Funktioneller Fibrinogentest (bei V. a. Dysfibrinogenämie)
Der funktionelle Fibrinogentest ist eine Gerinnungsuntersuchung (Blutgerinnungstest) zur Bestimmung der funktionellen Fibrinogenaktivität im Plasma (Blutflüssigkeit). Er wird in der klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchungen) zur Abklärung quantitativer und qualitativer Fibrinogenstörungen (Störungen des Gerinnungseiweißes Fibrinogen) eingesetzt, insbesondere bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie (Funktionsstörung des Fibrinogens), wenn die Fibrinogenaktivität im Verhältnis zur Fibrinogen-Antigenkonzentration vermindert ist [1-4, LL1-LL2].
Synonyme
- Fibrinogen nach Clauss
- Clauss-Fibrinogen
- Funktionelle Fibrinogenbestimmung
- Fibrinogenaktivität
- Funktionstest bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Citratblut (Blutprobe mit Gerinnungshemmer)
- Thrombozytenarmes Citratplasma
- Zusätzlich bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie: Probe für Fibrinogen-Antigenbestimmung und gegebenenfalls molekulargenetische Diagnostik (Erbgutuntersuchung)
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Medikamentenanamnese (Erfassung der eingenommenen Medikamente) erforderlich, insbesondere direkte Thrombininhibitoren, Heparin, Fibrinolytika und Fibrinogenkonzentrate
- Bei elektiver Abklärung möglichst keine Blutentnahme unter akuter Substitutionstherapie (Ersatzbehandlung) mit Fibrinogenkonzentrat oder Kryopräzipitat
Störfaktoren
- Heparin oder direkte Thrombininhibitoren im Probenmaterial
- Können die thrombinbasierte Gerinnselbildung hemmen und zu falsch niedrigen funktionellen Fibrinogenwerten führen [LL1]
- Fibrinogen-/Fibrin-Spaltprodukte
- Können die Fibrinpolymerisation (Fibrinvernetzung) stören und die funktionelle Fibrinogenbestimmung verfälschen [LL1]
- Präanalytische Fehler
- Unterfülltes Citratblutröhrchen, unzureichende Durchmischung, verzögerte Zentrifugation, Restthrombozyten im Plasma oder Gerinnselbildung in der Probe
- Optische Interferenzen
- Starke Lipämie (Blutfetttrübung), Ikterus (Gelbsucht) oder Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) können insbesondere optische Messsysteme beeinflussen
- Akute-Phase-Reaktion
- Fibrinogen ist ein Akute-Phase-Protein; Entzündung, Infektion, Trauma (Verletzung), Schwangerschaft und Malignome (bösartige Tumoren) können die Fibrinogenkonzentration erhöhen und eine milde Funktionsminderung maskieren
- Methodenabhängigkeit
- Prothrombinzeit-abgeleitete Fibrinogenwerte sind bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie nicht gleichwertig mit der Clauss-Methode und können Fibrinogen über- oder unterschätzen [2, LL1]
Methode
- Standardmethode ist die Clauss-Methode: Verdünntes Patientenplasma wird mit einer hohen Thrombinkonzentration versetzt; die Gerinnungszeit wird über eine Kalibrationskurve in eine funktionelle Fibrinogenkonzentration umgerechnet [LL1].
- Die Methode misst die funktionelle Umsetzung von Fibrinogen zu Fibrin und ist daher besonders geeignet zur Erfassung qualitativer Fibrinogenstörungen.
- Bei Verdacht auf Dysfibrinogenämie muss die funktionelle Fibrinogenaktivität mit der Fibrinogen-Antigenkonzentration korreliert werden [1, 4, LL2].
- Ergänzend sind Thrombinzeit und Reptilasezeit sinnvoll, insbesondere zur Differenzierung zwischen Fibrinogenstörung, Heparininterferenz und direkter Thrombininhibition [LL1].
Normbereiche (je nach Labor)
| Parameter | Referenzbereich | Bewertung |
|---|---|---|
| Fibrinogen, funktionell, Clauss-Methode | ca. 1,8-4,0 g/l | Methoden- und laborabhängig |
| Fibrinogen-Antigen | ca. 2,0-4,5 g/l | Methoden- und laborabhängig |
| Fibrinogenaktivität/Fibrinogen-Antigen | laborabhängig, häufig auffällig bei deutlicher Diskrepanz | Vermindertes Verhältnis spricht für Dysfibrinogenämie oder Hypodysfibrinogenämie |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Verdacht auf Dysfibrinogenämie bei Diskrepanz zwischen klinischer Blutungsneigung oder Thromboseneigung und konventionellen Gerinnungsbefunden
- Verlängerte Thrombinzeit und/oder Reptilasezeit ohne ausreichende Erklärung durch Heparin, direkte Thrombininhibitoren oder schwere Hypofibrinogenämie
- Verminderter funktioneller Fibrinogenwert bei normalem oder relativ erhaltenem Fibrinogen-Antigen
- Unklare Blutungsneigung, insbesondere bei positiver Eigen- oder Familienanamnese (Krankengeschichte in der Familie)
- Unklare venöse (die Venen betreffende) oder arterielle (die Schlagadern betreffende) Thrombosen (Blutgerinnsel), insbesondere bei auffälliger Familienanamnese oder gleichzeitigem Hinweis auf eine Fibrinogenstörung
- Abklärung kongenitaler Fibrinogenstörungen: Afibrinogenämie (vollständiges Fehlen von Fibrinogen), Hypofibrinogenämie (verminderte Fibrinogenmenge), Dysfibrinogenämie, Hypodysfibrinogenämie (verminderte Fibrinogenmenge mit Funktionsstörung)
- Abklärung erworbener Dysfibrinogenämien, insbesondere bei Lebererkrankungen, malignen Erkrankungen, Autoimmunprozessen (fehlgeleitete Abwehrreaktionen) oder monoklonalen Gammopathien (krankhaften Vermehrungen gleichartiger Eiweiße im Blut)
- Präoperative (vor einer Operation erfolgende) oder präpartale (vor der Geburt erfolgende) Abklärung bei bekannter oder vermuteter Fibrinogenstörung
- Verlaufskontrolle bei bekannter Fibrinogenstörung oder nach Fibrinogensubstitution
Interpretation
Erniedrigte funktionelle Fibrinogenaktivität bei normalem oder relativ erhaltenem Fibrinogen-Antigen
- Dysfibrinogenämie
- Erworbene Dysfibrinogenämie, insbesondere bei Lebererkrankungen, monoklonalen Gammopathien, Autoimmunerkrankungen oder malignen Erkrankungen
- Methodische Interferenz durch direkte Thrombininhibitoren, Heparin oder Fibrinogen-/Fibrin-Spaltprodukte
Erniedrigte funktionelle Fibrinogenaktivität und erniedrigtes Fibrinogen-Antigen
- Hypofibrinogenämie
- Hypodysfibrinogenämie bei überproportional verminderter Funktion im Vergleich zur Antigenkonzentration
- Verbrauchskoagulopathie (Gerinnungsstörung durch Verbrauch von Gerinnungsfaktoren), schwere Leberinsuffizienz (schwere Leberschwäche), massive Blutung, Hyperfibrinolyse (übermäßige Auflösung von Blutgerinnseln) oder Dilutionskoagulopathie (Verdünnungsgerinnungsstörung)
Nicht nachweisbare funktionelle Fibrinogenaktivität und nicht nachweisbares Fibrinogen-Antigen
- Afibrinogenämie
- Schwerste erworbene Fibrinogenverminderung bei ausgeprägter Verbrauchskoagulopathie oder massiver Blutung
Normale funktionelle Fibrinogenaktivität bei klinischem Verdacht auf Fibrinogenstörung
- Milde Dysfibrinogenämie ist nicht sicher ausgeschlossen
- Zusätzliche Beurteilung von Thrombinzeit, Reptilasezeit, Fibrinogen-Antigen und gegebenenfalls genetischer Diagnostik erforderlich
- Akute-Phase-bedingt erhöhte Fibrinogenkonzentrationen können eine relative Funktionsstörung maskieren
Spezifische Konstellationen
- Funktion deutlich niedriger als Antigen
- Typische Befundkonstellation bei Dysfibrinogenämie
- Funktion und Antigen beide erniedrigt, aber Funktion überproportional niedriger
- Hinweis auf Hypodysfibrinogenämie
- Thrombinzeit verlängert, Reptilasezeit normal
- Spricht eher für Heparin- oder direkte Thrombininhibitorwirkung als für eine primäre Fibrinogenstörung
- Thrombinzeit und Reptilasezeit verlängert
- Spricht für eine Fibrinogenstörung oder eine Störung der Fibrinpolymerisation
- Blutung und Thrombose möglich
- Kongenitale Fibrinogenstörungen können sowohl mit Blutungsmanifestationen (Blutungszeichen) als auch mit venösen oder arteriellen Thrombosen assoziiert sein [1, 3, 4]
Weiterführende Diagnostik
- Fibrinogen-Antigenbestimmung zur Unterscheidung zwischen quantitativem Mangel und qualitativer Funktionsstörung
- Thrombinzeit und Reptilasezeit zur funktionellen Screeningdiagnostik (Suchuntersuchung) und zur Erkennung relevanter Interferenzen
- Prothrombinzeit, aktivierte partielle Thromboplastinzeit, Thrombozytenzahl, D-Dimere, Antithrombin und weitere Verbrauchskoagulopathie-Parameter bei Verdacht auf Verbrauchskoagulopathie
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin – bei Verdacht auf Lebererkrankung
- Eiweißelektrophorese, Immunglobuline und freie Leichtketten bei Verdacht auf monoklonale Gammopathie
- Molekulargenetische Diagnostik der Fibrinogen-Gene FGA, FGB und FGG bei Verdacht auf kongenitale Fibrinogenstörung
- Familienuntersuchung bei gesicherter kongenitaler Fibrinogenstörung
- Viscoelastische Verfahren wie Rotations-Thrombelastometrie oder Thromboelastographie bei akuter Blutung, perioperativem Management (Behandlung rund um eine Operation) oder Trauma; nicht als alleinige Diagnostik einer Dysfibrinogenämie geeignet
- Spezialdiagnostik in Referenzlaboren, beispielsweise Fibrinpolymerisationsanalyse, Fibrinstrukturanalyse oder Massenspektrometrie in ausgewählten Fällen
Literatur
- Casini A, de Moerloose P, Neerman-Arbez M. Clinical, Laboratory, and Molecular Aspects of Congenital Fibrinogen Disorders. Semin Thromb Hemost. 2025;51(2):103-110. https://doi.org/10.1055/s-0044-1788898
- Xiang L, Luo M, Yan J, Liao L, Zhou W, Deng X, et al. Combined use of Clauss and prothrombin time-derived methods for determining fibrinogen concentrations: Screening for congenital dysfibrinogenemia. J Clin Lab Anal. 2018;32(4):e22322. https://doi.org/10.1002/jcla.22322
- Casini A, de Moerloose P. How I treat dysfibrinogenemia. Blood. 2021;138(21):2021-2030. https://doi.org/10.1182/blood.2020010116
- Saadalla A, Doyle K, Heger A, Sweet K, Van Cott EM. Determination of Fibrinogen Ratio Cutoff Limits Using Indirect Reference Interval Methodology. Int J Lab Hematol. 2025. doi: 10.1111/ijlh.14526. Epub 2025 Jul 9.
Leitlinien
- Mackie I, Casini A, Pieters M, Pruthi R, Reilly-Stitt C, Suzuki A. International council for standardisation in haematology recommendations on fibrinogen assays, thrombin clotting time and related tests in the investigation of bleeding disorders. Int J Lab Hematol. 2024;46(1):20-32. https://doi.org/10.1111/ijlh.14201
- Casini A, Undas A, Palla R, Thachil J, de Moerloose P, for the Subcommittee on Factor XIII and Fibrinogen. Diagnosis and classification of congenital fibrinogen disorders: communication from the SSC of the ISTH. J Thromb Haemost. 2018;16(9):1887-1890. https://doi.org/10.1111/jth.14216