Knochenmarkentzündung der Kieferknochen (Osteomyelitis der Kieferknochen) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [reduzierter Allgemeinzustand insbesondere bei akuter, ausgedehnter Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung)]
    • Körpertemperatur [Fieber insbesondere bei akuter suppurativer (eitriger) Osteomyelitis]
    • Haut und Bewegungsapparat bei Verdacht auf eine primär chronische bzw. nichtbakterielle Osteomyelitis [palmoplantare Pustulose (eitrige Hautbläschen an Handflächen und Fußsohlen), schwere Akne, Synovitis (Entzündung der Gelenkinnenhaut) bzw. Arthritis (Gelenkentzündung) im Rahmen eines SAPHO-Syndroms]

Extraorale Untersuchung (Untersuchung außerhalb der Mundhöhle)

  • Inspektion
    • Gesichtssymmetrie [Gesichtsasymmetrie durch einseitige Weichteil- bzw. knöcherne Schwellung]
    • Gesicht, Unterkiefer- und Submandibularregion (Region unterhalb des Unterkiefers) [lokale bzw. diffuse Schwellung und Rötung bei akuter Osteomyelitis; knöcherne Auftreibung bei chronischer Osteomyelitis]
    • Haut über dem betroffenen Kieferabschnitt [Rötung und Überwärmung bei akuter Osteomyelitis]
    • Extraorale Fistelöffnungen (außerhalb des Mundes gelegene Öffnungen von krankhaften Verbindungsgängen) [kutane Fistel (durch die Haut verlaufender krankhafter Verbindungsgang) mit intermittierender bzw. persistierender eitriger Sekretion insbesondere bei sekundär chronischer Osteomyelitis]
    • Narben und vorausgegangene Operations- bzw. Traumafolgen im Kieferbereich
    • Periorbitale Region (Bereich um die Augenhöhle) und Augen bei Beteiligung des Oberkiefers
  • Palpation (Abtasten)
    • Seitenvergleichende Palpation von Gesicht, Ober- und Unterkiefer sowie Submandibular- und Halsregion
    • Schwellung hinsichtlich Ausdehnung, Konsistenz, Druckdolenz (Druckschmerz), Überwärmung und Fluktuation (tastbare Flüssigkeitsansammlung) [druckdolente, entzündliche Weichteilschwellung bei akuter Osteomyelitis; derbe bzw. knochenharte Auftreibung bei chronischer Osteomyelitis]
    • Unterkieferrand und Kieferbasis hinsichtlich Kontur und Tastbarkeit [verdickter bzw. aufgetriebener Unterkiefer bei chronischer Osteomyelitis bzw. proliferativer Periostitis (knochenbildender Entzündung der Knochenhaut)]
    • Ober- und Unterkiefer hinsichtlich pathologischer Beweglichkeit [pathologische Beweglichkeit bei osteomyelitisbedingter pathologischer Fraktur (Knochenbruch infolge krankhafter Knochenveränderung)]
    • Regionäre Lymphknoten, insbesondere submandibulär und zervikal (am Hals gelegen) [druckdolente regionäre Lymphadenopathie (krankhafte Lymphknotenvergrößerung) bei akuter bakterieller Osteomyelitis]
    • Sensibilität (Gefühlsempfinden) im Versorgungsgebiet des Nervus infraorbitalis bzw. des Nervus alveolaris inferior und Nervus mentalis [Hypästhesie (vermindertes Gefühlsempfinden), Parästhesie (Missempfindung) bzw. Anästhesie (Gefühllosigkeit) bei Beteiligung des betreffenden Nerven]
    • Vincent-Symptom – Prüfung der Sensibilität von Unterlippe und Kinn im Versorgungsgebiet des Nervus alveolaris inferior bzw. Nervus mentalis; ein positives Vincent-Symptom besteht bei Sensibilitätsminderung oder -ausfall [Hinweis auf Beteiligung des Mandibularkanals (Nervenkanal im Unterkiefer) bei Unterkieferosteomyelitis]

Intraorale Untersuchung (Untersuchung inerhalb der Mundhöhle)

  • Mundöffnung und Funktion
    • Maximale Mundöffnung und Seitendifferenz [schmerzhafte Mundöffnungseinschränkung bzw. Trismus (Kieferklemme) insbesondere bei akuter Osteomyelitis des Unterkiefers]
    • Schluckakt und Speichelkontrolle
  • Inspektion der Mundschleimhaut und des Alveolarfortsatzes (zahntragender Kieferknochen)
    • Schleimhautfarbe und -beschaffenheit [lokale Rötung und entzündliche Schwellung über dem betroffenen Kieferabschnitt bei akuter Osteomyelitis]
    • Vestibulum (Mundvorhof), Mundboden, Gaumen und retromolare Region (Bereich hinter den hintersten Backenzähnen) hinsichtlich Schwellungen
    • Intraorale Fistelöffnungen (im Mund gelegene Öffnungen von krankhaften Verbindungsgängen) [Fistelgänge mit eitriger Sekretion insbesondere bei sekundär chronischer Osteomyelitis]
    • Spontaner bzw. auf Druck provozierbarer Eiteraustritt [purulente Sekretion (eitriger Ausfluss) aus Fistel, Alveole (Zahnfach) oder Parodontalspalt (Spalt zwischen Zahn und Zahnhalteapparat) bei suppurativer Osteomyelitis]
    • Freiliegender Knochen [exponierter avitaler Knochen (freiliegender abgestorbener Knochen) bei chronisch suppurativer Osteomyelitis]
    • Sequester (abgestorbenes abgelöstes Knochenstück) [freiliegende bzw. mobilisierbare nekrotische Knochenfragmente (abgestorbene Knochenstücke) insbesondere bei sekundär chronischer Osteomyelitis]
    • Wundheilung nach Extraktion (Zahnentfernung), Implantation oder kieferchirurgischen Eingriffen [persistierende nicht heilende Extraktions- bzw. Operationswunde mit Knochenexposition oder Sekretion]
  • Palpation intraoral
    • Alveolarfortsatz und Kieferkörper hinsichtlich Druckdolenz, Schwellung und knöcherner Auftreibung [ausgeprägte Knochendruckdolenz bei akuter Osteomyelitis; derbe knöcherne Expansion (Ausdehnung) bei chronischer Osteomyelitis]
    • Vestibulum und Mundboden hinsichtlich Induration (Verhärtung) bzw. Fluktuation
    • Fistelregion hinsichtlich Sekretentleerung [eitrige Sekretion auf Palpation bei suppurativer Osteomyelitis]
  • Dentaler Befund
    • Systematische Inspektion des Gebisses auf mögliche odontogene Infektionsherde (von den Zähnen ausgehende Infektionsherde), insbesondere kariöse Defekte (durch Karies verursachte Zahnschäden), insuffiziente Restaurationen (unzureichende Zahnfüllungen bzw. Zahnersatzversorgungen), offene Pulpen (freiliegendes Zahnmark), Wurzelreste und vorausgegangene endodontische (das Zahninnere betreffende) bzw. chirurgische Behandlungen
    • Sensibilitätsprüfung verdächtiger Zähne zur Beurteilung eines möglichen endodontischen Ausgangsherdes
    • Perkussionsprüfung (Klopfprüfung) [Perkussionsdolenz (Klopfschmerzhaftigkeit) mehrerer Zähne im betroffenen Kieferabschnitt bei akuter Osteomyelitis]
    • Zahnlockerungsgrad [ausgeprägte bzw. mehrere benachbarte Zähne betreffende pathologische Zahnbeweglichkeit, sogenannte „tanzende Zähne“, bei fortgeschrittener akuter bzw. suppurativer Osteomyelitis]
  • Parodontaler Befund (Befund des Zahnhalteapparates)
    • Sondierungstiefen und parodontaler Attachmentstatus (Zustand der Verankerung des Zahns im Zahnhalteapparat)
    • Parodontalspalt bzw. Sulkus (Zahnfleischfurche) hinsichtlich Sekretion [Eiteraustritt aus dem Parodontalspalt bei suppurativer Osteomyelitis]
    • Gingiva (Zahnfleisch) hinsichtlich Schwellung und Fistelbildung
  • Funktionsbefund
    • Okklusion (Zusammenbiss der Zähne) und Bisslage [neu aufgetretene Okklusionsstörung (Störung des Zusammenbisses) bei ausgeprägter knöcherner Destruktion (Zerstörung) bzw. pathologischer Fraktur]
    • Unterkieferbeweglichkeit und Kiefergelenkfunktion
    • Kaubewegung [schmerzbedingt eingeschränkte Kaufunktion]
  • Geruchsbefund
    • Foetor ex ore (Mundgeruch) [ausgeprägter Foetor bei eitrig-nekrotisierender (mit eitrigem Gewebezerfall einhergehender) bzw. chronisch suppurativer Osteomyelitis]

Red Flags (Warnzeichen) bei Osteomyelitis der Kieferknochen

  • Rasch progrediente (rasch fortschreitende) Gesichts-, Mundboden- oder Halsschwellung
  • Dyspnoe (Atemnot), Stridor (pfeifendes Atemgeräusch) oder andere Zeichen einer Atemwegsbeeinträchtigung
  • Dysphagie (Schluckstörung), Odynophagie (schmerzhaftes Schlucken), ausgeprägte Schluckstörung oder Speichelfluss bei fehlender Schluckfähigkeit
  • Mundbodeninduration (Verhärtung des Mundbodens) bzw. -hebung oder Zungenverlagerung als Hinweis auf eine Ausbreitung in die tiefen Halsweichteile
  • Ausgeprägter bzw. rasch zunehmender Trismus
  • Fieber mit Tachykardie (beschleunigtem Herzschlag), Hypotonie (niedrigem Blutdruck), Bewusstseinsstörung oder anderen klinischen Zeichen einer Sepsis (Blutvergiftung)
  • Neu aufgetretene Hypästhesie bzw. Anästhesie im Versorgungsgebiet des Nervus alveolaris inferior bzw. Nervus mentalis
  • Pathologische Kieferbeweglichkeit, Fehlstellung oder akute Okklusionsänderung als Hinweis auf eine pathologische Fraktur
  • Periorbitale Schwellung, Visusminderung (Sehverschlechterung), Doppelbilder, Bulbusmotilitätsstörung (Störung der Augenbeweglichkeit) oder Exophthalmus (Hervortreten des Augapfels) bei Oberkieferbeteiligung
  • Neurologische Auffälligkeiten, starke Kopfschmerzen oder Bewusstseinsstörungen als Hinweis auf eine intrakranielle Ausbreitung (Ausbreitung in den Schädelinnenraum)

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.