Diabetischer Fuß – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein diabetisches Fußsyndrom (diabetischer Fuß) mitbedingt sein können:
Beim diabetischen Fußsyndrom ist zwischen pathogenetischen Komponenten und Folgekomplikationen zu unterscheiden. Die diabetische Polyneuropathie (diabetesbedingte Erkrankung mehrerer Nerven) und die periphere arterielle Verschlusskrankheit (arterielle Durchblutungsstörung der Gliedmaßen) sind wesentliche pathogenetische Faktoren. Die Charcot-Neuro-Osteoarthropathie (durch Nervenschäden bedingte Knochen- und Gelenkerkrankung) ist ebenfalls eine eigenständige neuropathische Manifestation im Spektrum der diabetesassoziierten Fußerkrankungen und keine regelhafte Folge einer bestehenden Fußulzeration (Fußgeschwür); sie kann ihrerseits über Frakturen (Knochenbrüche), Luxationen (Ausrenkungen) und Fußdeformitäten (Fehlstellungen des Fußes) zu Ulzerationen, Infektionen und Extremitätenverlust (Verlust eines Körpergliedes) prädisponieren. [LL1, LL4, LL6]
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Persistierende bzw. schwer heilende Fußulzeration/Wundheilungsstörung (verzögerte oder ausbleibende Wundheilung) – insbesondere bei fortbestehender mechanischer Druckbelastung, peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Infektion oder ausgeprägtem Gewebedefekt (Gewebeverlust). [LL1, LL5, LL6]
- Ulkusrezidiv (Wiederauftreten eines Geschwürs) nach Wundverschluss – ein abgeheiltes diabetisches Fußulkus ist aufgrund des anhaltend hohen Rezidivrisikos eher als Remission (vorübergehendes Zurückgehen der Erkrankung) denn als dauerhafte Heilung anzusehen. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse streng definierter Remissionskohorten ergab für die ersten zwölf Monate nach bestätigter Abheilung eine gepoolte Rezidivrate von 29,3 % (95-%-Konfidenzintervall 24,9-34,1 %; drei Kohorten, n = 469). Wegen der geringen Zahl geeigneter Kohorten ist diese Schätzung zurückhaltend zu interpretieren. [1]
- Phlegmone (flächige bakterielle Weichteilentzündung) und Weichteilabszess (abgekapselte Eiteransammlung im Weichteilgewebe) – Ausbreitung einer infizierten Ulzeration in Haut und subkutanes Gewebe (Unterhautgewebe); bei tiefer Infektion können zusätzlich Sehnen, Muskeln, Gelenke und Knochen betroffen sein. [LL2]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Gangrän (Absterben von Gewebe) des Fußes bzw. einzelner Zehen – insbesondere beim neuroischämischen diabetischen Fußsyndrom (durch Nervenschädigung und Durchblutungsstörung geprägter diabetischer Fuß) mit relevanter peripherer arterieller Verschlusskrankheit; eine gleichzeitig bestehende Infektion verschlechtert die Aussicht auf Heilung und Extremitätenerhalt zusätzlich. [LL1, LL2]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung durch eine fehlregulierte Reaktion auf eine Infektion) – mögliche vital bedrohliche Progression einer schweren diabetesassoziierten Fußinfektion mit systemischen Zeichen der Infektion und gegebenenfalls Organdysfunktion (Störung der Organfunktion). [LL2]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Osteomyelitis (Knochenentzündung) – infektiöse Beteiligung des Fußskeletts, typischerweise durch kontinuierliche Ausbreitung einer tiefen Fußulzeration auf den angrenzenden Knochen; sie erfordert eine spezifische diagnostische und therapeutische Strategie und kann eine chirurgische Knochenresektion (operative Entfernung von Knochenanteilen) bzw. Amputation (operative Abtrennung eines Körperteils) erforderlich machen. [LL2]
- Septische Arthritis (infektionsbedingte Gelenkentzündung) – Ausbreitung einer tiefen Fußinfektion auf ein benachbartes Gelenk, insbesondere bei tief reichenden Ulzerationen. [LL2]
Weiteres
- Minor- oder Majoramputation (kleinere bzw. größere Amputation) – möglicher Endpunkt bei nicht beherrschbarer Infektion, ausgedehnter Gewebsdestruktion (Gewebezerstörung), Gangrän oder nicht ausreichend behandelbarer Ischämie (Minderdurchblutung). Eine Metaanalyse von 16 Kohortenstudien bei Patienten mit diabetischen Fußulzera ergab eine gepoolte Rate von Amputationen der unteren Extremität von 31 % (95-%-Konfidenzintervall 25-38 %). Aufgrund erheblicher Unterschiede hinsichtlich Erkrankungsschwere, Versorgungsstufe und Patientenselektion darf dieser Wert nicht als individuelle Amputationswahrscheinlichkeit interpretiert werden. [3, LL1, LL2]
Prognosefaktoren
- Ulkusrezidiv innerhalb eines Jahres – nach bestätigter Remission beträgt die gepoolte 12-Monats-Rezidivrate nach aktueller Metaanalyse 29,3 % (95-%-Konfidenzintervall 24,9-34,1 %). Die Aussage beruht allerdings lediglich auf drei streng ausgewählten Kohorten mit insgesamt 469 Patienten. [1]
- Risikofaktoren für ein Ulkusrezidiv – in einer Metaanalyse von 22 Studien mit 5.252 Patienten waren insbesondere eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (Odds-Ratio 3,10; 95-%-Konfidenzintervall 2,43-3,95), eine Fußdeformität (Odds-Ratio 2,51; 95-%-Konfidenzintervall 1,85-3,40), eine plantare Ulkuslokalisation (Lage des Geschwürs an der Fußsohle) (Odds-Ratio 2,44; 95-%-Konfidenzintervall 1,41-4,23), Alleinleben (Odds-Ratio 1,86; 95-%-Konfidenzintervall 1,21-2,86), eine diabetische Polyneuropathie (Odds-Ratio 1,78; 95-%-Konfidenzintervall 1,45-2,19), eine diabetische Retinopathie (diabetesbedingte Netzhauterkrankung) (Odds-Ratio 1,59; 95-%-Konfidenzintervall 1,35-1,88), eine diabetische Nephropathie (diabetesbedingte Nierenerkrankung) (Odds-Ratio 1,37; 95-%-Konfidenzintervall 1,12-1,68), männliches Geschlecht (Odds-Ratio 1,26; 95-%-Konfidenzintervall 1,10-1,44) und Rauchen in der Anamnese (Krankengeschichte) (Odds-Ratio 1,18; 95-%-Konfidenzintervall 1,04-1,35) mit einem erhöhten Rezidivrisiko assoziiert. [2]
- Amputationsrisiko – das Risiko steigt insbesondere mit der Schwere der lokalen Erkrankung und bei gleichzeitig bestehender Ischämie, Infektion und Gewebsverlust. In der Metaanalyse von Luo et al. waren unter anderem männliches Geschlecht, Rauchen, kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Nierenerkrankungen sowie Veränderungen von Leukozytenzahl, Hämoglobin und Albumin mit Amputationen assoziiert. Die IWGDF hebt insbesondere die prognostische Bedeutung der Kombination aus Infektion und peripherer arterieller Verschlusskrankheit hervor. [3, LL1, LL2]
- Langzeitmortalität (Sterblichkeit im Langzeitverlauf) – ein diabetisches Fußulkus kennzeichnet eine Patientengruppe mit ausgeprägt ungünstiger Langzeitprognose. In einer Metaanalyse von 34 Beobachtungsstudien mit insgesamt 124.376 Patienten betrug die geschätzte Überlebenswahrscheinlichkeit nach einem Jahr 86,9 %, nach drei Jahren 66,9 %, nach fünf Jahren 50,9 % und nach zehn Jahren 23,1 %. Mit einer erhöhten Mortalität waren insbesondere höheres Lebensalter, periphere arterielle Verschlusskrankheit (Hazard Ratio 1,882; 95-%-Konfidenzintervall 1,592-2,225), chronische Nierenkrankheit, (lang andauernde Nierenerkrankung) (Hazard Ratio 1,535; 95-%-Konfidenzintervall 1,227-1,919), terminale Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium) (Hazard Ratio 3,586; 95-%-Konfidenzintervall 1,333-9,643), Amputation (Hazard Ratio 2,415; 95-%-Konfidenzintervall 1,323-4,408) sowie eine kardiovaskuläre Vorerkrankung (Hazard Ratio 1,449; 95-%-Konfidenzintervall 1,276-1,645) assoziiert. Die hohe Mortalität ist nicht ausschließlich kausal dem Fußulkus zuzuschreiben, sondern reflektiert wesentlich die ausgeprägte vaskuläre (die Blutgefäße betreffende), renale (die Nieren betreffende) und infektiologische Komorbidität (gleichzeitig bestehende Begleiterkrankungen) dieser Patientengruppe. [4]
- Klassifikation und individuelle Prognose – für die Kommunikation zwischen medizinischen Fachkräften empfiehlt die International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) primär das SINBAD-System (Site, Ischaemia, Neuropathy, Bacterial Infection, Area and Depth; Lokalisation, Ischämie, Neuropathie, bakterielle Infektion, Fläche und Tiefe). Alternativ kann bei entsprechender Expertise das WIfI-System (Wound, Ischaemia and foot Infection; Wunde, Ischämie und Fußinfektion) eingesetzt werden. Bei Patienten mit Fußulkus und peripherer arterieller Verschlusskrankheit kann WIfI zur Stratifizierung (Einteilung nach Risikogruppen) der Heilungswahrscheinlichkeit und des Amputationsrisikos verwendet werden. Für die individuelle Outcome-Prognose eines Patienten mit diabetischem Fußulkus empfiehlt die IWGDF dagegen ausdrücklich keines der derzeit verfügbaren Klassifikations- oder Scoresysteme. [LL3]
Online-Rechner
Der QDiabetes® (Amputation and blindness) Risk Calculator ist online abrufbar. Er wurde zur Abschätzung des zukünftigen Risikos für Amputation und Erblindung bei Patienten mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit Typ 1 bzw. Typ 2) entwickelt. Das Modell basiert auf britischen Primärversorgungsdaten und ist für die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs konzipiert. Die Amputationskomponente ist nicht für Patienten valide, bei denen bereits eine Amputation erfolgt ist; entsprechend gilt dies für die Erblindungskomponente bei bereits bestehender Erblindung. Der Rechner wurde nicht zur spezifischen Prognose eines bereits bestehenden diabetischen Fußulkus entwickelt und sollte hierfür nicht anstelle der klinischen Beurteilung und der leitliniengerechten Ulkus-, Infektions- und Ischämieklassifikation eingesetzt werden. [5, LL3]
Literatur
- Theodorakopoulos G, Armstrong DG: The First Year of Remission: A Systematic Review and Meta-Analysis of 12-Month Diabetic Foot Ulcer Recurrence. Diabetology 2026;7(3):61. doi: 10.3390/diabetology7030061
- Lin C, Tian J, Zhang Z et al.: Risk factors associated with the recurrence of diabetic foot ulcers: A meta-analysis. PLoS One 2025;20(2):e0318216. doi: 10.1371/journal.pone.0318216
- Luo Y, Liu C, Li C et al.: The incidence of lower extremity amputation and its associated risk factors in patients with diabetic foot ulcers: A meta-analysis. Int Wound J 2024;21(7):e14931. doi: 10.1111/iwj.14931
- Chen L, Sun S, Gao Y et al.: Global mortality of diabetic foot ulcer: A systematic review and meta-analysis of observational studies. Diabetes Obes Metab 2023;25(1):36-45. doi: 10.1111/dom.14840
- Hippisley-Cox J, Coupland C: Development and validation of risk prediction equations to estimate future risk of blindness and lower limb amputation in patients with diabetes: cohort study. BMJ 2015;351:h5441. doi: 10.1136/bmj.h5441
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF): Practical guidelines on the prevention and management of diabetes-related foot disease. IWGDF 2023 update. Langfassung. [LL1]
- International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF)/Infectious Diseases Society of America (IDSA): Guidelines on the diagnosis and treatment of foot infection in persons with diabetes. IWGDF/IDSA 2023. Langfassung. [LL2]
- International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF): Guidelines on the classification of foot ulcers in people with diabetes. IWGDF 2023 update. Langfassung. [LL3]
- International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF): Guidelines on the diagnosis and treatment of active Charcot neuro-osteoarthropathy in persons with diabetes mellitus. IWGDF 2023. Langfassung. [LL4]
- S3-Leitlinie: Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden aufgrund von peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus oder chronischer venöser Insuffizienz. (AWMF-Registernummer 091-001). Version 2.2, Oktober 2023. Langfassung. [LL5]
- Morbach S, Eckhard M, Koller A et al.: Diabetisches Fußsyndrom. Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Diabetol Stoffwechs 2025;20(Suppl 2):S347-S359. doi: 10.1055/a-2592-8610. [LL6]