Knochenmarkentzündung der Kieferknochen (Osteomyelitis der Kieferknochen) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Osteomyelitis der Kieferknochen (Kieferknochenentzündung) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Tiefer Halsraumabszess (tiefe Eiteransammlung im Hals) – insbesondere bei fortschreitender mandibulärer Osteomyelitis mögliche Ausbreitung in tiefe Halsräume; parapharyngeale bzw. retropharyngeale Beteiligung kann zu einer akuten Atemwegsgefährdung führen. Tiefe Halsabszesse gehören zu den beschriebenen Major-Komplikationen der Kieferosteomyelitis [1, 2].

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Extraorale kutane Fistelung (Fistelbildung zur äußeren Haut) – insbesondere bei chronischer suppurativer Osteomyelitis (lang andauernder eitriger Knochenentzündung); persistierende oder rezidivierende Fistelgänge können über längere Zeit intermittierend sezernieren und mit narbigen Hautveränderungen einhergehen [1, 2, 7].

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Sepsis (Blutvergiftung) – seltene, jedoch potenziell lebensbedrohliche systemische Komplikation einer unkontrollierten bzw. fortgeleiteten bakteriellen Kieferosteomyelitis. Eine Sepsis ausgehend von einer mandibulären Osteomyelitis ist in der Literatur dokumentiert [9]. Bei klinischem Sepsisverdacht ist eine unverzügliche leitliniengerechte Sepsisdiagnostik und -therapie erforderlich [LL2].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Chronifizierung (Übergang in einen dauerhaften Verlauf) – Übergang einer akuten infektiösen Osteomyelitis (akuten infektiösen Knochenentzündung) in eine sekundär chronische suppurative Osteomyelitis bei persistierender Infektion bzw. unzureichender Eradikation des Infektionsherdes; chronische Verläufe können über Monate bis Jahre persistieren [2, 5, 7].
  • Persistierende bzw. rezidivierende Osteomyelitis (anhaltende bzw. wiederkehrende Knochenentzündung) – insbesondere bei sekundär chronischen suppurativen Verläufen möglich; wiederholte Exazerbationen (Verschlimmerungsschübe) und mehrzeitige chirurgische Eingriffe können erforderlich werden. In einer retrospektiven 10-Jahres-Serie war die Erstbehandlung bei 86 % erfolgreich; persistierende Fälle benötigten erneutes Debridement (operative Entfernung erkrankten Gewebes) oder eine Resektion (operative Entfernung eines Gewebeabschnitts) [3]. Aktuelle Serien bestätigen den rezidivierenden bzw. progressiven Charakter chronischer Verläufe [5, 6].
  • Sequesterbildung (Bildung abgestorbener Knochenstücke) und fortschreitende Knochennekrose (Absterben von Knochengewebe) – Folge der gestörten lokalen Perfusion und avitaler Knochenanteile; in einer retrospektiven Serie fanden sich Knochennekrosen bzw. Sequester bei 42,6 % und kortikale Destruktionen (Zerstörungen der äußeren Knochenschicht) bei 50,0 % der Patienten. Diese Häufigkeiten stammen aus einem tertiären Kollektiv und entsprechen nicht einer populationsbezogenen Inzidenz [1].
  • Ausgedehnte ossäre Destruktion mit Kieferdefekt (ausgedehnte Knochenzerstörung mit Knochendefekt des Kiefers) – bei fortgeschrittener bzw. refraktärer Erkrankung mögliche funktionelle und ästhetische Beeinträchtigung durch Verlust der knöchernen Kontinuität [2, 5].
  • Notwendigkeit einer marginalen oder segmentalen Kieferresektion (teilweisen operativen Entfernung des Kiefers) – therapeutische Folge ausgedehnter, nekrotischer oder trotz Debridement persistierender Osteomyelitis; größere Defekte können eine unmittelbare oder sekundäre knöcherne bzw. mikrovaskuläre Rekonstruktion (Wiederherstellung mit mikrochirurgisch angeschlossenem Gewebe) erforderlich machen [3-7]. Die Evidenz zur optimalen Resektionsstrategie ist überwiegend retrospektiv und heterogen [4].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Pathologische Kieferfraktur (Kieferbruch durch krankheitsbedingt geschwächten Knochen) – relevante Major-Komplikation bei ausgeprägter Osteolyse (Knochenabbau) und kortikaler Destruktion, besonders an der Mandibula (Unterkiefer); in einer retrospektiven Serie gehörten pathologische Frakturen neben tiefen Halsabszessen und kutanen Fisteln zu den definierten schweren Komplikationen [1].
  • Myositis (Muskelentzündung) bzw. entzündliche Infiltration der Kaumuskulatur (entzündliche Ausbreitung in die Kaumuskeln) – durch Ausbreitung auf angrenzende Weichteile; in einer retrospektiven Serie war eine Muskelinfiltration bildmorphologisch bei 50,0 % der Patienten nachweisbar [1].
  • Kiefergelenkankylose (Versteifung des Kiefergelenks) und Störung des Unterkieferwachstums – sehr seltene Langzeitfolgen einer Osteomyelitis des mandibulären Kondylus (Gelenkkopfes des Unterkiefers) im Säuglings- bzw. Kindesalter; eine Schädigung des Kondylus kann zu Wachstumsstörung, Gesichtsasymmetrie und dauerhafter Kiefergelenkfunktionsstörung führen [8].

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Plattenepithelkarzinom (bösartiger Tumor der Deckzellen) bei langjährig chronischer Osteomyelitis – äußerst seltene maligne Transformation (bösartige Umwandlung) im Rahmen einer chronischen Osteomyelitis; insbesondere langjährig persistierende Entzündungen und Fistelgänge werden als mögliche Ausgangssituation beschrieben. Eine aktuelle Literaturübersicht zur chronischen Kieferosteomyelitis weist auf die mögliche Transformation zum Plattenepithelkarzinom hin; belastbare populationsbezogene Daten speziell für die Kieferknochen liegen nicht vor [7].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronisches Schmerzsyndrom (lang anhaltende Schmerzerkrankung) – persistierende oder rezidivierende Kiefer- bzw. Gesichtsschmerzen insbesondere bei chronischen und refraktären Verläufen; Schmerzen gehören zu den häufigsten klinischen Manifestationen der Kieferosteomyelitis und können trotz Infektkontrolle länger fortbestehen [2, 3, 7].
  • Neuropathie des Nervus alveolaris inferior (Schädigung des Unterkiefernervs; Vincent-Symptom) – Hypästhesie (verminderte Empfindlichkeit), Parästhesie (Missempfindung) oder Anästhesie (vollständiger Empfindungsverlust) im Versorgungsgebiet des Nervus alveolaris inferior mit Sensibilitätsminderung der ipsilateralen Unterlippe und des Kinns; neurosensorische Veränderungen wurden in retrospektiven Serien bei 20,4-50 % der Patienten beschrieben, wobei nicht jede initiale Sensibilitätsstörung dauerhaft persistiert [1, 3].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Trismus (Kieferklemme) bzw. persistierende Mundöffnungseinschränkung – insbesondere bei Beteiligung der Kaumuskulatur bzw. angrenzender Weichteilräume; in einer retrospektiven Serie wurde ein Trismus bei 35,5 % der Patienten dokumentiert [1].

Prognosefaktoren

  • Nikotinabusus (Tabakmissbrauch) – in einer retrospektiven Kieferosteomyelitis-Kohorte signifikant mit dem Auftreten schwerer Komplikationen assoziiert [1].
  • Regelmäßiger bzw. relevanter Alkoholkonsum – in derselben Kohorte signifikant mit Major-Komplikationen assoziiert [1].
  • Mangelernährung – signifikante Assoziation mit schweren Komplikationen; klinisch relevant aufgrund beeinträchtigter Immunantwort und Wundheilung [1].
  • Implantatassoziierte Kieferosteomyelitis (mit einem Zahnimplantat zusammenhängende Kieferknochenentzündung) – in der verfügbaren retrospektiven Evidenz mit einem aggressiveren Verlauf und einer erhöhten Komplikationsrate assoziiert [1, 7].
  • Klinisch freiliegender Knochen – in der retrospektiven Kohorte mit einem ungünstigeren Behandlungsergebnis assoziiert; aufgrund der kleinen Fallzahl ist dieser Befund als Kohortenassoziation und nicht als validierter unabhängiger Prognosemarker zu werten [1].
  • Leukozytose (erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen) bei Erstvorstellung – in einer retrospektiven Serie mit einem erhöhten Risiko für das Versagen der initialen Therapie assoziiert [3].
  • Sekundär chronische suppurative Verlaufsform (nachträglich chronisch gewordener eitriger Verlauf) – häufig komplexerer und langwierigerer Verlauf als bei akuter Osteomyelitis; aktuelle Daten sprechen bei geeigneter Indikation für bessere initiale Resultate durch chirurgisches Debridement in Kombination mit einer gezielten antimikrobiellen Therapie [5].
  • Odontogene Ursache (von einem Zahn ausgehende Ursache) und radiologische Periostreaktion (im Röntgenbild erkennbare Reaktion der Knochenhaut) – in einer einzelnen retrospektiven Kohorte mit einem günstigeren Behandlungsergebnis assoziiert; diese Befunde sind bislang nicht als allgemein validierte Prognosemarker anzusehen [1].

Evidenzbewertung: Die belastbarsten Daten zu Folgeerkrankungen der Kieferosteomyelitis betreffen die akute und sekundär chronische suppurative Osteomyelitis. Die Evidenz zu Komplikationsraten und Prognosefaktoren stammt überwiegend aus retrospektiven Kohorten und Fallserien. Ein systematischer Review zur operativ behandelten mandibulären Osteomyelitis identifizierte 45 einschlägige Studien; sämtliche eingeschlossenen Untersuchungen waren retrospektive Kohorten oder Fallserien und zeigten erhebliche klinische und methodische Heterogenität [4]. Häufigkeitsangaben aus spezialisierten tertiären Zentren dürfen daher nicht als populationsbezogene Inzidenzen interpretiert werden. Primär chronische bzw. nicht-bakterielle Osteomyelitiden weisen teilweise ein anderes Komplikations- und Therapiespektrum auf [4, 5]. Die aktuelle S3-Leitlinie zu odontogenen Infektionen dient insbesondere der Einordnung odontogener Ausgangsinfektionen und ihrer lokalen bzw. systemischen Ausbreitung; die spezifische Behandlung von Folgezuständen wie Kieferosteomyelitis und Fistelbildung wird nicht umfassend abgedeckt [LL1].

Literatur

  1. Fenelon M, Gernandt S, Aymon R et al.: Identifying Risk Factors Associated with Major Complications and Refractory Course in Patients with Osteomyelitis of the Jaw: A Retrospective Study. J Clin Med. 2023;12(14):4715. doi: 10.3390/jcm12144715
  2. Portales Castillo CA, Mousavian M, Peacock Z et al.: Jaw Osteomyelitis. Infect Dis Clin North Am. 2025;39(3):483-500. doi: 10.1016/j.idc.2025.02.015
  3. Haeffs TH, Scott CA, Campbell TH et al.: Acute and Chronic Suppurative Osteomyelitis of the Jaws: A 10-Year Review and Assessment of Treatment Outcome. J Oral Maxillofac Surg. 2018;76(12):2551-2558. doi: 10.1016/j.joms.2018.05.040
  4. Johnston DT, Phero JA, Hechler BL: Necessity of antibiotics in the management of surgically treated mandibular osteomyelitis: A systematic review. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2023;135(1):11-23. doi: 10.1016/j.oooo.2022.05.001
  5. Olding J, Fife A, Awal D et al.: Management of osteomyelitis of the mandible - a 15-year case series. Br J Oral Maxillofac Surg. 2026;64(2):126-132. doi: 10.1016/j.bjoms.2025.08.012
  6. Eltoukhi M, Taifour ML, Baur D: Chronic osteomyelitis of the mandible: diagnosis and management. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2026; online ahead of print. doi: 10.1016/j.oooo.2026.05.009
  7. López-Carriches C, Mateos-Moreno MV, Taheri R et al.: Chronic Osteomyelitis of the Jaw. Osteomyelitis. J Clin Exp Dent. 2025;17(3):e324-e328. doi: 10.4317/jced.62596
  8. Kogane N, Diallo-Hornez G, O'Rourke S et al.: Long-term outcomes after primary osteomyelitis of the mandibular condyle occurring in early infancy: a case report and literature review. Int J Oral Maxillofac Surg. 2025;54(12):1160-1166. doi: 10.1016/j.ijom.2025.05.004
  9. Ho G, Marco E, Carcao MD et al.: Mandibular osteomyelitis and Lemierre's syndrome following third molar extraction in a young adult – A case report. Oral Maxillofac Surg Cases. 2025;11(2):100391. doi: 10.1016/j.omsc.2025.100391

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Odontogene Infektionen [31.05.2026-30.05.2031]. (AWMF-Registernummer 007-006). Mai 2026 Langfassung. [LL1]
  2. S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025 [30.04.2025-29.04.2030]. (AWMF-Registernummer 079-001). April 2025 Langfassung. [LL2]