eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate)

Die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) ist ein zentraler Parameter zur nicht-invasiven Beurteilung der Nierenfunktion. Sie wird aus dem Serumkreatinin und patientenspezifischen Variablen berechnet und dient der Diagnose, Stadieneinteilung und Verlaufskontrolle chronischer Nierenerkrankungen (chronic kidney disease, CKD).

Grundlagen

  • Glomeruläre Filtrationsrate (GFR) – Volumen an Plasma (Blutflüssigkeit ohne Zellen), das pro Minute von den Glomeruli der Nieren filtriert wird.
  • Normalbereich – 90-120 ml/min/1,73 m² bei jungen Erwachsenen.
  • Physiologischer Altersabfall – Abnahme der GFR um etwa 1 ml/min/1,73 m² jährlich ab dem 30. Lebensjahr.

Berechnungsverfahren

Die eGFR wird auf Basis des Serumkreatinins unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und ggf. Ethnie berechnet.

Gängige Formeln:

  • CKD-EPI (Chronic Kidney Disease Epidemiology Collaboration) – derzeitige Standardformel für Erwachsene.
  • MDRD (Modification of Diet in Renal Disease) – v. a. für GFR < 60 ml/min/1,73 m².
  • Schwartz-Formel – pädiatrische Nephrologie.

Wichtige Variablen:

  • Serumkreatinin
  • Alter
  • Geschlecht
  • Ethnie (neuere Leitlinien empfehlen jedoch den Verzicht auf ethnische Korrekturfaktoren).

Grenzwerte und Stadien (KDIGO-Klassifikation)

Stadium eGFR (ml/min/1,73 m²) Bedeutung
G1 ≥ 90 Normal oder hoch
G2 60-89 Leicht vermindert
G3a 45-59 Mäßig vermindert (milde bis moderate Verminderung)
G3b 30-44 Mäßig bis schwer vermindert
G4 15-29 Schwer vermindert
G5 < 15 Nierenversagen (terminale Niereninsuffizienz)

Albuminurie-Kategorien (KDIGO)

Kategorie Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (UACR) Bedeutung
A1 < 30 mg/g Normal bis leicht erhöht
A2 30-300 mg/g Mäßig erhöht
A3 > 300 mg/g Stark erhöht

Hinweis: Die Kombination von eGFR-Stadium und Albuminurie-Kategorie erlaubt eine präzisere Risikoeinschätzung für Progression (Fortschreiten der Erkrankung) und kardiovaskuläre Komplikationen (KDIGO-Risikomatrix).

Klinische Bedeutung

Indikationen (Anwendungsgebiete):

  • Screening von Risikopatienten (z. B. Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie/Bluthochdruck).
  • Stadieneinteilung und Verlaufskontrolle der chronischen Nierenerkrankung.
  • Anpassung von Medikamentendosierungen.
  • Einschätzung des Operationsrisikos.
  • Monitoring nephrotoxischer ("Nieren schädigende") Therapien.

Grenzwerte zur Diagnose einer CKD:

  • eGFR < 60 ml/min/1,73 m² oder Albuminurie (Auftreten von Albumin im Urin) ≥ A2 über mindestens 3 Monate.

Limitationen

Einschränkungen der eGFR-Berechnung:

  • Starke Muskelmasse oder Muskelschwund (z. B. Bodybuilder, Kachexie).
  • Schwangerschaft
  • Leberzirrhose (Schrumpfleber)
  • Akutes Nierenversagen (eGFR spiegelt keine akuten Veränderungen wider).

Alternative Parameter:

  • Cystatin C – unabhängig von Muskelmasse, nützlich bei unsicheren Kreatininwerten.
  • Direkte GFR-Messung (inulinbasierte oder radioisotopische Methoden) – nur in Spezialfällen.

Die wichtigsten diagnostischen Maßnahmen bei verminderter eGFR

  • Anamnese und körperliche Untersuchung – Erhebung von Risikofaktoren (Diabetes mellitus, Hypertonie, Medikamente, systemische Erkrankungen).
  • Labordiagnostik:
    • Serumkreatinin, Harnstoff, Cystatin C.
    • Elektrolyte (insbesondere Kalium, Natrium, Phosphat).
    • Harnstatus inkl. Albumin-Kreatinin-Quotient (Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient, Abkürzung UACR).
    • Säure-Basen-Status.
  • Bildgebung:
    • Sonographie (Ultraschall) der Nieren zur Beurteilung von Größe, Struktur und Durchblutung.
  • Spezialdiagnostik:
    • Immunologische Parameter (ANA, ANCA, Anti-GBM-Antikörper).
    • Parathormon, Vitamin D.
    • Gegebenenfalls Nierenbiopsie.

Therapieansätze bei pathologischer eGFR

Grunderkrankung behandeln:

  • Optimierung des Blutdrucks (Ziel < 130/80 mmHg, individuell angepasst).
  • Strenge Blutzuckerkontrolle bei Diabetes mellitus.
  • Kontrolle der Lipidwerte (Blutfettwerte).

Medikamentöse Maßnahmen:

  • Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems (ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorblocker).
  • Dosisanpassung nephrotoxischer Medikamente oder deren Vermeidung.

Lebensstilmodifikation:

  • Salzreduktion (< 5 g/Tag).
  • Proteinrestriktion (Einschränkung der Proteinzufuhr in der Ernährung) bei fortgeschrittener CKD.
  • Gewichtsnormalisierung.
  • Rauchstopp und körperliche Aktivität.

Nephrologische Mitbetreuung:

  • Bei eGFR < 60 ml/min/1,73 m² oder rascher Progression.
  • Vorbereitung auf Nierenersatzverfahren bei eGFR < 20 ml/min/1,73 m².

Prognostische Relevanz

Eine reduzierte eGFR und/oder Albuminurie korrelieren stark mit:

  • Progression zur terminalen Niereninsuffizienz.
  • Erhöhtem kardiovaskulären Risiko (Herzinfarkt, Schlaganfall).
  • Gesamtmortalität.

Frühzeitige Diagnose und Intervention können die Progression erheblich verlangsamen und die Prognose verbessern.

Diskrepanz zwischen Kreatinin- und Cystatin-C-eGFR als Marker für erhöhtes kardio-renales Risiko [4]

  • Große Diskrepanz zwischen eGFRcr (Kreatinin (Muskelabbauprodukt)) und eGFRcys (Cystatin C (Eiweiß aus allen Körperzellen)) weist auf erhöhtes Krankheitsrisiko (Krankheitsgefahr) hin
  • Bei > 30 % niedrigerer eGFRcys: deutlich höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse (Herz- und Gefäßereignisse), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), terminales Nierenversagen (Endstadium des Nierenversagens) und Mortalität (Sterblichkeit)
  • Kreatinin-basierte eGFR häufig überschätzt (beeinflusst durch Alter, Ernährung, Muskelmasse (Muskelmasse des Körpers), Medikamente (Arzneimittel))
  • Cystatin C oft genauer, aber teurer; ebenfalls beeinflusst durch Rauchen (Tabakkonsum), Adipositas (Fettleibigkeit), Entzündung (körperliche Entzündungsreaktion)
  • 11 % der ambulanten und 35 % der stationären Patienten mit starker eGFR-Diskordanz (Abweichung der Nierenwerte)
  • Risikofaktoren für Diskordanz: Rauchen (Tabakkonsum), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Lebererkrankung (Leberkrankheit), COPD (chronische Lungenerkrankung), pAVK (Durchblutungsstörung der Beine), höheres Alter (fortgeschrittenes Lebensalter), Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Negative Diskordanz (> 30 %): signifikant mehr KV-Ereignisse (Herz- und Gefäßereignisse), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Nierenversagen (schwere Nierenfunktionsstörung) und höhere Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität (Herz- und Gefäßsterblichkeit)

Literatur

  1. KDIGO 2021 Clinical Practice Guideline for the Management of Blood Pressure in Chronic Kidney Disease. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Blood Pressure Work Group. Kidney Int. 2021 Mar; 99(3S): S1-S87. doi: 10.1016/j.kint.2020.11.003
  2. Levey AS, Stevens LA, Schmid CH et al.: A New Equation to Estimate Glomerular Filtration Rate. Ann Intern Med. 2009;150(9):604-612. https://doi.org/10.7326/0003-4819-150-9-200905050-00006
  3. Inker LA et al.: Estimating glomerular filtration rate from serum creatinine and cystatin C. N Engl J Med. 2012;367:20-29. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1114248
  4. Estrella MM, Ballew SH, Sang Y, et al. Discordance in Creatinine- and Cystatin C–Based eGFR and Clinical Outcomes: A Meta-Analysis. JAMA. 2025. doi: 10.1001/jama.2025.17578