Plateaus und Stillstand – weshalb der Gewichtsverlust stoppt und wie man ihn wieder in Gang bringt
Viele Menschen erleben während einer Gewichtsreduktion eine Phase, in der trotz unveränderter Ernährung und Bewegung kein weiterer Gewichtsverlust mehr messbar ist. Dieses sogenannte Gewichtsplateau ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck physiologischer Anpassungsprozesse des Körpers. Ein Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen ist entscheidend, um den Stillstand realistisch einzuordnen und gezielt zu überwinden.
Metabolische Anpassung: Wenn der Körper Energie spart
Ein zentraler Mechanismus hinter Plateaus ist die metabolische Adaptation (Anpassung des Energieverbrauchs an ein reduziertes Körpergewicht). Mit sinkender Körpermasse nimmt der Grundumsatz (Energiebedarf in Ruhe) ab, da weniger Gewebe versorgt werden muss. Zusätzlich reagiert der Organismus mit einer überproportionalen Senkung des Energieverbrauchs, um Energiereserven zu schützen.
Typische physiologische Veränderungen:
- Reduktion des Ruheenergieverbrauchs über das erwartbare Maß hinaus
- Abnahme der spontanen Alltagsbewegung (NEAT – non-exercise activity thermogenesis)
- Erhöhte Effizienz der Muskulatur bei gleicher Belastung
Diese Anpassungen sind evolutionsbiologisch sinnvoll, erschweren jedoch eine kontinuierliche Gewichtsabnahme.
Hormonelle Veränderungen und Appetitregulation
Parallel zur metabolischen Anpassung verändern sich appetitregulierende Hormone. Besonders relevant sind:
- Leptin (Sättigungshormon): Sinkt mit dem Fettgewebe und verstärkt das Hungergefühl
- Ghrelin (Hungerhormon): Steigt bei Gewichtsverlust und fördert die Nahrungsaufnahme
Diese hormonellen Verschiebungen können dazu führen, dass die Kalorienzufuhr unbewusst wieder ansteigt, obwohl die Ernährungsweise subjektiv unverändert erscheint.
Verlust an fettfreier Masse
Ein weiterer Faktor ist der Abbau von Muskelmasse (fettfreie Masse), insbesondere bei stark kalorienreduzierten Diäten oder unzureichender Proteinzufuhr. Da Muskelgewebe metabolisch aktiv ist, führt dessen Verlust zu einem weiteren Absinken des Grundumsatzes.
Begünstigende Faktoren:
- Sehr niedrige Kalorienzufuhr über längere Zeit
- Fehlendes oder unzureichendes Krafttraining
- Unzureichende Proteinzufuhr
Energiezufuhr und -verbrauch: Die neue Balance
Mit fortschreitendem Gewichtsverlust kann sich ein neues Energiegleichgewicht einstellen. Die zuvor wirksame Kalorienmenge entspricht nun dem aktuellen Bedarf. Der Gewichtsverlust stoppt, obwohl weiterhin „diätetisch korrekt“ gegessen wird. Das Plateau ist somit Ausdruck einer rechnerisch ausgeglichenen Energiebilanz.
Strategien zur Überwindung eines Gewichtsplateaus
Ein Plateau erfordert keine radikalen Maßnahmen, sondern eine gezielte Anpassung der Strategie:
- Überprüfung der Energiezufuhr: Kleine, schleichende Kaloriensteigerungen werden häufig unterschätzt
- Erhalt der Muskelmasse: Kombination aus Krafttraining und ausreichender Proteinzufuhr
- Periodisierung der Ernährung: Kurzzeitige Erhöhungen der Kalorienzufuhr können hormonelle Anpassungen abmildern
- Steigerung der Alltagsaktivität: Mehr Bewegung außerhalb strukturierter Trainingseinheiten
- Geduld und Zeit: Physiologische Anpassungen benötigen Wochen, nicht Tage
Fazit
Gewichtsplateaus sind ein normaler Bestandteil jeder längerfristigen Gewichtsreduktion. Sie entstehen durch komplexe Wechselwirkungen aus metabolischer Anpassung, hormoneller Regulation und veränderter Körperzusammensetzung. Ein nachhaltiger Umgang mit dem Stillstand erfordert ein Verständnis dieser Prozesse sowie eine gezielte, moderate Anpassung von Ernährung und Bewegung. Nicht der Stillstand ist problematisch, sondern ein vorschnelles Reagieren mit extremen Maßnahmen.
Literatur
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