z. B. Bethesda-Assay bei Verdacht auf Faktor-VIII-Inhibitor
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
  • Kleines Blutbild mit Thrombozytenzahl

Literatur

  1. Adcock DM, Favaloro EJ, Gosselin R, Kitchen S, Kottke-Marchant K, Marlar RA et al.: International Council for Standardization in Haematology (ICSH) recommendations for the performance and interpretation of activated partial thromboplastin time and prothrombin time. Int J Lab Hematol. 2024;46(6):1224-1240. https://doi.org/10.1111/ijlh.14344

Leitlinien

  1. Lester W, Bent C, Alikhan R, Roberts L, Gordon-Walker T, Trenfield S et al.: A British Society for Haematology guideline on the assessment and management of bleeding risk prior to invasive procedures. Br J Haematol. 2024;204(5):1697-1713. https://doi.org/10.1111/bjh.19360
  2. Devreese KMJ, de Groot PG, de Laat B, Erkan D, Favaloro EJ, Mackie I et al.: Guidance from the Scientific and Standardization Committee for lupus anticoagulant/antiphospholipid antibodies of the International Society on Thrombosis and Haemostasis. Update of the guidelines for lupus anticoagulant detection and interpretation. J Thromb Haemost. 2020;18(11):2828-2839. https://doi.org/10.1111/jth.15047
  3. Tripodi A, Cohen H, Devreese KMJ. Lupus anticoagulant detection in anticoagulated patients. Guidance from the Scientific and Standardization Committee for lupus anticoagulant/antiphospholipid antibodies of the International Society on Thrombosis and Haemostasis. J Thromb Haemost. 2020;18(7):1569-1575. https://doi.org/10.1111/jth.14846