Erythrozytenindices (MCV, MCH, MCHC) – Bedeutung in der Anämiediagnostik
Erythrozytenindices sind berechnete quantitative Kennzahlen des kleinen Blutbildes zur Charakterisierung von Erythrozyten (roten Blutkörperchen) hinsichtlich Zellvolumen, Hämoglobingehalt und Hämoglobinkonzentration. Sie werden in der klinischen Labordiagnostik zur morphologischen Klassifikation von Anämien (Blutarmut) und zur differentialdiagnostischen Einordnung mikrozytärer (kleinzelliger), normozytärer (normalzelliger) und makrozytärer (großzelliger) Befundkonstellationen eingesetzt.
Die drei klassischen Erythrozytenindices sind:
- MCV (Mean Corpuscular Volume) – mittleres Erythrozytenvolumen
- MCH (Mean Corpuscular Hemoglobin) – mittlerer Hämoglobingehalt pro Erythrozyt
- MCHC (Mean Corpuscular Hemoglobin Concentration) – mittlere Hämoglobinkonzentration der Erythrozyten
Die Erythrozytenindices sind nicht als isolierte Diagnosen (Krankheitsfeststellungen) zu interpretieren. Ihre Aussagekraft ergibt sich aus der Zusammenschau mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl, Retikulozytenzahl, Erythrozytenverteilungsbreite, Ferritin, Transferrinsättigung, Entzündungsparametern, Vitamin-B12-/Folat-Diagnostik und dem klinischen Kontext.
Synonyme
- Red blood cell indices
- RBC indices
- Erythrozytenkennwerte
- Erythrozytenparameter
- MCV, MCH, MCHC
Das Verfahren
Benötigtes Material
- EDTA-Vollblut
- Blutausstrich bei auffälligen Indizes, Warnhinweisen des Hämatologieanalysators oder Verdacht auf morphologische Erythrozytenveränderungen
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Nüchternblutabnahme ist für die Erythrozytenindices selbst nicht erforderlich, kann aber bei kombinierter Eisen-, Vitamin-B12-, Folat- oder Stoffwechseldiagnostik sinnvoll sein.
- Transfusionen (Blutübertragungen), Eisen-, Vitamin-B12- oder Folattherapie sowie akute Blutungen sollten dokumentiert werden, da sie die Interpretation der Indices beeinflussen können.
Störfaktoren
- Präanalytische Störfaktoren
- Gerinnselbildung oder unzureichend gemischtes EDTA-Blut
- Lange Lagerung, insbesondere bei Raumtemperatur, mit möglicher Veränderung des MCV
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), abhängig vom Ausmaß und vom Analysensystem
- Unterfüllung oder ungeeignetes Probenmaterial
- Vorangegangene Transfusion mit Mischpopulationen von Erythrozyten
- Analytische Störfaktoren
- Kälteagglutinine (kälteabhängige Verklumpungsantikörper) mit falsch erniedrigter Erythrozytenzahl, falsch erhöhtem MCV und konsekutiv falsch erhöhtem MCHC
- Ausgeprägte Lipämie (Fetttrübung), Ikterus (Gelbsucht) oder Paraproteinämie (krankhafte Eiweißvermehrung im Blut) mit möglicher Interferenz bei der Hämoglobinmessung und daraus abgeleiteten Indices
- Sehr hohe Leukozytenzahlen oder kernhaltige Vorstufen je nach Analysensystem
- Hyperglykämie (Überzuckerung) und osmotische Effekte können bei verzögerter Messung das MCV beeinflussen.
Methode
- Automatisierte Hämatologieanalyse im EDTA-Vollblut
- MCV wird je nach Analysensystem direkt zellvolumetrisch über Impedanzmessung oder optische/laserbasierte Verfahren bestimmt.
- MCH und MCHC werden aus den Messgrößen Hämoglobin, Erythrozytenzahl und Hämatokrit beziehungsweise MCV berechnet.
- Die Messsysteme sind hersteller-, methoden- und laborabhängig; lokale Referenzbereiche und Plausibilitätskontrollen sind verbindlich.
Normbereiche (je nach Labor)
| Parameter | Referenzbereich Erwachsene | Einheit | Primäre Aussage |
|---|---|---|---|
| MCV | 80-96 | fl | Erythrozytenvolumen |
| MCH | 27-33 | pg | Hämoglobingehalt pro Erythrozyt |
| MCHC | 32-36 | g/dl | Hämoglobinkonzentration der Erythrozyten |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Differentialdiagnostik von Anämien
- Morphologische Klassifikation mikrozytärer, normozytärer und makrozytärer Anämien
- Abklärung einer hypochromen (farbstoffarmen) Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen) bei Verdacht auf Eisenmangel, funktionellen Eisenmangel oder Hämoglobinsynthesestörung
- Abklärung einer makrozytären Anämie bei Verdacht auf Vitamin-B12-Mangel, Folatmangel, Lebererkrankung, Alkoholabusus (Alkoholmissbrauch), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Retikulozytose, medikamentöse Ursache oder myelodysplastische Neoplasie (krankhafte Blutbildungsstörung)
- Therapie- und Verlaufskontrolle bei Eisen-, Vitamin-B12- oder Folatsubstitution
- Kontrolle bei chronisch entzündlichen, renalen (die Niere betreffenden), hämatologischen (das Blut betreffenden) oder malignen (bösartigen) Erkrankungen mit Anämie
- Einordnung auffälliger Befunde im kleinen Blutbild, insbesondere bei Veränderungen von Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl oder Erythrozytenverteilungsbreite
Interpretation
Erhöhte Werte
- MCV erhöht
- Makrozytäre Anämie bei Vitamin-B12-Mangel
- Makrozytäre Anämie bei Folatmangel
- Alkoholabusus und Lebererkrankungen
- Hypothyreose
- Retikulozytose, da Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen) größer als reife Erythrozyten sind
- Myelodysplastische Neoplasien, insbesondere bei persistierender (anhaltender) Makrozytose (Vergrößerung roter Blutkörperchen) und weiteren Zytopenien (Verminderung von Blutzellen)
- Medikamentös bedingte Makrozytose, z. B. unter Hydroxyurea, Methotrexat, Azathioprin, Zidovudin oder antikonvulsiver Therapie (Behandlung gegen Krampfanfälle)
- MCH erhöht
- Meist sekundär bei erhöhtem MCV
- Makrozytäre Anämien
- Retikulozytose
- Keine robuste eigenständige Diagnosesicherung ohne MCV, Hämoglobin und Blutausstrich
- MCHC erhöht
- Hereditäre Sphärozytose (angeborene Kugelzellanämie)
- Starke Dehydratation (Austrocknung) von Erythrozyten
- Kälteagglutinine als häufige Ursache eines artifiziell erhöhten MCHC
- Analytische Interferenz, insbesondere bei Lipämie, Hämolyse, Ikterus oder Paraproteinämie
Erniedrigte Werte
- MCV erniedrigt
- Eisenmangelanämie
- Thalassämie-Trägerschaft oder Thalassämie-Syndrom (erbliche Hämoglobinbildungsstörung)
- Anämie bei chronischer Entzündung, insbesondere bei längerem Verlauf und funktionellem Eisenmangel
- Sideroblastische Anämie (Blutarmut mit gestörter Eisenverwertung)
- Bleiexposition
- Seltene angeborene Störungen der Hämoglobinsynthese oder Eisenverwertung
- MCH erniedrigt
- Hypochrome Erythropoese bei Eisenmangel
- Thalassämie
- Funktioneller Eisenmangel bei Entzündung, chronischer Nierenerkrankung oder Erythropoese-stimulierender Therapie
- Hämoglobinsynthesestörungen
- MCHC erniedrigt
- Ausgeprägter Eisenmangel
- Schwere hypochrome Anämien
- Thalassämien und andere Hämoglobinsynthesestörungen
- Sideroblastische Anämien
Spezifische Konstellationen
- Mikrozytär-hypochrome Konstellation
- Typisch bei Eisenmangelanämie und Thalassämie
- Bei Eisenmangel meist Ferritin vermindert; bei Entzündung kann Ferritin trotz Eisenmangel normal oder erhöht sein.
- Bei Thalassämie-Trägerschaft häufig disproportional niedriges MCV bei normaler oder erhöhter Erythrozytenzahl
- Normozytär-normochrome Konstellation
- Frühe Eisenmangelanämie
- Anämie bei chronischer Entzündung
- Chronische Nierenerkrankung
- Akuter Blutverlust
- Hämolyse, insbesondere bei begleitender Retikulozytose
- Knochenmarkinsuffizienz (unzureichende Knochenmarkfunktion) oder maligne hämatologische Erkrankung
- Makrozytäre Konstellation
- Megaloblastäre Anämie (Blutarmut mit gestörter Zellreifung) bei Vitamin-B12- oder Folatmangel
- Nichtmegaloblastäre Makrozytose bei Alkoholabusus, Lebererkrankung, Hypothyreose, Retikulozytose oder Medikamenteneinfluss
- Persistierende Makrozytose mit Leukopenie (Verminderung weißer Blutkörperchen), Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen) oder Dysplasiezeichen (Zeichen gestörter Zellreifung) im Blutausstrich spricht für eine hämatologische Abklärung.
- Erhöhtes MCHC
- Ein MCHC oberhalb des Referenzbereiches ist immer auf Plausibilität zu prüfen, da analytische Artefakte häufig sind.
- Bei klinischem Verdacht auf hereditäre Sphärozytose sind Blutausstrich, Retikulozyten, Bilirubin, Lactatdehydrogenase (LDH), Haptoglobin und spezifische Membrandignostik zu berücksichtigen.
Kombinierte Interpretation der Indices
Die kombinierte Auswertung von MCV, MCH und MCHC ermöglicht eine rasche Orientierung bei der Differentialdiagnose einer Anämie. Die Befunde sind jedoch immer zusammen mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl, Retikulozytenzahl, Erythrozytenverteilungsbreite, Ferritin, Transferrinsättigung, Entzündungsparametern und klinischem Kontext zu interpretieren.
| MCV | MCH | MCHC | Morphologische Einordnung | Typische Ursachen / Hinweise |
|---|---|---|---|---|
| ↓ | ↓ | normal oder ↓ | Mikrozytär-hypochrom | Eisenmangelanämie, Thalassämie, funktioneller Eisenmangel bei Entzündung, sideroblastische Anämie, Bleiexposition |
| normal | normal | normal | Normozytär-normochrom | Anämie bei chronischer Entzündung, chronische Nierenerkrankung, akuter Blutverlust, frühe Eisenmangelanämie, Hämolyse, Knochenmarkinsuffizienz |
| ↑ | ↑ | normal | Makrozytär meist normochrom | Vitamin-B12-Mangel, Folatmangel, Alkoholabusus, Lebererkrankung, Hypothyreose, Retikulozytose, myelodysplastische Neoplasie, Medikamente |
| normal oder leicht ↓ | normal oder ↓ | ↑ | Sphärozytäre Konstellation möglich | Hereditäre Sphärozytose, Erythrozytendehydratation; analytische Artefakte müssen ausgeschlossen werden |
| falsch ↑ | falsch ↑ | ↑ | Artefaktverdacht | Kälteagglutinine, ausgeprägte Lipämie, Ikterus, Hämolyse, Paraproteinämie oder präanalytische Störung |
Weiterführende Diagnostik
- Basisdiagnostik bei Anämie
- Kleines Blutbild mit Hämoglobin, Hämatokrit, Erythrozytenzahl, Thrombozytenzahl und Leukozytenzahl
- Differentialblutbild
- Retikulozytenzahl und gegebenenfalls Retikulozyten-Hämoglobin
- Blutausstrich mit morphologischer Beurteilung
- Eisenstoffwechsel
- Ferritin
- Transferrinsättigung
- Serumeisen nur im Kontext der übrigen Eisenparameter
- Transferrin beziehungsweise totale Eisenbindungskapazität
- Löslicher Transferrinrezeptor bei unklarer Abgrenzung zwischen Eisenmangel und Entzündungsanämie
- Entzündungsparameter
- CRP (C-reaktives Protein)
- BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit)
- Vitamin- und Stoffwechseldiagnostik
- Vitamin B12
- Holotranscobalamin
- Folat
- Methylmalonsäure bei Verdacht auf funktionellen Vitamin-B12-Mangel
- Homocystein bei Verdacht auf Vitamin-B12- oder Folatmangel
- Hämolyseparameter
- Lactatdehydrogenase (LDH)
- Haptoglobin
- Indirektes Bilirubin
- Direkter Antiglobulintest bei Verdacht auf immunhämolytische Anämie
- Organ- und Begleitdiagnostik
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
- Schilddrüsenparameter – TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT3, fT4
- Spezialdiagnostik
- Hämoglobin-Elektrophorese oder Hochleistungsflüssigkeitschromatographie bei Verdacht auf Hämoglobinopathie (Erkrankung des roten Blutfarbstoffs) oder Thalassämie
- Genetische Diagnostik bei Verdacht auf hereditäre Erythrozyten- oder Hämoglobinerkrankung
- Membrandignostik bei Verdacht auf hereditäre Sphärozytose oder andere Erythrozytenmembranerkrankungen
- Knochenmarkdiagnostik bei ungeklärter, persistierender, refraktärer (nicht ausreichend auf Behandlung ansprechender) oder mehrreihiger Zytopenie
Literatur
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Leitlinien
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- Brereton M, McCafferty R, Marsden K, Kawai Y, Etzell J, Ermens A; International Council for Standardization in Haematology. Recommendation for standardization of haematology reporting units used in the extended blood count. Int J Lab Hematol. 2016;38(5):472-482. https://doi.org/10.1111/ijlh.12563
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