Faktor-II-Mutation (Prothrombinmutation)
Faktor-II-Mutation (Prothrombinmutation G20210A) ist eine genetische Variante im F2-Gen (Erbanlage für Prothrombin), die mit einer erhöhten Prothrombinkonzentration im Plasma (flüssiger Bestandteil des Blutes) einhergeht. Prothrombin (Vorstufe eines Gerinnungsproteins) ist Bestandteil der Blutgerinnung (Blutstillung) und wird in der Leber (zentrales Stoffwechselorgan) synthetisiert. Durch proteolytische Aktivierung entsteht Thrombin (aktives Gerinnungsenzym), das eine zentrale Rolle in der Hämostase (Blutstillung) spielt, insbesondere bei der Umwandlung von Fibrinogen (lösliches Bluteiweiß) in Fibrin (unlösliches Gerinnungsnetz) sowie der Aktivierung von Thrombozyten (Blutplättchen).
Die Prothrombinmutation G20210A (genetische Veränderung) führt zu einer gesteigerten Prothrombinsynthese und ist eine der häufigsten genetischen Ursachen einer hereditären Thrombophilie (erblich bedingte erhöhte Neigung zu Thrombosen). Sie ist mit einem erhöhten Risiko für venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen) assoziiert.
Synonyme
- Faktor-II-Mutation
- Prothrombinmutation
- Prothrombin G20210A
- F2-Mutation
Charakteristische Laborbefunde
- Nachweis der Punktmutation G20210A im F2-Gen (heterozygot oder homozygot)
- Erhöhte Prothrombinspiegel im Plasma (nicht obligat bestimmt)
- Keine Veränderung in Globaltests der Gerinnung (z. B. Quick, PTT)
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- EDTA-Blut
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Störfaktoren
- Präanalytische Stabilität der DNA (Erbsubstanz) beachten (zeitnahe Verarbeitung oder geeignete Lagerung)
- Kontamination (Verunreinigung) oder unzureichende Probenqualität kann zu falsch-negativen Ergebnissen führen
- Methode
- Polymerase-Kettenreaktion (PCR) (molekularbiologisches Vervielfältigungsverfahren) mit anschließender Genotypisierung (Bestimmung der genetischen Variante)
- Alternativ: Real-Time-PCR (quantitative PCR-Methode) oder Sequenzierung (Analyse der DNA-Sequenz)
Normbereiche (je nach Labor)
| Genotyp | Befund |
|---|---|
| Wildtyp | Keine Mutation nachweisbar |
| Heterozygot | G20210A-Mutation nachweisbar (ein Allel betroffen) |
| Homozygot | G20210A-Mutation nachweisbar (beide Allele betroffen) |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung einer hereditären Thrombophilie (erblich bedingte Thromboseneigung)
- Venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen) in jungem Alter (< 50 Jahre)
- Rezidivierende Thrombosen (wiederkehrende Blutgerinnsel)
- Thrombosen (Blutgerinnsel) an ungewöhnlichen Lokalisationen (z. B. Sinusvenenthrombose, Pfortaderthrombose)
- Positive Familienanamnese (familiäre Vorbelastung) für Thrombosen
- Abklärung vor hormoneller Kontrazeption (Empfängnisverhütung mit Hormonen) oder Hormonersatztherapie bei Risikokonstellation
- Abklärung bei Schwangerschaftskomplikationen (Komplikationen in der Schwangerschaft) (z. B. habituelle Aborte (wiederholte Fehlgeburten))
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Nachweis der Mutation → genetische Thrombophilie (erblich bedingte Thromboseneigung)
- Heterozygote Träger: ca. 2-3-fach erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in Venen)
- Homozygote Träger: deutlich höheres Risiko (selten, begrenzte Datenlage)
- Kombination mit weiteren Risikofaktoren (z. B. orale Kontrazeptiva (Antibabypille), Schwangerschaft (Schwangerschaft), Immobilisation (längere Ruhigstellung)) → additive Risikosteigerung
- Erniedrigte Werte
- Nicht relevant im Kontext der Mutation
- Spezifische Konstellationen
- Schwangerschaft (Schwangerschaft): signifikant erhöhtes Thromboserisiko, insbesondere im Wochenbett (Zeit nach der Geburt)
- Kombination mit Faktor-V-Leiden-Mutation: deutlich erhöhtes Risiko für Thromboembolien (Blutgerinnsel)
Epidemiologie
- Prävalenz (Häufigkeit) in der europäischen Bevölkerung: ca. 1-3 %
- Häufiger bei kaukasischer Bevölkerung, selten in asiatischen und afrikanischen Populationen
- Zweithäufigste hereditäre Thrombophilie (erblich bedingte Thromboseneigung) nach Faktor-V-Leiden
- Heterozygote Mutation deutlich häufiger als homozygote Form
Weiterführende Diagnostik
- Bestimmung weiterer Thrombophilieparameter:
- Faktor-V-Leiden-Mutation
- Antithrombin
- Protein C
- Protein S
- Antiphospholipid-Antikörper
- Risikostratifizierung (Risikoeinschätzung) unter Berücksichtigung klinischer Faktoren
- Ggf. genetische Beratung (Beratung zu erblichen Risiken) bei Nachweis der Mutation
Literatur
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- Poort SR, Rosendaal FR, Reitsma PH, Bertina RM. A common genetic variation in the 3′-untranslated region of the prothrombin gene is associated with elevated plasma prothrombin levels and an increase in venous thrombosis. Blood. 1996;88:3698-3703. https://doi.org/10.1182/blood.V88.10.3698.bloodjournal88103698
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