Motorische Fähigkeit Ausdauer
Ausdauer bezeichnet die Fähigkeit, eine definierte körperliche Leistung über einen möglichst langen Zeitraum aufrechtzuerhalten, der belastungsbedingten Ermüdung zu widerstehen und sich nach einer Belastung vergleichsweise rasch zu erholen. Sie ist keine einheitliche Eigenschaft, sondern das Ergebnis des Zusammenwirkens von kardiovaskulärer Sauerstoffbereitstellung (Sauerstoffbereitstellung durch Herz und Kreislauf), pulmonalem Gasaustausch (Gasaustausch in der Lunge), Sauerstofftransport im Blut, muskulärer Sauerstoffextraktion (Sauerstoffaufnahme aus dem Blut durch die Muskulatur), mitochondrialer Energiegewinnung (Energiegewinnung in den Zellkraftwerken), neuromuskulärer Funktion (Zusammenspiel von Nerven und Muskeln), Bewegungsökonomie, Substratverfügbarkeit, Thermoregulation (Regulation der Körpertemperatur) und zentralnervöser Belastungssteuerung (Belastungssteuerung durch Gehirn und Rückenmark) [1, 4-7].
In der Sportmedizin wird insbesondere zwischen der allgemeinen beziehungsweise Ganzkörperausdauer und der lokalen Muskelausdauer unterschieden. Ferner sind die Art der Muskelarbeit, die Belastungsintensität, die Belastungsdauer, das Bewegungsmuster und die jeweilige Sportart zu berücksichtigen. Eine starre Abgrenzung allein anhand eines bestimmten prozentualen Anteils der aktivierten Skelettmuskulatur bildet die physiologischen Zusammenhänge nicht ausreichend ab.
Systematik der Ausdauer
| Kriterium | Ausdauerform | Sportmedizinische Bedeutung |
| Umfang der beanspruchten Muskulatur | Ganzkörperausdauer beziehungsweise allgemeine Ausdauer | Die Leistungsfähigkeit wird wesentlich durch Herzzeitvolumen (pro Minute vom Herzen gepumpte Blutmenge), Sauerstofftransport, pulmonale Funktion (Lungenfunktion) und die oxidative Kapazität (Fähigkeit zur Energiegewinnung mit Sauerstoff) größerer Muskelgruppen bestimmt. |
| Umfang der beanspruchten Muskulatur | Lokale Muskelausdauer | Die Leistungsfähigkeit wird überwiegend durch lokale Durchblutung, Kapillarisierung (Versorgung mit kleinsten Blutgefäßen), Muskelfaserzusammensetzung, mitochondriale Kapazität (Leistungsfähigkeit der Zellkraftwerke), Kraftniveau und neuromuskuläre Rekrutierung (Aktivierung von Muskelfasern durch das Nervensystem) begrenzt. |
| Arbeitsform | Dynamische Ausdauer | Rhythmischer Wechsel zwischen Muskelverkürzung beziehungsweise Spannungsentwicklung und Entlastung; die intermittierende Druckentlastung begünstigt die Muskelperfusion (Muskeldurchblutung). |
| Arbeitsform | Statische beziehungsweise isometrische Ausdauer (Ausdauer bei gleichbleibender Muskelspannung) | Aufrechterhaltung einer Muskelspannung ohne relevante Änderung der Muskellänge; mit zunehmender relativer Kraft und Kontraktionsdauer wird die lokale Durchblutung stärker eingeschränkt. |
| Belastungsintensität | Moderate, hohe, schwere und extreme Intensitätsdomäne | Die Einteilung beruht auf den kinetischen Reaktionen von Sauerstoffaufnahme, Lactatkonzentration (Lactatwert), Säure-Basen-Haushalt (Regulation des Säuregrades) und neuromuskulärer Ermüdung. |
| Aufgabenspezifität | Allgemeine und sportartspezifische Ausdauer | Ausdauer ist bewegungs-, muskelgruppen- und sportartspezifisch. Eine hohe Leistungsfähigkeit beim Radfahren lässt sich z. B. nicht vollständig auf das Laufen übertragen. |
Energetische Grundlagen der Ausdauerleistung
Die unmittelbare Energie für jede Muskelkontraktion wird durch die Spaltung von Adenosintriphosphat (unmittelbarer Energieträger der Zelle) bereitgestellt. Da die intramuskulären Adenosintriphosphatvorräte sehr gering sind, muss Adenosintriphosphat während der Belastung fortlaufend resynthetisiert werden. Hierfür stehen das Phosphagensystem (kurzfristiges Energiesystem), die Glykolyse (Abbau von Glucose) und die oxidative Phosphorylierung (Energiegewinnung mit Sauerstoff in den Zellkraftwerken) zur Verfügung. Diese Systeme werden nicht nacheinander ein- und ausgeschaltet, sondern sind bei jeder Belastung gleichzeitig aktiv. Ihr relativer Beitrag verändert sich in Abhängigkeit von Intensität, Dauer, Trainingszustand, Bewegungsform und Substratverfügbarkeit [2].
| Energiesystem | Wesentliche Prozesse | Leistung und Kapazität | Bedeutung für die Ausdauer |
| Phosphagensystem | Resynthese von Adenosintriphosphat aus Adenosindiphosphat durch Übertragung einer Phosphatgruppe aus Creatinphosphat (kurzfristiger Energiespeicher im Muskel) | Sehr hohe Leistung, sehr geringe Kapazität | Besonders relevant bei Belastungsbeginn, Beschleunigungen, Sprints und kurzfristigen Leistungsspitzen |
| Glykolytische Energiebereitstellung | Abbau von Glucose beziehungsweise Muskelglykogen zu Pyruvat (Brenztraubensäure) und Lactat | Hohe Leistung, begrenzte Kapazität | Wesentlich bei intensiven Belastungen und schnellen Leistungsänderungen; ausschließlich Kohlenhydrate werden unmittelbar über die Glykolyse umgesetzt. |
| Oxidative Phosphorylierung | Mitochondriale Oxidation von Kohlenhydraten und Fettsäuren; Aminosäuren tragen unter normalen Bedingungen nur einen geringen Anteil bei. | Geringere maximale Leistung, sehr hohe Kapazität | Dominierendes System bei länger dauernden Belastungen und entscheidend für die Wiederherstellung von Creatinphosphat sowie die Oxidation und Wiederverwertung von Lactat |
Fettsäuren werden nicht in der Glykolyse abgebaut, sondern zunächst über die Beta-Oxidation (Abbau von Fettsäuren) in Acetyl-Coenzym A überführt und anschließend im Citratzyklus (zentraler Kreislauf der Energiegewinnung) und in der Atmungskette (letzter Abschnitt der zellulären Energiegewinnung) oxidiert. Mit zunehmender Belastungsintensität steigt im Regelfall die relative Bedeutung der Kohlenhydratoxidation, da sie Adenosintriphosphat mit höherer Geschwindigkeit und geringerem Sauerstoffbedarf pro erzeugter Energiemenge bereitstellen kann.
Bedeutung von Lactat: Lactat ist kein reines Stoffwechselendprodukt und nicht die unmittelbare Ursache einer belastungsbedingten metabolischen Azidose (stoffwechselbedingten Übersäuerung). Es wird auch unter vollständig aeroben Bedingungen kontinuierlich gebildet, zwischen Zellen und Organen transportiert, in oxidativen Muskelfasern und im Herzmuskel als Energieträger genutzt und in der Leber zur Glucoseneubildung (Neubildung von Traubenzucker) herangezogen. Ein Anstieg der Lactatkonzentration kennzeichnet eine zunehmende glykolytische Stoffwechselrate und ein vorübergehendes Missverhältnis zwischen Bildung, Transport und Elimination, verursacht die Ermüdung jedoch nicht allein [3].
Die Ermüdung bei hochintensiven Belastungen ist multifaktoriell. Beteiligt sind unter anderem die Abnahme des Creatinphosphats, die Akkumulation von anorganischem Phosphat und Wasserstoffionen, Veränderungen der intrazellulären Calciumfreisetzung (Freisetzung von Calcium innerhalb der Muskelzelle), Störungen der Erregungs-Kontraktions-Kopplung (Umsetzung eines Nervenreizes in Muskelanspannung), Veränderungen der Ionenhomöostase (Gleichgewicht elektrisch geladener Teilchen) sowie zentrale und psychologische Mechanismen.
Physiologische Intensitätsdomänen
Moderne Belastungsphysiologie beschreibt Ausdauerbelastungen bevorzugt anhand von Intensitätsdomänen. Deren Grenzen sind individuell, sportartspezifisch und methodenabhängig. Feste Werte wie 60 % der Maximalleistung oder eine Blutlactatkonzentration von 4 mmol/l stellen daher keine universell gültigen physiologischen Schwellen dar [4-6].
| Intensitätsdomäne | Physiologische Charakteristika | Praktische Einordnung | Typische Trainingsanwendung |
| Moderate Intensitätsdomäne | Belastung unterhalb der ersten Lactat- beziehungsweise ventilatorischen Schwelle (Atemschwelle); Sauerstoffaufnahme und Lactatkonzentration erreichen einen stabilen Zustand. | Atmung deutlich kontrollierbar; längere Unterhaltung möglich; geringe bis moderate subjektive Beanspruchung | Grundlagenausdauer, regenerative Einheiten und umfangsorientiertes Training |
| Hohe Intensitätsdomäne | Belastung oberhalb der ersten Schwelle, aber unterhalb der Critical Power beziehungsweise Critical Speed; verzögertes, grundsätzlich noch erreichbares metabolisches Gleichgewicht | Deutlich vertiefte Atmung; nur noch kurze Sätze möglich; längere, aber begrenzte Belastungsdauer | Tempoläufe, Schwellentraining und längere kontinuierliche Belastungen |
| Schwere Intensitätsdomäne | Belastung oberhalb der Critical Power beziehungsweise Critical Speed; kein dauerhaftes metabolisches Gleichgewicht; progressive Zunahme der Sauerstoffaufnahme, Lactatkonzentration und Ermüdung | Ausgeprägte Atemnot; Sprechen nur in einzelnen Worten möglich; Dauer stark intensitätsabhängig | Längere hochintensive Intervalle und wettkampfspezifische Belastungen |
| Extreme Intensitätsdomäne | Sehr hohe Leistung; Erschöpfung tritt ein, bevor sich die Sauerstoffaufnahme vollständig an die Belastung anpassen kann. | Sehr kurze Belastungsdauer bei maximaler oder nahezu maximaler Beanspruchung | Sprintintervalltraining und kurze wettkampfspezifische Spitzenbelastungen |
Die Critical Power beziehungsweise Critical Speed bezeichnet die obere Grenze einer Belastungsintensität, bei der sich bestimmte physiologische Reaktionen noch stabilisieren können. Oberhalb dieser Grenze wird eine endliche Arbeitskapazität, häufig als W′ beziehungsweise D′ bezeichnet, progressiv aufgebraucht. Die Critical Power ist damit ein relevantes integratives Maß der Ausdauerleistungsfähigkeit, stellt jedoch keinen einzelnen biochemischen Mechanismus dar [4, 6].
Die erste und zweite Lactatschwelle, ventilatorische Schwellen, maximale metabolische Gleichgewichtszustände und Critical Power beschreiben verwandte, aber nicht vollständig identische physiologische Konzepte. Ergebnisse sind deshalb nur bei vergleichbaren Untersuchungsprotokollen und Auswertungsverfahren unmittelbar übertragbar [5].
Determinanten der allgemeinen Ausdauerleistung
Bei länger dauernden Ganzkörperbelastungen wird die Leistungsfähigkeit wesentlich durch drei übergeordnete Komponenten bestimmt: die maximale Sauerstoffaufnahme (größte vom Körper nutzbare Sauerstoffmenge), den Anteil dieser Sauerstoffaufnahme, der über längere Zeit aufrechterhalten werden kann, sowie die Bewegungsökonomie beziehungsweise mechanische Effizienz [1].
| Determinante | Physiologische Komponenten | Leistungsbegrenzende Faktoren |
| Maximale Sauerstoffaufnahme | Maximales Herzzeitvolumen, Schlagvolumen, Sauerstofftransportkapazität des Blutes, pulmonaler Gasaustausch und periphere Sauerstoffextraktion | Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit, Hämoglobinmasse (Gesamtmenge des roten Blutfarbstoffs), Blutvolumen, pulmonale oder vaskuläre Erkrankungen (Gefäßerkrankungen) |
| Critical Power und Schwellenleistung | Oxidative Kapazität, Lactattransport und -oxidation, Rekrutierungsmuster motorischer Einheiten und intramuskuläre Sauerstoffverteilung | Unzureichende mitochondriale Kapazität, begrenzte Sauerstoffdiffusion (Übertritt von Sauerstoff ins Gewebe) und rasche Rekrutierung weniger ermüdungsresistenter Muskelfasern |
| Bewegungsökonomie | Sauerstoff- beziehungsweise Energiebedarf bei einer vorgegebenen Geschwindigkeit oder Leistung | Technik, Sehnensteifigkeit, neuromuskuläre Koordination, Körpermasse, biomechanische Eigenschaften und Bewegungsmuster |
| Periphere Muskeladaptation | Kapillardichte, mitochondriale Dichte, Aktivität oxidativer Enzyme, Myoglobingehalt und Muskelfaserprofil | Trainingszustand, Inaktivität, Alter, Erkrankungen und sportartspezifische Beanspruchung |
| Substratverfügbarkeit | Muskel- und Leberglykogen, Glucosezufuhr, Fettstoffwechsel und Flüssigkeitshaushalt | Glykogenverarmung, Hypoglykämie (Unterzuckerung), Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und unzureichende Energieverfügbarkeit |
| Thermoregulation | Hautdurchblutung, Schweißproduktion, Wärmeabgabe und Plasmavolumen | Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, Dehydratation und unzureichende Akklimatisation (Anpassung an Umweltbedingungen) |
| Neuromuskuläre und zentrale Faktoren | Maximalkraft, Schnellkraft, motorische Rekrutierung, Belastungswahrnehmung, Motivation und Pacing | Neuromuskuläre Ermüdung, Muskelschädigung, Schlafmangel, psychischer Stress und fehlerhafte Belastungseinteilung |
Die maximale Sauerstoffaufnahme allein erklärt die individuelle Ausdauerleistung nicht vollständig. Athleten mit vergleichbarer maximaler Sauerstoffaufnahme können sich erheblich hinsichtlich Schwellenleistung, Critical Power, Bewegungsökonomie und Ermüdungsresistenz unterscheiden [1, 4, 6, 7].
Lokale Muskelausdauer
Die lokale Muskelausdauer bezeichnet die Fähigkeit einer einzelnen Muskelgruppe oder einer begrenzten Muskelmasse, wiederholte dynamische Kontraktionen oder eine anhaltende isometrische Spannung gegen einen definierten Widerstand auszuführen. Sie hängt sowohl von der lokalen oxidativen Kapazität als auch von der Maximalkraft ab. Je höher die Maximalkraft im Verhältnis zur geforderten absoluten Belastung ist, desto geringer ist die relative Beanspruchung bei jeder Wiederholung.
Lokale dynamische Muskelausdauer: Bei rhythmischen Kontraktionen wechseln Phasen erhöhten intramuskulären Drucks mit Phasen relativer Entlastung. In den Entlastungsphasen kann die Muskulatur erneut durchblutet werden. Die Leistungsfähigkeit wird durch Kontraktionsintensität, Bewegungsfrequenz, Kontraktions-Entspannungs-Verhältnis, Kapillarisierung, mitochondriale Kapazität, Muskelfaserzusammensetzung, lokale Substratspeicher und neuromuskuläre Koordination bestimmt.
Lokale statische Muskelausdauer: Während einer anhaltenden isometrischen Kontraktion steigt der intramuskuläre Druck. Mit zunehmender relativer Kontraktionskraft können zunächst der venöse Abfluss und bei höheren Kräften auch der arterielle Einstrom eingeschränkt werden. Das Ausmaß ist jedoch nicht durch einen universellen Prozentwert festgelegt, sondern hängt unter anderem von Muskelgruppe, Gelenkstellung, Kontraktionsdauer sowie individueller Gefäß- und Muskelarchitektur ab.
Die frühere Vorstellung, statisches Krafttraining führe grundsätzlich durch Muskelhypertrophie (Muskelvergrößerung) zu einer Kompression der Kapillaren (Zusammendrücken kleinster Blutgefäße) und damit zu einer Verschlechterung der Muskelausdauer, ist nicht haltbar. Widerstandstraining kann die lokale Muskelausdauer verbessern. Die Effekte sind allerdings aufgabenspezifisch und hängen davon ab, ob die Ausdauer bei einer absoluten oder relativen Last gemessen wird.
Trainingsbedingte Anpassungen
| Organsystem | Typische Anpassungen | Funktionelle Bedeutung |
| Herz-Kreislauf-System | Zunahme des Plasmavolumens, Verbesserung der diastolischen Füllung (Füllung des Herzens in der Entspannungsphase), Zunahme des Schlagvolumens und bei entsprechendem Trainingsreiz Erhöhung des maximalen Herzzeitvolumens | Verbesserter Sauerstofftransport und geringere Herzfrequenz bei submaximaler Belastung |
| Skelettmuskulatur | Zunahme von Mitochondrienzahl und -funktion, Aktivität oxidativer Enzyme, Kapillarisierung und Myoglobingehalt | Verbesserte Sauerstoffextraktion, höhere Fettoxidation und verzögerte metabolische Ermüdung |
| Stoffwechsel | Verbesserte Lactataufnahme und -oxidation, größere Glykogenspeicher und reduzierte Glykogeninanspruchnahme bei gleicher submaximaler Leistung | Höhere Dauerleistungsfähigkeit und verbesserte metabolische Flexibilität |
| Autonomes Nervensystem | Zunahme der parasympathischen Aktivität (Aktivität des Erholungsnervensystems) in Ruhe und verbesserte Herzfrequenzregulation | Niedrigere Ruheherzfrequenz und raschere Erholung nach submaximalen Belastungen |
| Neuromuskuläres System | Verbesserte Rekrutierung, inter- und intramuskuläre Koordination sowie bei ergänzendem Krafttraining erhöhte Kraft und Sehnensteifigkeit | Verbesserte Bewegungsökonomie und geringerer relativer Kraftaufwand |
| Thermoregulation | Früherer Beginn und größere Effizienz der Schweißproduktion, bessere Hautdurchblutung und Stabilisierung des Plasmavolumens | Geringere thermische Belastung bei Ausdauerarbeit unter warmen Umgebungsbedingungen |
Trainingsmethoden zur Verbesserung der Ausdauer
Eine einzelne, universell überlegene Trainingsmethode existiert nicht. Kontinuierliches Training, Schwellentraining, hochintensives Intervalltraining und ergänzendes Krafttraining erzeugen unterschiedliche, teilweise komplementäre Anpassungen. Die Auswahl muss sich nach Trainingsziel, Leistungsniveau, Sportart, verfügbarem Zeitbudget, Erholungsfähigkeit und gesundheitlichem Risiko richten [8-13].
| Trainingsmethode | Charakteristik | Primäre Ziele | Besonderheiten |
| Extensive Dauermethode | Kontinuierliche Belastung überwiegend in der moderaten Intensitätsdomäne | Grundlagenausdauer, mitochondriale Anpassung, Kapillarisierung, Stoffwechselökonomie und Belastungsverträglichkeit | Ermöglicht einen hohen Trainingsumfang bei vergleichsweise geringer akuter Ermüdung. |
| Intensive Dauermethode beziehungsweise Tempodauertraining | Kontinuierliche Belastung überwiegend in der hohen Intensitätsdomäne | Verbesserung von Schwellenleistung, Critical Power und wettkampfspezifischer Dauerleistung | Erfordert höhere Regenerationszeiten als extensives Dauertraining. |
| Wechselmethode | Kontinuierliche Belastung mit planmäßig vorgegebenem Wechsel von Geschwindigkeit beziehungsweise Leistung | Verbindung unterschiedlicher aerober Belastungsbereiche und Entwicklung der Fähigkeit zur Verarbeitung wechselnder Belastungsanforderungen | Intensität und Dauer der einzelnen Abschnitte werden vor Trainingsbeginn festgelegt; es erfolgen keine vollständigen Erholungspausen. |
| Fahrtspiel | Kontinuierliche Belastung mit frei, subjektiv oder geländeabhängig gewählten Wechseln von Geschwindigkeit beziehungsweise Leistung | Variable Beanspruchung der Grundlagenausdauer sowie Einbeziehung höherer Intensitätsbereiche | Die Intensitätswechsel orientieren sich z. B. am Belastungsempfinden, am Gelände oder an Wegmarken und sind weniger standardisiert als bei der Wechsel- oder Intervallmethode. |
| Längeres hochintensives Intervalltraining (HIIT) | Wiederholte Belastungsintervalle von meist mehreren Minuten in der schweren Intensitätsdomäne mit unvollständiger Erholung | Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme, der zentralen Sauerstoffbereitstellung und der Leistungsfähigkeit nahe der maximalen aeroben Leistung | Die Intervalle müssen ausreichend intensiv und lang sein, um eine hohe kumulative Zeit bei stark erhöhter Sauerstoffaufnahme zu erzeugen. |
| Kurzes hochintensives Intervalltraining | Kurze Belastungs- und Erholungsphasen, häufig im Bereich von Sekunden bis ungefähr einer Minute | Hohe metabolische und neuromuskuläre Beanspruchung bei begrenzter Dauer einzelner Intervalle | Auch kurze Intervalle können die maximale Sauerstoffaufnahme und Ausdauerleistung verbessern [8-10]. |
| Sprintintervalltraining | Wiederholte maximale oder nahezu maximale Sprints mit längeren Erholungspausen | Verbesserung der maximalen oxidativen und glykolytischen Leistungsfähigkeit | Sehr hohe akute Belastung; nicht als primäre Einstiegsmethode für Untrainierte oder unzureichend abgeklärte Risikopersonen geeignet |
| Lokales Muskelausdauertraining | Wiederholte dynamische oder zeitlich gehaltene isometrische Belastungen definierter Muskelgruppen | Verbesserung der aufgabenspezifischen Ermüdungsresistenz | Last, Wiederholungszahl, Bewegungsgeschwindigkeit und Pausendauer müssen an die Zielanforderung angepasst werden. |
| Ergänzendes Krafttraining | Training mit hohen Lasten, plyometrischen Elementen (Sprung- und Schnellkraftübungen) oder kombinierten Methoden | Verbesserung von Maximalkraft, neuromuskulärer Funktion, Sehnensteifigkeit und Bewegungsökonomie | Kann die Lauf- und Ausdauerleistung verbessern, auch wenn sich die maximale Sauerstoffaufnahme nicht wesentlich verändert [13]. |
Kontinuierliches Training und Intervalltraining im Vergleich
Sowohl kontinuierliches Ausdauertraining als auch hochintensives Intervalltraining können die maximale Sauerstoffaufnahme und Ausdauerleistung verbessern. Metaanalysen zeigen für hochintensives Intervalltraining in bestimmten Populationen und Trainingssituationen teilweise größere Verbesserungen der maximalen Sauerstoffaufnahme. Die Effekte hängen jedoch wesentlich von der Ausgangsfitness, dem Trainingsvolumen, der Intervallstruktur, der Vergleichsintervention und der Studiendauer ab [8, 9].
Die Aussage, kontinuierliches Training sei grundsätzlich überlegen oder kurze Intervalle hätten keine ausreichende Wirkung auf die aerobe Ausdauer, ist mit der aktuellen Evidenz nicht vereinbar. Hochintensive Intervalle ersetzen allerdings nicht automatisch das extensive Training. Bei Ausdauerathleten bildet niedrigintensives Training aufgrund seiner guten Wiederholbarkeit und des möglichen hohen Trainingsumfangs weiterhin einen wesentlichen Anteil des Gesamttrainings [10-12].
Verteilung der Trainingsintensität
Bei trainierten Ausdauerathleten wird der größte Anteil des Trainingsumfangs üblicherweise unterhalb der ersten ventilatorischen beziehungsweise Lactatschwelle absolviert. Ein kleinerer Anteil entfällt auf Schwellen- und hochintensive Belastungen. Häufig werden eine pyramidenförmige und eine polarisierte Intensitätsverteilung unterschieden.
- Pyramidenförmige Verteilung: hoher Anteil niedriger Intensitäten, geringerer Anteil mittlerer Intensitäten und nochmals geringerer Anteil hoher Intensitäten
- Polarisierte Verteilung: hoher Anteil niedriger Intensitäten, geringer Anteil sehr hoher Intensitäten und möglichst wenig Training im mittleren Bereich
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 ergab mögliche Vorteile einer polarisierten Verteilung für die maximale Sauerstoffaufnahme, insbesondere bei hochtrainierten Athleten und kürzeren Interventionen. Für Zeitfahrleistung, Critical Power beziehungsweise Critical Speed, Schwellenleistung und andere Leistungsparameter zeigte sich jedoch keine konsistente generelle Überlegenheit gegenüber anderen Intensitätsverteilungen [11]. Die Trainingsverteilung sollte daher sportart-, saison-, belastungs- und athletenspezifisch festgelegt werden.
Trainingssteuerung
Eine evidenzbasierte Trainingssteuerung berücksichtigt Häufigkeit, Intensität, Dauer, Trainingsart, Gesamtvolumen und Progression. Einzelne Steuerungsparameter dürfen nicht isoliert interpretiert werden.
| Steuerungsinstrument | Vorteile | Limitationen |
| Herzfrequenz | Einfach, kontinuierlich erfassbar und für länger dauernde submaximale Belastungen gut geeignet | Beeinflussung durch Temperatur, Dehydratation, Stress, Schlaf, Medikamente und Herzfrequenzdrift; bei kurzen Intervallen verzögerte Reaktion |
| Leistung beziehungsweise Geschwindigkeit | Direkte Erfassung der äußeren Belastung; gut standardisierbar | Keine unmittelbare Aussage über die individuelle innere Beanspruchung; abhängig von Gelände, Wind und Bewegungsökonomie |
| Subjektives Belastungsempfinden | Erfasst die integrative innere Belastung und ist ohne technische Hilfsmittel verfügbar. | Erfordert Erfahrung und kann durch Motivation, Stimmung und Erwartungen beeinflusst werden. |
| Sprechtest | Praktische Orientierung insbesondere im moderaten Intensitätsbereich | Nur grobe Einteilung; sprach-, situations- und personabhängig |
| Blutlactat | Ermöglicht eine sportartspezifische Beurteilung der Stoffwechselreaktion und Schwellenbereiche. | Abhängig von Stufenlänge, Belastungssteigerung, Probenzeitpunkt, Ernährung, Glykogenstatus und Auswertungsmodell |
| Spiroergometrie (Belastungsuntersuchung mit Atemgasanalyse) | Direkte Bestimmung von Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe, Ventilation und ventilatorischen Schwellen | Höherer apparativer Aufwand; Ergebnisse sind ergometer- und protokollspezifisch. |
Die Belastungsintensität sollte nicht allein aus pauschalen Prozentsätzen der maximalen Herzfrequenz oder maximalen Sauerstoffaufnahme abgeleitet werden. Insbesondere bei leistungsorientiertem Training sind individuell bestimmte Schwellen, Critical Power beziehungsweise Critical Speed sowie sportartspezifische Leistungswerte vorzuziehen.
Leistungsdiagnostik der Ausdauer
Eine umfassende Ausdauerdiagnostik sollte die sportartspezifische äußere Leistung mit physiologischen und subjektiven Belastungsreaktionen verbinden.
- Spiroergometrie: Bestimmung von VO2peak beziehungsweise VO2max, ventilatorischen Schwellen, Atemökonomie und kardiorespiratorischer Leistungsfähigkeit
- Lactatleistungsdiagnostik (Belastungstest mit Lactatmessung): Analyse der Blutlactatreaktion während standardisierter Stufentests; Interpretation ausschließlich unter Berücksichtigung des verwendeten Schwellenmodells
- Critical-Power- beziehungsweise Critical-Speed-Diagnostik: Ableitung aus mehreren maximalen Belastungen unterschiedlicher Dauer [4, 6]
- Zeitfahr- und Feldtests: hohe sportartspezifische Validität bei guter Standardisierung von Strecke, Umgebungsbedingungen, Ernährung und Vorbelastung
- Lokale Muskelausdauertests: Wiederholungszahl bei definierter absoluter oder relativer Last beziehungsweise Haltezeit bei definierter isometrischer Kraft
Für Verlaufsuntersuchungen müssen Belastungsprotokoll, Ergometer, Tageszeit, Temperatur, Ernährungsstatus, Trainingsvorbelastung und Medikation möglichst konstant gehalten werden. Eine isolierte Veränderung der maximalen Sauerstoffaufnahme bildet trainingsbedingte Leistungsfortschritte nicht vollständig ab.
Ausdauertraining zur Gesundheitsförderung
Eine höhere kardiorespiratorische Fitness (Leistungsfähigkeit von Herz, Kreislauf und Atmung) ist konsistent mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit mit Insulinresistenz), verschiedene weitere chronische Erkrankungen und vorzeitige Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert [14]. Für Erwachsene empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation pro Woche mindestens 150-300 Minuten aerobe körperliche Aktivität mittlerer Intensität oder 75-150 Minuten hoher Intensität beziehungsweise eine äquivalente Kombination. Zusätzlich wird muskelkräftigende Aktivität an mindestens zwei Tagen pro Woche empfohlen [LL1].
Bei zuvor inaktiven Personen ist bereits eine schrittweise Zunahme der körperlichen Aktivität klinisch relevant. Trainingsumfang und Intensität sollten progressiv gesteigert werden. Bei bekannten kardiovaskulären Erkrankungen, belastungsabhängigen Beschwerden, relevanten Risikokonstellationen oder vor Aufnahme eines hochintensiven Trainings ist eine individuelle sportmedizinische Beurteilung erforderlich [LL2].
Praxisrelevante Schlussfolgerungen
- Ausdauer ist eine komplexe, aufgaben- und sportartspezifische motorische Fähigkeit und lässt sich nicht allein durch die maximale Sauerstoffaufnahme beschreiben.
- Phosphagensystem, Glykolyse und oxidative Phosphorylierung sind bei jeder Belastung gleichzeitig aktiv; lediglich ihr relativer Beitrag verändert sich.
- Lactat ist ein transportierbarer Energieträger und Stoffwechselintermediat, nicht die alleinige Ursache von Azidose und Ermüdung.
- Starre Grenzwerte wie 60 % der Maximalleistung, 4 mmol Lactat pro Liter oder ein bestimmter Anteil aktivierter Muskelmasse sind keine universell gültigen physiologischen Trennlinien.
- Kontinuierliches Training und Intervalltraining sind wirksam. Die optimale Kombination hängt von Trainingsziel, Leistungsniveau, Gesamtbelastung und Regenerationsfähigkeit ab.
- Kurze und längere hochintensive Intervalle können die aerobe Leistungsfähigkeit verbessern; hochintensive Belastungen müssen jedoch angemessen dosiert werden.
- Ergänzendes Krafttraining kann die Ausdauerleistung insbesondere über eine Verbesserung der Bewegungsökonomie und eine Verringerung der relativen muskulären Beanspruchung unterstützen.
- Trainingserfolge sollten anhand mehrerer Parameter beurteilt werden, darunter sportartspezifische Leistung, Critical Power beziehungsweise Critical Speed, Schwellenleistung, Bewegungsökonomie und maximale Sauerstoffaufnahme.
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