Lupus-Antikoagulans (LA)
Lupus-Antikoagulans (LA) bezeichnet eine heterogene Gruppe funktionell nachweisbarer Antiphospholipid-Antikörper, die in phospholipidabhängigen Gerinnungstests (Blutgerinnungstests) eine Verlängerung der Gerinnungszeit (Zeit bis zur Blutgerinnung) verursachen können. Zielantigene (Zielstrukturen des Immunsystems) sind überwiegend phospholipidbindende Proteine (Eiweiße), insbesondere β2-Glykoprotein I und Prothrombin [4, LL1].
Der Begriff ist klinisch paradox (widersprüchlich): In vitro (im Reagenzglas) wirkt Lupus-Antikoagulans gerinnungshemmend, in vivo (im Körper) ist ein persistierender Nachweis jedoch mit venösen, arteriellen, mikrovaskulären und obstetrischen Manifestationen (Krankheitszeichen) des Antiphospholipid-Syndroms assoziiert [1, 4, LL1]. In der klinischen Labordiagnostik wird Lupus-Antikoagulans zur Abklärung eines Antiphospholipid-Syndroms, zur Einordnung ungeklärter Thrombosen (Blutgerinnsel) und ausgewählter Schwangerschaftskomplikationen (Komplikationen in der Schwangerschaft) sowie zur Differentialdiagnostik (Abgrenzung anderer Ursachen) einer ungeklärten Verlängerung der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit eingesetzt [1, 4, LL1].
Synonyme
- Lupus-Antikoagulans
- Lupus-Antikoagulans-Antikörper
- Lupus-Inhibitor
- Lupus anticoagulant
- LA
- Funktionell wirksamer Antiphospholipid-Antikörper
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Citratblut zur Gewinnung von Citratplasma
- Thrombozytenarmes Plasma nach leitliniengerechter Präanalytik (Vorbereitung vor der Laboruntersuchung)
- Serum oder Plasma für ergänzende Immunoassays auf Cardiolipin-Antikörper und β2-Glykoprotein-I-Antikörper [LL1]
Vorbereitung des Patienten
- Keine Nüchternblutabnahme erforderlich
- Testung möglichst nicht in der Akutphase (Frühphase) einer Thrombose, schweren Entzündung, Infektion oder unmittelbar perioperativ (um eine Operation herum), sofern eine elektive Testung (planbare Testung) möglich ist [LL1]
- Antikoagulanzien vor der Untersuchung dokumentieren, insbesondere unfraktioniertes Heparin, niedermolekulares Heparin, Vitamin-K-Antagonisten und direkte orale Antikoagulanzien [2, 4, LL1-LL2]
- LA-Testung möglichst vor Beginn einer Antikoagulation (Blutverdünnung) durchführen, sofern die klinische Situation dies erlaubt [2, 4, LL2]
- LA-Testung unter direkten oralen Antikoagulanzien möglichst vermeiden; bei unvermeidbarer Testung sind Wirkstoffspiegel, validierte Neutralisationsverfahren (bestätigte Verfahren zur Ausschaltung störender Substanzen) und eine entsprechend eingeschränkte Befundinterpretation (Befundbewertung) erforderlich [2, 3, LL2]
- Ein positiver Antiphospholipid-Antikörper-Nachweis muss zur Beurteilung der Persistenz (Dauerhaftigkeit) nach mindestens 12 Wochen kontrolliert werden [1, LL1]
Störfaktoren
- Unfraktioniertes Heparin – falsch-positive oder nicht interpretierbare Befunde möglich; Heparin-Neutralisatoren sind nur bis zu methodenspezifischen Konzentrationen wirksam [2, LL2]
- Niedermolekulares Heparin – methodenabhängige Beeinflussung möglich [2, LL2]
- Vitamin-K-Antagonisten – erschwerte Interpretation durch Verminderung vitamin-K-abhängiger Gerinnungsfaktoren; Mischversuche mit Normalplasma sind nicht zuverlässig geeignet, diese Interferenz (Störung) zu beheben [2, 4, LL2]
- Direkte orale Antikoagulanzien – hohes Risiko falsch-positiver und falsch-negativer LA-Befunde, insbesondere bei dRVVT-basierten Testsystemen [2-4, LL2]
- Akute Entzündung oder Infektion – transiente Antiphospholipid-Antikörper und eingeschränkte Spezifität (Zielgenauigkeit) möglich [1, LL1]
- Schwangerschaft und perioperative Situationen – Befundinterpretation nur im klinischen Kontext (medizinischen Zusammenhang)
- Präanalytische Fehler – unzureichend gefülltes Citratröhrchen, falsches Citrat-Blut-Verhältnis, Hämolyse, Lipämie, Ikterus, Restthrombozyten im Plasma, unsachgemäße Lagerung oder wiederholtes Einfrieren/Auftauen [LL1]
- Gerinnungsfaktormangel, spezifische Faktor-Inhibitoren und andere Koagulopathien (Gerinnungsstörungen) – differentialdiagnostisch zu berücksichtigen [4, LL1]
Methode
- Die LA-Diagnostik ist eine funktionelle Gerinnungsdiagnostik und kein Einzeltest [4, LL1].
- Empfohlen ist ein mehrstufiges Verfahren mit mindestens zwei phospholipidabhängigen Testprinzipien:
- dRVVT (dilute Russell’s viper venom time)
- LA-sensitive aktivierte partielle Thromboplastinzeit, vorzugsweise mit Silica als Aktivator, zum Beispiel Silica Clotting Time [LL1]
- Die diagnostische Sequenz (Abfolge) umfasst:
- Screeningtest – Nachweis einer verlängerten phospholipidabhängigen Gerinnungszeit [LL1]
- Mixing Test – Prüfung auf Korrektur nach Mischung mit Normalplasma; fehlende oder unvollständige Korrektur spricht für einen Inhibitor [LL1]
- Bestätigungstest – Verkürzung oder Korrektur der Gerinnungszeit nach Zugabe eines Phospholipidüberschusses stützt den LA-Nachweis [LL1]
- Verhältnisbildung und Cut-off – Bewertung anhand methoden- und laborvalidierter Cut-off-Werte [LL1]
- Ergänzende Antiphospholipid-Antikörper-Diagnostik:
- Cardiolipin-Antikörper IgG und IgM [LL1]
- β2-Glykoprotein-I-Antikörper IgG und IgM [LL1]
- Die Diagnose eines Antiphospholipid-Syndroms darf nicht allein aus einem LA-Befund abgeleitet werden, sondern erfordert die klinisch-laborchemische Gesamteinordnung [1, LL1, LL3].
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Befund | Referenzbereich/Interpretation |
|---|---|
| Erwachsene | Negativ |
| Kinder und Jugendliche | Negativ; Interpretation alters- und methodenabhängig |
| Screeningtest | Innerhalb des laborvalidierten Referenzbereichs beziehungsweise unterhalb des laborinternen Cut-off |
| Bestätigungstest | Keine LA-typische Phospholipidabhängigkeit |
| APS-relevanter Antiphospholipid-Antikörper-Nachweis | Persistierend positiv bei wiederholtem Nachweis im Abstand von mindestens 12 Wochen |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Verdacht auf Antiphospholipid-Syndrom [1, LL1, LL3]
- Venöse Thrombose ohne ausreichende Erklärung, insbesondere bei jüngeren Patienten oder atypischer Lokalisation [1, LL3]
- Arterielle Thrombose ohne ausreichende Erklärung, insbesondere ischämischer Schlaganfall (durchblutungsbedingter Schlaganfall) oder transitorische ischämische Attacke (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns) bei jüngeren Patienten [1, LL3]
- Rezidivierende Thrombosen trotz adäquater Antikoagulation [LL3]
- Schwangerschaftskomplikationen mit Verdacht auf obstetrisches Antiphospholipid-Syndrom, insbesondere fetaler Verlust, Frühgeburtlichkeit bei Plazentainsuffizienz (Mutterkuchenschwäche) oder wiederholte frühe Fehlgeburten [1, LL3]
- Unklare Verlängerung der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit ohne Blutungsneigung [4, LL1]
- Systemischer Lupus erythematodes oder andere systemische Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch Fehlsteuerung des Immunsystems) mit thrombotischer oder obstetrischer Risikokonstellation [LL3]
- Risikostratifizierung (Risikoeinteilung) bei bereits nachgewiesenen Antiphospholipid-Antikörpern, insbesondere zur Abgrenzung eines Hochrisikoprofils [4, LL3]
Interpretation
Positiver Befund
- Ein persistierend positives Lupus-Antikoagulans ist ein laborchemisch relevantes Kriterium des Antiphospholipid-Syndroms [1, LL1].
- Ein positiver LA-Befund ist innerhalb der Antiphospholipid-Antikörper-Profile besonders stark mit thrombotischem Risiko assoziiert [4, LL3].
- Ein Hochrisikoprofil liegt insbesondere bei LA-Positivität, doppelter oder dreifacher Antiphospholipid-Antikörper-Positivität oder persistierend hohen Antikörpertitern vor [LL3].
- Ein isoliert positiver Befund ohne klinisches Ereignis beweist kein Antiphospholipid-Syndrom, sondern beschreibt zunächst eine Antiphospholipid-Antikörper-Positivität [1, LL1].
- Ein positiver Befund während direkter oraler Antikoagulation, Heparintherapie oder Vitamin-K-Antagonisten-Therapie ist nur eingeschränkt interpretierbar [2-4, LL2].
Negativer Befund
- Ein negativer LA-Befund schließt ein Antiphospholipid-Syndrom nicht sicher aus, wenn Cardiolipin-Antikörper oder β2-Glykoprotein-I-Antikörper persistierend positiv sind [1, LL1].
- Ein negativer Befund unter Antikoagulation oder bei methodischer Interferenz kann falsch-negativ sein [2-4, LL2].
- Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit ist eine Wiederholung unter optimierten präanalytischen Bedingungen erforderlich [LL1].
Spezifische Konstellationen
- LA positiv, Cardiolipin-Antikörper positiv und β2-Glykoprotein-I-Antikörper positiv – dreifach positives Antiphospholipid-Antikörper-Profil mit hohem thrombotischem Risiko [4, LL3]
- LA positiv und aktivierte partielle Thromboplastinzeit verlängert – vereinbar mit phospholipidabhängigem Inhibitor; Faktor-Mangel und spezifische Faktor-Inhibitoren müssen differentialdiagnostisch abgegrenzt werden [4, LL1]
- LA positiv unter direkten oralen Antikoagulanzien – Befund in der Regel nicht zuverlässig interpretierbar; Testung nach Möglichkeit verschieben oder nur mit validierter Strategie bewerten [2-4, LL2]
- Transient positives LA bei Infektion oder Entzündung – Kontrolluntersuchung nach mindestens 12 Wochen erforderlich [1, LL1]
- LA negativ, aber Cardiolipin-Antikörper oder β2-Glykoprotein-I-Antikörper persistierend positiv – Antiphospholipid-Antikörper-Profil bleibt APS-relevant und muss klinisch eingeordnet werden [1, LL1]
Weiterführende Diagnostik
- Cardiolipin-Antikörper IgG und IgM [LL1]
- β2-Glykoprotein-I-Antikörper IgG und IgM [LL1]
- Wiederholungsuntersuchung nach mindestens 12 Wochen zur Prüfung der Persistenz [1, LL1]
- Basisgerinnung – aktivierte partielle Thromboplastinzeit, Prothrombinzeit/INR, Thrombinzeit, Fibrinogen [4, LL1]
- Antikoagulanzien-Abklärung bei unklarer Exposition – Anti-Xa-Aktivität bei Heparinen, spezifische direkte-orale-Antikoagulanzien-Spiegel bei entsprechender Fragestellung [2, 3, LL2]
- Differentialdiagnostik einer verlängerten aktivierten partiellen Thromboplastinzeit – Faktoren VIII, IX, XI und XII, Von-Willebrand-Diagnostik, spezifische Faktor-Inhibitoren [4, LL1]
- Thrombophiliediagnostik nur bei klinisch begründeter Fragestellung – Faktor-V-Leiden, Prothrombin-G20210A-Mutation, Antithrombin, Protein C, Protein S
- Autoimmunologische Zusatzdiagnostik bei Verdacht auf systemischen Lupus erythematodes oder Kollagenosen (Bindegewebserkrankung) – antinukleäre Antikörper, Anti-dsDNA-Antikörper, ENA-Differenzierung, Komplement C3 und C4
- Organbezogene Diagnostik entsprechend klinischer Manifestation – vaskuläre Bildgebung (Gefäßdarstellung), Echokardiographie (Herzultraschall), neurologische Diagnostik, nephrologische Diagnostik oder geburtshilfliche Abklärung [LL3]
Literatur
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- Favaloro EJ, Pasalic L, Selby R. Testing for the lupus anticoagulant: The good, the bad, and the ugly. Res Pract Thromb Haemost. 2024;8(3):102385. https://doi.org/10.1016/j.rpth.2024.102385
Leitlinien
- Devreese KMJ, Bertolaccini ML, Branch DW, de Laat B, Erkan D, Favaloro EJ et al.: An update on laboratory detection and interpretation of antiphospholipid antibodies for diagnosis of antiphospholipid syndrome: guidance from the ISTH-SSC Subcommittee on Lupus Anticoagulant/Antiphospholipid Antibodies. J Thromb Haemost. 2025;23(2):731-744. https://doi.org/10.1016/j.jtha.2024.10.022
- Tripodi A, Cohen H, Devreese K. Lupus anticoagulant detection in anticoagulated patients: Guidance from the Scientific and Standardization Committee for lupus anticoagulant/antiphospholipid antibodies of the International Society on Thrombosis and Haemostasis. J Thromb Haemost. 2020;18(7):1569-1575. https://doi.org/10.1111/jth.14846
- Tektonidou MG, Andreoli L, Limper M, Amoura Z, Cervera R, Costedoat-Chalumeau N, Cuadrado MJ et al.: EULAR recommendations for the management of antiphospholipid syndrome in adults. Ann Rheum Dis. 2019;78(10):1296-1304. https://doi.org/10.1136/annrheumdis-2019-215213