Reizdarmsyndrom – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Verbesserung der globalen RDS-Symptomatik (Gesamtbeschwerden beim Reizdarmsyndrom) sowie der Lebensqualität
- Normalisierung der Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz entsprechend dem vorherrschenden Subtyp
- Linderung von Bauchschmerzen, Blähungen, abdomineller Distension (sichtbare Aufblähung des Bauches) und imperativem Stuhldrang (plötzlich einsetzendem, kaum unterdrückbarem Stuhldrang)
Therapieempfehlungen
- Grundprinzip: Eine für alle Patienten geeignete Standardtherapie existiert nicht. Nach Sicherung der Diagnose und Ausschluss behandlungsbedürftiger Differenzialdiagnosen (anderer möglicher Erkrankungen) erfolgt die Behandlung individuell, symptomorientiert und in gemeinsamer Entscheidungsfindung. Grundlage sind Aufklärung, Ernährungsberatung, körperliche Aktivität, Stressreduktion sowie bei Bedarf psychotherapeutische Verfahren. [LL1-LL3]
- Subtypbezogene Therapie: Die Pharmakotherapie richtet sich nach dem vorherrschenden Symptom bzw. nach RDS mit Diarrhoe (Reizdarmsyndrom mit Durchfall) (RDS-D), RDS mit Obstipation (Reizdarmsyndrom mit Verstopfung) (RDS-O) oder RDS vom Mischtyp (Reizdarmsyndrom mit wechselndem Durchfall und Verstopfung) (RDS-M). Beim RDS-M wird das jeweils aktuelle Leitsymptom behandelt. [LL1]
- Therapieversuch: Therapieziel, Dauer und Abbruchkriterien sollen vor Beginn festgelegt werden. Präparatespezifisch ist eine frühere Kontrolle erforderlich, z. B. nach 4 Wochen unter Linaclotid oder Prucaloprid. Bei fehlendem Nutzen soll ein medikamentöser Therapieversuch spätestens nach 3 Monaten beendet werden. [LL1, F4, F5]
- Therapie bei Ansprechen: Bei ausreichender Wirkung kann die Behandlung fortgeführt, auf eine bedarfsweise Anwendung umgestellt oder kontrolliert pausiert werden. Bei partiellem Ansprechen können sinnvoll kombinierte pharmakologische und nichtmedikamentöse Maßnahmen eingesetzt werden. [LL1]
- Probiotika: Ausgewählte Probiotika können stamm- und präparatespezifisch versucht werden. Wegen heterogener Studien und überwiegend niedriger bis sehr niedriger Evidenzsicherheit ist keine pauschale Klassenwirkung anzunehmen. [1-3, 8, LL1]
- Off-Label-Use: Nicht für das RDS zugelassene Wirkstoffe dürfen nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung, Aufklärung und Dokumentation eingesetzt werden.
- Kinder und Jugendliche: Außer bei Obstipation soll eine Pharmakotherapie nur zurückhaltend und vorzugsweise kinder-gastroenterologisch begleitet erfolgen. [LL1]
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Die folgenden Angaben beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, auf Erwachsene. Die aktuelle produktbezogene Fachinformation ist vorrangig zu beachten.
RDS mit Bauchschmerzen bzw. Bauchkrämpfen
Spasmolytika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Mebeverin | Zur symptomatischen Linderung des RDS bei Erwachsenen zugelassen [F1] |
| Butylscopolaminiumbromid | Bei leichten bis mäßig starken gastrointestinalen Spasmen (Krämpfen im Magen-Darm-Trakt) bzw. spastischen Abdominalbeschwerden; vorzugsweise kurzzeitig [F2] |
- Wirkweise: Mebeverin wirkt direkt relaxierend auf die glatte gastrointestinale Muskulatur. Butylscopolaminiumbromid hemmt als peripheres Antimuskarinikum cholinerge Reize an der glatten Muskulatur.
- Indikationen: RDS mit krampfartigen Bauchschmerzen; Spasmolytika können symptomorientiert eingesetzt werden. [LL1]
- Kontraindikationen: Mebeverin bei paralytischem Ileus (Darmlähmung); Butylscopolaminiumbromid u. a. bei Myasthenia gravis (krankhafter Muskelschwäche), mechanischen gastrointestinalen Stenosen (Verengungen im Magen-Darm-Trakt), paralytischem bzw. obstruktivem Ileus (Darmverschluss durch ein Hindernis), Megakolon (krankhafte Erweiterung des Dickdarms), Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren), unbehandeltem Engwinkelglaukom (bestimmte Form des Grünen Stars) und Tachyarrhythmie (beschleunigte Herzrhythmusstörung). Produktbezogene Fachinformation beachten. [F1, F2]
- Nebenwirkungen: Mebeverin insbesondere Überempfindlichkeitsreaktionen; Butylscopolaminiumbromid insbesondere Mundtrockenheit, Tachykardie, Akkommodationsstörung (Störung der Scharfstellung des Auges), verminderte Schweißsekretion, Obstipation und Harnverhalt. [F1, F2]
Pfefferminzöl
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Magensaftresistentes Pfefferminzöl | Vor allem bei Bauchschmerzen und Blähungen; zeitlich begrenzter Therapieversuch [7, LL1] |
- Wirkweise: Spasmolytische Wirkung u. a. über eine Hemmung des Calcium-Einstroms in die glatte Muskulatur; Menthol ist eine wesentliche Komponente.
- Indikationen: RDS mit Bauchschmerzen, Krämpfen und Blähungen. Eine Metaanalyse zeigt einen symptomatischen Nutzen, bei jedoch sehr niedriger Evidenzsicherheit. [7, LL1]
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, Gallenwegserkrankungen bzw. Gallensteine je nach Präparat; bei Refluxkrankheit (Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre) ist eine Beschwerdezunahme möglich. Altersgrenzen und produktbezogene Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Sodbrennen, Aufstoßen, perianales Brennen (Brennen am After), Übelkeit und allergische Reaktionen. [7]
Trizyklische Antidepressiva
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Amitriptylin | Niedrig dosierte Zweitlinientherapie bei persistierenden globalen RDS-Symptomen bzw. Schmerzen; Off-Label-Use beim RDS [9, LL1-LL3] |
- Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin sowie Modulation der viszeralen Schmerzverarbeitung (Verarbeitung von Schmerzen innerer Organe); zusätzlich anticholinerge und sedierende Effekte.
- Indikationen: Persistierende RDS-Symptome, insbesondere Bauchschmerzen und RDS-D, nach unzureichendem Ansprechen auf Maßnahmen der ersten Linie. [9, LL1-LL3]
- Kontraindikationen: U. a. frischer Myokardinfarkt (Herzinfarkt), relevante Erregungsleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Reizleitung am Herzen), gleichzeitige Behandlung mit Monoaminoxidasehemmern, akutes Delir (akuter Verwirrtheitszustand), unbehandeltes Engwinkelglaukom und Harnverhalt; bei RDS-O wegen Obstipationsrisiko vermeiden.
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation, Müdigkeit, Schwindel, Gewichtszunahme, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), Harnverhalt und QT-Verlängerung; bei älteren Patienten erhöhte anticholinerge Belastung.
RDS mit Diarrhoe
Peripher wirksame µ-Opioid-Rezeptor-Agonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Loperamid | Verbessert vor allem Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz, nicht verlässlich die globalen RDS-Symptome; Anwendung über 2 Tage nur unter ärztlicher Verordnung und Verlaufsbeobachtung [LL1, LL5, F6] |
- Wirkweise: Peripherer µ-Opioid-Rezeptor-Agonist; hemmt die propulsive Motilität, verlängert die intestinale Transitzeit und steigert die Wasser- und Elektrolytresorption.
- Indikationen: Symptomatische Behandlung der Diarrhoe und des imperativen Stuhldrangs bei RDS-D. [LL1]
- Kontraindikationen: U. a. akute Dysenterie (schwere entzündliche Durchfallerkrankung) mit Blut im Stuhl und Fieber, akute Schübe einer Colitis ulcerosa (chronisch-entzündlichen Dickdarmerkrankung), bakterielle Enterokolitis (bakterielle Entzündung des Dünn- und Dickdarms) durch invasive Erreger, pseudomembranöse Kolitis (durch Antibiotika begünstigte Dickdarmentzündung) sowie Situationen, in denen eine Hemmung der Peristaltik zu vermeiden ist.
- Nebenwirkungen: Obstipation, abdominelle Schmerzen, Übelkeit, Flatulenz, Schwindel und Kopfschmerzen; bei Überdosierung Gefahr schwerer kardialer Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen). [F6]
Gallensäurebinder
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Colestyramin | Bei nachgewiesener bzw. klinisch wahrscheinlicher Gallensäurediarrhoe; in ca. 200 ml Flüssigkeit einrühren, nie trocken einnehmen [LL1, F3] |
- Wirkweise: Bindet Gallensäuren im Darmlumen und unterbricht deren enterohepatischen Kreislauf.
- Indikationen: Chologene Diarrhoe (durch Gallensäuren verursachter Durchfall) bzw. RDS-D mit nachgewiesener oder vermuteter Gallensäuremalabsorption (gestörter Wiederaufnahme von Gallensäuren). [LL1]
- Kontraindikationen: Vollständiger Gallengangsverschluss und Überempfindlichkeit; bei schwerer Obstipation besondere Vorsicht.
- Nebenwirkungen: Obstipation, Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit und bei Langzeitanwendung verminderte Resorption fettlöslicher Vitamine. Andere Arzneimittel wegen relevanter Resorptionsinteraktionen in ausreichendem zeitlichem Abstand einnehmen. [F3]
Nicht resorbierbare Antibiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Rifaximin | Bei anderweitig therapierefraktärem RDS-D bzw. RDS ohne Obstipation; in Deutschland Off-Label-Use. Eine erneute Behandlung kommt nach vorausgegangenem Ansprechen und erneuter klinischer Beurteilung infrage. [4, 6, LL1, LL5] |
- Wirkweise: Hemmt durch Bindung an die bakterielle DNA-abhängige RNA-Polymerase die bakterielle RNA-Synthese; wird nur in geringem Umfang systemisch resorbiert.
- Indikationen: Ausgewählte erwachsene Patienten mit therapierefraktärem RDS-D bzw. RDS ohne Obstipation. Ein gesicherter Nachweis einer bakteriellen Dünndarmfehlbesiedlung ist keine generelle Voraussetzung der RDS-Studienlage. [4, 6, LL1]
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Rifamycine; bei klinischem Verdacht auf invasive bakterielle Enteritis (in die Darmwand eindringende bakterielle Darmentzündung) bzw. Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch das Bakterium Clostridioides difficile) nicht als symptomatische RDS-Therapie einsetzen.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Bauchschmerzen, Flatulenz, Kopfschmerzen und selten Überempfindlichkeitsreaktionen; mögliche Resistenzentwicklung und antibiotikaassoziierte Kolitis (durch eine Antibiotikabehandlung begünstigte Dickdarmentzündung) beachten.
5-HT3-Rezeptor-Antagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Ondansetron | Nur in ausgewählten therapierefraktären Fällen; beim RDS-D in Deutschland Off-Label-Use. Verbessert vor allem Stuhlkonsistenz und imperativen Stuhldrang. [10, LL1] |
- Wirkweise: Selektive Blockade von 5-HT3-Rezeptoren; verlangsamt den Kolontransit und vermindert viszerale Sekretions- und Motilitätsreize.
- Indikationen: Anderweitig therapierefraktäres RDS-D mit flüssigem Stuhl und imperativem Stuhldrang. [10, LL1]
- Kontraindikationen: Gleichzeitige Anwendung von Apomorphin; Vorsicht bei vorbestehender Obstipation, Ileusrisiko, QT-Verlängerung, Elektrolytstörungen und gleichzeitiger Behandlung mit QT-verlängernden Arzneimitteln.
- Nebenwirkungen: Obstipation, Kopfschmerzen, Wärmegefühl, Schluckauf und selten QT-Verlängerung bzw. Herzrhythmusstörungen.
RDS mit Obstipation
Lösliche Ballaststoffe
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Flohsamenschalen (Psyllium; Plantago ovata) | Jede Einzeldosis mit mindestens 150-200 ml Flüssigkeit einnehmen; Dosis langsam steigern [LL1-LL3] |
- Wirkweise: Wasserbindendes pflanzliches Quellmittel; vergrößert das Stuhlvolumen, verbessert die Stuhlkonsistenz und kann die Transitzeit regulieren.
- Indikationen: Basistherapie bei RDS-O; lösliche Ballaststoffe können auch globale RDS-Symptome und Schmerzen bessern. Unlösliche Weizenkleie ist weniger geeignet. [LL1-LL3]
- Kontraindikationen: Stenosen des Gastrointestinaltraktes, Ileus, Kotstau, Schluckstörungen (Beschwerden beim Schlucken) sowie unzureichende Möglichkeit zur Flüssigkeitsaufnahme.
- Nebenwirkungen: Blähungen, Völlegefühl und abdominelle Beschwerden; bei unzureichender Flüssigkeitszufuhr Gefahr einer Obstruktion (eines Verschlusses).
Osmotische und stimulierende Laxantien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Macrogol | Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Obstipation; bessert primär Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz, Bauchschmerzen und Blähungen jedoch nicht zuverlässig [LL1-LL4] |
| Bisacodyl | Bei unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit von Macrogol bzw. entsprechend individueller Verträglichkeit [LL1] |
| Natriumpicosulfat | Bei unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit anderer Laxantien [LL1] |
- Wirkweise: Macrogol bindet Wasser osmotisch im Darmlumen. Bisacodyl und Natriumpicosulfat stimulieren die Kolonmotilität und fördern die Wasser- und Elektrolytsekretion.
- Indikationen: Obstipation bei RDS-O; Auswahl und Dosis nach Wirkung und Verträglichkeit. [LL1]
- Kontraindikationen: Darmobstruktion bzw. Ileus, akute entzündliche oder chirurgisch abklärungsbedürftige Abdominalerkrankungen und schwere Dehydratation (Austrocknung); produktbezogene Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Diarrhoe, Bauchschmerzen, Blähungen und Übelkeit; bei Überdosierung bzw. ausgeprägter Diarrhoe Flüssigkeits- und Elektrolytverluste.
Guanylatzyklase-C-Agonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Linaclotid | Zugelassen zur symptomatischen Behandlung des mittelschweren bis schweren RDS-O bei Erwachsenen; Nutzen nach 4 Wochen beurteilen [5, LL1, LL4, F4] |
- Wirkweise: Aktiviert luminal die Guanylatzyklase C; steigert intrazellulär und extrazellulär zyklisches Guanosinmonophosphat, fördert die Chlorid- und Bicarbonatsekretion und vermindert die viszerale Schmerzempfindlichkeit (Schmerzempfindlichkeit der inneren Organe).
- Indikationen: Mittelschweres bis schweres RDS-O bei Erwachsenen, insbesondere bei laxantienrefraktärer Obstipation mit Bauchschmerzen und Blähungen. [5, LL1, LL4]
- Kontraindikationen: Bekannte oder vermutete mechanische gastrointestinale Obstruktion; nicht bei Kindern und Jugendlichen anwenden. [F4]
- Nebenwirkungen: Vor allem Diarrhoe, ferner Bauchschmerzen, abdominelle Distension und Flatulenz. Bei schwerer oder anhaltender Diarrhoe Behandlung unterbrechen bzw. beenden und Flüssigkeits- sowie Elektrolythaushalt kontrollieren. [F4]
5-HT4-Rezeptor-Agonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Prucaloprid | Zugelassen für chronische Obstipation bei Erwachsenen nach unzureichender Wirkung von Laxantien, nicht spezifisch für RDS-O; Nutzen nach 4 Wochen überprüfen [LL1, F5] |
- Wirkweise: Selektiver 5-HT4-Rezeptor-Agonist mit prokinetischer Wirkung; verstärkt propulsive Kolonkontraktionen.
- Indikationen: Chronische Obstipation bei Erwachsenen, wenn Laxantien keine ausreichende Wirkung erzielen; beim RDS-O symptomorientierte Anwendung entsprechend der Obstipationsindikation. [LL1, F5]
- Kontraindikationen: Dialysepflichtige Niereninsuffizienz (schwere Nierenschwäche mit erforderlicher Blutwäsche), Darmperforation (Durchbruch der Darmwand) oder -obstruktion, obstruktiver Ileus, schwere entzündliche Darmerkrankungen sowie toxisches Megakolon (schwere Dickdarmerweiterung mit Vergiftungszeichen) bzw. Mega-Rektum (krankhafte Erweiterung des Mastdarms). [F5]
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Diarrhoe und Bauchschmerzen, meist zu Beginn der Behandlung. [F5]
RDS vom Mischtyp
- Vorgehen: Das aktuell vorherrschende Symptom wird behandelt. Obstipierende und laxierende Wirkstoffe sollen nicht unkritisch gleichzeitig gegeben werden; Dosisänderungen erfolgen anhand der Stuhlkonsistenz und Symptomdynamik. [LL1]
Blähungen, abdominelle Distension und Flatulenz
- Vorgehen: Vorrangig wird die zugrunde liegende Obstipation bzw. Diarrhoe wirksam behandelt; hierdurch bessern sich häufig auch Blähungen und Distension. [LL1]
- Geeignete Optionen: Je nach Subtyp kommen magensaftresistentes Pfefferminzöl, bei RDS-O Linaclotid, ausgewählte Probiotika und in therapierefraktären nicht obstipierten Fällen Rifaximin infrage. [4-8, LL1]
- Entschäumer: Für Simeticon bzw. Dimeticon kann beim RDS mangels belastbarer Wirksamkeitsnachweise keine Empfehlung ausgesprochen werden. [LL1]
Probiotika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Ausgewählte probiotische Bakterienstämme bzw. definierte Mehrstammpräparate | Nur Präparate mit klinischer Evidenz für das jeweilige Symptom verwenden; Wirkung ist stamm- und produktabhängig [1-3, 8, LL1] |
- Wirkweise: Stammabhängige Modulation der Darmmikrobiota, Barrierefunktion, Immunantwort, Fermentation und viszeralen Sensitivität.
- Indikationen: Therapieversuch bei globalen RDS-Symptomen, Bauchschmerzen, Diarrhoe, Obstipation bzw. Blähungen, sofern für das gewählte Präparat symptombezogene Daten vorliegen. [1-3, 8, LL1]
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bestandteile; bei schwer immunsupprimierten (durch eine stark abgeschwächte Immunabwehr gefährdeten) oder kritisch kranken Patienten sowie bei zentralvenösem Katheter nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Nebenwirkungen: Vorübergehend Blähungen und abdominelle Beschwerden; invasive Infektionen (in den Körper eindringende Infektionen) sind sehr selten und betreffen vor allem Hochrisikopatienten.
Wirkstoffe (Nebenindikation)
Antidepressiva bei psychischer Komorbidität (gleichzeitig bestehende psychische Erkrankung)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, z. B. Sertralin | Bei komorbider Depression bzw. Angststörung; keine gesicherte primäre RDS-Wirkung und nicht gezielt gegen Blähungen einsetzen [LL1-LL3] |
| Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, z. B. Duloxetin | Bei komorbider Depression bzw. Angststörung; RDS-spezifische Evidenz begrenzt [LL1] |
- Wirkweise: SSRI hemmen die Serotonin-Wiederaufnahme; SNRI hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin.
- Indikationen: Leitliniengerechte Behandlung einer diagnostizierten Depression bzw. Angststörung; Auswahl nach psychiatrischer Indikation und gastrointestinalem Nebenwirkungsprofil. [LL1]
- Kontraindikationen: Wirkstoff- und präparatespezifisch, insbesondere relevante Interaktionen mit Monoaminoxidasehemmern; weitere Gegenanzeigen gemäß aktueller Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhoe oder Obstipation, Schlafstörungen, Unruhe, sexuelle Funktionsstörungen, Hyponatriämie, Blutungsneigung und Serotoninsyndrom (potenziell lebensbedrohliche Arzneimittelreaktion mit Überaktivität des Nervensystems); zu Behandlungsbeginn Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung) beachten.
Kinder und Jugendliche
- Obstipation: Macrogol ist bei funktioneller Obstipation die bevorzugte medikamentöse Option; Dosierung alters-, gewichts- und präparatespezifisch. [LL1]
- Probiotika: Ein stamm- und präparatespezifischer Versuch kann insbesondere bei postinfektiöser Genese (Entstehung nach einer Infektion) bzw. vorherrschender Diarrhoe erwogen werden. [LL1]
- Pfefferminzöl: Magensaftresistente Präparate können in ausgewählten Fällen eingesetzt werden; Altersgrenzen und Produktinformation beachten. [LL1]
- Psychopharmaka: Amitriptylin und andere Antidepressiva sollen nicht routinemäßig zur RDS-Therapie eingesetzt werden; bei psychischer Komorbidität ist eine kinder- und jugendpsychiatrische Mitbehandlung erforderlich. [LL1]
Nicht empfohlene bzw. nicht verfügbare Wirkstoffe und Verfahren
- Analgetika: Acetylsalicylsäure, Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika und Metamizol sollen nicht zur Behandlung von RDS-Schmerzen eingesetzt werden. Auch Opioidanalgetika bzw. µ-Opioid-Rezeptor-Agonisten sind hierfür nicht geeignet. [LL1]
- Mesalazin: Soll beim RDS nicht eingesetzt werden. [LL1]
- Unzureichende Evidenz: Für Pankreasenzyme, Pregabalin, Gabapentin, Präbiotika, fäkalen Mikrobiotatransfer sowie Simeticon bzw. Dimeticon kann keine allgemeine Empfehlung ausgesprochen werden. [LL1]
- Antibiotika: Eine routinemäßige Antibiotikatherapie ist nicht angezeigt. Die Ausnahme ist der selektive, zeitlich begrenzte Off-Label-Einsatz von Rifaximin bei anderweitig therapierefraktärem RDS-D bzw. RDS ohne Obstipation. [4, 6, LL1]
- Eluxadolin: Die EU-Zulassung wurde am 18. Dezember 2020 auf Antrag des Zulassungsinhabers zurückgenommen; der Wirkstoff ist daher keine regulär verfügbare Therapieoption. [B1]
- Weitere 5-HT3-Rezeptor-Antagonisten: Alosetron, Cilansetron und Ramosetron sind in Deutschland nicht für das RDS zugelassen bzw. nicht verfügbar.
- Weitere Sekretagoga bzw. Prokinetika: Lubiproston, Plecanatid, Tenapanor und Tegaserod sind in Deutschland nicht als reguläre RDS-Therapie verfügbar. Ergebnisse internationaler Studien sind nicht ohne Weiteres auf die deutsche Versorgung übertragbar. [5, LL4]
- Phytotherapeutika: Für Aloe vera, nicht standardisierte TCM-Kräutermischungen und andere nicht ausreichend untersuchte Pflanzenpräparate kann keine allgemeine Empfehlung ausgesprochen werden. Ausgenommen sind standardisierte, klinisch untersuchte Präparate wie magensaftresistentes Pfefferminzöl. [7, LL1]
Beachte
- Diagnostische Reevaluation: Neue Alarmsymptome (Warnzeichen), Gewichtsverlust, Fieber, Anämie (Blutarmut), gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), nächtliche Beschwerden oder ein veränderter Symptomcharakter erfordern eine erneute diagnostische Abklärung.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Die Auswahl der Pharmakotherapie erfolgt nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und aktueller Fachinformation.
- Interaktionen und Komorbiditäten: Anticholinerge Last, QT-verlängernde Arzneimittel, Nieren- und Leberfunktion sowie psychische Komorbiditäten sind bei der Wirkstoffwahl zu berücksichtigen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Darmgesundheit sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, E, D3)
- Mineralstoffe (Calcium)
- Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Eine Leitlinie gibt eine klare positive Empfehlung für die Mikrobiommodulation durch ausgewählte probiotische Bakterienstämme [Leitlinie: Klammer et al.].
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- 5-HT3-Rezeptor = 5-Hydroxytryptamin-3-Rezeptor
- 5-HT4-Rezeptor = 5-Hydroxytryptamin-4-Rezeptor
- ACG = American College of Gastroenterology
- AGA = American Gastroenterological Association
- DNA = Desoxyribonukleinsäure
- EU = Europäische Union
- KBE = koloniebildende Einheiten
- RDS = Reizdarmsyndrom
- RDS-D = Reizdarmsyndrom mit Diarrhoe
- RDS-M = Reizdarmsyndrom vom Mischtyp
- RDS-O = Reizdarmsyndrom mit Obstipation
- RNA = Ribonukleinsäure
- SNRI = Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
- SSRI = selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
- TCM = Traditionelle Chinesische Medizin
Literatur
- Gill HS, Guarner F: Probiotics and human health: a clinical perspective. Postgrad Med J. 2004;80(947):516-526. doi: 10.1136/pgmj.2003.008664. [1]
- O'Mahony L, McCarthy J, Kelly P et al.: Lactobacillus and bifidobacterium in irritable bowel syndrome: symptom responses and relationship to cytokine profiles. Gastroenterology. 2005;128(3):541-551. doi: 10.1053/j.gastro.2004.11.050. [2]
- Kajander K, Hatakka K, Poussa T et al.: A probiotic mixture alleviates symptoms in irritable bowel syndrome patients: a controlled 6-month intervention. Aliment Pharmacol Ther. 2005;22(5):387-394. doi: 10.1111/j.1365-2036.2005.02579.x. [3]
- Pimentel M, Lembo A, Chey WD et al.: Rifaximin therapy for patients with irritable bowel syndrome without constipation. N Engl J Med. 2011;364(1):22-32. doi: 10.1056/NEJMoa1004409. [4]
- Nelson AD, Black CJ, Houghton LA et al.: Systematic review and network meta-analysis: efficacy of licensed drugs for abdominal bloating in irritable bowel syndrome with constipation. Aliment Pharmacol Ther. 2021;54(2):98-108. doi: 10.1111/apt.16437. [5]
- Lembo A, Pimentel M, Rao SS et al.: Repeat Treatment With Rifaximin Is Safe and Effective in Patients With Diarrhea-Predominant Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology. 2016;151(6):1113-1121. doi: 10.1053/j.gastro.2016.08.003. [6]
- Ingrosso MR, Ianiro G, Nee J et al.: Systematic review and meta-analysis: efficacy of peppermint oil in irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther. 2022;56(6):932-941. doi: 10.1111/apt.17179. [7]
- Goodoory VC, Khasawneh M, Black CJ et al.: Efficacy of Probiotics in Irritable Bowel Syndrome: Systematic Review and Meta-analysis. Gastroenterology. 2023;165(5):1206-1218. doi: 10.1053/j.gastro.2023.07.018. [8]
- Ford AC, Wright-Hughes A, Alderson SL et al.: Amitriptyline at Low-Dose and Titrated for Irritable Bowel Syndrome as Second-Line Treatment in primary care (ATLANTIS): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet. 2023;402(10414):1773-1785. doi: 10.1016/S0140-6736(23)01523-4. [9]
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms. (AWMF-Registernummer 021-016) [Juni 2021]. Langfassung. [LL1]
- Lacy BE, Pimentel M, Brenner DM et al.: ACG Clinical Guideline: Management of Irritable Bowel Syndrome. Am J Gastroenterol. 2021;116(1):17-44. doi: 10.14309/ajg.0000000000001036. [LL2]
- Vasant DH, Paine PA, Black CJ et al.: British Society of Gastroenterology guidelines on the management of irritable bowel syndrome. Gut. 2021;70(7):1214-1240. doi: 10.1136/gutjnl-2021-324598. [LL3]
- Chang L, Sultan S, Lembo A et al.: AGA Clinical Practice Guideline on the Pharmacological Management of Irritable Bowel Syndrome With Constipation. Gastroenterology. 2022;163(1):118-136. doi: 10.1053/j.gastro.2022.04.016. [LL4]
- Lembo A, Sultan S, Chang L et al.: AGA Clinical Practice Guideline on the Pharmacological Management of Irritable Bowel Syndrome With Diarrhea. Gastroenterology. 2022;163(1):137-151. doi: 10.1053/j.gastro.2022.04.017. [LL5]
Behördliche und regulatorische Quellen
- European Medicines Agency: Truberzi (Eluxadolin). Rücknahme der Genehmigung für das Inverkehrbringen in der Europäischen Union am 18. Dezember 2020. European Public Assessment Report. [B1]
Fachinformationen
- Aristo Pharma GmbH: Fachinformation Mebeverin Aristo 200 mg Retardkapseln. Stand August 2024. [F1]
- Opella Healthcare Germany GmbH: Fachinformation Buscopan Dragées. [F2]
- CHEPLAPHARM Arzneimittel GmbH: Fachinformation Quantalan zuckerfrei 4 g. [F3]
- AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG: Fachinformation Constella 290 Mikrogramm Hartkapseln. Stand Juni 2026. [F4]
- axunio Pharma GmbH: Fachinformation Prucaloprid axunio Filmtabletten. Stand Februar 2025. [F5]
- Aristo Pharma GmbH: Fachinformation Lingumelt akut 2 mg Lyophilisat zum Einnehmen. Stand März 2026. [F6]