Kachexie und kataboler Stoffwechsel – warum Gewichtszunahme trotz ausreichender Kalorien scheitern kann
Nicht jede ungewollte Gewichtsabnahme ist Ausdruck einer unzureichenden Energiezufuhr. Insbesondere bei chronischen Erkrankungen kann eine paradoxe Situation auftreten: Trotz ausreichender oder sogar erhöhter Kalorienzufuhr bleibt die gewünschte Gewichtszunahme aus. Ursache ist häufig eine Kachexie – ein komplexes metabolisches Syndrom mit ausgeprägtem katabolem (abbauendem) Stoffwechsel, das sich deutlich von einer reinen Mangelernährung unterscheidet.
Was ist Kachexie?
Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das durch einen fortschreitenden Verlust an Skelettmuskelmasse (Sarkopenie; Muskelabbau) mit oder ohne Verlust an Fettmasse gekennzeichnet ist. Sie tritt häufig im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen, chronischer Herzinsuffizienz, COPD (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung) oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen auf.
Im Gegensatz zur einfachen Unterernährung liegt bei der Kachexie eine metabolische Dysregulation vor. Selbst eine ausreichende Kalorienzufuhr kann den Muskelabbau nicht vollständig kompensieren, da der Organismus sich in einem dauerhaften katabolen Zustand befindet.
Pathophysiologie – wenn der Stoffwechsel auf Abbau programmiert ist
Zentraler Mechanismus der Kachexie ist eine systemische Inflammation (chronische Entzündungsreaktion). Proinflammatorische Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe) wie Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Interleukin-1 (IL-1) und Interleukin-6 (IL-6) aktivieren intrazelluläre Signalwege, die den Proteinabbau im Muskel steigern.
Wichtige Mechanismen sind:
- Aktivierung des Ubiquitin-Proteasom-Systems (zelluläres „Abbausystem“ für Proteine)
- Hemmung anaboler Signalwege wie mTOR (mechanistic Target of Rapamycin; zentraler Wachstumsregulator)
- Erhöhte Glukoneogenese (Neubildung von Glukose aus Aminosäuren) in der Leber
- Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin auf die Zellen)
Diese Prozesse führen dazu, dass zugeführte Aminosäuren bevorzugt zur Energiegewinnung genutzt werden, anstatt in Muskelprotein eingebaut zu werden. Es entsteht eine sogenannte anabole Resistenz (verminderte Fähigkeit zur Muskelneubildung trotz Nährstoffangebot).
Energieumsatz und ineffiziente Kalorienverwertung
Bei vielen Betroffenen ist der Ruheenergieverbrauch (Resting Energy Expenditure, REE) erhöht. Der Organismus befindet sich in einem hypermetabolen Zustand (Stoffwechselüberaktivität). Gleichzeitig kann es zu einer mitochondrialen Dysfunktion (Funktionsstörung der „Kraftwerke“ der Zelle) kommen, wodurch die Energieeffizienz sinkt.
Ein Teil der aufgenommenen Energie wird durch entzündungsgetriebene Stoffwechselprozesse „verpufft“. Dadurch entsteht ein energetisches Defizit auf zellulärer Ebene – selbst bei rechnerisch ausreichender Kalorienzufuhr.
Unterschied zwischen Mangelernährung und Kachexie
Die Differenzierung ist klinisch bedeutsam:
- Mangelernährung: primär kalorisches Defizit; prinzipiell durch adäquate Ernährung reversibel
- Kachexie: metabolisch-inflammatorisches Syndrom; reine Kalorienzufuhr meist nicht ausreichend
Während bei der Mangelernährung die Fettmasse früh betroffen ist, steht bei der Kachexie der Verlust an Muskelmasse im Vordergrund. Dieser Muskelabbau verschlechtert Prognose, Funktionalität und Lebensqualität signifikant.
Therapeutische Konsequenzen – multimodaler Ansatz erforderlich
Die Therapie der Kachexie erfordert ein kombiniertes Vorgehen:
- Optimierte Proteinversorgung (1,2-1,5 g/kgKG/Tag oder höher je nach Situation)
- Leucinreiche Aminosäuren zur Aktivierung des mTOR-Signalwegs
- Entzündungsmodulation (z. B. durch Omega-3-Fettsäuren)
- Individuell angepasstes Krafttraining zur Stimulation der Muskelproteinsynthese
- Behandlung der Grunderkrankung
Reine Hochkalorik ohne Berücksichtigung der zugrundeliegenden Stoffwechselveränderungen bleibt häufig ineffektiv.
Fazit
Kachexie ist ein komplexes, inflammationsgetriebenes Stoffwechselsyndrom, bei dem ein kataboler Stoffwechsel die Gewichtszunahme trotz ausreichender Kalorienzufuhr verhindert. Entscheidend ist das Verständnis der zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen: anabole Resistenz, gesteigerter Proteinabbau und erhöhter Energieverbrauch. Eine erfolgreiche Therapie erfordert daher einen multimodalen Ansatz, der Ernährung, Bewegung und Entzündungsmodulation kombiniert.
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