Unterkühlung (Hypothermie) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

Bei vermuteter Hypothermie (Unterkühlung) haben das Erkennen lebensbedrohlicher Störungen und die Beurteilung von Bewusstsein, Atmung und Kreislauf Vorrang. Die Untersuchung erfolgt schonend, mit möglichst wenigen Lagewechseln und unter Vermeidung weiterer Auskühlung. Körpergewicht und Körpergröße werden erst nach Stabilisierung erhoben, sofern klinisch erforderlich.

Notfalluntersuchung bei bewusstseinsgetrübten Personen

  • Atemwege und Atmung
    • Atemwegsdurchgängigkeit, Schutzreflexe, Atemfrequenz, Atemtiefe und Thoraxbewegungen (Bewegungen des Brustkorbs) beurteilen; auf Atemwegsverlegung, unzureichende Atmung und Apnoe (Atemstillstand) achten.
  • Kreislauf
    • Zentralen Puls, Herzfrequenz, Pulsqualität und Blutdruck prüfen.
    • Bei bewusstlosen unterkühlten Personen Atmung und zentralen Puls bis zu 60 Sekunden sorgfältig auf Lebenszeichen prüfen, da diese stark verlangsamt und schwer erkennbar sein können.
    • Sind keine Lebenszeichen nachweisbar, ist unverzüglich die Reanimation einzuleiten; eine Temperaturmessung darf diese nicht verzögern.
  • Bewusstsein
    • Ansprechbarkeit, Orientierung und Reaktion auf Ansprache bzw. einen angemessenen Druckreiz erfassen. Die anschließende strukturierte Bewertung erfolgt anhand der nachfolgenden Skala; die wiederholte Erhebung dient der Verlaufskontrolle.

Glasgow Coma Scale (GCS) - Skala zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung [1]

Kategorie Kriterium Punktzahl
Augenöffnen Spontan 4
Auf Ansprache oder Geräusch 3
Auf Druckreiz 2
Keine Reaktion 1
Verbale Reaktion Orientiert 5
Verwirrt, zusammenhängende Kommunikation möglich 4
Einzelne verständliche Worte ohne zusammenhängende Kommunikation 3
Unverständliche Laute 2
Keine verbale Reaktion 1
Beste motorische Reaktion Befolgt Aufforderungen 6
Lokalisiert einen Druckreiz durch gezielte Abwehr 5
Normale Beugung bzw. Zurückziehen auf Druckreiz 4
Abnorme Beugung auf Druckreiz 3
Streckreaktion auf Druckreiz 2
Keine motorische Reaktion 1

Beurteilung

  • Für jede Kategorie wird die beste beobachtete Reaktion dokumentiert. Die Summe beträgt bei vollständig beurteilbaren Kategorien 3-15 Punkte; zusätzlich sind die drei Einzelwerte anzugeben.
  • Nicht beurteilbare Komponenten, z. B. die verbale Reaktion bei Intubation, werden als NT (not testable) gekennzeichnet. In diesem Fall wird keine Gesamtsumme gebildet.
  • Eine GCS von höchstens 8 Punkten kennzeichnet eine ausgeprägte Bewusstseinsstörung und erfordert die unverzügliche Beurteilung der Atemwegssicherheit. Die Entscheidung zur endotrachealen Intubation richtet sich insbesondere nach Schutzreflexen, Atemwegsdurchgängigkeit, Atmung und klinischem Verlauf.
  • Die Hypothermie selbst kann die GCS vermindern; daraus lässt sich vor Wiedererwärmung keine verlässliche neurologische Prognose ableiten.

Anschließend erfolgt, soweit die Vitalfunktionen dies zulassen:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung
    • Vitalparameter: Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Körperkerntemperatur erheben und im Verlauf wiederholt beurteilen. Bei Kältezittern und geringer peripherer Durchblutung können nicht invasive Blutdruckmessung und Pulsoxymetrie unzuverlässig sein.
    • Körperkerntemperatur: Mit einem für niedrige Temperaturen geeigneten Thermometer messen [Körperkerntemperatur unter 35 °C]. Bei gesichertem Atemweg ist die ösophageale Messung geeignet; bei nicht intubierten Personen kommt eine korrekt platzierte und gegen Umgebungskälte isolierte epitympanale Thermistorsonde infrage. Handelsübliche Infrarot-Ohrthermometer sowie axilläre, orale oder kutane Messungen sind zur zuverlässigen Schweregradeinteilung ungeeignet. Rektale und vesikale Temperaturen können bei rascher Abkühlung oder Wiedererwärmung verzögert reagieren.
    • Inspektion von Haut und Schleimhäuten: Hautfarbe, Hauttemperatur, Feuchtigkeit, Verletzungen und lokale Erfrierungen beurteilen; besonders Finger, Zehen, Ohren und Nase untersuchen. Kalte, blasse oder marmorierte Haut unterstützt den Verdacht, erlaubt aber keine zuverlässige Abschätzung der Körperkerntemperatur.
    • Muskelaktivität: Kältezittern, Muskeltonus (Spannungszustand der Muskeln) und spontane Bewegungen beurteilen. Nachlassendes oder fehlendes Zittern kann auf fortgeschrittene Unterkühlung hinweisen, kommt jedoch auch bei Erschöpfung oder begleitenden Erkrankungen vor.
    • Auskultation des Herzens: Frequenz, Rhythmus und Herztöne beurteilen; auf Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) und unregelmäßigen Rhythmus achten.
    • Auskultation der Lunge: Atemgeräusche seitengleich prüfen; auf abgeschwächte Belüftung, Rasselgeräusche und Hinweise auf Aspiration (Eindringen von Fremdmaterial in die Atemwege) oder begleitende Lungenerkrankungen achten.
    • Palpation des Abdomens (Bauchraums): Druckschmerz und Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchmuskulatur) prüfen; bei entsprechendem Befund gezielt nach Verletzungen oder einer zugrunde liegenden akuten Erkrankung suchen. Bruchpforten und Nierenlager werden bei klinischem Verdacht untersucht. Ein unauffälliger Befund schließt bei ausgeprägter Unterkühlung wegen verminderter Reaktionsfähigkeit eine relevante Begleiterkrankung nicht sicher aus.
  • Neurologische Untersuchung
    • Bewusstseinslage, Sprache, Pupillenweite und Lichtreaktion, Hirnnervenfunktion (Funktion der Nerven mit Ursprung im Gehirn), Muskelkraft, Muskeltonus und Reflexe prüfen. Auf Dysarthrie (Sprechstörung), Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), verlangsamte Reaktionen und bei schwerer Unterkühlung erloschene Reflexe achten. Koordination und Gang nur bei wachen, kreislaufstabilen Personen und ohne zusätzliche Belastung prüfen.
    • Fokalneurologische Ausfälle (örtlich begrenzte Störungen der Nervenfunktion), deutliche Seitendifferenzen, Meningismus (Nackensteifigkeit bei Reizung der Hirnhäute) oder Hinweise auf eine Rückenmarkverletzung erfordern die gezielte Abklärung einer zusätzlichen neurologischen Ursache. Auffälligkeiten dürfen nicht pauschal der Hypothermie zugeschrieben werden.
    • Lichtstarre (auf Licht nicht mit Verengung reagierende) weite Pupillen, fehlende Reflexe und kältebedingte Muskelstarre sind bei schwerer Hypothermie allein keine sicheren Todeszeichen.
  • Gezielte Untersuchung auf Begleiterkrankungen und Verletzungen
    • Bei unzureichender Erklärung durch Kälteexposition nach klinischen Hinweisen auf Infektion, endokrine Erkrankung (Erkrankung des Hormonsystems), Intoxikation (Vergiftung) oder Verletzung suchen.
    • Beispielsweise können Myxödem (teigige Gewebeschwellung), trockene grobe Haut und verzögerte Reflexrelaxation (Nachlassen der Muskelanspannung nach Auslösen eines Reflexes) auf eine schwere Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) hinweisen.
    • Bei möglichem Trauma (Verletzung durch äußere Einwirkung) Kopf, Wirbelsäule und Extremitäten (Arme und Beine) schonend untersuchen; eine notwendige Stabilisierung der Wirbelsäule berücksichtigen.

Klinische Schweregradeinschätzung

Wenn keine zuverlässige Körperkerntemperatur verfügbar ist, erfolgt eine vorläufige klinische Einteilung nach Bewusstseinslage und Lebenszeichen. Die Stadien beschreiben eine zunehmende Gefährdung; eine exakte Körperkerntemperatur lässt sich aus den Befunden nicht ableiten.

Stadium Klinischer Befund
I Wach und ansprechbar; Kältezittern meist vorhanden.
II Bewusstseinsgetrübt, z. B. verwirrt oder schläfrig; Zittern kann vermindert sein oder fehlen.
III Bewusstlos; Lebenszeichen nachweisbar.
IV Keine Lebenszeichen nachweisbar; hypothermer Kreislaufstillstand (Kreislaufstillstand bei Unterkühlung).

Intoxikation, Verletzungen und vorbestehende Erkrankungen können die klinische Einteilung verfälschen. Bewusstseinslage, Atmung, Kreislauf und Körperkerntemperatur werden während des weiteren Verlaufs erneut beurteilt.

Red Flags (Warnzeichen) bei Hypothermie

  • Bewusstlosigkeit, fehlende Schutzreflexe, unzureichende Atmung oder Apnoe erfordern eine unverzügliche notfallmedizinische Versorgung.
  • Herzfrequenz unter 45/min, systolischer Blutdruck unter 90 mmHg, ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) oder Körperkerntemperatur unter 30 °C kennzeichnen ein erhöhtes Risiko für einen unmittelbar drohenden Kreislaufstillstand und erfordern die sofortige notfallmedizinische Eskalation.
  • Fehlende Lebenszeichen nach sorgfältiger Prüfung über bis zu 60 Sekunden sprechen für einen hypothermen Kreislaufstillstand und erfordern den unverzüglichen Beginn der Reanimation.
  • Fokalneurologische Ausfälle, deutliche Seitendifferenzen oder Hinweise auf relevante Verletzungen erfordern die dringliche Abklärung einer zusätzlichen Ursache.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.

Abkürzungsverzeichnis

  • GCS: Glasgow Coma Scale
  • NT: not testable; nicht beurteilbar

Literatur

  1. Teasdale G, Jennett B: Assessment of coma and impaired consciousness. A practical scale. Lancet. 1974;2(7872):81-84. doi:10.1016/s0140-6736(74)91639-0