Magersucht (Anorexia nervosa) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Anorexia nervosa (Magersucht) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Einatmen von Fremdmaterial) – insbesondere bei Erbrechen, reduzierter Schutzreflexlage, schwerer Schwäche oder Bewusstseinsstörung; klinisch relevant durch Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), respiratorische Dekompensation (Entgleisung der Atmung) und Sepsisrisiko (Risiko einer Blutvergiftung) [6-9]
  • Atemmuskelschwäche (Schwäche der Atemmuskulatur) – Folge von Protein-Energie-Mangel (Eiweiß- und Energiemangel), Sarkopenie (Muskelschwund) und Elektrolytentgleisungen (Störungen der Blutsalze); klinisch relevant durch reduzierte Belastbarkeit, Hypoventilation (verminderte Atmung) und erhöhtes Risiko bei Infekten [6-9]

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Anämie (Blutarmut) – meist normozytär (mit normal großen roten Blutkörperchen) oder mikrozytär (mit verkleinerten roten Blutkörperchen); bei begleitendem Eisenmangel als Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel), bei schwerer Mangelernährung (Fehlernährung durch Nährstoffmangel) auch im Rahmen einer Knochenmarkhypoplasie (verminderte Knochenmarkbildung) beziehungsweise gelatinösen Knochenmarktransformation (gallertiger Umbau des Knochenmarks) [6-9]
  • Leukopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) – häufige hämatologische Komplikation (das Blut betreffende Folge) bei schwerer Unterernährung (starker Nahrungs- und Nährstoffmangel); klinisch relevant durch eingeschränkte Infektabwehr, auch wenn klassische Entzündungszeichen abgeschwächt sein können [6-9]
  • Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) – mögliche Folge schwerer Mangelernährung mit Knochenmarkbeteiligung; klinisch relevant durch Blutungsneigung bei ausgeprägter Ausprägung [6-9]

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Dehydratation (Austrocknung) – insbesondere bei reduzierter Flüssigkeitsaufnahme, Erbrechen, Laxantienabusus (Missbrauch von Abführmitteln) oder Diuretikaabusus (Missbrauch von Entwässerungsmitteln); klinisch relevant durch orthostatische Dysregulation (Kreislaufstörung beim Aufstehen), Nierenfunktionsstörung und Elektrolytentgleisungen [6-9]
  • Elektrolytentgleisungen – insbesondere Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut), Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut), Hypophosphatämie (Phosphatmangel im Blut) und Hyponatriämie (Natriummangel im Blut); klinisch relevant durch Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags), Muskelschwäche, Krampfanfälle und Refeeding-Syndrom (Wiederernährungssyndrom) [6-9]
  • Funktioneller hypothalamischer Hypogonadismus (hormonell bedingte Unterfunktion der Keimdrüsen durch Steuerungsstörung im Gehirn) – zentrale Suppression (Unterdrückung) der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (hormonelle Steuerungsachse zwischen Gehirn und Keimdrüsen) infolge negativer Energiebilanz; klinisch relevant durch Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung), Infertilität (Unfruchtbarkeit), Libidoverlust (Verlust des sexuellen Verlangens) und Verlust an Knochenmineraldichte [3, 5-9]
  • Hypercholesterinämie/Dyslipidämie (erhöhter Cholesterinspiegel/Fettstoffwechselstörung) – paradoxe Lipidstoffwechselveränderung (Veränderung des Fettstoffwechsels) trotz Untergewicht; klinisch meist reversibel (rückbildungsfähig) unter Gewichtsrehabilitation (Wiederherstellung des Gewichts), differentialdiagnostisch abzugrenzen von primären Fettstoffwechselstörungen [6-9]
  • Hyperkortisolismus (erhöhte Cortisolwirkung) – stress- und hungeradaptierte Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (hormonelle Steuerungsachse zwischen Gehirn und Nebenniere); klinisch relevant als Cofaktor (mitwirkender Faktor) für Knochenverlust, Muskelkatabolismus (Muskelabbau) und metabolische Anpassungen (stoffwechselbedingte Anpassungen) [6-9]
  • Hypoglykämie (Unterzuckerung) – Ausdruck erschöpfter Glykogenreserven (Zuckerreserven) und gestörter Glukoneogenese (Neubildung von Zucker) bei schwerer Unterernährung; klinisch relevant durch Synkope (kurzzeitige Ohnmacht), Krampfanfälle, Bewusstseinsstörung und plötzlichen Tod [6-9]
  • Low-T3-Syndrom (Schilddrüsenhormonmangelsyndrom) – nichtthyreoidale Adaptation (nicht durch die Schilddrüse verursachte Anpassung) mit erniedrigtem Trijodthyronin (Schilddrüsenhormon) bei Hungerstoffwechsel; klinisch relevant durch Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Kälteintoleranz, Müdigkeit und reduzierte Stoffwechselrate [6-9]
  • Metabolische Alkalose (stoffwechselbedingte Blutübersäuerungs-Gegenstörung mit zu basischem Blut) – insbesondere bei selbstinduziertem Erbrechen oder Diuretikaabusus; häufig kombiniert mit Hypokaliämie und erhöhtem Risiko für Herzrhythmusstörungen [6-9]
  • Mikronährstoffmangel (Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen) – u. a. Mangel an Calcium, Eisen, Folsäure, Thiamin, Vitamin B12, Vitamin C und Vitamin D; klinisch relevant durch Anämie, neurologische Symptome (Nervenbeschwerden), Knochengesundheitsstörungen, Schleimhautveränderungen und Refeeding-Risiken [6-9]
  • Refeeding-Syndrom – potenziell lebensbedrohliche Verschiebung von Phosphat, Kalium, Magnesium, Glukose und Flüssigkeit nach Wiederernährung; klinisch relevant durch Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Ödeme (Wassereinlagerungen), Herzrhythmusstörungen, Ateminsuffizienz (Atemschwäche), Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe) und neurologische Komplikationen (Folgen am Nervensystem) [6-9]
  • Sekundärer Hyperparathyreoidismus (reaktive Nebenschilddrüsenüberfunktion) – vor allem bei Vitamin-D-Mangel, Calciumdefizit und niedriger Knochenmineraldichte; klinisch relevant als Verstärker des Knochenabbaus [3, 6-9]
  • Unterernährung/Mangelernährung – zentrale systemische Folge der Anorexia nervosa mit Multiorganbeteiligung (Beteiligung mehrerer Organe), Sarkopenie, Hypothermie (Unterkühlung), Immundysfunktion (Störung der Abwehrfunktion) und erhöhtem Mortalitätsrisiko (Sterberisiko) [4, 6-9]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Alopezie (Haarausfall) – diffuser Haarausfall infolge Protein-Energie-Mangel, endokriner Adaptation (hormoneller Anpassung) und Mikronährstoffmangel [6-9]
  • Lanugo-Behaarung (flaumartige Körperbehaarung) – feine Körperbehaarung als hungerassoziierte Anpassung zur Wärmeisolation, besonders bei ausgeprägtem Untergewicht [6-9]
  • Russell-Zeichen (Schwielen an den Fingern durch Erbrechen) – Schwielen oder Läsionen (Gewebeschäden) an den Streckseiten der Finger durch selbstinduziertes Erbrechen; Hinweis auf Purging-Verhalten (kompensatorisches Entleerungsverhalten) [6-9]
  • Xerodermie (trockene Haut) – trockene Haut infolge Dehydratation, Mangelernährung und reduzierter Talgproduktion [6-9]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Bradykardie – häufige kardiale Adaptation (Anpassung des Herzens) an Hungerstoffwechsel und reduzierte Stoffwechselrate; bei ausgeprägter Ausprägung Hinweis auf medizinische Instabilität [6-9]
  • Herzinsuffizienz – insbesondere bei schwerer Myokardatrophie (Schwund des Herzmuskels), Elektrolytentgleisungen oder Refeeding-Syndrom; klinisch relevant durch Ödeme, Dyspnoe (Atemnot), Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Kreislaufdekompensation (Kreislaufentgleisung) [6-9]
  • Herzrhythmusstörungen – insbesondere bei Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, Hypophosphatämie, QTc-Verlängerung (verlängerte Erregungsrückbildung am Herzen), Bradykardie oder Psychopharmakotherapie (Behandlung mit Medikamenten für die Psyche); relevante Ursache des plötzlichen Herztodes [4, 6-9]
  • Hypotonie und orthostatische Dysregulation – Folge von Hypovolämie (verminderter Blutmenge), autonomer Adaptation (Anpassung des vegetativen Nervensystems) und kardialer Dekonditionierung (Leistungsabbau des Herzens); klinisch relevant durch Synkopen, Stürze und Kreislaufdekompensation [6-9]
  • Perikarderguss (Flüssigkeit im Herzbeutel) – meist stiller echokardiographischer Befund (Ultraschallbefund des Herzens) bei schwerer Anorexia nervosa; korreliert unter anderem mit niedrigem Body-Mass-Index (Körpermasseindex), raschem Gewichtsverlust und niedrigen T3-Werten [6-9]
  • Plötzlicher Herztod (unerwarteter Tod durch Herzversagen) – seltene, aber zentrale letale Komplikation (tödliche Folge), meist im Kontext von Herzrhythmusstörungen, Elektrolytentgleisungen, QTc-Verlängerung oder schwerer Unterernährung [4, 6-9]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Infektionskomplikationen (infektionsbedingte Folgen) – erhöhtes Risiko bei Leukopenie, Unterernährung, Hautbarrierestörung, Aspiration (Einatmen von Fremdmaterial) oder stationärer Behandlung; Fieber und Entzündungszeichen können bei schwerer Mangelernährung abgeschwächt sein [6-9]
  • Sepsis (Blutvergiftung) – seltene, aber potenziell letale Komplikation bei schwerer Infektion, Aspiration, Immundysfunktion oder Katheter-/Stationskomplikationen [6-9]

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) – seltene Komplikation, möglich im Zusammenhang mit schwerer Mangelernährung, Refeeding, Elektrolytentgleisungen oder Begleiterkrankungen [6-9]
  • Gallensteine (Steine in der Gallenblase oder den Gallenwegen) – begünstigt durch raschen Gewichtsverlust, reduzierte Fettzufuhr und Gallenblasenhypomotilität (verminderte Beweglichkeit der Gallenblase); klinisch relevant durch biliäre Koliken (Gallenkoliken), Cholezystitis (Gallenblasenentzündung) oder Pankreatitis [6-9]
  • Transaminasenerhöhung bis Hungerhepatopathie (Leberschädigung durch Hungerzustand) – Ausdruck von Autophagie (zellulärer Selbstabbau), hepatischer Minderperfusion (verminderter Leberdurchblutung), Refeeding oder schwerer Unterernährung; bei extremer Ausprägung potenziell lebensbedrohlich [6-9]

Mund, Ösophagus, Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Chronische Obstipation (chronische Verstopfung) – Folge reduzierter Nahrungsmenge, verzögerter Kolontransitzeit (verlangsamter Dickdarmtransport), Dehydratation, Immobilität und Laxantienabusus [6-9]
  • Gastroparese/verzögerte Magenentleerung (Magenlähmung/verlangsamte Magenentleerung) – häufige gastrointestinale Komplikation (Folge im Magen-Darm-Trakt) mit frühem Sättigungsgefühl, Übelkeit, Völlegefühl und erschwerter Ernährungsrehabilitation [6-9]
  • Gastroösophageale Refluxkrankheit und Ösophagitis (Rückflusskrankheit und Speiseröhrenentzündung) – insbesondere bei Erbrechen, gestörter Motilität (Beweglichkeit) und Purging-Verhalten; klinisch relevant durch Schmerzen, Dysphagie (Schluckstörung) und Schleimhautschäden [6-9]
  • Mallory-Weiss-Läsion (Schleimhautriss am Übergang von Speiseröhre zu Magen) – Schleimhauteinriss am gastroösophagealen Übergang (Übergang von Speiseröhre zu Magen) nach wiederholtem Erbrechen; klinisch relevant durch Hämatemesis (Bluterbrechen) [6-9]
  • Speicheldrüsenschwellung/Sialadenose (Speicheldrüsenschwellung) – besonders bei Purging-Verhalten; klinisch sichtbar als Parotisschwellung (Schwellung der Ohrspeicheldrüse) [6-9]
  • Superior-mesenteric-artery-Syndrom (Einklemmung des Zwölffingerdarms durch Gefäßdruck) – seltene Komplikation bei ausgeprägtem Verlust des mesenterialen Fettpolsters (Fettpolster im Darmaufhängebereich); klinisch relevant durch postprandiale Schmerzen (Schmerzen nach dem Essen), Übelkeit, Erbrechen und Obstruktionssymptomatik (Beschwerden durch Verlegung) [6-9]
  • Zahnschäden – insbesondere erosive Zahnhartsubstanzverluste (säurebedingter Verlust der Zahnhartsubstanz), Karies (Zahnfäule) und Zahnverlust bei chronischem Erbrechen, Xerostomie (Mundtrockenheit) und Mangelernährung [6-9]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Frakturen (Knochenbrüche) – erhöhtes Risiko durch niedrige Knochenmineraldichte, Hypogonadismus, Vitamin-D-Mangel, reduzierte Muskelmasse und Sturzereignisse [3, 6-9]
  • Muskelschwäche/Sarkopenie – Folge von Protein-Energie-Mangel, Immobilität und Elektrolytentgleisungen; klinisch relevant durch reduzierte Belastbarkeit, Sturzrisiko und verzögerte Rehabilitation [6-9]
  • Osteomalazie (Knochenerweichung) – möglich bei Vitamin-D-Mangel und Calciumdefizit; klinisch relevant durch Knochenschmerzen, proximale Muskelschwäche (rumpfnahe Muskelschwäche) und Frakturrisiko [3, 6-9]
  • Osteopenie (verminderte Knochendichte) – häufige Folge von niedrigem Body-Mass-Index, Amenorrhoe, Hypogonadismus, niedriger Fett- und Magermasse sowie längerer Krankheitsdauer [3, 6-9]
  • Osteoporose (Knochenschwund) – klinisch bedeutsame Komplikation mit erhöhtem Frakturrisiko; besonders relevant bei Krankheitsbeginn in Adoleszenz (Jugendalter), ausbleibender Peak-Bone-Mass-Entwicklung (Aufbau der maximalen Knochenmasse) und chronischem Hypogonadismus [3, 6-9]
  • Wachstumsstörungen – bei Krankheitsbeginn vor Abschluss des Wachstums durch Unterernährung, endokrine Suppression und reduzierte Knochenreifung; potenziell mit verminderter Endgröße [6-9]

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Bronchialkarzinom (Lungenkrebs) – in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse war Anorexia nervosa mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko assoziiert (verbunden); Confounding (Verzerrung durch Störfaktoren) durch Rauchen und Alkohol ist zu berücksichtigen [1]
  • Ösophaguskarzinom (Speiseröhrenkrebs) – in derselben Metaanalyse zeigte sich eine erhöhte Inzidenz (Neuerkrankungshäufigkeit); als mögliche Cofaktoren gelten chronisches Erbrechen, Reflux (Rückfluss), Schleimhautschäden, Rauchen und Alkohol [1]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Alkoholabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch – relevante psychische Komorbidität (Begleiterkrankung), insbesondere bei impulsiven, bulimischen oder purgingassoziierten Verläufen [4, 6-9]
  • Angststörungen – häufige Komorbidität, insbesondere soziale Angststörung, generalisierte Angststörung und Zwangssymptomatik (zwanghafte Beschwerden) [6-9]
  • Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) – möglicher Verlauf mit Übergang von restriktiver Symptomatik (einschränkendem Beschwerdebild) zu Essanfällen und kompensatorischem Verhalten [6-9]
  • Depression (depressive Erkrankung) – häufige Komorbidität mit Relevanz für Chronifizierung (dauerhaften Verlauf), Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung) und Mortalität (Sterblichkeit) [4, 6-9]
  • Kognitive Einschränkungen (Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit) – insbesondere reduzierte Konzentration, exekutive Dysfunktion (Störung der Handlungssteuerung), verlangsamtes Denken und starres Denken; teilweise reversibel unter Gewichtsrehabilitation [2, 6-9]
  • Persönlichkeitsstörungen – relevante Komorbidität, insbesondere bei chronischem Verlauf, Selbstverletzung, Impulsivität oder interpersonellen Funktionsstörungen (Störungen im zwischenmenschlichen Umgang) [6-9]
  • Pseudoatrophia cerebri/Hirnvolumenminderung (scheinbare Hirnschrumpfung/Verminderung des Hirnvolumens) – hungerassoziierte, teilweise reversible Veränderung der Hirnstruktur; in longitudinalen Daten (Verlaufsdaten) wurden erhöhte Marker neuronaler und glialer Schädigung (Hinweise auf Schädigung von Nerven- und Stützzellen) beschrieben [2]
  • Rezidiv der Anorexia nervosa (Rückfall der Magersucht) – häufige klinische Problematik nach Teilremission (teilweiser Rückbildung); Risiko erhöht bei persistierender Körperbildstörung (anhaltend gestörter Wahrnehmung des eigenen Körpers), unzureichender Gewichtsstabilisierung, Komorbidität und psychosozialer Belastung [4, 6-9]
  • Selbstverletzendes Verhalten – relevante Komorbidität im Kontext affektiver Dysregulation (Störung der Gefühlsregulation), Traumabelastung, Persönlichkeitsstörung oder Suizidalität [4, 6-9]
  • Substanzgebrauchsstörungen – insbesondere Alkohol, Stimulanzien (anregende Substanzen), Laxantien, Diuretika oder Appetitzügler; klinisch relevant durch Elektrolytentgleisungen, Abhängigkeit und erhöhte Mortalität [4, 6-9]
  • Suizidalität – zentrale letale Komplikation; aktuelle Metaanalysen bestätigen eine deutlich erhöhte Mortalität bei Anorexia nervosa, wobei Suizid (Selbsttötung) und kardiale Todesursachen (herzbedingte Todesursachen) wesentliche Todesursachen darstellen [4]
  • Zwangsstörungen – häufige Komorbidität beziehungsweise überlappende Symptomdimension (Beschwerdebereich) mit Ritualisierung, Kontrollverhalten und kognitiver Rigidität (geistiger Starrheit) [6-9]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Anämie in der Schwangerschaft – bei aktiver Anorexia nervosa in systematischen Übersichtsarbeiten häufig berichtete maternale Komplikation (mütterliche Folge) [5]
  • Frühgeburt – in systematischen Übersichtsarbeiten bei aktiver Anorexia nervosa als relevante Schwangerschaftskomplikation (Folge in der Schwangerschaft) berichtet [5]
  • Intrauterine Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung im Mutterleib) – erhöhtes Risiko bei aktiver Anorexia nervosa während der Schwangerschaft; klinisch relevant durch fetale Minderentwicklung (vermindertes Wachstum des ungeborenen Kindes) und perinatales Risiko (Risiko um die Geburt herum) [5]
  • Niedriges Geburtsgewicht und Small-for-gestational-age-Neugeborene (für das Schwangerschaftsalter zu kleine Neugeborene) – häufig berichtete neonatale Komplikationen (Folgen beim Neugeborenen) bei aktiver Anorexia nervosa in der Schwangerschaft [5]
  • Peripartales Rezidiv beziehungsweise Symptomverschlechterung (Rückfall um die Geburt herum beziehungsweise Verschlechterung der Beschwerden) – möglich in Schwangerschaft und Wochenbett; relevant durch Ernährungsinstabilität, Depression, Angst und gestörtes Essverhalten [5, 6-9]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Akrozyanose (bläuliche Verfärbung von Fingern und Zehen) – bläuliche Verfärbung der Akren (Körperenden) infolge peripherer Vasokonstriktion (Verengung kleiner Blutgefäße), Hypothermie und Kreislaufadaptation [6-9]
  • Frieren/Kälteintoleranz – Folge von reduziertem Grundumsatz, Verlust subkutanen Fettgewebes (Unterhautfettgewebes), Hypothermie und Low-T3-Syndrom [6-9]
  • Hypothermie – Ausdruck schwerer metabolischer Adaptation und medizinischer Instabilität; klinisch relevant durch Bradykardie, Bewusstseinsstörung und Arrhythmierisiko (Risiko für Herzrhythmusstörungen) [6-9]
  • Kachexie (krankhafte Auszehrung) – ausgeprägter Gewichtsverlust mit Verlust von Fettmasse und Magermasse; klinisch relevant durch Multiorganbeteiligung, Muskelschwäche und erhöhtes Mortalitätsrisiko [4, 6-9]
  • Ödeme – möglich bei Hypoproteinämie (Eiweißmangel im Blut), Refeeding, Herzinsuffizienz, renaler Dysfunktion (Nierenfunktionsstörung) oder Laxantien-/Diuretikaabusus; klinisch relevant als Warnzeichen bei Wiederernährung [6-9]
  • Synkope – Folge von Hypotonie, orthostatischer Dysregulation, Hypoglykämie, Dehydratation oder Herzrhythmusstörungen [6-9]
  • Untergewicht – zentrales klinisches Leitsymptom der Anorexia nervosa und Prognosefaktor für medizinische Instabilität, Knochenverlust und Mortalität [3, 4, 6-9]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Nierenschädigung (akute Schädigung der Nieren) – möglich durch Dehydratation, Hypotonie, Rhabdomyolyse, Elektrolytentgleisungen oder Refeeding-Syndrom [6-9]
  • Amenorrhoe – Folge des funktionellen hypothalamischen Hypogonadismus; möglich als primäre oder sekundäre Amenorrhoe, klinisch relevant für Fertilität (Fruchtbarkeit) und Knochenmineraldichte [3, 5-9]
  • Brachymenorrhoe (verkürzte Regelblutung) – mögliche Zyklusstörung (Störung des Monatszyklus) bei partieller endokriner Suppression und negativer Energiebilanz [5-9]
  • Chronische Niereninsuffizienz (chronische Nierenschwäche) – möglich bei chronischer Dehydratation, Hypokaliämie, Laxantien-/Diuretikaabusus oder wiederholter akuter Nierenschädigung [6-9]
  • Hypokaliämische Nephropathie (Nierenschädigung durch Kaliummangel) – renale Komplikation (die Nieren betreffende Folge) chronischer Hypokaliämie, besonders bei Purging-Verhalten, Laxantienabusus oder Diuretikaabusus [6-9]
  • Hypomenorrhoe (zu schwache Regelblutung) – mögliche Zyklusstörung bei relativer Gonadotropinsuppression (Unterdrückung der Keimdrüsenhormone) und Unterernährung [5-9]
  • Infertilität/Subfertilität der Frau (Unfruchtbarkeit/eingeschränkte Fruchtbarkeit der Frau) – meist funktionell durch hypothalamische Suppression, Anovulation (ausbleibender Eisprung) und Amenorrhoe; Fertilität kann nach Gewichtsrehabilitation und Zyklusnormalisierung zurückkehren [5-9]
  • Nephrolithiasis/Urolithiasis (Nierensteine/Harnsteine) – möglich durch Dehydratation, niedrige Urinmenge, Elektrolytstörungen, Immobilität und Calcium-/Vitamin-D-Störungen [6-9]
  • Oligomenorrhoe (verlängerter Monatszyklus) – Zyklusintervall von mehr als 35 Tagen und höchstens 90 Tagen; Ausdruck partieller hypothalamisch-hypophysär-ovarieller Suppression (teilweiser Unterdrückung der hormonellen Steuerungsachse zwischen Gehirn und Eierstock) [5-9]
  • Sexuelle Funktionsstörung/Libidostörung (Störung der Sexualfunktion/Störung des sexuellen Verlangens) – bei Frauen und Männern durch Hypogonadismus, Depression, Angst, Körperbildstörung und Unterernährung [5-9]
  • Spotting (Schmierblutung) – Schmierblutung bei instabiler endometrialer Stimulation (ungleichmäßiger Reizung der Gebärmutterschleimhaut) und gestörter ovarialer Funktion (gestörter Eierstockfunktion) [5-9]

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Autoaggressionsverhalten (selbstschädigendes Verhalten) – klinisch relevant im Zusammenhang mit Selbstverletzung, Suizidalität, affektiver Dysregulation und komorbiden psychischen Störungen [4, 6-9]
  • Medikamenten-/Substanzmissbrauch zur Gewichtsregulation – insbesondere Laxantien, Diuretika, Stimulanzien, Appetitzügler oder Schilddrüsenhormone; klinisch relevant durch Elektrolytentgleisungen, Herzrhythmusstörungen, Nierenfunktionsstörung und Abhängigkeit [6-9]

Weiteres

  • Soziale Isolation (sozialer Rückzug) – häufige psychosoziale Folge durch krankheitsbedingte Vermeidung gemeinsamer Mahlzeiten, Scham, depressive Symptomatik, Zwanghaftigkeit und Funktionsverlust [6-9]

Prognosefaktoren

  • Langer Krankheitsverlauf – erhöhtes Risiko für Chronifizierung, Rezidive, somatische Dauerschäden (körperliche Dauerschäden) und Mortalität [4, 6-9]
  • Niedriger Body-Mass-Index beziehungsweise rascher Gewichtsverlust – starker Prädiktor (Vorhersagefaktor) für medizinische Instabilität, Knochenverlust, kardiale Komplikationen und Mortalität [3, 4, 6-9]
  • Purging-Verhalten – erhöhtes Risiko für Hypokaliämie, metabolische Alkalose, Zahn- und Ösophagusschäden, Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen [6-9]
  • Komorbide Depression, Angststörung, Zwangsstörung, Persönlichkeitsstörung oder Substanzgebrauchsstörung – ungünstig für Remission (Rückbildung), Rückfallrisiko, Therapieadhärenz (Therapietreue) und Mortalität [4, 6-9]
  • Suizidalität oder Selbstverletzung – unmittelbarer Hochrisikofaktor (Faktor mit hohem Risiko) für Mortalität und stationäre Behandlungsbedürftigkeit [4, 6-9]
  • Persistierende Amenorrhoe beziehungsweise Hypogonadismus – ungünstig für Knochengesundheit, Fertilität und langfristige somatische Prognose (körperliche Vorhersage des Krankheitsverlaufs) [3, 5-9]
  • Elektrolytentgleisungen, Hypoglykämie, Bradykardie, Hypotonie, Hypothermie oder Synkopen – Zeichen medizinischer Instabilität mit Indikation (Behandlungsanlass) zur dringlichen somatischen Abklärung (körperlichen Abklärung) beziehungsweise stationären Behandlung [6-9]
  • Refeeding-Risiko – besonders bei sehr niedrigem Gewicht, raschem Gewichtsverlust, längerem Fasten, Alkoholmissbrauch, Elektrolytdefiziten oder schwerer Multiorganbeteiligung [6-9]
  • Frühe, strukturierte, leitliniengerechte Behandlung – günstiger Prognosefaktor, insbesondere bei früher Gewichtsstabilisierung, Einbindung der Angehörigen bei Jugendlichen und multiprofessioneller Therapie (Behandlung durch mehrere Berufsgruppen) [7-9]

Literatur

  1. Catalá-López F, Forés-Martos J, Driver JA et al.: Association of Anorexia Nervosa With Risk of Cancer: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Netw Open. 2019;2(6):e195313. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2019.5313 
  2. Hellerhoff I, King JA, Tam FI et al.: Differential longitudinal changes of neuronal and glial damage markers in anorexia nervosa after partial weight restoration. Transl Psychiatry. 2021;11(1):86. https://doi.org/10.1038/s41398-021-01209-w 
  3. Lopes MP, Robinson L, Stubbs B et al.: Associations between bone mineral density, body composition and amenorrhoea in females with eating disorders: a systematic review and meta-analysis. J Eat Disord. 2022;10:173. https://doi.org/10.1186/s40337-022-00694-8 
  4. Krug I, Liu S, Portingale J et al.: A meta-analysis of mortality rates in eating disorders: An update of the literature from 2010 to 2024. Clin Psychol Rev. 2025;116:102547. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2025.102547 
  5. Pan JR, Li TY, Tucker D et al.: Pregnancy outcomes in women with active anorexia nervosa: a systematic review. J Eat Disord. 2022;10:25. https://doi.org/10.1186/s40337-022-00551-8 
  6. Mehler PS, Brown C: Anorexia nervosa: medical complications. J Eat Disord. 2015;3:11. https://doi.org/10.1186/s40337-015-0040-8 

Leitlinien

  1. Crone C, Fochtmann LJ, Attia E et al.: The American Psychiatric Association Practice Guideline for the Treatment of Patients With Eating Disorders. Am J Psychiatry. 2023;180(2):167-171. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.23180001 
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Eating disorders: recognition and treatment. NICE guideline NG69. Published 23 May 2017; last reviewed 2024 with decision not to update. https://www.nice.org.uk/guidance/ng69 
  3. Royal College of Psychiatrists: Medical Emergencies in Eating Disorders: Guidance on Recognition and Management. College Report CR233. 2022. https://www.rcpsych.ac.uk/improving-care/campaigning-for-better-mental-health-policy/college-reports/2022-college-reports/cr233